Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1923)
- Date
- 1923-05-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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s Mai LAS Waßach haben sich bei allen Mrsorgestellen des Arbeiterfürsorgeamtes im ganzen als Neuzugewanderte 2665 Personen gemeldet. Von diesen' sind aus dem Osten zugewandert 1839 Personen, aus dem Westen zurückgewandert bezw. 'abgeschoben worden:' 826. ' Dieser verhältnismäßig geringen Zahl der Einwandernden steht gegenüber, daß allein durch die. Fürsorgestellen des Arbeiterfürsorgeamtes im genannten Jahre 11247 Personen abbefördert wurden. Von diesen gelangten nach dem Osten 1645 und nach den westlichen Ländern 9602. Die Abwanderung war also erheblich größer als die Zuwanderung. Dabei istnoch zu beriicksichtigen, daß von den Neuzugewanderten ein großer Prozentsatz direkt weiter nach dem Westen befördert wurde. Dies war insbesondere dadurch möglich, daß es sich auch bei der-Zuwanderung im Jahre 1922 im allgemeinen um eine ,Arbeiterwanderung handelte. Wie wir erfahren, hat sich die Mwanderung im ersten Vierteljahr des Jahres' 1923 noch verstärkt, wenngleich die Ruhrbesetzung durch die Verkehrssperre natürlich hemmend eingewirkt hat. Es kann daher keine Rede davon sein, daß irgendwelche objektive Unterlagen dafür vorhanden sind, die Ostjudenfrage immer wieder zum Mittelpunkte politischer oder gar demagogischer Erörterungen zu machen. Die öeimlssen in vsn;lg Danzig, 27. April. Ein Teil der nach Tausenden zahlenden ausgetriebenen jüdischen Heimlosen aus Polen nahm den Weg nach und über Danzig. Der Danziger Senat kam dem Strom mit einer Per-' ordnung entgegen, dahingehend, daß all die? jenigen, die kein Visum zur Weiterfahrt * nach . überseeischen Ländern besitzen, nicht über die Danzig-Grenze gelassen oder gleich zurück nach Polen deportiert werden. So fehlte nicht viel, daß die Unglücklichen wie ein Spielball hin und her geworfen worden wären. Einzelne wurden tatsächlich von diesem Schicksal ereilt. Für die Gesamtheit der Flüchtlinge gelang es aber dem ,Mas" und dessen!T,anziger Direktor Veresup im Einvernehmen mit einigeü eigens aus Warschau .hergekommenen Vertretern bei der Tanziger Macht zu bewirken, daß die Emigranten unter Verantwortung der genannten Organisation und in deren Schutz hier in einem dgfür eingerichteten Auswandererlager bleiben durften. Damit wurden Tausende vor dem Schlimmsten bewahrt. Intensive Hilfe ist damit noch nicht geschaffen, da die meisten ohne Geld und Visum sich in einer äußerst kritischen Lage befinden. Es muß rühmend hervorgehoben werden, daß die Tanziger Juden beim Anblick dieser neuesten Leidenswelle mehr wie ihre Pflicht getan haben. In Zoppot wurde sofort ein Hilfskomitee geschaffen und zwar auf Initiative hier ansässiger russischer Juden, aber in Verbindung damit entstand doch gleich auch von Seiten der deutschen Juden ein Zentralkomitee, in dem die ersten und besten Männer Mitarbeiten. Es ist aber heute schon klar, daß Danzig allein, nicht imstande ist, die schwierigen Aufgaben ganz §it lösen, und es wird Ehrenpflicht auch der anderen jüdischen Gemeinden im In- und Auslande sein, hier mit helfender Hand einzugreifen. Von den größeren Organisationen war die Jka die erste, die 30,000 Dollar si'ir die Heimlosen in Ranzig bewilligt hat. Die KsmmenSeri mahlen* Danzig, SS. April. 'Entgegen den verschiedentlichen Mitteilungen von der Absicht der Juden Danzigs, bei den kommenden Wahlen in den Dianziger Landtag mit einer eigenen Kandidatenliste in den Wähl? kamps zu treten, wird jetzt authentisch bekannt? gegeben, daß die Danziger Judenheit ihrer ganzen Struktur nach an ein solches Auftreten garmcht denken ßann. Hu Manzigz befinden sich Wer ISrarM. Kr. 18 «rtt, S im ganzen 'achthundert jüdische Wähler, während nach dem Wahlgesetz mindestens 1500 Stimmen für einen' Kandidaten nötig sind. Sie „JudenexMe" Im IDarlchauer Sfaöfraf. Warschau, 24. Apcil. Gestern abend kam in der Kommission des Stadtrats der Tringlichkeitsantrag Kerner auf eine öffentliche Erklärung des Stadtrates! gegen die Judenexzesse, vom 5. April und eine Entschädigung der Opfer zur Beratung. K i r s ch b r a u n verurteilte unter Anführung von Beispielen aus den Vorgängen scharf die gemachten Vertuschungsversuche. Auf eine antisemitische Hetzrede.Bas ano w s k i s' ergreift Kirschbraun noch einmal das Wort, um diese Satz für .Satz zu widerlegen. Er kündigte für den Fall einer Ablehnung in der Kommission eine Wiederholung der Interpellation im Plenum des Stadtvates an. Von sozialdemokratischer Seite werden die Darstellungen Kirschbrauns bestätigt. 'Tier Antrag, ebenso ein etwas milder gefaßter Antrag der Sozialdemokraten wird mit allen gegen zwei Stimmen abgelehnt; so wird sich noch einmal das Plenum mit der Sache zu befassen haben. llebergrMe und Schiftanen- Warschau, 26. April. 'Ter Jüdische Klub -beklagt sich in einer Interpellation an den Sejm über die krassen Mißgriffe bei der Erfassung der Heimlosen. Es ist nachgewiesen, daß Leute, die das Wohnrecht in Polen haben und deren Papiere vollkommen in Ordnung sind, bei den Razzias mitgenommen wurden und jetzt noch in Haft gehalten werden, mit der Begründung, ihre Pässe wüßten erst geprüft werden. 'Tier Innenminister wird gefragt, wann und wie er diesen ungesetzlichen. Zuständen ein Ende zu machen gewillt sei. _\_ nusfdiiüS der Juden- Warschau, 25. April. Die Hetze der Antisemiten gegen die jüdischen Soldaten hat sich zu . einem regulären Antrag auf Ausschluß der Juden vom Militär verdichtet, mit dem sich vorgestern der Militärausschuß des Sejm beschäftigt hat. Dep. Saluska interpellierte den Kriegsminister, wie er das polnische Heer vor den „schädlichen jüdischen Soldaten" zu bewahren gedenke. Ter Minister -erwiderte, es würde dies vom Standpunkte der Konstitution nicht leicht sein, doch ließe sich vielleicht ein Gesetz für die Juden schaffen, wonach sie sich mit Geld vom Militärdienste loskaufen könnten . . . Diese Erklärung des Ministers Sosnokowski trägt so offenkundige antisemitische Tendenz, daß sie auch den Widerspruch der Vertreter gemäßigter Parteien hervorrief. Von jüdischer Seite traten die Ausfchußmitglieder Dr. Feldmann, Libermann und Dr. Reich den Versuchen zur Schaffung eines Ausnahmezustandes für die jüdischer: Bürger Polens mit längeren scharfen Reden entgegen. Letzterer wies Fälle von schlechter Behandlung jüdischer Soldaten nach und sagte, die Juden würden trotz all der Zurücksetzungen und Drangsalierungen ihre Pflicht im Heere voll erfüllen. Salus ka wiederholte jedoch seine Anklagen und Anschuldigungen und fand Hllfe Vonseiten einiger Genossen aus dem rechten Flügel. Zrr einer Mstimmung kam es nicht. Me Vrikssoxie in Lodz. Lodz, 25. April. Für dis bevorstehenden Stadtratswahlen ergriff die Ortsgruppe der „Agudas Jisroel" die Initiative zur Aufstellung! tittet bereinigten jüdischen Kandidatenliste für alle jüdischen Parteien und Organisationen der Ktadl. Als Bedingungen wurden gefordert:! i 1. Die Vereinigung müsse alle jüdischen Par-! teien in Lodz umfassen- 2. zunächst sollen bei! der Verteilung der Kandidaten die politischen! Parteien berücksichtigt und erst in zweiter Reihe den Wünschen der Organifationen Rechnung getragen werden. Die zweite Forderung war aus dem Grunde sehr nötig, weil die Erfahrung gelehrt hat, daß zuweilen Parteien unter dem Deckmantel von Organisationen und Zweckverj bänden sich mehr Kandidaten auf Kosten der! Orthodoxie verschaffen. Aber gerade an diesem Punkte scheiterten alle Einigkellsversuche, sodaß j der orthodoxe Verband gezwungen ist, mit einer eigenen Liste selbständig in den Wahlkampf zu treten. Mit einer Kundgebung im Warschauer „Jüd" forderte der Verband unter Aufklärung der Sachlage alle Gesinnungsgenossen der Stadt Lodz zur starken Beteiligung an den Wahlen! auf. Die Wählen werden am 13. Mai vor j sich gehen. . . ~L.fi 1 beffif&er Brief- I Mga, 17. April.! Das hier erscheinende „Jüdische Wort" tritt ( sehr tapfer und offen für die religiösen Jnter- ' essen, insbesondere für die der jüdischen Er? j ziehung ein. Schlimm genug ist es leider hierin diesem Behuse bestellt. Tie jüdischen Grundschulen, die überall das Erbe des Cheder an? treten, sind fast so geartet, daß die Bolschewisten drüben mit ihnen zufrieden sein könnten. Und damit ist wohl alles gesagt. Hoffentlich verhallt der Weckruf der „Jüdischen Stimme", eigene gutjüdische Schulen zu gründen, nicht wirkungslos. — Es ist unter diesen' Umständen doppelt erfreulich, von einer Jeschiwoh in Riga zu Gerichten, die über 50 Schüler zählt. Die snicht unansehnlicheil Kosten werden in Riga selbst aufgebracht. In Riga wie in anderen Städten Lettlands werden VereineN2V?N''r2V ins Leben gerufen, die der leider überhandnehmenden öffentlichen Sabbatentweihnng entgegentreten und die Schaffung von Hilfe nno Stellenvermittlung für sabbathalteirde Kaufleute ermöglichen wollen. Knrn Linien. Böfes gewissen. Jassy, 25. April. Tie rumänischen Antisemiten leiden seit den letzten Judenexzessen an Angstgefühlen, und das böse Gewissen erzeugte am 15, dieses die Mär, jüdische Studenten seien von Czernowitz auf dem Wege nach Jassy, um dort mit den Anführern der Judenhetze abzurechnen. Die Behörden nahmen das blöde Gerücht ganz ernst und stellten dem „Feinde" ein großes Polizeiaufgebot ent- . gegen. Aber der „Feind" kam garnicht. Tenn das Ganze war, wie sich herausstellte, ein falscher Alarm aus den Krisen derer, die neuen Anlaß suchen, über die Juden herzufallen. Immerhin erlebte man im Judenviertel in Erwartung der Entwicklung der Dinge einen Schreckenstag. JTiilohDerbot in Rußland. Attga, 23. April. Wie aus Rußland authentisch berichtet wird, ist das 'Dekret, das die Miloh bei Androhung schwerer Strafen verbietet, unterschrieben und veröffentlicht. Seit Jahr und Dag hetzt schon der Moskauer „Emmes" gegen diesen „reaktionären Brauch", mit dem sich auch viele Bolschewisten, ja sogar Kommissare schwer gegen die bolschewistische Idee versündigten . . . Run ist die Hetze soweit von Erfolg gekrönt, daß Mit öffentlichem Erlaß die Miloh offiziell verboten wurde. Man beruft sich dabei auf Gutachten bolschewistischer Aerzte, und die Polizei ist angewiesen, Fälle von Uebertretung zu ermitteln und zur Anzeige zu bringen.