Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1923)
- Date
- 1923-10-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 43 Der Israelit 25. Oktober 1923 berechnet. Was uns nottut, das sind gemeinsame Küchen für eingesessene Mittelstandsfamilien, und dieses nicht allein in Frankfurt und anderen Großstädten, sondern überall im Lande, wo der Kampf gegen Sorge und Hunger besteht. Wir sagen „Küchen". Nicht eine gemeinsame Küche, wo sich bessere Elemente durch hetorogene Zusammensetzung beengt und abgestoßen fühlen, sondern mehrere Küchen an verschiedenen Stellen, in denen sich einigermaßen Gleichgeartete und Gleichgestellte wie an einem Stammtische finden, die aber das Essen auch ins Haus verabreichen, an Familien, die ihren eigenen Tisch vorziehen. Alles natürlich gegen Bezahlung — mindestens — des Selbstkostenpreises. Wir würden sogar Vorschlägen, für diejenigen, die den Minimalpreis nicht leisten können, ein getrenntes Hilfsunternehmen ins Leben zu rufen. Die Küchen als solche dürfen aus Prinzip nichts umsonst oder unter dem Preise verabreichen. Auf alle Fälle muß, falls bei allem und allem die Wohltätigkeit zur Stützung des Unternehmens mit eingreifen müßte, die Sache so geschickt und diskret vor sich gehen, daß nicht der leiseste Schatten inneren Gedrücktseins auf die Teilnehmer fällt. 2n diesem Sinne würden wir es für besser und ratsamer halten, statt durch Ehrendamen und freiwillige Helferinnen durch bezahlte Kräfte die Verabreichung der Speisen wie den ganzen inneren Dienst versehen zu lassen. Die Kosten werden dadurch erhöht, werden aber von den Familien, die damit vor Ausbeutung geschützt und der Sorge der technischen Beschaffung enthoben sind, gerne getragen. Wir lesen in ausländischen jüdischen Zeitungen, daß sich dort Iuden zusammentun, um unter den günstigeren valutarischen Verhältnissen für die religiösen, kulturellen und humanitären Institutionen ihrer deutschen Glaubensbrüder eine intensive Hilfsaktion einzuleiten. Ist dieses der Fall, so könnten die deutschen Juden ohne jegliches Gefühl von Scham die gereichte Hilfe akzeptieren. Es wäre nur eine Ehren- und Dankesschuld, die das Judentum der Welt an das verhältnismäßig kleine Häuflein der deutschen Juden abträgt, die in den letzten Jahrhunderten und Jahrzehnten in der vordersten Reihe standen, wenn es auf sozialem und philantropischem Gebiete für die Juden anderer Länder etwas zu tun gab; deren Verdienste für die jüdische Wissenschaft, auch für die religiöse, wie für den Kampf des jüdischen Volkes um Recht und Ehre und religiöse Freiheit der ganzen jüdischen Welt zugute kamen. Noch wissen wir nicht, wie und wann diese geplante Hilfe Farbe und Form bekommt. Aus den Erfahrungen der Amerikaner bei ihren Aktionen für den Osten sollte man manches lernen, d. h. lernen, manches zu vermeiden, und speziell unsere gesetzestreuen Brüder im Ausland seien je^t schon darauf hingewiesen, daß die Hilfe aus Amerika in manchen Gegenden der Ostländer dadurch in ihr Gegenteil umgekehrt wurde, daß der Religion fernstehende Elemente in örtlichen Komitees mittels des von ihnen verwalteten Brotkorbes die „Frommen zur Kultur erziehen" zu müssen glaubten, und auf diese Weise religiöse und ausgesprochen jüdische Institutionen leer ausgingen. Es ist aber heute noch nicht die Zeit und hier nicht der Platz, darüber zu sprechen. Es sei in diesem Zusammenhang nur das Augenmerk des helfenden Auslandes auf den bitter leidenden jüdischen Mittelstand in Deutschland hingelenkt, der auch von ihm, vom Ausland nicht Unterstützung und kein Almosen verlangt, sondern lediglich wirtschaftliche Mithilfe und sozialen Bei st and. Wir denken uns die Sache etwa so, daß Mitlelstandsgenossenschaften mit Hilfe der ausländischen Brüder solche Lebensmittel, die auch der deutsche Warenmarkt vom Auslande bezieht und daher nach hoher Valuta unter Berücksichtigung aller Unkosten des Zwischenhandels berechnet, zu günstigeren Preisen und Kursen erhalten und daß insbesondere gemeinsame Mittel st an ds - küchen mit den nötigsten Produkten, soweit sie dort besser und billiger zu haben sind, versehen werden. Verlassen wir uns aber nicht von vornherein aufs Ausland, sondern fangen wir hier im Lande damit an, die bereits bestehenden Einrichtungen zweckmäßig auszubauen und neue zu schaffen. Was wir für den Mittelstand tun, — der Begriff ist heute sehr weit — tun wir für uns, für unsere Kraft, für unsere Zukunft! Wochenrundschau. Rechts und links in der Erziehung. In Berlin hat vorige Woche eine „jüdische Erziehungskonferenz" stattgefunden, die äußerlich offenbar ein Erfolg war und den wohlmeinenden Veranstaltern die erhoffte Befriedigung gebracht hat. Das erhellt aus dem offiziellen Berichte, den wir an anderer Stelle dieser Nummer im Wortlaut veröffentlichen. Aus dem Berichte ersieht man auch den starken Anteil, den gesetzestreue deutsche Kreise an der Konferenz genommen haben, obgleich diese sich nach ihrem Programm keineswegs auf die formalen Fragen der Schul- und Anstaltspädagogik, der Berufsberatung, der pädagogischen Medizin und Hygiene beschränken sollte und beschränkte, sondern auch der ideologischen Seite d er jüdischen Erziehung, dem eigentlichen Erziehungsideal ihre Aufmerksamkeit widmete. Wir erblicken aus diesem Grunde in der Konferenz ein beklagenswertes Symptom der religiösen Müdigkeit, die in manchen Kreisen der deutschen Orthodoxie unter dem Drucke der Zeitverhältnisse Platz gegriffen hat. Der antisemitische Sturm von außen, die tägliche Lebensnot im Einzel- und Gemeinschaftsleben im Innern stumpfen die Empfindung ab für das „Ja" und „Nein" der religiösen Wahrheit, lassen geistige Gegensätze von kontradiktorischer Wucht als Nuancen „gemeinsamer" Grundüberzeugungen erscheinen und bringen so die Stellung des jüdischen Religionsgesetzes zu allem, was an den Schein von mö'np’SKi jm*a grenzt, völlig in Vergessenheit. Wie könnten sonst gesetzestreue Kreise auf die Idee kommen, sich von einem zwar höchst feinsinnigen und geistreichen, aber immerhin als Vertreter des überzeugten Reformjudentums dastehenden .Rabbiner Dr. Baeck über „Religion und Erziehung" belehren zu lassen, um unter dem Zeichen einer solchen Ignorierung des altmodischen jüdischen Religionsgesetzes in eine Verhandlung zu schreiten, die das schlechtweg Heiligste des Juden, das ‘paV tuiMun Da rmn, betreffen soll! Die Verfasserin des offiziellen Berichtes, die sicherlich die edelsten Antriebe aus der Konferenz geschöpft hat, weiß garnicht, in welchem Widerstreit sie sich zur traditionellen jüdischen Auffassung befindet, wenn sie die charakteristische Formel niederschreibt: „Die jüdischeReligiosität, sei sie rechts oder links orientiert"- In der Tat: die Abhaltung dieser gemeinsamen Konferenz, mit ihrem ideologischen Programm setzt unweigerlich voraus, daß traditionelle und bibelkritische, orthodoxe und neologe „Religion" völlig gleichwertige und gleichberechtigte Auffassungen identischer religiöser Grundbegriffe seien. Hält man die „liberale" jüdische Religion aber mit ihrer Verleugnung des alten jüdischen Offenbarungsbegriffes, mit ihrer Aufhebung des Sinaischwures für eine innerhalb des Judentums unmögliche Neuschöpfung, dann ist es ein logischer Widersinn und ein Stück religiösen Indifferentismus, unter dem Banner Kurze Bemerkungen zum ersten Blatte der Thora.'' Von Rabbiner Dr. Kettr Kanter, Zwittau (Mähren). (Fortsetzung.) -Und es waren alle Lebenstage Adams, die er gelebt hat . . .“ Der Relativsatz „die er gelebt hat" kommt sonst in diesem Wochenabschnitte nicht vor. Nur von den Lebenstagen Adams heißt es, „die er gelebt hat" und zwar aus einem bestimmten Grunde. Leben heißt arbeiten, schaffen und wirken. Alle, die nach Adam gelebt haben, konnten schon aus rein physiologischen Gründen nicht ihr ganzes Leben lang leben, d. h. arbeiten und schaffen, da die Jahre ihrer Kindheit und frühester Jugend in Abrechnung kamen. Anders jedoch bei Adam, der ein r>sp T5T> rrapn Vw war und bei dem von einer Kindheit und Jugend — nach Ausspruch unserer Weisen — nicht *) Nach „Jalkul Hadrusch". i. Teil. die Rede war — Adam hat all' seine Lebenstage tatsächlich gelebt, d. h. er allein war in der Lage, gleich von Anbeginn seiner Erschaffung zu schaffen und zu wirken. Adam allein hat somit alle Tage seines Lebens tatsächlich gelebt. „Und es wandelte Chanoch mit Gott nach der Geburt des Meschuffelach.“ Die Angabe, in welchem Zeitpunkte Chanoch mit Gott wandelte (nach der Geburt des Meschuffelach" ist hier ganz und gar nicht deplaziert, wie es den Anschein hat. Den ersten Sohn, den er nach der Ermordung seines Bruders Abel bekam, nannte Kain -siin-Erziehung. Sicherlich bereute er seine fluchwürdige Tat aus tiefftem Herzen und führte sie auf den Mangel an Erziehung zurück. Seinen ersten Sohn wollte er schon erziehen, ihn vor einer solchen verbrecherischen Tat bewahren, er nannte ihn daher und auch der Stadt, die er erbaute (und wo er offenbar wohnte) gab er denselben Namen -juri, die [jo viel wie Erziehung bedeutet. Und dieses Erziehungssystem gelang ihm vollkommen: „Chanoch wandelte mit Gott". Sein Fehler bestand nur darin, daß „er nur mit Gott wandelte" und sich vom Irdischen vollständig abwandte. Selbst nach der Geburt seines Sohnes Meschuffelach wandelte er mit Gott und vernachlässigte dadurch seine irdische Pflicht, die Erziehung seines Sohnes. Die wahre Frömmigkeit besteht nicht darin, daß man allein „mit Gott wandelt", sondern daß man auch seine Kinder zu einem gottgefälligen Lebenswandel erzieht und anhält. . „ . . . Und sie nahmen sich Frauen von allen, die sie sich auserwählten." Dreimal, so bemerkt die mioa, kommt der Ausdruck i^na in der Heiligen Schrift vor. In diesem Wochenabschnitt (n^x ^q)* vina ferner in Jesaja (i-ma •»nxsn kV 7t?xa) und endlich in Mischle Cnna xV '7 rjKT’*))- Es kommt nämlich sehr viel aus die richtige Wahl einer Lebensgefährtin an. Wer eine Frau wahllos freit Cnna nwx Vaa), der läuft Gefahr, eine Unwürdige heimzusühren Onna •’nxan xV 72?xa) und die Folge davon ist, daß durch solche eheliche Verbindung häufig der Glaube untergraben wird Cnna xV '7 riX7'i). „Und Gott sah, daß groß war die Schlechtigkeit des Menschen auf Erden usw." Die Schlechtigkeit und Sündhaftigkeit des Menschen ist teils eine Folge dessen, daß er am Irdischen haftet und Sklave seiner irdischen Triebe ist, teils aber auch, weil sein Herz schlecht und verdorben ist und Freude am Schlechten und Bösen empfindet. Wer aus sündhaftem Triebe irrt und fehlt, ist immerhin besserungsfähig und lange nicht so zu verdammen uno zu verurteilen wie der, aus „bösem Herzen" und aus Freude am Schlechten sündigt. Diese zweifache Art von Sündhaftigkeit sah der Herr im Geschlechte der Sintflut: er sah die Schlechtigkeit des Menschen wurzelnd im Irdischen i(pxa mxn nsn) und außerdem, daß die Gedanken seines Herzens (rvntpna iaV) voll des Bösen waren. Was nun den sündhaften, im Irdischen wurzelnden Trieb des Menschen anbelangt, erzählt die Schrift, '-di '7 anri, was aber die Schlechtigkeit seines Herzens anbelangt,. iaV Vk axym- (Fortsetzung folgt.) äii I