Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1923)
- Date
- 1923-05-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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WAWW mm s. «r. 8 l s t t e r.» S. Mai 1923 Den» an tmfere Vrüder in ' MF t\i f mintS -er größten MeLallhäuser hat von seinem russischen Vertreter folgenden Brief auS Sowjetrußland erhalten und den ^Blättern" zum Abdruck zur Verfügung gestellt. „BeLr. Hungerhilfe. Aufgrund Ihrer Anfrage vom 18. v. Mts. bin ich dieser Sache nachqegangen. Nach mündlichen und schriftlichen Auskünften von acht zuverlässigen Gewährsmännern der verschiedenen — besonders ukrainischen Plätze — ist die Notlage daselbst unverändert schwer, hauptsächlich bet Ihren Glaubensgenossen, die nun einmal meist in den Städten ' angesammelt sind. Mit Geld ist dieser Bevölkerung nicht gedient,- sie bekommen nichts dafür, nicht einmal das aus Gerstenschrot, Abfällen Stroh und Müllresten zusammengebackene ekle Brot, das von Landleuten in die Stadt gebracht wird. Daß Leute im Hungerwahnsinn auf offener Straße Kinder anfallen und zu zerfleischen suchen, scheint eine Alltäglichkeit zu sein. Es soll ferner zutreffen, daß große israelitische Gemeinden auf Bruchtelle dezimiert und daß vielfach ganze Familien am Hungertyphus ausgestorben sind. Die American-Relief-Administration arbeitet an allen ihren Depot-Stellen flink und ordentlich, führt für die ihr überwiesenen Gelder prompt ihre Lebensmittelpakete an die ihr bezeichneten Adressen ab und füllt ihre Nahrungsmittelniederlagen stets zeitig durch neue Zufuhren auf." Dieser nüchterne Geschäftsbrief enthält unbeabsichtigt eine schwere Anklage für jeden von uns, die wir auch nur eine Mahlzeit genießen, ohne darau zu denken und dafür zu tun, daß unser Fletsch und Blut, Kinder unseres Vaters Abraham vor dem gräßlichsten Tode bewahrt werden. Zahlungsstelle: Gruppenverband der Agudas Jtsroel in Deutschland Halberstadt, Postscheckkonto Berlin 18901. Eigentum verpflichtet. Cie ßtgubaS Jisvoel braucht Geld, viel Geld, sehr viel Geld. Auch das Problem der Geldbeschaffung muß die Aguda im Geiste der Thora lösen.!Tiaher dürfte es angebracht sein, auf die halachischen Finanzgesetze einen Blick zu werfen. Zwei Grundsätze, die scheinbar einander widersprechen, sind hier maßgebend. Auf der einen Seite gilt der Satz: bipoa nvsv P8 fllYttW: Wo es gilt, freigebig zu sein, Bedürfnisse der nie sterbenden und nie verarmenden Gesamtheit zu finanzieren, darf keine ärmliche Sparsamkeit walten, die jede Geldausgabe für ' Gesamth eitszwecke als schmerzliches Opfer bestöhnt. Diesem Grundsatz steht der andere gegenüber: Dtnim r>w *:id& r>2 non mwn: Jüdisches Geld, in welchem der an Kämpfen und Ent- .fagungen so überreiche Anteil des Gottesvolkes am Wirtschaftsleben sich verkörpert, wird vom Gottesworte mit zarter Schonung behandelt. Die biblischen Quellen dieser Grundsätze sind auf der einen Seite 2. B. M. 28, 2 und auf der anderen Seite 3. B. M. 14,36 und 4. B. M. 30, 8. Wir verweisen hierauf, sowie aufmittfn V'D rönne, hw die halachische Anwendung dieser Grundsätze auf Grund der talmudischen und sonstigen Quellen behandelt wird. Wir beschränken uns darauf, die wichtigsten Tatsachen zusammenzustellen. Der Grundsatz '12W1TO PN Hegt folgend en Gesetzen zugrunde: 1. Priestergew ander durften nicht gewaschen werden. 2. HeiligtumZgeräte durften nicht repariert werden. Ebenso mußte ein Schächtmesser des Heiligtums, dessen Klinge aus der Scheide sich gelöst hatte oder schartig geworden war, durch ein neues ersetzt werden. Nur der Mörser des Heiligtums, der im Dienste der Räucherwerksbereitung .stand und ans den Tagen Moses stammte, durste durch alexandrinische Handwerker repariert werden. 3. Aus heiligen Dingen durfte kein ge-, schästlicher Profit genommen werden. 4. Die Mündung des Leuchters mußte aus reinem Golde sein, obwohl sie der zerstörenden Wirkung der Flamme unmittelbar ausgesetzt war. Nun gibt es aber auch Gesetze, denen der Grundsatz 121 ."Dkl minn zugrunde liegt: 5. Die Urne, in der die Jom Kippur- Lose lagen, war nicht ans Silber und Gold, sondern aus Holz. 3. Das Wegnehmen der Kohlen vom Altar zum Zweck des Räncherwerks und ihr Umleeren in ein goldenes Gerät geschah an gewöhnlichen Tagen mit einem silbernen Geräte, weil die An- Wendung eines goldenen mit Rücksicht auf die schädliche Wirkung -der Kohlen auf das Gold zu kostspielig gewesen wäre. Nur am' Jom 'Kippirr wurde gleich ein goldenes Gerat verwendet, um dem dienstlich überlasteten Hohenpriester das anstrengende Umleeren zu ersparen. 7. Zur Bereitung der Schaubrote war es mit Rücksicht auf die großen allwöchentlichen Ausgaben erlaubt, statt das teure Mehl beim Händler, beit Weizen beim Produzenten einzukaufen, während bei andern Menachoth nur Mehl gekauft werden mußte. 8. Das viele Oel, das man fiir die Menachoth brauchte, mußte nicht „rem und gepreßt" sein. Welcher von beiden Grundsätzen anzuwenden sei, ist fraglich bei folgenden Gesetzen: 9. Vs Lug Oel war erforderlich für jedes Licht der Menorah, damit es vom Abend bis zum Morgen brenne. Wie dieses halbe Lug abgemessen wurdet ob man zuerst mehr als Vs Lug hineingab und davon abschüttete, oder weniger hineingab und hinzugoß, ob also die Messung „von oben nach unten" ober „von unten nach oben" geschah, diese Frage läuft auf den Zweifel hinaus, ob in religiösen Dingen Sparsamkeit ('121 non minn) oder Freigebigkeit ('121 fiTO PR) geboten ist. 10. Warum das Mundstück des Notfastenschofars mit Silber überzogen war, ist zweifelhaft: entweder weil hierbei das Silber-wesentlich war und '121 nV2V l'X, oder weil hierbei im Gegensatz zum Roschhaschanaschofar, dessen Mundstück mit Gold überzogen war, die Regel der Sparsamkeit galt: '121 nein rninn* Warum nun bei den Dingen 1—4 der Grundsatz der Freigebigkeit, bei den Dingen 5—8 der Grundsatz der Sparsamkeit maßgebend ist und warum es zweifelhaft ist, welcher von beiden Grundsätzen bei den Kategorien 9—10 anzuwenden sei, diese Frage wird in der zitierten N2NNrs.i2iA7inicht beantwortet. Wir vermuten den Schlüssel zur Lösung dieses Rätsels in einer Bemerkung Raschis zu Ioma 44b:nDfimirin m fron ’ö: IJni 31öü Wenn die Thora spart, müssen auch wir sparen. Mit andern Worten: Wo die Thora selbst die repräsentative Herstellung eines heiligen Symbols verlangt oder wo bei der Ausführung eines Thoragebotes der kleinliche Geist pedantischen Sparens sinnfällig undstörend in die Erscheinung träte, dort haben wir kein Recht, sparsam zu sein, dort gilt der Grundsatz ni’JJi? Pm filTW- Nur dort, wo es sich um Aüsführungsbestimmungen, um die Beschaffung sekundärer Hilfsmittel n. dergl. handelt, worüber die Thora selber schweigt, indem sie es den berufenen Trägern der Tradition überläßt, das denr Geist der Thora Entsprechende anzuordnen, ist es erlaubt, dieses'Schweigen der Thora als! einen Wink zur „Schonung jüdischen Geldes" zu deuten. Bei 1'—handelt es sich um von der Thora selbst geforderte Dinge, bei 5—6 um Hilfsinstrnmente des heiligen Dienstes -Bei 7—8 tritt die Sparsamkeit nWsinnfällrg und störend in die Erscheinung. Ein Zweifel kann bestehen bei 9—10, weil es sich hier um Dinge handelt, die in der Mitte zwischen der ersten und zweiten Kategorie stehen. Wie dem >aber auch sei und wie sehr auch bei einer Uebertragung der für den Tempeldienst auf Maria geltenden Normen auf das' im Gallith sich abspielende Thoraleben Vorsicht geboten ist, so steht doch das Eine fest: die Siebe Gottes „mit deinem ganzen Vermögen" wird von der Halacha nicht als dichterische \ Phrase, sondern als ein durchaus wörtlich zu nehmendes gesetzliches Regulativ jüdischer Finanzgebarung verstanden. Wie du Gott mit Herz und Seele j liebst, so muß auch dein Hab und Gnt dem | Dienste Gottes und seiner Zwecke auf Erden z gewidmet sein. Deine Finanzgebarung muß 1 zweckvoll sein. Legst du aber deine Millionen und Milliarden, statt sie in den Dienst jüdischer Gesamtheitszwecke zu stellen, in Autos und Perserteppichen an, dann bist du nicht bloß weit davon entfernt, Gott „mit deinem ganzen Vermögen" zu lieben, sondern Übertritts auch das Verbot: „Vernichte nichts!" Denn einen Wertgegenstand vernichten, heißt nicht bloß, ihn in Staub und Asche verwandeln, sondern auch, ihn einem Zwecke zuführen, wo er den Zwecken Gottes auf Erden so dient, als ob er Staub und Asche wäre. Ja, schaut man diesem „Vernichte nichts" i ganz auf den Grund, dann muß sich einem der Gedanke von selbst aufdrängen, daß nur . das Gotteswort, dasuns zur Freigebigkeit erzieht, uns zur Sparsamkeit erziehen kann, und wie alle ethischen Begriffe auch die sittlichen Grundlagen unseres finanziellen Tuns und Lassens nichts anderes als still reifende Früchte am! Baume göttlicher Erkenntnis und jüdischer Lebensvollendung sind. Wie zur Freigebigkeit, so kann der Mensch auch zur Sparsamkeit jniur durch eine Kräftigung seines religiös-sittlichen Bewußtseins erzogen werden. Der Staat allein kann ohne Religion hier nichts fertig bringen. Er gibt sich zwar alle Mühe, auf die Volksgenossen nach dieser Richtung hin emzuwirken' so steht auch in der neuen deutschen Reichsverfassung der Satz: „Eigentum verpflichtet, sein Gebrauch soll zugleich Dienst sein für das gemeine Beste." Wird und kann es ihm aber jemals gelingen, seine Forderung durchzusetzen? Kann der Staat aus eigener Kraft und Machtvollkommenheit seine Bürger jemals zur Sparsamkeit erziehen? Kann ers verhindern, hat -ers bisher und wird ers in Zukunft verhindern können, daß in einer Zeit, in der es z. B. an Wohnstätten mangelt, die zur Unterbringung von Tausenden von Obdachlosen erforderlich wären, die schönsten Luxusgebäilde von Menschen errichtet und bewohnt werden, die nicht wissen, nicht fühlen, nicht ahnen, was Armut heißt? Ja, wir gehen sogar noch weiter mrd möchten behaupten, daß der Staat gegenüber der Verschwendungssucht der Menschen nicht nur machtlos ist, sondern daß er sich überhaupt von vornherein für die Sparsamkeit nur dort interessiert, wo sie im staatlichen Interesse liegt und volkswirtschaftlich wertvoll ist, während er der Sparsamkeit im privatwirtschaftlichen Sinne sehr gleichgültig gegenübersteht.' Wenn heute z. B. ein Milliardär seine sämtlichen Markscheins vernichtet, so werden das nur' seine Erben bedauern. Die Gemeinschaft wird hierdurch nicht unmittelbar geschädigt. Im Gegenteil, der Finanzminister wird hierüber seine berechtigte Freude haben. — Hier hilft nur eines: die Religion. Nur sie kann die Menschen zur Sparsamkeit auch im privatwirtschaftlichen Sinne erziehen. Wie jede moralische Forderung, kann auch die Forderung der Sparsamkeit nur dann auf Erfüllung hoffen, wenn sie getragen und gestützt wird durch die Majestät des Gotteswortes, das unser Gewissen schärft und an unsere Seelen appelliert, indem es mit heiligem Pathos uns' zuruft: „Vernichte nichts, vergeude nichts verschwende nichts!"