Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1923)
- Date
- 1923-10-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 43 Der Z s r a e iU Ls. Oktober 1923 essen, wird er zum Geizhals und zum Feinschmecker, chronisch Gesunde werden von ihm mit Mißtrauen angesehen, da er viel zu tun haben will. Da er durch seinen Beruf gezwungen ist, mit Frauen umzugehen, ist er außerdem der Unzucht und des Diebstahls verdächtig. Der Aderlaß spielte im ganzen Altertum, besonders zur Zeit des Talmuds, eine große Rolle, nicht nur zu Heilzwecken, sondern auch als hygienische Maßnahme. In Krankheitsfällen wurde er besonders bei Fieber angewandt, und zwar soll man ihn am zweiten Fiebertage vornehmen. Eine weit größere Bedeutung hat er als hygienischer Faktor. Preuß bemerkt, daß wir uns heute von dem Umfange der Vlutentziehungen im Altertum kaum eine Vorstellung mehr machen können, und meint, wie die Zeichen der Neuzeit Nervosität und Blutarmut sind, so litt die Menschheit von damals an Blutfülle und Entzündbarkeit der Gewebe. . Wir finden bis ins einzelste gehende Vorschriften über den Tag des Aderlasses, über die Stunde und über die Häufigkeit, ferner über die dabei zu beobachtende Diät. Die Instrumente, deren man sich bediente, waren die Kusaltha, eine Lanzette, ferner ein spitzes Instrument, der Masmar oder Nagel, auch Schröpfköpfe wurden zur Blutentziehung verwandt. Der Aderlaß, der eine zeitlang in der Medizin fast in Vergessenheit geraten war, hat in der neuesten Zeit wieder größere Anerkennung, namentlich auch zu Heilzwecken bei allen möglichen Zuständen gesunden. Als regelmäßige hygienisch-diätetische Maßnahme für den Körper ist er bei uns nicht mehr im Gebrauch. Von Tierheilern erwähnt der Midrasch die Hippiater oder Roßärzte, ursprünglich eine römische Einrichtung. Im übrigen lag die Tierheilkunde . hauptsächlich in den Händen der Hirten. Wir wenden uns nunmehr zur Besprechung der einzelnen medizinischen Disziplinen, zunächst zu den anatomischen Vorstellungen der Talmudlehrer, d. h. also zur Lehre vom Vau des Körpers. Die Hauptguelle der modernen Medizin ist hier die Sektion, die Zergliederung des menschlichen Leichnams. Diese ist jedoch im Iudentum verboten und gilt als Entstellung des Toten, Niwul Hameth. Unsere Rabbinen sammelten vor allen Dingen Erfahrungen in der Tieranatomie im Schlachthause. Schon das Verbot des Trephoh gab ja den Anlaß, den Tierkörper aufs genaueste zu untersuchen. Dabei lernte man ohne weiteres normale und kranke Organe unterscheiden. Obwohl im Talmud ausdrücklich von einer Uebertragung der am Tier gewonnenen Kenntnisse auf den Menschen gewarnt wird, hat man diese zweifellos doch gemacht. Es kam übrigens oft genug vor, daß man Leichenreste und Leichenteile, namentlich auch Knochen fand, z. B. in der Wüste. An diesen konnte man dann anatomische Studien anstellen. Auf Einzelheiten einzugehen, namentlich auch die Anatomie und Physiologie einzelner Organe zu besprechen, müssen wir uns hier versagen. In der Erkennung der Krankheiten bediente man sich in talmudischer Zeit eines sehr merkwürdigen Mittels: der Beza tormita. Es wird nach Mar Samuel. folgendermaßen hergestellt: Man bringt ein Ei tausendmal in warmes und tausendmal in kaltes Wasser, bis es sich so Zerkleinert, daß man es ganz verschlucken kann. Ist eine Krankheit im Körper vorhanden, so haftet sie an diesem Ei, und wenn dieses abgeht, weiß der Arzt, welches Heilmittel für den Patienten erforderlich ist und wodurch er geheilt wird. Das Wort tormita bedeutet nichts anderes als weich. Wir kennen ein solches allgemeines Hilfsmittel in der Diagnostik der Krankheiten nicht in der modernen"Medizin. Etwas ähnliches, was allerdings dem Verschlucken des Eies nur äußerlich gleichkommt und zu diagnostischen Zwecken verwandt wird, sind die sogenannten Glutoid- oder Leimkapseln nach Professor Sahli in Bern. Man läßt den Patienten eine derartige Kapsel zur Prüfung der Magen-Darmfunktion verschlucken. Das Ideal einer jeden Heilung von Krankheiten muß darin bestehen, die Ursachen der Erkrankung zu beseitigen. Da man auch Dämonen hierfür verantwortlich machte, so wurden diese beschworen. Im Talmud findet man nichts von Beschwörungsformeln, wie wir sie sonst bei alten Völkern antreffen. Dagegen spielt eine große Rolle das Besprechen oder Flüstern, Lachasch. Die älteren Mischnahlehrer eifern zwar sehr dagegen, die jüngeren widersprechen diesem Brauche nicht. Besonders wurde das Besprechen in Anwendung gebracht, um sich vor Schlangen und Skorpionen zu schützen, außerdem gegen Augenleiden. Außer dem Besprechen war noch das Tragen von Amuletten gegen die Dämonen üblich. Wir finden nun außerdem eine große Reihe von arzneilichen Heilmitteln, die teils dem Pflanzen- und teils dem Tierreiche entstammen; uns mutet es heute eigenartig an, wenn wir die langen Rezepte der Alten mit unseren heutigen. relativ einfachen Arzneiverordnungen vergleichen. Gerade in dieser Beziehung müssen wir aber vieles der Volksmedizin zugute halten, die erfahrungsgemäß oft Heilmittel anwendet, bevor die Wissenschaft sie anerkennt. Denken wir nur an das modernste aller Heilmittel, das Radium, das in Form eines Schlammes schon lange von den Bauern in Ungarn gegen Gliederreißen mit Erfolg angewendet wurde, bevor die moderne Medizin seine wunderbare Wirkung entdeckte. Besonders berühmt als Arzneimittel aus dem Altertum ist der Theriak, eine merkwürdige Zusammenstellung von allen möglichen pflanzlichen und tierischen Bestandteilen. Er sollte vor allem gegen Tierbisse helfen. Auch der Talmud erwähnt den Theriak. Man hatte von äußerlichen Mitteln Pflaster, Salben; endlich kannte man auch sehr wohl den heilenden Einfluß der Sonne und der Bäder. Als Trinkquelle erfreute sich die Siloaquelle eines guten Rufes. Die Priester tranken sie, um das Opferfleisch besser zu verdauen. Der jerusalemische Talmud bemerkt in Sabbat, daß man sich keinen Kessel mit heißem Wasser auf den Leib stellen solle, offenbar wegen der damit verbundenen Gefahr der Verbrennung. Hingegen war es auch zur talmudischen Zeit üblich, sich warme Leibumschläge zu machen, man kannte auch eine sogenannte linsenförmige Wärmeflasche, die man sich ähnlich wie unsere Leibwärmer zu denken hat. (Fortsetzung folgt.) komzpsnüeme« * Nachrichten Geftewsieh Eil! fortsdnitt ln der Cüicncr KuUiisgemeinde. Wien, 17. Oktober. Der Vorstand der Kultusgemeinde hat verfügt, daß fortan beim Religionsunterricht Lehrer und Schüler ihr Haupt bedecken. Es hat jahrzehntelanger Kämpfe bedurft, bis diese Selbstverständlichkeit durchgesetzt wurde — man darf die Verfügung als eine mittelbare Folge der Kenesfio Gedaulo und ihrer Auswirkungen betrachten. Freilich ist damit für den Inhalt des Religionsunterrichts noch nicht viel erreicht — da müßten erst neue Lehrkräfte einen neuen Geist schaffen. M Zahlen m üerieneich. Wien, 23. Oktober. Die Wahlen zum Nationalrat und Eemeinderat haben den Christlich-Sozialen und Sozialdemokraten guten Erfolg gebracht, während die Großdeutschen und Extremen rechts und links unterlagen. Das von Zionisten und Asfimilanten geschlossene Wahlbündnis hat die Niederlage der jüdischen Partei nicht verhindern können — in den Nationalrat zieht kein jüdischer Vertreter ein, in den Gemeinderat einer. Die GätigKtit des UeriMtides „Orr. Riga, 29. Sept. Vom 6. bis 11. August ds. Is. fand in Moskau eine Konferenz der Bevollmächtigten der Zentral- Verwaltung des Verbandes „Ort" in Rußland statt. Die Bevollmächtigten erstatteten Bericht über die Tätigkeit des Komitees „Ort" in der Ukraine auf dem Gebiete der Landwirtschaft und der gewerblichen Bildung mit Hilfe der Geldmittel, die zu diesen Zwecken vom Verbände „Ort" oder durch seine Vermittlung zur Verfügung gestellt wurden. Die Frühjahrsbestell u n g des Bodens 1923 ist mit großer Energie in den Rayons Odessa und Kiew durchgeführt worden. Die Versorgung der jüdischen Landarbeiter mit lebendem und totem Inventar nahm die Aufmerksamkeit der Komitees „Ort" besonders in Anspruch. Für die Frühjahrsbestellung und Ernte 1923 wurden in den Rayons Odessa und Kiew-Podolien in den Kolonien und unter einzelnen Landwirten ca. 1100 Pferde verteilt; außerdem noch eine große Menge von landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten. Im Rayon Kiew allein wurden ca. 1600 Stück landwirtschaftliches Gerät: Pflüge, Eggen, Säemaschinen, Kultivatoren, Häckselmaschinen u. a. m. verteilt. Um den Landarbeitern die Benutzung von größeren landwirtschaftlichen Maschinen zu ermöglichen, die sich der einzelne nicht anschaffen kann, wurde eine Reihe von Verleihpunkten eingerichtet. Auch die Instandsetzung der Gebäude in den jüdischen landwirtschaftlichen Kolonien erforderte eine bedeutende Tätigkeit. In den Rayons Mariupol und Galajpole wurden ungefähr 700 Häuser wiederhergestellt. Im Rayon Kie.w wurden gemeinsam mit Joint Distribution Committee und „JCA" für die Instandsetzung von Häusern und öffentlichen Gebäuden 12.000 Dollar ausgegeben. Große Aufmerksamkeit verdient die- Heranziehung der Kinder zur Landwirtschaft. Im Laufe des Sommers 1923 wurde im Rayon Kiew 75 Dessiatin ausschließlich von Kindern bearbeitet. Auf den Vewässerungsfeldern bei Odessa sind vier Schulgemüsegärten eingerichtet. In der letzten Zeit wurde der Entwicklung der Viehzucht unter den Juden größere Aufmerksamkeit gewidmet. Viel hat „Ort" auf dem Gebiete der Rechtshilfe für die Landarbeiter geleistet, hauptsächlich bei der Zuweisung von Grund und Boden und bei der Befestigung des Grundbesitzes. Im Rayon Kiew sind 15 Schulen mit 1200 Schülern und Schülerinnen vorhanden. In Odessa werden von „Ort" eine Schule für die männliche Jugend, „Trud" für 190 Schüler und eine Schule für die weibliche Jugend „Trud" für 120 Schülerinnen unterhalten. Außerdem bekommt eine Reihe gewerbe-technischer Anstalten namhafte Unterstützungen. vre Wahlen in der Slowake?, Bratislava, 15. Okt. Zum ersten Male seit der Neuordnung der staatlichen Verhältnisse wurden in der tschechoslowakischen Republik Kommunal- und Eauwahlen vorgenommen. Die Juden der Slowakei gingen zum großen Teil geschlossen zur Wahlurne und stimmten aus die Listen der „Jüdischen Partei". Etwa 100 Juden ziehen auf Grund dieser Wahlen in die Gemeinde-Verwaltungen und acht Vertreter in die der Gaue (Komitate) ein. Noch ist das Verhältnis der auf die Listen der „Jüdischen Partei" abgegebenen Stimmen zu der Gesamtzahl "der wahlberechtigten Juden im Lande nicht festgestellt. Unzweifelhaft ist es jedoch, daß ein sehr ansehnlicher Teil der jüdischen Wähler des Landes der Aufforderung der orthodoxen Landeskanzlei gefolgt ist und im Vertrauen auf ihre bewährte Führung für die Liste der „Jüdischen Partei" gestimmt haben. Die orthodoxe Landeskanzlei hatte vor der Wahl an sämtliche orthodoxe Gemeinden des Landes ein Rundschreiben ergehen lassen, worin den religiösen Wählern empfohlen wurde, mit anderen Juden gemeinsam eine Wahlvereinigung unter dem Namen „Jüdische Partei" zu gründen und unter Verzicht auf eigene