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Der Israelit · 1923-10-25 · Heft 43 (25.10.1923) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 43 (25.10.1923)
Date
1923-10-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 43 25. Oktober 1923 Der Israelit ist eine Kernfrage die des schwer erziehbaren Kindes geworden. D r. Stahl und Fräulein Casper behandelten diese für die Juden so wichtige Frage vom ärztlichen bezw. pädagogischen Standpunkte aus. Dr. Stahl fordert zum Zweck: frühzeitige Erfassung der Kinder: 1. Zusammenarbeit und persönliche Fühlungnahme zwischen Erzieher, Arzt und Lehrer; 2. besondere Aufmerksamkeit für die sogenannten nervösen Kinder; 3. Einrichtung von Beobachtungsheinien unter ärztlicher Leitung; 4. Einrichtung besonderer Erziehungsheime; 5. Sammlung des Beobachtungsmatsrials. Es wurde dann vom pädagogischen Standpunkt aus verlangt, daß die Fürsorge von anormalen Jugendlichen nicht abzutrennen ist von der allgemeinen Jugendfürsorge, ferner genaue Kenntnis des Milieus, ständige Beobachtung des Kindes. In der Diskussion wurde noch darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, den Begriff der Schwercrziehdarkeit zu klären, vor allen Dingen bei der Einreihung der Schwererziehbaren größte Vorsicht walten zu lassen. Dabei ist es unendlich wichtig, daß alle Erziehungsheime sich zur Aufnahme eines bestimmten Prozentsatzes schwer erziehbarer Kinder bereit erklären. Die in sich abgeschlossenen Referate über „Elternhaus und Erziehung" (Frau Fläntel-Ehrentreu, München und Frau Bergel- Eronemann-Berlin), welche die Hauptaufgabe des Elternhauses in der religiösen Erziehung bezw. in der Erziehung zur Religiosität sehen und die Aussprachen darüber bewegten sich natürlich nur auf ideologischem Wege. An praktischen Forderungen wurden die Einrichtungen von Elternabenden, die Veranstaltung pädagogischer Sprechstunden und das Führen von Tagebüchern für die Kinder verlangt. Heber die Fragen der Berufsberatung sprechen Frau Le mm und Dr. Erwin Cohn- Berlin. Beide fordern bei jeder Beratung starke Berücksichtigung der wirtschaftlichen Lage, Zusammenarbeit mit den staatlichen und städtischen Behörden. Beide fordern ferner von der Beratung die Lehrstellenvermittlung möglichst nicht abzutrennen, nach erfolgter Vermittlung eine dauernde Kontrolle und Fühlungnahme auszuüben und, falls notwendig, mit den Einrichtungen der Zugendwohlfahrt zusammenzuarbeiten. Dr. Cohn sieht Berufsberatung in der Hauptsache als wirtschaftliches Problem an und warnt vor jeder ..sentimentalen" Einstellung. Da Deutschland eine jüdische Wirtschaft nicht hat, ist Berufsberatung theoretisch nicht vorstellbar. Das trifft weniger für die weiblichen Berufe zu, hier ist Beratung wichtiger, weil Berufsein für die Frauen eine größere Rolle spieit als Erwerb. Jüdische Berufsberatung wird aber ferner ausgeübt werden müssen, da der Einschlag des ostjüdischen Elementes einer Eingruppierung und Produktivierung bedarf. Für weibliche Lehrlinge wird Gleichstellung mit den männlichen verlangt, gleiche Lehrzeit, gleiche Ausbildung, gleiche Bezahlung. Von größter Wichtigkeit ist die Aufklärungsarbeit über die Notwendigkeit einer Berufsberatung in Elternhaus und Schule, die Schaffung von Haushaltlehrstellen und eine vernünftige soziale Bewertung der Hausangestellten. Wünschenswert ist auch die Aufnahme in Kinder- und Mädchenheimen zur Erlernung des Haushaltes. Dieser Wunsch wurde vor allem auch in den Kreisen der Jugendbewegung ausgesprochen, da die Jugend den Drang hat, an der jüdischen Gemeinschaft mitzuarbeiten. Es ist in der Hauptsache der Verständnislosigkeit der jüdischen Oefsentlichkeit zuzuschreiben, daß der Nachwuchs nicht bereitwilliger ausgenommen wird. Das Referat von Dr. Cora Berliner ging zwar auf die Frage „Jugendbewegung als E r z i e h u n g s f a k t o r " nicht ein, doch machte sie den der Jugend Fernstehenden mit der Entwicklung und dem Wollen der Jugend vertraut. Ob die Entwicklung der jüdischen Jugendbewegung der allgemeinen so parallel verläuft, wie sie gezeichnet wurde, muß dahingestellt bleiben. Es ist bedauerlich, daß die Jugend aus an sich anerkennenswerter bescheidener Zurückhaltung, in diesem Falle vielleicht aber etwas zu aristokratischer Einstellung unterlassen hat, von ihren „Erziehungsmethoden" zu sprechen, umsomehr, als gerade aus den Kreisen der „Aelteren" Verständigungswille und die Anerkennung der Jugendbewegung als eines ganz bedeutungsvollen Erzrehungsfaktors kundgetan wurde. Frau Margarete Moses-Berlin versuchte in ihrem Referate zu zeichnen, auf welche Weise die Kunst in den Dienst der Erziehung gestellt werden kann. Ihre künstlerisch-feinsinnigen Ausführungen brachten Anregungen für eine Art des Unterrichts und Er» ziehens, die vor allem ihren Wert auf die Intensität des Schavens und Erfassens legt. - Fräulein Studienrät Dr. Freimann- Köln ging in ihrem Referat Erziehung davon aus, daß die Schule Mittel und Bürge für die Verwirklichung des jüdischen Wunschbildes fei, das einer Kulturgemeinschaft inbezug auf ihre Zukunft vor Augen schwebt. Im 19. Jahrhundert sei unter den deutschen Juden das jüdische Kulturbewutztsein immer mehr geschwunden und die Ueberlieferung des jüdischen Kulturgutes auf ein Minimum beschränkt worden. Dazu kommt, daß die jüdische Lehrerschaft nur einen Bruchteil aller jüdischen Kinder in Deutschland umfasse und daß sie ferner nur einen Bruchteil der Bildung dieser Kinder in den Händen habe und die jüdischen Lehrerbildungsstätten im Untergang begriffen seien. Sie fordert volle Einsetzung des jüdischen Lehrers für die Ausbildung und Stärkung eines jüdischen Kulturbewußtseins, das Maximum in der Ueberlieferung des jüdischen Kulturgutes in der Schule und ein Eingehen auf die äußeren Lebensbedingungen der jüdischen Gemeinschaft durch Schulpflege. Sie verlangt, daß die Erziehung jüdischer Kinder in der Hauptsache in jüdischen Händen liegt, daß die jüdische Volksschule ausgebaut und die Religionsschulen möglichst abgebaut werden und endlich einen neuen Aufbau in der Ausbildung jüdischer Lehrer. Tobias" dar und wurde nach der späteren Erzählung Oppenheim's ein Lieblingsbild von Thorwaldfen, denn es blieb immer das Mittelbild in seinem von ihm bewohnten Zimmer und ist mit ihm später nach Kopenhagen gekommen. — Oppenheim wurde von Thorwaldfen an Göthe empfohlen und dieser lud den jungen Maler zu einem Besuche nach Weimar ein, um dort einige Bilder zu malen (Hermann und Dorothea u. A.) Böi dieser Gelegenheit war es, wo der Dichter den 26 jährigen Oppenheim durch den beim Großherzog Carl August von Weimar erwirkten Profeffortitel überraschen ließ und hiervon berichten uns in so interessanter Weise die nachstehenden Zeilen an Weyland. Ph. Chr. Weyland (1766—1848) war Kriegsrat und später Präsident des Landschafts- Collegiums in Weimar. Wie aus den Briefen Göthe's an diesen damals in Weimar anscheinend als Protector der Kunst in hohem Ansehen stehenden Mann ersichtlich, .'schätzte Göthe denselben sehr und besprach mit ihm viele künstlerische und wissenschaftliche Fragen. — Das in dem anderen an Oppenheim direkt gerichteten Briese Göthe's von diesem erwähnte Blatt „Tobias" war eine Skizze zu dem in Thorwaldfen's Besitz gelangten Bilde. — Der Brief an Oppenheim lautet: „Sie erhalten hierbei, mein wertester Herr Oppenheim, die mitgeteilten Skizzen dankbar zurück. Ein glückliches Malertalent ist darin nicht zu verkennen und ich gestehe gerne, daß ich mich an den mannigfaltigen Gedanken und Kompositionen erfreut habe. — Wollen Sie mir zum freundlichen Andenken irgend ein Blatt bestimmen, so wünschte ich den kleinen Tobias, dessen gut gedachte Gruppe als Träger von Licht und Farbe nochmals durchgesonnt, sich sehr gut ausnehmen würde."- i Nun folgt eine längere künstlerische Besprechung der Skizze in ihren Einzelheiten, die wohl interessant, hier jedoch zu weit führen würde. Der Schluß des Brieses lautet: „Sollten es Ihre Zustände erlauben, so begeben Sie sich in das Pariser Kunstelement: dort finden Sie für den jetzigen Augenblick am sichersten, was Sie zu Ihrer Ausbildung bedürfen. Mit aufrichtiger Teilnahme ergebenst Weimar, 9. Dez. 1826. I. W. v. Göthe. Der erste Teil des folgenden Brieses behandelt in längerer Ausführung eine wissenschaftliche Frage. Der Brief, an Ph. Chr. Weyland gerichtet, lautet dann weiter: -^Was den Titel für Oppenheim betrifft, so wäre ich auch für den Professor, er profitiert die Kunst (bekennt sich zu ihr) und profitiert von dem Titel, und so wird Serenissimi Gnade alles in's Gleiche setzen. — Mich angelegentlichst empfehlend Weimar, 14. May 1827. I. W. v. Göthe. Wir ersehen daraus wieder, daß für die wahrhaft großen Geister aller Zeiten Vorurteile bei der Bewertung von Dingen und Menschen nicht existierten. (Ein Erbschaftsstreit.) Zwischen der rumänischen Akademie der Wissenschaften und den Erben des vor einigen Monaten in Bukarest verstorbenen Bankiers Jack Elias schwebt ein Prozeß, wöbe: es sich um viele Milliarden Kronen handelt. Elias hatte sein riesiges Vermögen mit Umgehung seiner allernächsten Verwandten ausschließlich der Bukarest er Akademie vermacht. Die Verwandten haben nun gegen die Ueberantwortung seines Nachlasses an die rumänische Akademie Einspruch erhoben. Herr Dr. Michaelis-Berlin ergänzt die Ausführungen dahin, daß die jüdische Schule mit der Zeit möglichst wieder die Norm für das jüdische Kind werde. Herr Lehrer Steinhardt-Magdeburg sprach dann über die Religionsschulen und war der Auffassung, daß an ihren Abbau erst zu denken sei, wenn man einen vollwertigen Ersatz geschaffen habe. Er weist auf die großen Schwierigkeiten hin, die zwischen der Schule und dem Elternhaus in vielen Familien besteht und gibt die Parole aus: Rettet, was zu retten ist. Lehrer Stern- Berlin wendet sich gegen die Referentin, die ein Schulideal vom gesetzestreuen Standpunkt aufgestellt habe und bestreitet, daß den Liberalen ein Wunschbild fehlt. Auch sie besäßen eine Vorstellung von jüdischer Religion, jüdischem Wissen und jüdischer Erziehung und wollen die Kinder zu guten Deutschen und guten Juden erziehen. Im Laufe der Diskussion, die sehr lebhaft war, wurde allgemein betont, daß die jüdische Schule eine Notwendigkeit bedeute und daß man für die Erhaltung der bestehenden und vor allem für die Errichtung von Volks- und Mittelschulen eintreten müssen. Eine Frage des Nachwuchses ist schließlich das ganze Anstaltserziehungsproülem, dessen Wichtigkeit inbezug auf äußere und innere Reformen durch die Festsetzung eines ganzeil „Anstaltstages" anerkannt wurde. Die Problematik des jüdischen Anstaltswesens zeigte das sachlich-gründliche Referat von Fräulein Weinreich über den augenblicklichen Stand (Frage der leeren Plätze, Satzungsbeschrünkungen, Begriff der Anstaltsbedürftigkeit, Mangel an Erziehungs-, Ueberfluß an hauswirtschaftlichem Personal, Besoldungsfragen, wirtschaftliche Fragen usw.), das durch Referate zur Anstaltsreform ergänzt wurde. Fräulein Dr. M e n d e -Berlin fordert bei der Reform der Aufnahmebedingungen vor allem sorgfältige Prüfung, ob durch finanzielle Unterstützung das Zusammcnbleiben von Familie und Kindern ermöglicht werden kann. Der Begriff der Anstaltsbedürftigkeit ist zu erweitern auf Kinder, für die (auf Grund der Familienverhältnisse, der Geburt, Veranlagung) keine Erziehung im Sinne der Reichsverfassnng gewährleistet ist. Geographische Beschränkungen sind aufzuheben. Erstrebt wird die Ausdehnung der Anstaltsfürsorge auf die Dauer der Berufsausbildung. Notwendig ist eine liberalere Auslegung der Satzungen, evtl. Aenderung und Erweiterung derselben, sowie die Umstellung der Anstalten auf die Erfordernisse der Gegenwart und, soweit es möglich ist, ein Ausbau zu Produktionsbetrieben und die Hinauslegung der Anstalten aus der Stadt auf das Land. Die ergänzenden Ausführungen von Fräulein Edith Lohn-Berlin fordern u. a. den Zusammenschluß der Anstalten mit der halboffenen und offenen Fürsorge um der Gefahr der Einseitigkeit und Abgeschlossenheit entgegenzuwirken. Nachdem Frau Nassauer-Frankfurt a. M. und Herr Dr. Phikippsborn-Berlin noch über die Reform der Wirtschaftsführung gesprochen haben und aus die Bedeutung der Selbsthilfe durch rituell geführte Betriebe, durch Festsetzung der Pflegesätze und Selbstkostenberechnungen hingewiesen hatten, referierte Fräulein Gertrud Benzian-Hamburg über die „Reform der Erziehungsmethoden". Sie weift der Erziehung in den jüdischen Heimen neue Wege durch. eine Erziehung durch die Gemeinschaft und zur Gemeinschaft, die ihre Hauptkraftquelle in dem Verantwortungsgefühl des Einzelnen für das Ganze hat. Daraus ergeben sich Pflichten (Beteiligung an häuslichen Arbeiten, Betreuung der jüngeren Kinder) und Rechte (Teilnahme an den Sorgen der Anftaltsführung, Aussprache über Fragen des Anstaltsleöens). Notwendig ist der Kontakt mit der Außenwelt (Einkauf, Zeitungslesen) die Geschmacksbildung (Beteiligung bei der Herstellung der Kleider, der Ausgestaltung der Räume). Um die Frage des Nachwuchses an Erziehungspersonal einigermaßen, zu lösen, wurde der Versuch gemacht, die Anstalt als Ausbildungsstätte zu benutzen Sabbat-Anfang und -Ausgang. *rpi nrrr Ort: Anfang Datum I Äusg. Uhr jMin. 1923 5684! Uhr jMin. Frankfurt a. M. 4 45 27. 17. 6 — Berlin .... Okt. Mar- _ München ... 5 — chefchwan 5 44 Köln. 5 — 6 — Stuttgart . . . 5 — 5 54 Breslau.... 4 50 5 20 Nürnberg . . . 4 50 5 43 Hamburg . . . 4 50 5 47

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