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Der Israelit · 1923-10-25 · Heft 43 (25.10.1923) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 43 (25.10.1923)
Date
1923-10-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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25. Oktober 1923 Nr. 43 Seite 7 ausschließlich orthodor-jüdische Wahllisten für die reibungslose Durchführung der Wahlen Sorge zu tragen. Es war dies ein Versuch der Vereinigung weiter jüdischer kreise der verschiedenen religiösen und politischen Bekenntnisse auf ein gemeinsames Wahlprogramm, und wir wollen gleich hinzufügen: ein sehr gewagter Versuch. der die Disziplin gar manches orthodoxen Juden des Landes auH eine harte Probe stellte. Es wird jetzt Sache der Führer sein, die bei den Wahlen gesammelten Erfahrungen gründlich zu prüfen, die Vorteile und Nachteile einander gegenüberzustellen und zu erwägen, ob dieser Versuch einer Wahlvereinigung, die ausschließlich für die Wahlen in die Kominunal- und Gauverwaltungen geschaffen wurde, zu weiterem Fortschreiten auf diesem Wege zum Ausbau der Wahlvereinigung zu einer ständigen politischen jüdischen Partei ermutigt. Es wird vor allen Dingen abgewartet werden müssen, ob der Punkt aus dem Wahlprogramm der „Jüdischen Partei", der die „absolute Ausschaltung" des Zionismus, Nationalismus und der bei unseren neunmalweisen Zionisten so beliebten Betonung der „Minderheitsrechte" gewährleistet, der also jetzt für alle aus Grund der Listen der „Jüdischen Partei" gewählten Kommunal- und Eauvertreter verpflichtend ist, auch wirklich eingehalten wird. Gewiß sind Gremien, in denen Männer wie (um nur einige aus Bratislava zu nennen) Oberrabbiner Weber, Oberrabbiner Hirschler, Präses Kraus u. a. Sitz und Stimme haben, vor gewollter oder ungewollter unrichtiger Belehrung über jüdische Interessen geschützt. Andererseits haben aber btc Resultate der Wahlen in einigen Provinzgemeinden auch Erscheinungen an den Tag gebracht, die von einer geradezu erschreckend weitgehenden Gutmütigkeit, von einem großen Mangel an Selbstvertrauen der orthodoxen jüdischen Wähler zeugen. Vielfach wurden z. B. Männer als „jüdische" Vertrauensmänner in die Kommunen und Gaue entsandt, die als Juden wahrlich nicht das geringste Vertrauen beanspruchen dürfen und die mit dem wahren Judentum sicherlich nicht das Geringste gemein haben, in gegebenen Fällen also selbst bei gutem Willen die „Sache des Judentums" oder, wie man das jetzt sagt, die „jüdischen Interessen" recht schlecht vertreten würden. Gehen wir unter jüdischer Flagge zur Wahlurne, so müssen Konjunkturjuden nationalistischer oder assimilatorischer Couleur zumindest doch von den Listen ausgeschlossen werden, wo die jüdischen Wähler in überwiegender Zahl orthodoxe Juden sind; und das ist doch wohl im größten Teil des Landes der Fall. Der orthodoxe Jude als politisches Sprungbrett für thorafremde Streber sollte mit vielen anderen, die Würde des frommen Juden tief verletzenden Wahlusancen aus der „ungarischen Zeit" nun endlich in Versenkung geraten. Soll die „Jüdische Partei" jetzt nach Abschluß der Wahlen organisiert und auf dauernde Grundlagen aufgebaut werden, so werden Garantien dafür geschaffen werden müssen, daß auch der Geist der nun glücklich abgewirtschafteten „Vereinigten Jüdischen Parteien" aus unserem öffentlichen Leben gebannt wird. Das orthodoxe Judentum will überall seiner Zahl 'und seiner bürgerlichen und jüdischen Bedeutung nach seine eigenen Männer in die Vertretungskörperschaften entsenden. Unter dieser Voraussetzung gehen wir gern und willig auch mit Juden anderer Weltanschauung gemeinsam als Juden zur Wahlurne. Sonst aber sind wir genötigt, auch unsere wichtigen bürgerlichen Wahlakte frei und selbständig auszuüben. Die Befreiung des orthodoxen Judentums von jedweder Bevormundung durch thorafremde Kreise in anderen Ländern hat jedenfalls zur Genüge bewiesen, daß selbst der Kaftanjude in der Lage ist, seinen Mann zu stellen — wenn er will. Wir wissen die Leitung des orthodoxen Judentums in der Slowakei in solch guten Händen, daß wir ihr mit gutem Gewissen werden folgen dürfen, wenn sie uns einmal sagt: Es ist an der Zeit, zu wollen! Ser Numerus clausus. Paris, 21. Okt. Die französische Liga für Menschen- und Bürgerrechte veröffentlicht einen Brief Poincares über die Numerus clausus-Frage in Polen. Der Brief ist an den Präsidenten der genannten Liga, Herrn Ferdinando Buisson, gerichtet als Antwort auf ein Schreiben, das die Liga an die französische Regierung ___Der Israelit in dieser Angelegenheit gerichtet hatte. Poincare schreibt unter anderem: „Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen mitzuteilen, daß nach den Informationen, die ich diesbezüglich erhalten habe, die Erörterung der Vorschläge der Unterrichtskommission des polnischen Sejms vertagt wurde. Uebrigens sind diese Vorschläge in der Kommission selbst nur mit 16 gegen 13 Stimmen angenommen worden. Da diese Vertagung dem polnischen Sejm die Möglichkeit gewährt, zu einer vertiefteren Prüfung der Frage zu schreiten, sind alle Gründe vorhanden, anzunehmen, daß der Sejm nach genügender Prüfung der Frage keinen Antrag annehmen wird, der zu den Bestimmungen des Vertrages vom 28. Juni 1919 im Widerspruch steht." Einerseits wird die französische Regierung informiert, daß die Erörterung der Numerus clausus-Frage im Sejm vertagt wurde, andererseits führt der Unterrichtsminister Dr. Glombinski die Einführung des Numerus clausus auf illegalem Wege durch. Den obenerwähnten Aeußerungen Poincares ist zu entnehmen, daß der Verbündete Polens nicht gewillt ist, die Einführung des Numerus clausus, der den Bestimmungen des Friedensvertrages widerspricht, zu billigen. Langwili im Aeroplari. New-Pork, 15. Oktober. In der Carnegie-Hall hat Israel Z a n g w i l l vor dem amerikanisch-jüdischen Kongreß, der dieser Tage zusammentrat. eine vierstündige Rede gehalten, in der er, wie er sagte, aus dem Aeroplan oder, wie man früher zu sagen pflegte, aus der Vogelperspektive einen Ueberblick über die Gesamtlage des jüdischen Volkes gab. Die Rede war, obzwar reich an Geistesblitzen und scharf zugespitzten Formulierungen, im großen und ganzen von tiefer Bitterkeit erfüllt. Die Judenheit sei kein Kosmos sondern ein Chaos. Der politische Zionismus ist tot, und das jüdisch-nationale Heim in Palästina sei gerade so jüdisch, gerade so national und ebenso so viel Heim, wie jeder andere Teil der Diaspora. Nachdem die Gelegenheit zur Wiederaufrichtung des jüdischen Volkes in Palästina endgültig versäumt sei, gäbe es nur eine Hoffnung und nur eine Aufgabe für die Juden: gegen den Völkerhaß und für das Entstehen eines wahren Völkerfriedens zu wirken. Interessant war Zangwills Poleinik gegen den Nationalismus B i a l i k s. Er stellt diesen in Gegensatz zu Eabirol, und meint: „Gabicol war ein synagogalcr Dichter, während Bialik nur die Rasse kennt, und dieser Neu-Nationalismus scheint mir nicht edler, als der Balkangeist, der heute Europa verwüstet. Das ewige Duell zwischen Judentum und Nationalismus ist das Drama der jüdischen Geschichte. Aber man kann ein Volk, dessen Glaube und Literatur Kontinente gespeist haben, nicht auf die Kategorie einer bloßen politischen Nationalität herabdrücken. Bialik sagt, eine Judenheit, die ihre Sprache vergessen hat, sei zum Tode verurteilt. Das ist falsch. Nur eine Judenheit, die sowohl ihren religiösen Glauben als ihr Land vergessen hat, ist zum Tode verurteilt. Wenn die westliche Jui denheit, wie Bialik sagt, wie ein toter Körper daliegt, so ist das nicht, weil die Zunge, sondern weil der Geist unsrer Väter diesem Körper entflohen ist, weil — wie Cyrus Adler uns sagt — zwei Drittel oder drei Viertel Ihrer Kinder keine jüdische Erziehung erhalten." Ser ameriRani$clH8di$e3)e Kongress. New-Pork, 15. Oktober. Der Kongreß nahm eine Resolution für den jüdischen Weltkongreß an, forderte Aufhebung der amerikanischen Einwanderungsbeschränkungen und begrüßte Lloyd George in Amerika. Kuriosa auf der Träneninsel. New-Pork, 1. Okt. Um die Mitte des September gab es ein wildes Wettrennen der Schiffe, deren jedes zuerst im Hafen von (£11x5 Island sein mußte, wenn seine Emigranten noch zur Septemberquote gezählt werden sollten. Fand ein zu. spät eintreffendes Schiff die Monatsquote erreicht, so durste es die Einwanderer nicht ans Land setzen. Gegen Ende des Monats bemühte sich aber jedes, am 30. September nach 12 Uhr nachts im Hafen einzutreffen, nicht früher und nicht später, um als erstes auf die Oktoberquote zu kommen. Vier Passagierdampfer trafen durch irrtümliches Regulieren der Uhren um fünf Sekunden vor 12 Uhr nachts ein und wurden als Septemberschiffe erklärt. Es werden mithin die Einwanderer dieser Schiffe, sofern sie aus Ländern stammen, deren Septemberquote erreicht ist, die Rückreise antreten müssen. — Immer korrekt, und wenn es Menschenleben kostet! Präsident Loolidge für die Kittreevterdaltung jüdischer Traditionen. New-Pork, 28. Sept. Der Präsident der Vereinigten Staaten, Celvin Coolidge hat an die jüdische Erziehungsgesellschaft (Jewish Education Association) einen Brief gerichtet, in dem er in warmen Worten der jüdischen Kultur seine Ehrfurcht bezeugt und die Juden auffordert, ihrer Vergangenheit treu zu bleiben. Eine Stelle aus dem Brief lautet: „Eine der Gefahren für Amerika ist der Umstand, daß die Juden, die hierher kommen, mit ihrer Vergangenheit brechen wollen. Die 'Menschen brauchen immer etwas, woran sie gebunden sind. Sie brauchen eine Disziplin, die der Ehrfurcht entsteigt. Das Gefühl der Ehrfurcht kommt aber nur vom Selbstbewußtfein. Wir haben Raum in unserem Lande für alles, was gut ist. Nur das Böse stößt hier aus Beschränkungen. Diejenigen, die in unser Land kommen, sollen alles Gute, das sie besitzen, mitbringen und nie aufhören, es zu verehren. Macht die Juden vertraut mit der Vergangenheit!' Die Lehre und Weisheit, die die alte jüdische Rasse Jahrhunderte lang bewahrt hat, muß zum Wähle der Menschheit erhalten bleiben. Die Jugend Ihres Volkessoll sich für dieses Ziel sammeln. Es gibt kein Ziel, das patriotischer wäre, als dies." Briefkasten. % S. in S-th. Brief von n: und Karte vom 15. Oktober erhalten; verbindlichen Dank. Vermischtes. Berlin. 21. Oktober. Am 4. November begeht der Kantor der Israel. Synagogengemeinde Adaß Jisroel in Berlin, Herr Hosias L e m k y, in voller geistiger und körperlicher Rüstigkeit seinen 7 0. Geburtstag. In den Kreisen der Berliner Orthodoxie ist der Jubilar eine wohlbekannte Persönlichkeit, steht er doch bereits seit 35 Jahren im Dienste der Adaß Jisroel und kann als der Aelteste des Beamtenkörpers auf den größten Teil der Entwicklung seiner Gemeinde, die er mitdurchlebt hat, zurückblicken. Sein klangvolles Organ, verbunden mit einer verinnerlichten Vortragsweise, hat er sich bis ins hohe Alter erhalten ruid ist noch heute ein gern gehörter Interpret der von den Oberkantoren Olitzli und Dubowski s. A. zur Gemeindetradition gestalteten Nigunim. Ein besonderes Verdienst hat sich der Jubilar erworben, indem er hunderte von Knaben mit der Vortragsweise der Thoraverlesung so vertraut gemacht hat, daß sich ein Stamm von Baale Kore in der Gemeinde bilden konnte. Möge dem Jubilar weiter ein gesegnetes Wirken bis ins höchste Alter beschieden sein! München, 17. Okt. Der deutsche und hebräische Schriftsteller E l i a s b e r g , der sich als Uebersctzer aus deni Russischen bekannt gemacht hat, ist mit seiner Frau heute früh verhaftet worden. Frau Eliasberg war kürzlich in der Berufungsinstanz zu fünf Monaten Gefängnis — das erste Urteil hatte auf sechs Wochen gelautet — verurteilt worden, weil sie ein halbwüchsiges Mädchen, das in ihrer Gegenwart antiseinitische Redensarten gebraucht. hatte, „Boche" genannt und diese Beschimpfung in einem Briefe aufrechterhalten und allgemein auf die Deutschen ausgedehnt haben soll, Nach der Verhaftung erschien im „Völkischen Beobachter" ein Bericht, der offenbar unter Benutzung von Akten Eliasberg bolschewistische Umtriebe vorwarf und seine Ausweisung forderte. Tatsächlich ist Eliasberg, der schon vor dem Kriege in München ansässig war, A n t i - b o l s ch e w i st und hat sich auch gelegentlich schriftstellerisch in diesem Sinne betätigt. Er hat es abgelehnt, die russische Staatsangehörigkeit unter der Sowjetregierung beizubehalten und ist - staatenlos geworden, da er die bayrische Staatsangehörigkeit nicht erwerben konnte. An dem Verhalten seiner Frau ist er völlig unbeteiligt. Die Verhaftung und die drohende Ausweisung ist für ihn uinso gefährlicher, da er schwer herzkrank ist und durch das behördliche Vorgehen völlig zusammengebrochen ist. (Die Haft ist inzwischen aufgehoben worden. Red.). Alsfeld, 15. Okt. Die Arbeitsgemeinschaft der isr. Lehrervereine in Hessen schreibt uns: Allen unseren Kollegen teilen wir hierdurch mit, daß wir für die Provinz Starkenburg einen Bezirksrat eingerichtet haben, der von Herrn Kollegen Kahn-Höchst i. O. geleitet wird. Die Kollegen haben sich daher in Zukunft nitt ihren Anliegen an Herrn Kahn zu wenden, der dann alle

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