Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1923)
- Date
- 1923-10-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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25. Oktober 1923 Der Israelit Nr. 43 Seite 3 eines Reformrabbiners und in inniger Gemeinschaft mit Vertretern des Reformjudentums religiöse Erziehungsfragen zu diskutieren. Dies in aller Klarheit auszusprechen, scheint uns Pflicht. Von dem kleinen Zusammenstotz zwischen der Neferentin Dr. F r e i m a n n und dem Berliner Lehrer Stern abgesehen, scheint ja alles höchst friedlich und harmonisch abgelaufen zu sein. Auch die Liberalen sind müde, und man verbraucht im täglichen Kampf um den Dollar und den Antisemitismus soviel Nervenkraft, daß innerhalb des jüdischen Kreises — soweit nicht Persönliches mitspielt und reizt — der Kampf um die religiöse Wahrheit in Deutschland wohl allmählich zur Legende wird. Aber das Gesetz, das nicht umsonst sich ein rntP8 ein Feuergesetz genannt hat, wird auch diese Zeiten der seelischen Lähmung überdauern, und um der Jugend willen darf man eine Erscheinung wie diese orthodor-liberale jüdische Erziehungskonferenz nicht ohne den Protest der religiösen Wahrhaftigkeit der Chronik der jüdischen Geschichte einverleiben lassen. Keineswegs soll mit dieser Kritik der Konferenz ihr jeder sachliche Wert abgesprochen sein. Wir haben schon oben angedeutet, datz es eine Reihe von Gebieten gibt, auf denen uns ein Austausch von Erfahrungen sehr wohl ohne Bedenken möglich und nützlich erscheint. Und die Fülle von Anregungen, die die Konferenz gerade auf diesen Gebieten gebracht hat, wird in der Praxis sicherlich weitgehende Beachtung finden. Vom amerikanischen Sabbat. Bei den Anstrengungen, die der bessere Teil des amerikanischen Judentums zur Neubelebung des jüdischen Geistes im Lande des rollenden Dollar machen, fallen insbesondere zwei Punkte ins Auge: der Sabbat und das Thorast u diu m. Mit dem Sabbat stehts noch nicht am besten in der neuen Welt, wo «buisoneü« das ganze Leben beherrscht. Sabbatentweiher aus Prinzip und Ueberzeugung mag es in Amerika weniger geben als sonstwo auf Erden. Aber leider sehr viel Sabbatschändung aus Geschäftsgeist, aus materialistischem Empfinden, das ideale Empfindungen und Rücksichten garnicht aufkommen läßt, aus dem Geiste heraus, den wir schlechtweg den Amerikanismus nennen. In dem vorzüglich geleiteten Wochenblatt „Das jüdische Licht" wird ein Weg gewiesen, auf dem Hilfe erstehen könnte. Eine direkte Einwirkung von Mann zu Mann und von Mund zu Mund verspricht in Amerika schon deswegen Erfolg, weil hier erstens, wie schon gesagt, das Gefühl für den Sabbat ist. und zweitens, in den allerseltensten Fällen die Verletzung des Sabbat durch pekuniäre Verhältnisse bedingt ist oder nur entschuldigt wird. Die Propaganda für den Sabbat mutz sich nach zwei Richtungen betätigen. Die Fabrikanten und Unternehmer müssen beeinflußt werden, am Sabbat ihre Betriebe zu schließen, und dann müssen, was uns noch wichtiger erscheint, die sabbathaltenden Firmen dahin gebracht werden, daß sie aus dem Sabbat kein Kapital für sich in Form von Gehaltsreduzierungen schlagen. Ihre Angestellten müssen so besoldet sein, daß sie nicht gezwungen sind, anderweitige Beschäftigungen unter Verzicht auf den Sabbat zu suchen. Für diese Aufklärungs- und Propagandaarbeit werden besonders die eines großen Einflusses sich erfreuenden englisch sprechenden Rabbiner, wie Dr. Klein, Dr. Jung. Dr. Drachmann u. a. m. aufgerufen. Und soweit wir diese Herren kennen, werden sie es an gutem Willen und opfervoller Arbeit nicht fehlen lassen. Man hört auch schon von einem Zusammenschlüsse der englisch sprechenden Rabbiner zum genannten Zwecke und wir wünschen ihrem Unternehmen von Herzen Erfolg! Die jüdische Erziehungskonserenz in Berlin?) Von Hilde Attenheimer in Berlin. Die Jüdische Erziehungskonferenz, die seit langem geplant war, hat Dank der Bemühungen der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden und des Jüdischen Frauenbundes vom 8. bis 10. Oktober in Berlin stattgefunden. Die Tagung war außerordentlich besucht und wurde' am Vorabend durch den Vorsitzenden der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden Herrn Eugen Caspary eröffnet. Herr Caspary wies darauf hin, datz die Zentralwohlfahrtsstelle ungeachtet aller materiellen Nöte der Zeit die Förderung ihrer ideellen Aufgaben nicht außer Acht läßt und daß die Erziehungskonferenz außer den so wichtig gewordenen Anstaltsfragen die rein ideologischen Momente zum Ausdruck bringen wolle. Die ganz unerwartet große Anzahl der Teilnehmer aus allen Gegenden Deutschlands mag allen denen, die skeptisch und leise lächelnd über den zuversichtlichen Glauben an das Zustandekommen der Konferenz, an dem Glauben, daß *) Siehe hierzu die Wochenrundschau. das Judentum heute ebenso wie in früheren Zeiten seine äußeren Formen aus feiner Geistigkeit. nicht aber aus praktischen Erwägungen heraus gestalten will, bewiesen haben, daß trotz aller äußeren Hemmungen die Zeit gekommen war, um gemeinsam mit allen, die am jüdischen Erziehungswerk Mitarbeiten, nach neuen Formen zu suchen. Nach Formen, die in der jüdischen Tradition wurzeln, aber erweitert werden müssen und den Kontakt mit der Umwelt verbürgen, um an die Stelle eines für die meisten heutigen Juden verbindlichen humanitären, ein ausgesprochen jüdisches Erziehungsideal zu setzen. Es ist — wie gesagt — ein Suchen nach neuen Formen — der Inhalt ist der alte und wie alle Referate mit überwältigender Selbstverständlichkeit zum Ausdruck brachten, auch heute für alle verbindlich: Die jüdische Religiosität, sei sie rechts oder links orientiert. Diese ideologische Einstellung war der tragende Grund aller Verhandlungen und sie schafften eine Atmosphäre, die alle wirtschaftliche Sorgen in den Hintergrund drängte und alle Gedanken auf das eine lenkte: Was müssen wir tun, um die Entfaltung unserer jüdischen Jugend nicht zu hemmen? Es soll bei anderer Gelegenheit der ideellen Seite der Erziehungskonferenz Raum gegeben werden. Sie steht zwar in engster Wechselwirkung mit dem praktischen Teil und läßt sich nicht einfach loslösen von ihm. e Zunächst soll versucht werden, über die Vorschläge und Gedanken' zu praktischen Reformen zu berichten. Dankbar soll jetzt schon des Abends gedacht werden, an welchem Frau W r o n s k y über die Grundgedanken der Erziehungskonferenz gesprochen hatte und vor allem darauf hinwies, daß das Ziel der Erziehung die jüdische Persönlichkeit ist, die durch ihre Würde und Geschlossenheit der Umwelt unantastbar gegenübersteht und in der Synagoge der Jüdischen Gemeinde Herr Rabbiner Dr. Baeck mit seinen feinsinnigen und warmen über „Religion und Erziehung" einer nach Hunderten zählenden Versammlung einen weihevollen schönen Auftakt bereitete. Aus den die Konferenz einleitenden Ausführungen von Herrn Dr. S e g a l l ging hervor, daß aus der soziologischen Struktur der Juden das Erziehungsproblem in seinen sämtlichen Wirkungen abzuleiten ist und daß auch die Neueinstellung auf dem Gebiete des Erziehungswesens eine Folge soziologischer Verhältnisse ist (Zug nach der Stadt, Zunahme der weiblichen Erwerbsarbeit, Geburtenrückgang, Entvölkerung der Ostprovinzen). Unter anderen Die Waffen im Kampfe gegen Jezer Hora. (Aus dem vor kurzem erschienenen Werke Nd^n) ^22 schließt mit dem Verse! ■pn’ 'n jri’ ias?V nsr 'n öl1?^ iap ns „Gott verleiht Macht seinem Volke, Gott segnet sein Volk mit Frieden." Der Sinn dieses Verses kann folgender sein: Der schwerste Kamps, den der Mensch sein lebenlang zu kämpfen hat, ist der Kamps gegen seinen inneren Feind, gegen den mn y2', der täglich sich seiner bemächtigen will. Die beste Waffe, die uns n"2pn zu feiner Bekämpfung in die Land gegeben hat, ist die numpn mm, die ift es, die den -,".22' schwächt und bezwingt, datz er sich ganz ihm unterwirft und Frieden mit ihm macht. So heißt es in rniv: König Salomo nennt ihn „Feind" denn so sagt n"2 '‘wa: „Wenn dein Feind hungrig ist, gieb ihm Brot. d. h. mm - ist er durstig, reiche ihm Wasser, d. i. wiederum mm - 0^' Tn p> dazu die mar r>"8 lies nicht, Gott wird dirs bezahlen, sondern p> na'^' „Gott verhilst Dir zu einem Frieden mit ihm". (Siehe -."m zur 9t) Das ist der Sinn des pios: Dadurch, datz dir Gott nsr verleiht, mm 8-8 rar?'8i wird er dich mit Frieden segnen, mit dem höchsten Frieden, den wir uns denken können, dem Frieden mit uns selbst, dem Frieden mit dem snn 12'- Noch eine Waffe haben wir gegen den p-,n 22' nach der m ep 711222 mm: 2B1» 1N22 08 snn -12' VS7 210.2 22' DTK TW O^IST1? 82p' 18- „oki 20ia imta OK »mm2 pios/’ 187 08 vm nK'2p. Immer lasse der Mensch den 0".2' gegen den' kämpfen, hat er ihn besiegt, fft's gut. wenn nicht beschäftige er sich mit der mm» hat er ihn besiegt ist's gut, wenn nicht, so lese er sraar 7i8'2p. Also ist dem srarr das ,2vr'l2p.2 mm-Lesen als Waffe gleich gestekt. Hätten wir nicht die ntmpn mm müßten wir die andere Waffe und zwar gegen unseren Feind, der täglich ja stündlich seine Netze auswirst, um uns zu sangen, benützen. Es gäbe keine bestimmte Zeit für wir müßten immer zur Abwehr sratzrp lesen. — Der am könnte nicht fragen 718 pip ma'Ka n'22S72 sraw ns pip Tvnmm pAV- Nur der p",-im danken wir, daß wir das nicht nötig haben. So bringen wir den Schluß der s"3Brn die letzte in ppm mit deren Anfang 711222 Da in Zusammenhang m-> iasrnsr m, weil wir mit nsr mm 8^8 ns; ]'8l begnadet wurden, die das p-271 gummn 22' ist, brauchen wir nur einmal imipoi n22V2 sratzr zu lesen, darum fragt der rrrn: „Wann lesen wir das Äbend-srLLr und wann lesen wir das Morgensratp“. Kleines Feuilleton. Göthe und der Maler Moritz Oppenheim. Mitgeteilt von Zf. Hpperryeim, Arankfnrt am Mai«. Da die Beziehungen, welche der Maler Prof. Oppenheim, hauptsächlich bekannt durch seine „Bilder aus dem altjüdischen Familienleben", zu Göthe hatte, noch wenig bekannt zu sein scheinen, so dürsten die nachstehend mitgeteilten Auszüge aus zwei Briefen Göthe's, welche sich in der im Aufträge der Großherzogin Sophie von Sachsen hergestellten und bei Hermann Böhlaus Nachf. in Weimar s. Z. erschienenen monumentalen Ausgabe von Göthe's sämtlichen Werken und Briefen gedruckt befinden, bei manchem Leser des „Israelit" einem besonderen Interesse begegnen. Geben die Briese doch ein geradezu klassisches Zeugnis ab für das Wohlwollen, das der greise Dichter dem jungen jüdischen Maler bei dem vor jetzt nahezu 100 Jahren stattgehabten Besuche des letzteren in Weimar entgegenbrachte und wovon noch in späteren Jahren der hochbetagte Künstler dem Verfasser dieser Zeilen des Oesteren in warmen Worten sprach. — Zum besseren Verständnis der Briefe sei denselben noch folgendes vorausgeschickt. Moritz Oppenheim (geb. 1800 in Hanau, gest. 1882 in Frankfurt a. M.), weilte nach Absolvierung seiner Studien aus den Akademien in München und Paris um die Mitte der 20 er Jahre des vorigen Jahrhunderts zu seiner weiteren künstlerischen Ausbildung einige Zeit in Rom. Hier fanden seine Arbeiten die Beachtung Thorwaldsen's, des berühmten Bildhauers, welcher den talentvollen und bescheidenen jungen Künstler seiner besonderen Gunst würdigte und seine Arbeiten kaufte. Als charakteristisch für den Menschen Thorwaldsen sei der folgende schöne Zug des großen Künstlers erwähnt. Bei einer Preiskonkurrenz für die jungen Maler wurde Oppenheim als Jude übergangen. Thorwaldsen, welcher darin eine Ungerechtigkeit erblickte, da nach unparteiischem Urteil die Arbeit Oppenheims einen Preis verdient hatte, kaufte, um denselben zu entschädigen, das betreffende Bild selbst an. Es stellte „Die Rückkehr des jungen