Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 20-21 (17.5.1923)
- Date
- 1923-05-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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r,pw*' "t 17. Mat IMS Ger MxütÜi, an die westliche, insbesondere an die d e utsche Judenheit. Schon hierdurch eröffnet sich eine Fehlerquelle, deren Tragweite garnicht hoch genug ernge,cyätzt werden kann, sobald es sich um ein Urteil über „die Orthodoxie" handelt. Tenn derjenige Teil der Judenheit, der ganz und gar in der Tradition, in der Geschichte, also in dem den einheitlichen Urquell .aller ländermäßigen Nuancierung bildenden gemeinsamen Boden wurzelt, darf doch wohl beanspruchen, als eine geistige Einheit gewertet zu werden. Er darf es erst recht, nachdem nicht nur die Tatsache dieser Einheit, sondern auch das Bewußtsein davon im letzten Jahrzehnt auch in Deutschland überaus lebendig geworden und tiefgehende Wirkungen gerade in Deutschlaitd ausgelöst hat. Persönliche und organisatorische Beziehungen, der Strom der Einwanderung und die vom Krieg nach dem Osten verschlagene gesetzestreue jüdische Jungmannschaft, vor allem aber die neuerwachte Liebe zum vertieften Thorastudium — alle diese Momente haben schon heute aus der potentiellen .'Einheit der gesetzestreuen Judenheit aller Länder eine durchaus aktuelle gemacht, sodaß es geradezu als Anachronismus .erscheint, einige Wesenszübe der deutschen Orthodoxie aus der Vorkriegszeit — ihre Richtigkeit zunächst vorausgesetzt — kurzerhand zur Grundlage eines Urteils über das „gesetzes-, treue Judentum unsrer Zeit" zu macheu. Von der „gewaltigen Einsamkeit" der Orthodoxie verspüren wahrlich diejenigen nichts, die als Agndisten ihnen seelischen Anteil an jeder Schicksalsfrage der gesamten Judenheit, an jedem Problem des geistigen und physischen Lebens der jüdischen .Volksgemeinschaft im tiefsten Innern empfinden, und gerade diese Kreise, die in Deutschland vielleicht noch eine Art Vorhut der Orthodoxie, in: ganzen aber die große Mehrheit bilden, sie sind es, die man gerechterweise nicht ignorieren darf, wenn es gilt, der gesetzestreuen Judenheit ihre Rolle -als Führerin zur Sinai-Höhe zuzubilligen oder zu bestreiten. Allein wir vermögen nicht einmal zuzugeben, d,aß der Verfasser auch nur der deutschen Orthodoxie der Vorkriegszeit gerecht geworden ist. Das beweist schon.feilt lapidarer Zwischenausruf von der „Austrittsgemeinde"! Die Austrittsgemeinde als Beweis dafür, daß „das Leben an seiner tiefsten Quelle versiegt ist" — das ist ein schmerzlicher Beleg für die Macht Parteimäßiger Schlagworte, denen selbst ein so feiner und freier Geist wie Emil Cohn in diesem Falle zum Opfer gefallen ist. Wenn aus einer Gemeinschaft, der das wurzelechte, aus der Ueberlieferung quillende nationale Leben entfloh, ein l^rnmcrfti ftuitg schreibt 25.000 Mk. als Preis für eine jüdischi-wissenschaftliche Arbeit auf religiöser Grundlage aus. Die Zuerteilung des Preises soll am . 22. Teweth 5684 erfolgen. Die Arbeiten, die in deutscher oder hebräischer Sprache geschrieben sein! müssen, sind nebst einem den Namen des Verfassers enthaltenden, mit einem Kennwort versehenen geschlossenen Briefumschlag spätestens bis zum 1. Cheschwan 5684 an derß Schriftführer der ’ Stiftung, •£>errn Dr. Hermann Oppenheimer, Frankfurt a. M., ^Eschenheimer Anlage, 1, zu senden. Ssbbsi'Mlaiig und Mrs-»g. [ O? 11 Anfang D «fctttt AuS im Wjkp liM “MST m? Frankfurt a. M 7 35 19. 4. 9 Oft mvlin . . . . 7 30 Mat Gtwan t 53 Münch«, . . . 7 IS 8 38 jEöl«. 7 IS 9 15 Stuttgart. . . 7 — 8 54 ^redla« , . . — — — — Mncke?«. . . 7 15 8 47 - ... oss leb e ns kräftiger Kern sich herauslöst, um neues Leben aus sich heraus zu zeugen, in vollster Freiheit von jeder lebensfeindlichen Umklammerung — dann ist es Zeit, eine Träne zwar zu vergießen, daß die alte Gemeinschaft zerfallen mußte, aber ein Halleluja anzustimmen zur Geburt neuen Lebens. Die Intensität dieses Lebens in der sogenannten „Austrittsgemeinde" mag je nach Gunst oder Ungunst der örtlichen Verhältnisse verschieden'sich entwickelt haben, aber nur Unverstand «oder Parteibefangenheit kann die ungeheure Bedeuttlng gerade dieser sogenannten Austritts- . gemeinde für dieNeus chö pfu ng religiöser Wirklichkeit im Sinne des Verfassers verkennen. Ohne die Notwendigkeit, um die primitivsten Grundfragen des Gemeinschaftslebens jeden Dag aufs neue mit der individuellen und nationalen Assimilation einen keineswegs kräftezeugenden Kampf führen zu müssen, befähigt andrerseits, von Innen heraus ein v e r t i e f t e s, wahrhaft jüdisches Gemeindeleben zu gestalten, ist die selbständige orthodoxe Gemeinde in -Deutschland geradezu' die- G e b u r t s stä 11 e für alles zükunftfrohe religiöse Leben im jüdischen Kreise geworden. Auch die Renaissance dieses Lebens in den neutralen Gemeinden ist — abgesehen von anderen Faktoren — zum guten Teil eine Reflex Wirkung der Austrittsgemeinden. Und wir möchten den Verfasser einladen, sich doch einmal durch ein persönliches Studium von mehreren Monaten eine Ahnung von der religiösen Wirklichkeit zu verschaffen, die da im Schatten der „gewalttätigen Einsamkeit" der Austrittsgemeinde emporgewachsen, ist. . Und nur diese Austrittsgemeinde ist ja auch zu den „Konzessionen" befähigt, die der Verfasser als göttliche Weisheit jeder wahrhaft religiösen Religion zu rühmen weiß. Ilm der „ Ge meius cha f t w i l l e n v o n d e r P e r s ö nlichkeit absehen", mit anderen Worten: das suchende und irrende I n d i v i d u u m i n sich aufnehmen, ohne befürchten zu müssen, daß seine Mängel zum Symbol und Prinzip der G e m e i n s ch ä f t selber werden — das kann ja nur ein Gemeinwesen, das verfassungsmäßig in toter auf gesetzes treuer Grundlage ruht. Wie hat man nicht die ungarischen orthodoxen „Austrittsge-- meinden" verhöhnt, weil sie in ihrer Mitte, ja oft leider an ihrer Spitze Persönlichkeiten dulden, die ' in, ihrem Privatleben keineswegs Muster religiöser Pflichttreue sind. Wir möchten, soweit es sich um autoritative Stellungen, um irgendwelche Aemter handelt, dieser durch gesetzgeberische Mängel verursachten Praxis gewiß nicht das Wort reden — aber daß die orthodoxe Gemeinde Ungarns, die so eifersüchtig über ihre Vers a s s u n g s m ä ß i g e O rthodoxie, über die Thoragemäßheit ihrer Institutionen und die religiöse Reinheit ihrer Funktionäre wacht, daß. diese selbe Gemeinde die äußerste Toleranz walten ’ läßt hinsichtlich der A ufna h m e von Mitgliedern ist ebensowenig ein Zufall, wie die Gemeindesatzung' Samson Raphael H i r s ch s die bis znm heutigen Tage dent religiös minderwertigen Individuum die Tore der Gemeinschaft weit öffnet, um es durch die Gemeinschaft zur Höhe der Pflichterfüllung zurückzuführen. 'Tie „einsame" Orthodoxie verwirft den Anschluß des Individuums an die Organisationen, die Gemeinden, die in ihrer Verfassu ng dem Gottesbund ,die Treue gebrochen haben, weil sie dem Individuum nicht die Kraft zuzutrauen vermag, ohne eigene Lebensgefahr die Umkehr des Ganzen von innen durch-, znsetzen — a ber sie pflanzt ihre eigenen Organisationen, ihre freien, Gott allein huldigenden Gemeinden — wie weiland Abraham seine Altäre — mitten in die Volksßesamthert hinein, um alle, alle, die Treuen wie die Irrenden, zu sammeln, <ouf daß das alte jüdisch -nssi mit seinen c’Bcni wieder lebendig werde. Als einen Fleckerl an dem strahlenden Bilde des Cohnschen Buches müssen wir — die wir die Dinge von innen fti. M u. *1 Betts S sehen — es daher empfinden, wenn der Verfasser der gesetzestreuen Judenheit Vorwürfe von so schreiender Ungerechtigkeit an den Kopf wirft wie die vom „geharnischten Panzer" und „gegerbten Fell". Daß er ihr aber — und damit kommen wir zu dem prinzipiell wichtigsten Punkte —- nicht nur die Fähigkeit abspricht, die sie suchenden Men scheu „einzuverleiben", sondern -auch die aktive Assimilatio nsfähigkeit gegenüber den Strömungen des kulturellen Lebens, das' können wir nur als historischen Irrtum zurückweisen und richtigzustellen versuchen. Wenn der Verfasser bei seiner Untersuchung die außerdeutsche Orthodoxie schon ganz ausschaltete, so ist es umso weniger begreiflich, daß er es für unnötig gehalten hat, sich in der Frage der „Einverleibungsfähigkeit" gegenüber fremden Kulturinhalten mit einer ragenden historischen Persönlichkeit wie Samson Raphael Hirsch.auseinanderzusetzen. Ist es wirklich erlaubt, die geistige Lebensleistung Hirschs zu ignorieren, wenn man fragt, ob es in den letzten Jahrhunderten zu einer .Auseinandersetzung des gesetzestreuen Judentums mit der Kultur nach der Art Rabbi Säadja Gäons, des Rambam oder Jehuda halevis gekommen sei? . Run denn — wir glauben ohne Uebertreibung behaupten zu dürfen, daß nicht etwa nur in den „Neunzehn Briefen", die ja gewiß eine Auseinandersetzung von größtem Wurfe mit der Kultur darstellen, sondern sogar in Hirschs LevitikusUKommentar, mitten in dem unzugänglichen äußeren Rahmen der halachrschen Form, in strotzender Lebensfülle eine so gewaltig große Einfüllung allgemein philosophischer Inhalte in die überwindende Gestaltungsmacht der göttlichen Gesetzes'-Symbole geborgen liegt, daß sie sich neben dem Kusari oder R. Saadijas Emunoth wedeoth sehr wohl sehen lassen darf. Daß Hirsch nicht den Ehrgeiz des Systematikers gehabt, sondern vielmehr sein geistiges Werk unter dem Ärich des bescheiden neben dem Texte' einherlaufenden Kommentars versteckt hqt, wird ihm vor der Geschichte dereinst nicht den Ruhm rauben, daß man grade von ihm mit buchstäblichem Rechte wird sagen können: Er war es, der „ m i t jüdischer Hand die ganze Welt mit ihren Strömungen, Kräften, Tendenzen da draußen gepackt und sie in . jüdische F o v m umgegosse n h a t." Hirsch hat keine Schule im wissenschaftlichen Sinne geschaffen — aber auch die geistigen Leistungen seiner Zeitgenossen und einzelner seiner Nachfahren völlig aus der Welt der Tatsachen^zu streichen, ist ebensowenig gerecht wie das ihm selbst bereitete Schicksal des Schweigens. Und in der praktischen Ausübung derMizwos - woher stammt dem Verfasser das Zerrbild moderner deutscher Orthodoxie, das ihn da alle „Gnade" und alle „Liebe" übersehen, „Anmut", „Adel" und „W!ohlgestalt" vermissen läßt? Einem Sammy G ro nem a nn, der, in der ewig schmunzelnden Frivolität des liebkosen Spötters, der Orthodoxie nach Bileams Vorbild die schwachen Seiten abzugewinnen versucht und dabei die guten "sorgfältig totzufchweigen sich gemüht hat, ihm kann man schließlich mit ruhigem Gemüte den alten Spruch entgegenhalten: „Du gleichst dem Geiste, den du begreifst". Aber der Verfasser dieses Aufrufes ist ja aus anderem Holze geschnitzt. Er hat ein liebendes Herz. Wenn er haßt oder verkennt, so haßt und verkennt! er aus Unwissenheit. Möge er sich's gesagt sein lassen: was an innigstem religiösen Empfinden, an wahrhafter, echte bvf nnow, an Anmut und Schönheit der religiösen Lebensgestaltung auch heute noch, besser gesagt heute wieder, im Kreise der von Hirsch und Hildesheimer großgezogenen Orthodoxie lebendig ist, das drängt sich zwar nicht aus den Markt, aber es lebt und wirkt und hat gottlob in tausend jugendlichen Gemütern seine Lebenskraft erwiesen. Und wird es auch oft — wie sollte es anders sein — von gar viel mechanischer und geistloser C'***:« mats überwuchert, es braucht doch