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Der Israelit · 1923-05-17 · Heft 20-21 (17.5.1923) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 20-21 (17.5.1923)
Date
1923-05-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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L Ite. 20 u. 91 97. «cki 1938 hindert, seinen Aufruf an die Zeit in einen einfachen Aufruf zum Anschlußan die gefetzestreue Gesamtheit ausklingen zu lassen: Auch das gesetzestreue Judentum unserer Zeit, die jüdische Orthodoxie, hat der Entartung des Jahrhunderts nicht entrinnen Wunen. Auch sie hat aus ihre Weise den Schritt aus dem Leben heraus getan, unter dessen Zeichen wir alle stehn. Sie tat es, indem sie den uralten Zaun um die Thora zum — Stacheldraht machte, wodurch ihr ganzer Kämpf zum „Stellungs"-Krieg geworden ist. Sie ist, ob sie es nun wahr haben will oder nicht, nicht mehr wie früher das Judentum schlechthin, sondern eben nur Orthodoxie und empfing als solche ihre Ordre nicht aus sich selbst, sondern von der jüdischen Reform, ihrem Rationalismus und Materialismus, mit einem Worte — von der Zeit. Mag sein, daß, wie wir schon einmal ausgeführt haben, der sprengende Einbruch des neuen Zeitgeistes solchen Schrecken brachte, daß das lebendige Judentum für einige Zeit wie ein Igel seine Stacheln nach außen kehren, das Leben verleugnen und sich einkrnsten mußte zu jener gewaltigen und, was schlimmer ist, gewalttätigen Einsamkeit, die heute — die Austrittsgemeinde' erweist es — das Schicksal der jüdischen Orthodoxie geworden ist. Dann ist cs eben unser aller Schicksal geworden, mit dem wir fertig werden müssen, das ändert die historische Erklärung vielleicht, die Sache ändert es nicht: Das Leben ist auch an dieser seiner tiefften Quelle für uns versiegt, und wir müssen sehen, es wieoer zu erwecken, und zwar ehe es zu spät ist. Ewig fest steht mir die Ueberzeugung, oaß die Lehre Saadjas, der Glaube Halevis, das Leben Maimunis anders aussah als das unserer Orthodoxie. Und zlvar sind es nicht nur dynamische oder quantitative, sondern durchaus qualitative Unterschiede, die da walten. Wie kommt es, daß man Saadjas Werk als jüdischen Kalaam, Halevis als jüdischen Gazzali, Maimunis als jüdischen Aristoteles bezeichnen kann, daß ihr Leben also nichts als Auseinandersetzung, ihr Werk nichts als Einverleibung war? Und wie ist es zu verstehen, daß eben dieses Judentum, obgleich im Stoff dasselbe, in Gehorsam und Ehrfurcht nicht minder rein, tu den letzten Jahrhunderten zu keiner Auseinandersetzung und daher 'auch zu keiner Einverleibung mehr gekommen ist, daß Erhaltung seine einzige Positivit.it, Treue sein wunderbarer, aber eben sein einziger Wert war? Daß die Zeiten wohl an ihm vorüberrauschen durften, aber mit all den mächtigen Wassern seine Mühlen nicht trieben? Wie ist. es' zu verstehen, das; mit dem Eintritt der neuen Zeit, ganz besonders aber der neuesten jene souvernäe geistige Macht in die Brüche ging, die das Erbe des Judentums von jeher war: Die Macht, mit jüdischer Hand die ganze Welt mit ihren Strömungen, Kräften, Tendenzen da draußen zu packen, und der Wille dazu, der Wille und die Macht, sie umzugießen in die jüdische Form? Daß' kurz der Sinn oieses fürchterlichen Jahrhunderts für uns darin gedeutet ist, daß diejenigen, die sich auseinandersetzten, einverleibt wurden, und die einzigen, die hätten einverleiben d. h. schöpferisch werden können, die Auseinandersetzung scheuten?*) Es ist nicht anders zu erklären, als oaß auch dort, wo die Thoratreue das Banner des Glaubens war, eine tiefgehende Wandlung sich vollzogen haben *) Von uns hervorgehoben. Red. muß. Und so. war es in der Tat: Selbst im gesetzestreuen Judentum unserer Zeit ist die Dynamik, ja, sogar das Wesen des Religiösen, anders geworden, als es früher war. Den Früheren war die religiöse Form Leib und Gestalt des Religiösen selbst, unseren Gesetzestreuen ist sie Panzer und Kleid allein. Jenen ein Ausdruck religiösen. Seins und Lebens,- diesen nur eine Beziehung zum göttlichen Befehl, ein Stoff. Diesen ein Mittel zwischen himmlischem Gebot und irdischem Gehorsam, den Früherer Sinn und Sein in eins. Und. weil es so war, weil die jüdische Lebensform dereinst die blutende Tiefe warmer Symbolik hatte, weil sie gehalten wurde ebenso als Gnade wie als Gesetz und mehr aus Liebe denn aus Gehorsam, nicht nur mit reinem Gewissen und ehrbarer Strenge, sondern auch mit Anmut, Adel und Wohlgestalt, darum- und darum allein, befähigte ihr reines, göttliches Wesen den Juden, schöpferisch zu sein, indenr er andere Welten eroberte und Gott Wiedersand selbst im fremden Gehalt. Und wieder, weil es heute nicht mehr so ist, ist die große Macht der Einverleibung uns verloren gegangen, und das Nichteinverleibtwerden, das reine Nachvorhandensein, die Zeitübcroauer der einzige Ruhm unserer Orthodoxie. Mc'ir geht nicht mehr mit Acher, treue Juden gibt es wohl noch, weise nicht mehr. Denn dort, wo Religion Gesetz ist und nur Gesetz und immer wieder-, geht jener Adel verloren, der allein den Gläubigen weise macht, der Adel der Chachomim: die liebenoe Nachsicht. Nichts beweist stärker, daß der Atem der Zeit auch unserm orthodoxen Judentum , die Wange gestreift, als seine — Konzessionslosigkeit. In ihr liegt der indirekte Beweis für das, was wir behaupten. Konzession ist die göttliche Weisheit jeder positiv religiösen Richtung, jeder wahrhaft religiösen Religion. Konzession, nicht Kompromiß, womit der lässige Sprachgebrauch sie so leicht verwechselt. Denn ' während Kompromiß mich selbst vermindert, tut Konzession meinem Wesen nicht das mindeste an. Auck des Gläubigen bester Adel besteht darin, daß seine Gläubigkeit keinen Seitenblick kennt. ' Wenn sie nicht der Friede ist, wo käme der Friede uns her? „Wer da betet, richte seine Augen zur Erde nieder", sagten die Weisen, also nicht zur Seite, ob der andere wohl auch recht bete. Es ist Zeit, zu er- - innern, daß es imganzen Lager Israels nur einen .einzigen Pinchas gab, dessen furchtbare Eifertat — o des wunderbaren Sinnbilds — mit Frieden belohnt, oder richtiger, mit Frieden ganz herrlich — bestraft wurde. Gläubiger Eifer darf geduldet werden, ein einziges Mat nur, wenn Ort und Zeit Zusammentreffen. Zionswächterei kommt immer vor dem Untergang. Konzession hingegen ist stärkster Machtbeweis. Nur Kritik, die immer grenzen- und uferlos ist, kennt keine Konzessionen. Dort, wo man tief in sich geschlossen und eingebettet ist, kann man bei aller Strenge gegen sich selbst mit den „gegebenen Verhältnissen", d. h. den Schwächen der Menschen rechnen und o e m Einzelnen, wenn auch nimmermehr g e st a t t e n, so doch Nachsehen, was man der Gemeinschaft versagt oder, schärfer gefaßt, um der Gern e irr s ch a s t willen von der Persönlichkeit a b s e h e n. *) Nur wer was hat, kann was ablassen. Es gehört also, sollte man meinen, beinahe zum Wesen des religiösen Positivismus, oaß er Nachsicht übt und Konzessionen macht. Unser gesetzestreues Judentum kennt in diesem Sinne kerne Konzessionen mehr, das weiß jeoer. j *) Von uns hervorgehoben. Red. Immer war im Judentum Htllel mehr als Schammaj, heute hat man Schammaj über Hillel gesetzt, der Eiferer steht über dem Weisen, der Abstoßer über dem Einverleiber. Sie wissen nicht, daß, wer Konzessionen macht, sich durchaus nicht dem Geist des andern bcquemt, sondern nur jenen reinsten Akt frommer Liebe vollzieht, der überhaupt zu vollziehen ist: Er neigt sich herab, um emporzuziehen, das aber ist der Akt der göttlichen Liebe selbst. Wäre unseren Gesetzestreuen die religiöse Form nicht Stachel nach innen und Stachel nach außen, nicht geharnischter Panzer und gegerbtes Fell, sie hätten diese Liebe und mit ihr die Fähigkeit, einzuverleiben, auch nach innen. Daß sie nicht einmal mit dem Judentum außerhalb ihres Lagers fertig werden konnten, beweist, daß ihnen das fehlt, was ja überhaupt verloren gegangen ist, das flutenoe Leben selbst. Was den jüdischen Aufklärer bezeichnete mit seiner Lösung vom Volk und seiner Verachtung der Form, was wir am Nationaljuden sahen, der aus seine Art ebenso das Geheimnis des Volkstums verkannte, was wir an den Sehnsüchtigen und Beschwingten, den Bewegten, den Jungen fanden, die ewig Hopp sagen und niemals springen und vor lauter Weg und Ziel und Entscheidung nicht zum ersten Schritte kommen — wir müssen es auch bei denen sehen, die uns die Nächsten sind und deren Treue allein sie schon hoch 'über alle anderen stellt, und das ist schmerzlich: Ihnen allen fehlt eines, das eine, das nottut, das alles deutet und alles füllt, und das doch nicht da ist, nickt da ist, nicht da.ist, das aber wiederkommen muß und darum heute mein Leben ist, mein Ausruf und mein Schrei: — Die Wirklichkeit. Hierzu gehört noch, was- Cohn unter „Wirklichkeit" versteht, nämlich dies: Wirklichkeit entsteht dort und besteht, wo die große Synthese zwischen Welt und Leben, Sache uird Sinn, Geist und Seele, Gehalt und Form, Bewegung und Gestalt vollzogen ward. Ja, eben diese Synthese ist die Wirklichkeit selbst. Nirgends findet Cohn diese reli'gi ö se Wirklichkeit; denn, so schließt er, bevor er das eigene „Programm" entwickelt: „'Das „Du sollst" der geharnischten 'Geistesritter des göttlichen Gesetzes allein s ch«if f t auch no ch nicht die W i r k l i chfett, b t e ich mein e. " Wohlan denn. Wir fragen uns selbst in .allem Ernste, mit dem Ernste, den das ehrliche geistige Ringen des Verfassers verdient: Ist das Bild, das in Cohn von der geistigen und seelischen Wesensart der Orthodoxie lebt, im tiefften Sinne naturgetreu, und ist das Urteil, das er infolgedessen fällt, gerecht? Sollte das aber nicht der Fall sein — wie kommt es, daß ein suchender Mensch, der sozusagen nur durch einen dünnen Gaze-Schleier von der uralten . jüdischen Treugemeinschaft, die man heutzutage Orthodoxie tituliert, geschieden wird, wie vor den 'Kopf geschlagen an diesem Gaze-Schleier steht und ihn als eme^i"".^ rarna betrachtet? Zunächst eine Feststellung. Cohn' spricht zwar hie uird da flüchtig von den der Orthodoxie angehörigen östlichen Massen, aber im ganzen wendet sich sein Gedankengang offenbar durchaus Wo eS galt, einer irrigen Auffassung oder einem Mißverständnisse vorzubeugen oder etwas besonders zu betonen und hervorzuheben, wurde eS dreimal ausgesprochen (vergl. Mtschna Menachot, P. 1», Mifchna 1 und i.;s) I» Und «eil vom König David und dem zukünftigen Erlöser auS dem Hause Davids die Rede ist, möge auch noch folgende kurze Bemerkung Per Platz finden. Im p"V2^-Gebele beim AuSheben der Thora an den Geiertage» findet sich folgende Stelle: „Laß über uns strahlen den Geist der Weisheit und der Einficht, und möge an uns in Erfüllung der Ausspruch de» Propheten: Und eS wird auf ihm ruhen der Geist deS Ewigen, der Geist der Weisheit usw.* Gemeint ist natürlich Jesaja 11, 1-7. Aber wie sollte die Verheißung deS Propheten, die sich auf den n'ipo, den zukünftigen Erlöser Israels, bezieht, an rms in Erfüllung gehen? Können denn wir alle und jeder von uns ein Meffias fein? Aus diesem Grunde — so laS ich vor Jahren in einer hebräischen Zeitschrift, deren Titel mir leider entfallen ist — behauptet jemand, daß die ursprüngliche LeSart 12 (und nickt i:2) lautete (also i4':i 12 v'pmi). Unter 12 wäre — Sabbatat Zwi gemeint, auf den sich urfprünglich dieses Geber angeblich bezogen haben sollte. ’ Daß diese Annahme mehr als gewagt ist, liegt auf der Hand. Aus diesem Grunde wäre vielleicht die LeSart U'v'2 vorzuschlagev: ES möge in unfern Tage» in *) Daß der Gruß vrbv "ibv im selben Gebete dreimal vorkommt, ist bekanntlich darauf zurückzuführen, daß die Zeugen («nnn np) vom Vorsitzenden mit diesen Worten begrüßt wurden. Der Borfitzende und die zwei Zeugen find drei, die diesen Gruß mit einander auStauschten. i Erfüllung gehe» die Verheißung deS Propheten ufw.; durch diese LeSart würde jede Schwierigkeit behoben werden. Kleines Femlleion. Eine Stimme ««s dem Jenseits. , Es war einmal ein Jüngling, der, gelähmt und hilflos, in einem Heim untergebracht war. Doch die körperliche Fessel hinderte ihn nicht, seine seelischen Kräfte zu entfalten. Wenn draußen der Frühling prangte, die jungen Blüten mit ihrem Dust ein jedes erquickten und die Vögle in mit ihrem Gezwitscher ein Lied anftimmtcn, dann fühlte sich dieser junge Dulder losgelöst vom Irdischen, mit allem Schönen und Erhabenen verbunden. Sein Leid und das um ihn herum verschwand; die Sorgen des Tages, die Probleme des Lebens, auch sie mußte man vergessen, wenn man ihn hörte. „Nein, Freunde, ich bin nicht hilflos, keine Kette ist es, an die ich geschmiedet. Ist mir doch die Sprache erhalten, und ich kann reden von Gottes Allmacht, die mich zu Euch geführt, wo ich Gleichdenkende, Gleichsühlende gesunden. Ich kann reden, daß Säulen erstehen, die Euer Haus seststützend erhalten." Und tote ein Fluidum wirkte dies aus die Umgebung, daß unsichtbare Kräfte fördernd, helfend, schützend sich einstellten. Doch allzubald kehrte diese junge, reine Seele, betrauert von Leidensgenossen und Freunden, zu ihrem Schöpfer zurück. Jahre vergingen — — —. Draußen aus den: Friedhof schmückten sich die Bäume mit jungem Grün. Die .Vöglein hüpften von Ast zu Ast und ließen ihre Liedlein erklingen zur Ehre Gottes; und aus manchen Stein ließen Iie sich nieder, unter dem müde Seelen ihre Ruhe fanden. Doch aus der Grabstätte des Jünglings fanden sie keinen Stein, und auch unweit dieser Grabstätte waren es viele, bei denen das letzte Erinnerungszeichen fehlte. Eines Tages, gen Abend, als die junge Frühlingssonne ihre letzten herrlichen Strahlen durch das zarte Grün schimmern ließ, begab es sich, daß ein vom Leid Gebeugter trauernd vor einer Grabstätte stano, und während er die Worte der Liebe las, die in den <L-tein gemeißelt waren, bemerkte er> daß der nebenliegende Ruheplatz nicht einmal einen kleinen Denkstein hatte, und es war ihm, als ob aus dem Grabe eine Stimme erscholl: „Warum stehst Du trauernd vor dieser Stätte! Siehst Du nicht,. daß ich hier liege und mit mir unzählige andere, denen kein Zeichen liebender Erinnerung gestellt wurde? Als ich letzte, habe ich für andere gesprochen, für andere gesorgt, und nun, da ich unter den Toten weile, muß ich wiederum Euch mahnend zeigen, daß es Pflichten gibt, die das eigene Leid, die eigene Trauer, zurückstellen können, wenn es gilt, auch anderer zu gedenken!" Und der vom Leid Gebeugte, der diese Worte zu hören glaubte, er richtete sich auf. Seine Seele war plötzlich.froh bewegt, ihm war eine Mission an dieser heiligen Stätte übertragen. Er ging nach Hause, vereinigte Freunde um sich herum, denen er kündgab: „Lasset uns sorgen auch sür die, denen keine treue Hand das letzte Liebeszeichen erstellen kann!" H. S. (Preisausschreiben für eine jüdisch-wissenschaftliche Arbeit.) Die R s s a Op p e n h e i nr e r g e b.

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