Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1923)
- Date
- 1923-04-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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nx, 17 <B*he 6 WPAprll 1«l3 Der Wrs«w. lüesW-TaD Mi einer Interpellation über die -,Ueberfremdung Warschaus durch jüdische Flüchtlinge" zuvorzukommen. Sie schätzt die Zahl der fremden Juden auf 300000. 'Tie Deputierterl Rimar urrd Olski begründeten die Interpellation mit regelrechten Schmäh-- urrd Hetzreden gegen die Juden überhaupt.' Tie jüdischen Redner Schipper und Hartglas wiesen nach, daß es sich höchstens um 10000 Juden handelte, von denen die meisten schon in drakonischer Weise abgeschoben, wurden (man hat sie über die Grenze gejagt und' dort dem Kugelregen litauischer Soldaten ausgesetzt), während die übrigen, etwa 1500 Personen, ihr Visurn rrach Amerika abwarteterr. 'Der Vertreter des Jnnennrimsteriürns, Olpinski, versprach, die Maßnahmen gegen die Heimloseu in schärfster Weise duvchzuführeu ... Als darauf per Dringlichkeitsantrag des Jüdischen Klub für die Interpellation über die Exzesse verlesen und begründet wurde, kam es zu chü sterc Radauszenen. H a r t g l a s begründete die Interpellation und den Dringlichkeitsantrag und machte der Regierung den Vorwurf, daß sie die wüste Hetze in der Presse schweigend dulde. Staniskis ergeht sich Ln Beschimpftlilgen der Juden. Tie Dringlichkeit,/für die neben den Juden die Minori-, tätew stimmten, wurde ab gelehnt. Als die jüdischen Abgeordneten unter Protest das Haus verließen, eilten ihnen die Ratio na lpolerr mit geballten Fäusten nach. Der Deutsche Z erbe, der Kirschbraun zu Hilfe kam, erhielt mehrere Faustschläge. Auch einige Juden, wurden im entstandenen Tumulte verprügelt. Die Sitzung mußte abgebrochen werden. Rowdys. Die Polizei war auf dem Posten und . verhinderte ernstliche Ausschreitungen. Der Traüerprofeff. Warschau, 20. April. Als Protest gegen die Jüdenexzesse wurde die jüdische Bevölkerung für Dienstag, den 17. April zu einer allgemeinen stillen Trauerkundgebung aufgerufen, und man kam allgemein der Aufforderung nach. Kurz nach 3'Uhr mittags waren wie auf Kommando alle jüdischen Geschäfte und Arbeitsstätten, Cafes usw. geschlossen und die Erkerfenster Heruntergelaffen. Die Bureaus der hiesigen und ausländischen philantropischen Gesellschaften schloffen ebenfalls. Die Plätze und Märkte leerten sich, selbst die jüdischen Straßenhändler feierten. Tie durch die jüdischen Viertel fahrenden Tramwagen waren fast leer. Es zeigten sich auch keine Polen in den jüdischen Gaffen, da die antisemitische Presse/'„jüdische Ueberfälle" ankündigte. Das tote Bild in der jüdischen Gasse machte, verstärkt durch den. trüben Himmel und den kalten Regen, erschütternden Eindruck. . : Ein Zwischenfall ereignete sich bei den Arbeiterkonsumläden, die' die Arbeiter nicht schließen wollten. Vier Juden, die dort, bei dem entstandenen Turnulte die Fensterscheiben einschlugen, wurden verhaftet. Sonst verlief alles in höchster Ruhe und Würde. Den Trauerkundgebungen vom Dienstag ging eine graste Protestversammlung am Montag abend voraus, die von vielen Tausenden besucht war. Ein großes Polizeiaufgebot wachte über die Ordnung. Im Garten mußte unter freiem Himmel eine Parallelversammtung abgehalten werden, wo Kirfchbraun, Lewinsohrr, Feldmann, Trusker unb Kerner sprachen. Im Saale hielten Rederr die Deputierten Dr. Thon, Reich und Rabbiner Lewirr. Alle Redner gingen auf die Ursachen der Exzesse ein und waren darüber einig, daß diese die natürliche Folge der täglich zunehmenden Judenhetze in Wort und Schrift war und daß sie von Leuten vorbereitet und gut organisiert wcuLu, die mit jener Hetze in enger Verbindung stehen. Es wurde eine Resolution angenommen im Sinne der im Sejm eingebrachten Interpellation.; Die Versammlung vcMef ohne Störung, hoch kam es draußen beim Verlassen des Saales zu kleinen Zusammenstößen mit angesammelten Rücftftehr;um 3u9entum. Warfcha«, 18. April. Infolge der Judenhetze und der Vorkommnisse der letzten Tage mehrt sich die Zahl derer, die, enttäuscht und erlvacht, zum Judentum, aus « denl sie ausgetreten waren, zurückkehren. eine wichtige lialaäiisclie frage. Warschau, 18. April. Am. Freitag hatte das Rabbinat in geschlossener Sitzung die wiederholt an dasselbe gestellte Frage zu beantworten, ob und inwieweit es nach, jüdischem Gesetz in gegebenen Fällen angängig sei, jüdische Verstorbene zu medizinischen Zwecken für die Sezierung freizugeben, wodurch auch die jüdische Bestattung wegfällt. Das Rabbinat beschloß, vor der definitiven Beantwortung, sich mit den Rabbinen in Ostrow, Wilna, Lublin und Kalisch in Verbindung zu setzen. Die lleimlolen. Warschau, 17. April. Entgegen den lügenhaften Angaben der Interpellanten von der rechten Seite wird offiziell bekanntgegeben, daß täglich 1000—1500 russische Heimloseu Polen verlassen. Es sind bereits über 10 000 Flüchtlinge fortgeschickt worden, der überbleibende Rest''kommt kaum in Betracht. Der größte Teil der Auswanderer begibt sich nach Argentinien und Brasilien.' Etwa I50/0 nehmen den Weg nach Palästina. In der Sitzung der M i l i t ä r i s ch e n Kommission erzählte der Deputierte Kirschbraun von Fällen, iit denen jüdische Soldaten von ihren Kameraden unter Anwendung von Gewalt gezumngen wurden, Schweinefleisch zu essen. Ferner beschwerte er sich darüber, daß. die jüdischen Reservifteusankilien ihre /Bezüge nicht bekommen. Der Vertreter des Kriegsininisterimns versprach Prüfting und Abhilfe. Kttauen. Biutbefchulöigung. Kowrio, 15. Aprile Die „Jüdische Stimme" weiß von einem Fall zu erzählen, der sich leicht zu einer großen Tragödie hätte answachsen können. Am 30. März, zwei Tage vor Pessach, sah man eine polnische Frau ganz aufgelöst durch die Straßen Kownos laufen, ünter Wehklagen, daß ihr ihr sechsjähriges Kind abhanden gekommen sei. Sie drang dann in das Haus eines Thoraschreibers ein, vor dem sie durch ihren wüsten Auftritt einen großen. Menscheuauflauf verursachte und verlangte, daß man die Kellerräume nach ihrem Kinde absuche. Es trat eine Panik unter den Juden ein und die Lage schien bei der wachsenden Erregung der Menge wirklich bedrohlich. Bald aber erschien die Miliz auf dem Platze und jagte die Leute auseinander. Man hat seitdem von der polnischen Frau nichts mehr gesehen und gehört, und man nimmt an, daß sie entweder das Kind gleich wieder gesunden hat, oder daß das Ganze nur eine von langer Hand inszenierte Hetze, war. Die lifauifdien UJsfilen. x Korvno, 19. April- Unter dein Drucke der antisemitischen Strömungen und infolge der bescheidenen Zurückhaltung Dr. R a ch m ilewitschs, der seine Person um keinen Preis zum Hindernis einer Einigung werden lassen wollte, hat „ A ch d u t h " der Bildung eines Blocks mit den anderen jüdischen Parteien zugestinimt. Ob uns dieser erneuten Selbstentüußerung der Orthodoxie für diese und für die jüdische. Gesamtheit irgend ein Segen erwachsen kann, wird die Zukunft lehren. Die Zahl der Abgeordneten-Mändate ist dafür jedenfalls keine ausreichende Gewähr. JJaläflfota. Brief aus PaMina. Jerusalem, 18. April. Tie Feiertage sind in Jerusalem wie im ganzen Lande in voller Ruhe verstrichen. Die Polizei hatte wachsames Auge und wußte 'auch den Zug zum „Rabi el Musst", der in den letzten Jahren Schreckenstage brachte, im Zaume zu halten. 'Die jüdischen Hotels waren vollgefüllt von Gästen. Für die öffentliche wie stille Wohltätigkeit gab es vor der Pessachwoche in diesen Tagen der wirtschaftlichen Krisis mancherlei Aufgaben zu lösen. Tie jüdischen Friedensgerjchte in Jaffa hatten sich, wie ein offizieller Bericht meldetim Halbjahre von Tischri bis Nissan mit insgesamt 556 Fällen zu befassen; fast 200 mehr als im gleichen Zeiträume des vorigen Jahres. 'Tos Komitee des sephardischen großen Altersasyls TO veröffentlicht einen Aufruf, worin es heißt, daß, wenn nicht rasche iutensive Hilfe von außen kommt, das Haus seine Pforten schließen müßte und hunderte Greise und Greisinnen schütz- und obdachlos würden. Aerger und Unwille erregte die am Pessachtage angeordnete Sperre der Wege zur Westinauer. Es bedeutete auch eine große Enttäuschung für die vielen Gäste, die eigens gekommen waren, um am Festtage an der heiligen Mauer zu beten. Wie jetzt bekannt wird, ging die Verordnung nicht von der Regierung aus, sondern war ein Mißgriff untergeordneter Amtsstellen. In einer öffentlichen Bekanntmachung, die in R i s ch 0 n l Zion an jeder Straßenecke prangt, wird vom Oberrabbinat, gez. Oberrabbiner Kuk das Fleisch aus der Schechito der Jemeniten in Ri schon als trepha erklärt und die Aschkenasim vor dessen Genuß gewarnt. Darauf hielten die Jemeniten in Jerusalem eine stürmische Protcstversammlung ab und faßten einen Beschluß, der u. a. besagt: „Die Versammlung legt Protest ein gegen den Vorsitzenden des Oberrabbiuats, Rabbiner Kuk, der sich Oberräbbiner von Palästina nennt und nicht zurückscheute, eine ganze Gemeinde ohne Untersuchung der Umstände tief zu verletzen." Es wird ferner dem Erstaunen über die sephardischen Mitglieder des Rnbbinats, insbesondere Rabbi Jakob Meir, Ausdruck gegeben, die diese Brüskierung einer sephardischen Gemeinde ' stillschweigend zuließen. Die bebensmiffelpreife in PaMina. Aerusakem, 10. April. Rach einer Aufstellung der Palästinaregierung waren die Preise für Lebensmtitel in Palästina im Jahre 1922 um 50 0/0 niedriger als iiu Jahre 1920 und uin 25 0/0 als im' Jahre 1921. Der Abbau der Preise hält noch weiter an. Vermischtes. Berlin, 13. April. In Berlin erschien unter der Redaktion des Professor B. Bruzkus, Jak. Letschintzkt und Dr. Jakob Segall die zweite Nummer der „Blätter für Demographie, Statistik und 'Wirtschaftskunde der Juden" (jüdische Sprache) mit sehr reichem Inhalte. Karlsruhe, 23. April. Der „Bund Israelitischer W 0 hl fah r ts v e re i n i gnng e n i n B a d e 11" (Geschäftsstelle Karlsruhe, Stesaniensiraste 9) hat an seine Ortsgruppen, Vertrauensmänner und Förderer einen kurzen Rückblick über seine Tätigkeit im abgclaufcnen Geschäftsjahr verschickt, der auch sonstigen Interessenten zur Verfügung steht. Trotz der ungünstigen äußeren Einflüsse hat der Bund eine segensreiche Tätigkeit entfaltet. Besonders wertvoll für die badische Judenheit sind die Beziehungen des Bundes zu den allgemeinen Wohlfahrtseinrichtungen. Großes Verdienst hat sich der Bund wiederum in der Fürsorge für erh 0 l u n g s b e d ü r s t i g e K i n d e r erworben. Obwohl schon im vergangenen Sommer bei der Entsendung erholungsbedürftiger Kinder mit Schwierigkeiten zu rechnen war, hat der Bund es ermöglicht, 65 Kinder aus ganz Baden teils in der Kinverheil-r stätte in Bad Nauheim, teils in seiner eigenen