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Der Israelit · 1923-04-19 · Heft 16 (19.4.1923) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 16 (19.4.1923)
Date
1923-04-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton-Vellage za Ar. 16 des „Markt". Das Ehrengeleit. I Ktne WorKriegs-Wovelle aus dem jüdische» I Hste». I Bon A. Hhma». I M. I Zehn Tage später finden wir den bislang I besorgten Kreischef Karasof sieudestrahlend in I seinem Amtszimmer. Heute erhielt er einen I Brief vom Vizegouverneur, daß alles aufs beste I erledigt sei, bcmf der Scheine, die alle jAn- I schuldigungen und Anklagen restlos widerlegt I hätten ... I Es waren die Rubelscheine, die Baruch I gegen „gute Sicherungen" verschafft hatte. I Am Rande des' Briefes legte jedoch der B Gouverneur-Gehilfe dem Kreischef nahe, von 0 jetzt ab mit wachsameren Angen die Tinge in 8 Stadt und Kreis zu verfolgen und daß es an- I gebracht wäre, von Zeit zu Zeit mit Anzeigen! und „Aufdeckungen" dem Gouvernement zu zeigen, daß er nicht schlafe und seine Pflicht tue . . . Karasof verstand den Wink und machte sich gleich an die Arbeit. Er.ließ den Polizeikommissar kommen und wusch ihm tüchtig den Kopf: ,Hore Schukin," fing er an, „es scheint in der Stadt mancherlei vorzugehen, was sich dem Auge des Gesetzes entzieht. 'Du siehst und hörst einfach nichts! . . . Da wurde mir berichtet, manche hätte:: ihre Hauser ausgebessert, sogar die Tücher mit neuen Schindeln gedeckt, ohne Genehmigung. Andere hätten sogar ohne zu fragen, ganze .Häuser gebaut. Jünglinge drücken sich Vom Militärdienste, keiner sucht sie. Auch dieses Jahr fehlen zehn an der registrierten Zahl der Gestellungspflichtigen. Mso auf, Schukin, mit zwei Polizisten auf die Suche! Und was Ihr ans Euren Streifen Unrechtes findet, mir umgehend melden!" „Zu Befehl, Euer Wohlgeboren," empfahl sich der Kominissar. . „'Ter Schuft wird wieder Geld brauchen," brummte Schukin im Hausgange und machte sich gehorsam an seine Aufgabe. — — - Am folgenden Tage lag den Herren auf dem Amte ein dickes' Protokoll des' Schukin vor. Karasof und sein Gehilfe Gregor lasen: „Mosche Jankower in der Fleischergaffe hat sein Haus renovieren lassen, ohne erst Erlaubnis eingcholt zu haben. Berl Jäkels neben dem Bade hat sein Haus abgedeckt und das Dach mit neuen Schindeln versehen, ohne Genehmigung. Feiwel, der Lastträger, hat sich außerhalb der Stadt ein Häuschen gebaut, ohne die Behörde zu fragen." „Wer find dies, Mosche, Berl und Feiwel?" unterbrach Karasof, „ich kenne sie nicht." „Arme Teufel, auch von anderen kaum gekannt," -gab Schukin Auskunft. „Nicht verwandt oder verschwägert mit Baruch Flamm oder sonst jemand von den Reichen'?" „Nein!" Schukin las weiter: „Nach langem Suchen fanden wir vier junge Leute, die sich dem Militärdienste entzogen, obwohl ihr Gestellungstermin schon vorigen Monat war, dang noch einen fünften, dessen; Zeit zwar noch nicht gekommen, der aber, da . er keine Papiere besitzt, ebenfalls in Haft genommen wurde. Tie Jünglinge heißen: Ignaz Kosmeta, Jurgi Kasimir, Mosche Kaspi und Rüben Haskal, der fünfte ist Daniel, Sohn der armen Witwe Sarah." „'Die ersten vier glaube ich zu kennen," sagte Karasof zufrieden ob der reichen Leute, „doch wer ist der Daniel?" „Er ist mit seiner Miutter, einer blutarmen Witwe, erst vor kurzem von: Torfe hergezogen. Ernähren, sich vom Obstverkauf und haben hier keinen Anhang . . „Gut so," lobte Karasof, „wir setzen den Termin -an für die Nachmusterung der erfaßten Jünglinge, mrd die Schuldigen, die ohne Genehmigung ihre. Häuser ausbesserteu, werden vors Kreisgericht gestellt.!Ter andere, wie heißt der Verbrecher, Feiwel, der sich erkühnte, ohne Genehmigung ein Haus neu zu errichten, wird sich, getrennt von den übrigen, vor dem Strafrichter verantworten. Werde ihnen schon was zeigen, den Halunken, die mit ihren Schwindeleien den Ortsbehörden solche Schande und Ungelegenheiten bereiten. Vor allem aber," wandte er sich an den Sekretär, „eingehenden Bericht an die. Gouvernementskanzlei." — Nach einigen Dagen herrschte in Kratinik auf der einen Seite lauter Jubel, auf der anderen Trauer und Wehklage. Tie Gemusterten, die zwei Christen wie die zwei Juden, kamen dank der Mithilfe des' Tr. Astnut mit „weißen Billets" aus dem Amtsgebäude. Baruch war von den sechs erhaltenen Scheine:: gleich vier gut los geworden und war gedeckt . . . Mer in den Jubel der Befreiten mischte sich das herzzerreißende Jammern der armen Witwe Sarcch, deren einziger Sohn Daniel, obwohl noch garnicht militärpflichtig, als Soldat in die Gouvernementsstadt abtranshvrttert wurde. Tiefe Trauer kehrte auch in die ausgebesserten Häuser Mösches und Berls ein. Sie wurden' zu je fünfzig Rubel oder dreißig Tage Gefängnis verurteilt. Mer wer ermißt die Bestürzung des' armer: Feiwel, als ihm vom Gericht eröffnet wurde, sein ohne Erlaubnis selbst erbautes' Häuschen werde abgerissen, und er habe außerdem fünfzig Rubel Strafe zu zahlen oder für einen Monat ins Kreisgefängnis zu wandern. All sein Wernen mrd Flehen nützte nichts', auch nicht der Hinweis darauf,' daß es gar kein Haus, sondern nur eine Hütte sei, zudem noch außerhalb des Stadtbildes, auch nicht die Berufung auf seine zw eiund zwanzigjährige Dienstzeit und seinen siechen Zustand. Feiwel sah sein Lebenswerk, sein Lebensideal zerstört und ging ins Gefängnis, mit der trüben Aussicht, von dort gebrochen ins Hekdesch zu wanden: ... ra - Ein Jahr war verflossen, ohne daß sich in Krattnik etwas Besonderes ereignet hätte. Kleinigkeiten blieben unbeachtet. WIer kümmerte sich darum, daß eine neuerbaute Hütte außerhalb der Stadt von der Polizei abgerissen wurde, von deren Existenz überhaupt kaun: jemand was wußte? Oder wer vermißte Feiwel, den einäugigen Lastträger, der im Gefängnis seine „vier Wochen" absaß? Man kümmerte sich auch wenig um Schmachos, den Schreiber, der im Gefängnis seine „falschen Anzeigen" gegen den wackeren Karasof und ebenso tapfere::. Gehilfen büßte ... Alles' war satt und zufrieden in Kratinik. Karasof, Gregor, Tr. Asmut gaben sich gegenseitig Feste, mit Gelage und Spieltisch. Baruch hätte längst sein Geld Mt Zinzeszinsen wieder und gab neues her. Tos Auge des' Gesetzes, der Polizeikonvmissar Schukin nämlich, wachte, daß Keiner fortan mehr wagte, die verfallenen Wände seines Hauses gerade zu richten oder das' Tuch, durch das der Regen ins Haus fiel, auszubessern und keine ähnlichen Verbrechen begangen wurden. Tie Jünglinge mit den „weißen Billets" waren längst Bräutigame geworden. Es war ein Jahr tieffter Ruhe und satter Zufriedenheit für Krattnik. : -; -!Sü Aber urplötzlich, an einen: schönen Morgen eilte böse Kunde durch das Städtchen, holte die Langschläfer aus den Betten, drang ins Bethaus und raubte den Betern die Andacht mW Sammlung, scheuchte die Jünglinge ans ihren Elternhäusern und von der Seite ihrer Bräute . . . Hohe Beamte vom Gouvernement waren mit Gendarmen da. Das Amtsgebäude^ war von letzteren umstellt; das ganze Nest sollte ausgehoben werden. Wehe dem Karasof und seinen: Gehilfen Gregor und auch dem Dir. Asmut! Ihre Schandtaten schrieen so lange zum Himmel, bis sie .auch das Ohr des Gouverneurs und der noch Höheren in der Residenz erreichten. „Man sucht auch nach allen, die in den letzten Jahren durch Karasof und seine Diebesbände weiße Billete erhielten." Tiefe letztere Kunde beflügelte alle zur Tat,. zur Eile. Tas Bethaus leette sich. Jeder war, wenn nicht selbst betroffen, irgendwie interessiert. Der eine hatte einen Sohn, der andere einen Schwiegersohn und so fort . . . „Ist auch Karasof wirklich verhaftet?" fragte man ungläubig. „Und ob! Gehe hin und kannst sehen, wie zwei Gendarme mit blankgezogenen 'Degen vor seiner Türe stehe::. Oder meinst T-u, das sei eine Ehrenwache? . . „Und Gregor?" „Bekommt auch schon seinen Ehrensitz." ,)Ter Herr Gouverneur wird ihn zum „Sitzen" einladen," witzelte einer. „Er bleibt lau ge fitzen ..." „Und der Doktor?" „Dir. Asmut ist doch Freund und Verbündeter des „Mälach Hämowes" und hat wie dieser tausend Augen. Außerdem noch den Riechsinn eines Jagdhundes'. Er erfuhr alles schon einen Tag vorher und spazierte über, die Grenze. Vergaß, bei seinen Freunder: und Helfershelfern sich zu verabschieden und ließ sie in der Patsche ..." „Und was weiter?" „'Eben sind Gendarme in die Dörfer hinausgeschickt worden, um die vom Militär befreiten Bauernsöhne herzuholen." „O, unsere armen jüdischen Jungen!" „Keine Angst, Lieber. Diese haben noch -- bessere Augen und Ohren wie Tr. Asmut. Keinen von unseren trafen die Gendarme zu H au se an . . Der allwissende Bdjmieb Usiel wußte alles und er brachte bald die Kunde, daß mittags um zwei Uhr die „Herren" Karasof und Gregor mitsamt all ihren Mitarbeitern unter starker Eskorte vom Amtshause ins Gefängnis überführt werden, und man bereitete sich in der Menge auf ein würdiges Geleite vor. Pünktlich um zwei setzte sich in der Tat die Prozession vom Amtsgebäude aus in Bewegung. Auf der Straße bildete:: die Menschen zu beide:: Seiten. Spalier. Tie einst so Mächttgen gingen stuMm und gebeugten Hauptes mitten in einem Kordon fremder Polizisten mit blanken Schwertern, und hinter ihnen zog sich in Erregung und -glühender Neugierde alles, was sich in Kratinik auf den Füßen halten konnte. Unter per Menge befand sich auch Sarah, die arme Witwe. Ihre Lippen bewegten sich wie im Dankgebete: „Es steht zwar geschrieben: Beim Fallen Deines Feindes freue Tich nicht, aber . . ."

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