Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 20-21 (17.5.1923)
- Date
- 1923-05-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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17. MÄ 1HLS Fleischsperre aus Frankreich. Die Situation ist so, daß. die jüdischen Metzgereien, namentlich die Privaten, an den Möglichkeiten, ihrer Fortexistenz zu zweifeln beginnen.!Ter G e m e i n d e b u n d wird kategorisch an seine Pflicht erinnert, auf Schaffung von Wfe bedacht zu sein. Gnglcrn-. Die Stfiediifi im .englWen Unterhaus. Lorrdon, 4. Mai. Eine von dem Abgeordneten Shirley Benn eingebrachte Bill zur Regelung des' Schlachtverfah rens, die in ihren Grundzügen Zustimmung bei der Regierung und allen Parteien findet, hatte die Betäubung des Schlachtviehes vorschreiben wollen und stellte die Gewährung von Ausnahmen in d as B elieben der Regierung. Erst infolge des Protestes von maßgebender .jüdischer Seite hat der Antragsteller in den Gesetzentwurf eine Klausel eingefügt, die das' Schächten nach religiösem Ritus von den.Bestimmungen des.Gesetzes ausnimmt. „Jewish Chronicle" veröffentlicht bei dieser Gelegenheit ein ausgezeichnetes! Gutachten von Professor Waldemar Haffkine, das. in der Erklärung gipfelt, die jüdische Schlachtmethode biete eine Garantie dafür, nicht nur, daß das Tier keinerlei Schmerz empfindet, sondern daß auch die Bildung von Mikroben im Fleische verhindert werde. Tiefe Methode fei daher bei allgemeiner Anwendung die beste für die menschliche Gesellschaft. Aus dem englifdien Judentum. London, 4. Mai Man sollte es kaum für möglich halten, daß die kühlen Engländer io puncto der religiösen Re so rmbeftrebungen mehr Aktivität entfalten, als ihre Gesinnungsgenossen in anderen Ländern! Trotzdem muß die Tatsache mit Befremden und Bedauern vom jüdischen Chronisten registriert werden: In einer Plenarversammlung der Synagogenbefucher von West- London wurde und zwar interessanterweise gegen die Stimme des Vorsitzenden, Mr. H e n r i q n e s, mit überwältigender Mehrheit der Beschluß gefaßt, daß künftig Frauen und Mädchen im Hauptpaum der Synagoge während der Gottesdienste neben den Männern.Platz nehmen sollen. In der Debatte plätscherten die seichtesten politischen Dagesmeinungen lustig einher, und kein einziger der ehrenwerten Synagogenbesucher nahm sich auch nur die Mühe, das Problem! in seiner Tiefe zu erfassen und das Attentat!, das hier auf die sonst so viel gerühmte jüdische Einheit unternommen wurde, gebührend zu kennzeichnen. Während so im Innern neue Kämpfe heranfbefchworen werden, erhebt der Antisemitismus in England immer stärker sein Haupt. Die „Morning Post" läßt keine Woche mehr verstreichen, ohne ihren Lesern das antisemitische Gift in konzentriertester Form vorzusetzen. Der Kampf gehen die Schechita unter der Maske des Tierschutzes hat sich bereits bis ins Parlament vorgewagt, und es i\t nicht ausgeschlossen, daß man demnächst einer ernsthaften Auseinandersetzung zur parlamentarischen Rettung der Schechita wird entgegensehen müssen. Als Vorbereitung hierzu hat der „Board of Deputies" eine die Schechita verteidigende Arbeit von Tr. Hyamson neu in Druck legen lassen. Der' segensreich wirkende -Schorn re Schab bo s-Ver ein (Sabbat . Observance Bureau) unter Vorsitz des verdienstvollen Majors W Schonfield hat dieser Tage einen interessanten Bericht über seine Tätigkeit erstattet. Seit Beginn seiner Arbeit haben sich 30000 Bewerber an das Büro .gewandt, von Venen 6 000 untergebracht werden konnten. Ter Sekretär Mr. Rub ens klagte über mangelhafte finanzielle Unterstützung und eine Reihe von Rednern haben in der Diskussion dem Gedanken Ausdruck gegeben, daß der Verein durch Entfaltung einer stärkeren Propaganda in der Der J-raeM. OeffeMWeit"doch leicht moralische Sympathien und damit auch größere finanzielle Erfolge erringen könne. Es wäre das im höchsten Grade wünschenswert. Griechenland, öriediifche Juflij. Saloniki, 23. April. Ein Schreckensurteil wurde vom Militärgericht gefällt und so rasch ausigeführt, daß die aussichtsvollen Begnadigungsanträge sich von selbst erledigten. Tie Opfer dieser mörderischen hellenischen Militärjnstiz find zwei Juden, namens Sabbatai Jakob Turno,!36, Jahre, und Jakob Ahr'on Amir, 19 Jahre alt. ' Die 'Sache, die die Salonikier Judenheit in höchster Erregung hielt, trug sich kurz folgendermaßen zu: Zwei junge Zigeuner wurden dabei ertappt, wie sie nächtlicherweise TelegraDendrähte abschnitten. Bei der Untersuchung ergab sich, daß die Zigeuner nicht aus landesverräterischen Gründen, sondern aus Geldgier gehandelt. Sie verkauften alles gesammelte und gestohlene Gerümpel, Eisen und. Draht an Althändler, unter welchen sie auch obenerwähnte Juden nannten. Auf Grund dieser Zigeuneraussage wurden beide Juden verhaftet und obwohl nachgewiesen, daß keine Schädigung der Heeresinteressen von den Dieben gewollt und verursacht war, Mit diesen vor das Kriegsgericht gestellt. Bei der Verhandlung am Freitag sagten alle Zeugen und Sachverständigen zu Gunsten der Juden aus. Kein Althändler.sei nach hiesigem Gesetze verpflichtet, über die Herkunft der ihm angebotenen Mare nachzufragen und jeder, andere, so sagten die vernommenen Experten vom Fache aus, hätte die Sachen ebenso ohne Bedenken .gekauft. Zudem erfreuten sich die beiden Angsschuldigten des besten Leumundes. Mjan war danach über den günstigen Ausgang des Prozesses keinen Augenblick im Zweifel. Wie erschütternd wirkte nun das nach kurzer Verhandlung verkündete Urteil: Die beiden Zigeuner wurden mit Rücksicht auf ihr jugendliches Alter zu lebenslänglicher bezw. sechszehnjähriger Zuchthausstrafe, Sabbatai Jakob und JakobAhron wurden wegen Beihilfe zu einem militärischen Verbrechen zum Tode verurteilt. Der großen Zuhörerschaft im Gerichtssaale bemächtigte sich große Erregung. Viele brachen in Tränen aus. Obwohl man wußte, wie billig bei der griechischen Soldateska ein paar jüdische Menschenleben sind, hoffte man noch und versuchte alles, was zu Gebote stand. Eine Appellationsinstanz für Kriegsurteil gibt es nicht. Die einzige Hoffnung war der König, dem das Begnadigungsrecht zusteht, und von Seiten der hiesigen Gemeinde wurde die in Athen alarmiert, daß sofort alles zur Rettung der Unschuldigen getan werde. Die telefonischen Nachrichten aus Athen lauteten günstig und hoffnungsvoll. Dia erhielt am Sabbat nachmittag 5 Uhr unser Oberrabbiner Benzion Usiel von der Heeresverwaltung die Aufforderung, ins Militärgefängnis zu kommen oder einen anderen Rabbiner dahin zu schicken, der die beiden Delinquenten auf den letzten Gang begleiten soll. Der Oberrabbiner antwortete inr Einvernehmen mit dem Gemeind ekomitee, daß sich dasRabbinat am heiligen Sabbat zu solchen Diensten nicht hergeben könne und bat unter Berufung auf das Gesetz, mit der Hinrichtung bis Sonntag zu warten. Aber schon nach einer halben Stunde sah man ein Militärauto mit den beiden Verurteilten, umgeben von einem Militärkommando, nach der Richtstätte, in der Nähe des jüdischen Friedhofes rasen. Um 6 Uhr ertönte eine Salve und die Hinrichtung war vollzogen, die Leichen an Ort und Stelle verscharrt. Gleich nach Sabbatäusgang wurden von Seiten der jüdischen Gemeinde mit Erlaubnis der M!acht die Opfer wieder lausgegriaben und nach Vorschrift mit allen Ehrungen unter gewaltiger Beteiligung bestattet. 2» u. 81 Gen» 7 Sonntag frühe traf ans Athen der Bericht von der Begnadigung der Verurteilten durch den König ein — zwölf Stunden zu spät. In Saloniki, in Athen wie in Konstantinopel herrscht große Erbitterung über diesen Justizmord, der auch den Kurs bezeichnet. Ualästina. Der jnatfispro?e6> Jerusalem, 20. April. Der Prozeß in der Mazzossache kam am Mittwoch vor dem Gerichte zur Verhandlung. Als Vertreter des Wäad hoaschkenasi führte Herr de Han aus', daß der Wäad hair 'keine in dem Sinne bestätigte Behörde sei, daß ihr ein Steuerrecht und ein Recht auf Klageführung zustande. Der Waad hair, der nach türkischem Gesetze sich nur auf religiöse Tinge beschränken müsse, befasse sich auch mit politischen Angelegenheiten und sei nur für zwei Jahre gewählt gewesen, während er bereits vier Jahre ohne Neuwahl und ohne Ablegung von Rechenschaftsbericht an Regierung oder die Mitglieder wirkt und sich Befugnisse anmaße, die ihm keineswegs zukommen. Auch über die Einnahmen und Verwendung der Mazzohsteuer fehle jede Rechnungsablage. Dr. Schmetterling von der Gegenpartei wußte dem nichts Sachliches entgegenzustellen. Er berief sich nur auf die Verordnung des Oberkonrmiffars, mit der er die Steuererhebung bestätigte. Die Verhandlung wurde vertagt bis zur Klärung der Frage, ob dem Waad hair ein Steuerrecht zustehe. Argentinien. Die erste Gemeinde in Argentinien- Aluenes Ayres, 26. April. Das' jüdische gesellschaftliche Leben unserer Stadt konzentrierte sich bisher um die verschiedenen sozialen und Humanitären Vereine. Eine eigentliche Gemeinde gab es nicht. Nunmehr traten 42 Delegierte der größten Vereine zur Gründung einer Kehilloh zusammen. Das Statut stellt alle öffentliche und Wlohltätigkeitsarbeit unter den Schutz der Gemeinde, besonders auch die Erziehungsanstalten. Die auf demokratischer Grundlage zusammengesetzte Verwaltung vertritt. die Gemeinde gegenüber der Regierung. Personalien. Berlin, 3. Mai. Stämmig und ausrecht, ungebeugt von der Last der Tage und den Mühseligkeiten der Geschehnisse, stets sich still in Gottes Willen fügend und nur nach der Erfüllung Seines Willens trachtend: so durchschritt der jüngst in Berlin Heimgegangene Julius S. Neustadt die 82 Jahre seines Lebens. E r war in R a w i t s ch als Sohn von Salomon Neustadt, einem Steinmetzmeister und Sofer, geboren, der sein jüdisches Adelswappen, seine Morenu, von keinem Geringeren als dem berühmten Rabbi Gedaljo Tiktin in Breslau, erhalten hatte. Dieser rühmte ihm bei seinem mit 49 Jahren eingetretenen Tode nach, er habe 49 Grade der Keduschoh erreicht, vor dem fünfzigsten habe ihn Gott zu sich genommen. Mt det ungeheuren Verantwortung der Fürsorge für Mutter und viele Geschwister belaoen, in ein Dasein harter Arbeitsamkeit und Entbehrung hineingestoßen, ergriff und löste der Sohn die Aufgabe mit unerschrockenem Mut und Hellem Gottvertrauen und brachte die Firm'a I. S. Neustadt zu hohem Ansehen. Die Eigenart seines Berufs, seine stete Beschäftigung auf dem „Haus des Lebens", der Duvchgangsstation zum Haus des wahren Lebens, färbten unwillkürlich imd nachdrücklich auf ihn ab. Menschlich Rätselhaftes, das ihm so manchmal aus den, tr'rn jva (Friedhof) begegnete, verdichtete sich ihm zu der oft ausgesprochenen und niedergeschriebenen Maxime: „Gott ist gerecht, Er weiß, was Er tut." Und die Hinfälligkeit alles Irdischen, die er dort ständig wahrnahm, machte ihn allen Genüssen, allem Prunk und Stolz dieses Erdendaseins abhold und ließ ihn sich zuwenden, nur der unvergänglichen, in die Ewigkeit hineinragenden Welt der Thauro und der Jiroh. Da gabs keinen Abend, an dem er nicht nach angestrengtester Arbeit in den damals noch eine reiche Wirffamkeit entfaltenden Beth hamidrosch in Rawitfch lauschte und» lernte, da gabs keine Tesilloh bezsbur, die ihn.