Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1923)
- Date
- 1923-04-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450238-2450253--70480-2527746- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
iftite L m IT __ züglich her Aschenreste ergab sich, daß hierfür in einer Anzahl von Gemeinden besondere Felder geschaffen worden sind. Der Redner erläutert dies an der Hund der Friedhofsordnung -der Nürnberger Gemeinde, die diese Regelung in vorbildlicher Weise durchgeführt hat. Er verweist darauf, daß an der Spitze des liberalen Teiles der Nürnberger Gemeinde Herr Dr. Freudenthal steht, ein Mann, au dessen liberaler Gesinnung niemand einen Zweifel hegen kann; das Gleiche gelte üon den anderen Gemeinden. Herr Loeb erwähnt, daß der Gemeindevorstand ehe er seinerzeit den bezüglichen Antrag eingebracht habe, sich an sämtliche Gemeinderabbiner wendete und sie um ein Gutachten ersuchte. Es handelte sich im ganzen um 12 Rabbiner. Bqn diesen stehen 4 aus konservativem Boden, deren Votum war von vornherein nicht zweifelhaft, von der verbleibenden 8 der liberalen bezw. her Mittelpartei angehörenden Rabbinen haben sich nicht weniger als 6 für die Schaffung eines besonderen Feldes ausgesprochen. Von den 2 ablehnenden Voten wird das eine damit begründet, daß die „Orthodoxen" überhaupt nicht in die große Gemeinde gehörten. Diese Leute sollten ruhig zur Ad.aß Jisroel gehen. Herr Loeb beleuchtet diesen Standpunkt, der .für einen Gemeinderabbiner merkwürdig sei und der innerhalb der ganzer! Hersammlung sicher weder von einem Mitgliede des Vorstandes-noch der Repräsentanz gebilligt werde. Nachdem dies Argument wegfalle, verbleibe nur ein ablehnendes Votum, das allerdings umso bedeutungsvoller fei, als die Ablehnung damit begründet werde, daß auch der Talmud gestatte, Nichtjuden auf einem jüdischen Friedhofe beizusetzen. Das Gutachten verweist auf Traktat Gittin, Seite ol/l. Herr Loeb führt weiter aus, daß er es bei allem schuldigen Respekt vor der profunden Gelehrsamkeit des betreffenden Herrn doch nicht unterlassen konnte, die angeführte Stelle nachzuschlagen. Es zeigte sich, daß der Herr Gutachter das Wörtchen BX? falsch übersetzt hat. Er übersetzt „mit", während es hier die Bedeutung von „zugleich mit" habe. So ergibt sich mit aller Klarheit, daß der Talmud uns doch nicht die Verpflichtung auferlegen wolle bei der Ernährung nichtjüdischer Armen ihnen rituell zubereitete Speisen, also am Pessach nur Mazzoth rorzusetzeu. Da nicht anzunehmen ist, daß der Herr Rabbiner bei Abfassung seines Gutachtens unterlassen hat nachzusehen, was Raschi zu dieser Stelle bemerkt, bleibt nur der Schluß übrig, daß der Gutachter diesen Kommentar ebensowenig verstanden habe, wie die Textstelle selbst, womit allerdings der Wert dieses Gutachtens erheblich unter den Nullpunkt.sinkt. Im übrigen bemerkte auch einer der anderen liberalen Gutachter, Herr Dr. Warschauer, ausdrücklich, daß von halachischen Standpunkt aus die Beisetzung von Nichtjuden zweifellos unzulässig sei. Herr Loeb kommt zu dem Schlüsse, daß hei dieser klaren, zweifelsfreien Sachlage, die Gemeinde die Verpflichtung habe, für ihre gesetzestreuen Mitglieder ein Begräbnisfeld zu schaffen, dessen Benutzung ohne Gewissensbedenken möglich sei. In der anschließenden Debatte kamen von der liberalen Seite, um einen im Reichstag üblichen Ausdruck anzuwenden, nur die Redner der zweiten Garnitur zu Wort. Herr Zahnarzt L i p s ch ü tz machte sich, als H auptredner der Liberalen, seine Sache sehr leicht, indem er in der Hauptsache aus dem Buche von Prof. Lazarus „Erneuerung des Judentums" einen langen Absatz verlas, in dem L. sich für das Fallen aller konfessionellen Schranken ausspricht. Auf den Zwischenruf: „Wozu dann überhaupt einen jüdischen Friedhof?" wußte Herr Lipschütz nichts zu erwidern. Er schloß seine Ausführungen mit dem mehr als fragwürdigen Satze „sittlich ist, was die Mehrheit als sittlich anerkennt." Der folgende Redner, Prof. Loewe 8g» fflsatm._ (Volkspartei), erwiderte darauf mit vollem; Recht, der Schlußsatz des Vorredners beweise, daß er von der Geschichte des jüdischen Volkes nnd seiner geistigen Entwicklung keine Ahnung habe. Er müßte sonst wissen, daß Jahrtausende hindurch die Aufgabe des Judentums darin bestand, die Anschauungen der nichtjüdischen Umwelt' auf sittlich-religiösem Gebiete zu bekämpfen. Der Dienst des Baal, der Astarte usw. sei zu jener Zeit die sittliche Anschauung der Mehrheit gewesen; hätte Israel sich dem anschließen sollen? Der Redner geht dann ausführlich auf die Feuerbestattung ein und zeigt,, daß ihre historische Entwicklung ans den Gespensterglauben der Naturvölker zurückzuführen sei, gerade deshalb habe sie im Judentum niemals Wurzel fassen können Und müsse auch heute weiter bekämpft werden. R.-A. Dr. Loeb schließt sich in warmen, temperamentvollen Ausführungen den Wünschen nach Annahme des Antrages an. Von der Gegenseite erwidert noch Herr Lehrer Hirschfeld, der indessen nichts weiter als einige allgemein gehaltene Phrasen über ben Entwicklungsgedanken, der auch im Judentum Geltung habe, vorzubringen weiß. Herr Magistratsrat Dr. Neu mann (Konservativ) wendet sich vom Rechtsstandpunkte aus an die liberalen Mitglieder und ermahnt sie, das sonnenklare Recht der konservativen Gemeindemitglieder doch nicht unter dem Zwange eines Fraktionsbeschlusses beugen zu wollen. Besonderes Interesse finden die Ausführungen des H§rrn Glasermeisters Markus (Handwerkerpartei), der betont, er selbst stehe religiös auf liberalem Boden, aber in dieser Frage habe ihn die Debatte davon überzeugt, daß die Wünsche der konservativen Mitglieder volle Berechtigung besitzen. Im Schlußwort weist Herr Loeb darauf hin, daß in der langen Debatte von den liberalen Rednern auf die für ihre Haltung in dieser Frage unbequemen Tatsachen mit keinem Morte eingegangen worden sei. Weder auf den Umstand, daß von den 8 liberalen Rabbinern sich 6 ohne weiteres für die Erfüllung der konservativen Wünsche aussprachen, sei irgend einer der Redner eingegangen, noch auf die Tatsache, daß in den übrigen Großgenreinden Deutschlands, wo doch ebenfalls die Liberalen die führende Stellung einnchmen, die Wünsche der Konservativen voll befriedigt werden. Das sei natürlich kein Zufall, sondern der Ausdruck der Verlegenheit. 'Die Herren wünschen sich an diesen unbequemen Tatsachen vorbeizudrücken. Damit schließt die Debatte. Bon den Liberalen war der Antrag auf namentliche Abstimmung gestellt, offenbar um zu kontrollieren, ob auch die dissentierenden Mitglieder dem Zwange des Fraktionsbeschlusses sich beugen würden, das geschah denn auch. Alle Liberalen, also auch die drei oder vier Herren von denen bekannt war, daß sie für ihre Perfon! gern, bereit gewesen wären, den Wunsch der Konservativen zu erfüllen, stimmten mit n e i n. Trotzdem wurde der Antrag mit 11 gegen 10 Stimmen angenommen. Es steht zu hoffen, daß der Antrag in aller Kürze auch die Bewilligung des Gemeindevorstandes finden wird. weHtiükkonleren?. AerN«, 18. April. Wie das I. K. B. mitteilt, kam es auf der letzten hier stattgehabten Plenarsitzung der Mitglieder vom Komitee derIüdische n W elthilfskonfe re n z zu stürmischen Debatten über die Beziehungen der Konferenz zu I. C. A. Schloßberg wünscht ein Zusammenarbeiten mit der I. C. A. Motzkin und Bramson sprachen dagegen. Motzkin drohte sogar für den Fall des Zusammengehens mit seinem Austritt aus der ^ekutive. Trotzdem wurde der Antrag Schloßberg angenommen; man glaubt aber, daß der Antrag noch einmal zur .Abstimmung gestellt wird, da viele Mitglieder zurzeit nicht in Berlin anwesend sind. Die Neckte 9er Ju9en ln Memel i Die Neckte 9er 7u9en ln Memel. Memel, 18. April. Um die Rechte der in anderen Ländern Europas wohnenden jüdischen Staatsbürger Memels vor Willkür der Behörden zu schützen, weilt zurzeit in Paris eine Delegation aus Memel, die bereits mehrere Konferenzen mit den maßgebenden Kreisen abgehalten und alle strittigen Punkte befriedigend erledigt hat. Gestervrlah. Der DesmtenNreck. Wik«, 22. April. Man schreibt uns: Jetzt, nachdem der Streik der Kultusgemeindebeamtep endgültig erledigt ist, gewinnt man auch den richtigen Blick für manche groteske Nebenerscheinung. Bekanntlich haben merkwürdigerweise sich die Rabbiner dem Streike angeschlvssen. Diese unter allen Umständen bedauernswerte Tatsache führte natürlich zu ganz sonderbaren Musterungen. 'Drei Beispiele mögen genügen: Einer dieser Herren streikte gelegentlich der landesüblichen lauten Rezitation des Abschnittes Lemaan Jirbu, ein Zweiter weigerte sich, das Ghrengeleite für die Thorarolle bei ihrem Weg von der heiligen Lade bis zum Borlesepult zu betätigen, ein 'Dritter, zu dem ein Funktionär der Schechita mit einer rituellen Anfrage apkam, verwies ihn zur Entscheidung an die — Streikleitung. -'Diese Beispiele könnten genügend vermehrt werden und genügen hoffentlich dazu, um das Anmögliche eines Rabbinerstreikes ausreichend hervortreten zu lassen. Nack öen Cxjelfen. Marschau, 16. April. Der jüdische Klub imSejm und im Senat erläßt einen großen Aufruf an die polnische B e v ölkerung, in der zunächst die Vorgänge vom 5. April genau geschildert und die V er tu schungs versuche der maßgebenden Kreise gekennzeichnet werden. Es wird das Mitempfinden des jüdischen Volkes mit den religiösen Kreisen der katholischen Kirche angesichts der Verfolgungen in Rußland betont und dagegen protestiert, daß die jüdischen Bürger Polens als außerhalb stehend betrachtet und beleidigt werden. Insbesondere wird flammender Protest gegen eine gewisse Richtung der Intelligenz erhoben, die die Judenhetze zu einem Postulat der Regierungspolitik gemacht hat. Im Anschluß an * diese Erklärung wird die jüdische Bevölkerung in Warschau aufgesordert, am Dienstag, den 17. ds., am Tage der Behandlung der Interpellation im Landtag von drei Uhr mittags ab zum Zeichen des! Protestes alle Arbeiten und alle Geschäfte ruhen zu lassen. Die Interpellation im Sejm schließt mit folgenden Anträgen: 1. „Der hohe Sejm möge beschließen, daß die Regierung aufgefordert werde, eine strenge Untersuchung durchzuführeu und alle Organisatoren der Ausschreitungen, die direkt Schuldigen wie die indirekten Hetzer, zur gerichtlichen Verantwortung zu ziehen., 2. Die Regierung wird aufgesordert, die Ursachen der Unzulänglichkeit, die die Polizei bei dieser Gelegenheit an den Tag gelegt hat, festzustellen und alle Funktionäre der Polizei, die ihre Pflicht versäumt haben, oder nicht auf ihrem Posten waren, zur Rechenschaft zu ziehen. Tie Regierung möge innerhalb von zwei Wochen dem Sejm einen Bericht darüber erstatten. 3. Die Regierung wird aufgefordert, für einen entsprechenden Schadenersatz an die beschädigten Juden Sorge zu tragen." Die Intervellstlon. — Sturm im Selm. Warschau. 19. April. Die Interpellation über die Jüdenexzesse kam am 18. ds. im Siejm zur Besprechung, Me Rechte verfiel auf den Mick, ihrerWs M