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Der Israelit · 1923-04-19 · Heft 16 (19.4.1923) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 16 (19.4.1923)
Date
1923-04-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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fo: April IS» die MM Mev A«fsffiW,eÜ!6« UechWfoM M Grunds HreS WesenV doch schließlich urnational im h i st o r i s ch e n Sinne des Wortes ist, wenn diese Orthodoxie sich gegen einzelne revolutionäre, die Mnheit störende Elemente in ihrer Mtte zur Wehr setzt, so macht sie nur von dem' legalen Rechte Gebrauch, das man jedem zuLlnftsfrohen Gemeinwesen zugeftehen muß. Leiden-gemeinschaft und Saßgemeiafchaft.!Tie jüngsten Vorgänge in Warschau sind umso ernster, als die polnische Presse sie plS Straßenaufläufe in die „chronique scandaleuse“ des Tages einreiht, und die Weltpresse sich mit einer kurzen Notiz über „Ausschreitungen" begnügt. Dias beweist, wie sehr die' Welt bereits gegen die jüdische Tragödie abgestumpft ist. In Warschau zählen die jüdischen Flüchtlinge aus Rußland, die in erster Reihe den Religionsverfolgungen Vonseiten der Sowjetregierung entronnen sind, nach Tausenden. Sie werden wieder gewaltsam über die Grenze, der Sowjetjustiz zugetrieben.!Tie gleiche Sowjetjustiz hat >einen katholischen Geistlichen hinrichten lassen, dafür schlägt , man Ln den Warschauer Straßen planmäßig nach offiziellen und in offiziellen Reden jüdischen Bürgern die Fensterscheiben und auch die Schädel ein. In Moskau hat immerhin ein regelrechtes Gericht einen Manschen, wie wir annehmen, zu Unrecht, zum Tode verurteilt, und die Welt protestiert gegen diesen Justizmord. In Warschau hat man ohne Kläger und Richter hundert Juden am hellichten Tage zu Krüppeln geschlagen, und die Welt — erfährt davon durch eine, Notiz in der Sjkandalchronik der Tageszeitungen. Tiefer - Tage brachten liberale deutsche Tageszeitungen Berichte aus dem polnischen Oberschlesien unter dem Titel „Deutsch-jüdische Leidensaemeinschaft". Dort lautet die Parole: „Deutschen raus und raus mit den Juden!" Wird diese Synthese des Leides auf die Hetzprefse in Berlin und München mehr Eindruck machen, als die Tatsache der gegen Juden gerichteten Religionsverfolgungen in Rußland auf die Warschauer Blätter? Es ist Noch nicht lange her, daß im russischen Warschau Juden für das Poleutum gelitten Haben. Zur Stunde noch leiden Juden in Neupolen schwer für das!D eü t s ch t u m. Zum Danke werden heute die Juden in Polen als „Verbündete der russischen Bolschewisten" verprügelt und in' Deutschland und Deutsch oft er reich als Landfremde verschrieen. ,'M ist Äsvcchezu «iederdrückend, daß «K neben der „deutschjüdischen Leidensgemeinschaft" auch noch eine „deutschpolnische Haßgemeinschaft" geben kann! Ser Anschluß der Gemeinden des Karpalhengedietes an die preßsuraer Kanzlei. Sin Stück Settgelckickte. Wie gemeldet/ haben sich die orthodoxen Gemeinden im Osten der Slovakei, die bisher nicht organisiert waren, der Preßburger Kanzlei angeschloffen, sodatz diese nun mehr als eine halbe Million gesetzestreuer Juden vertritt. Die nachfolgenden Ausführungen der Wiener Jüdischen Presse stellen die allgemeine Bedeutung dieses Zusammenschluffes anfchyulich dar. Mit -dem Anschluß der orthodoxen Gemeinden in Podskarpatsko-Ruß an die PreßiPurger Zentralkanzlei hat ein wichtiges Kapitel innerjüdischer Geschichte der Nachkriegszeit seinen Ab-, schluß gefunden und ist der Weg zu einer konsolidierten Aufwärtsentwicklung und zu einer ruhigen, gesetzlich gesicherten Ausgestaltung des jüdischen Gemeindelebens geebnet worden. Mit Ausnahme von Erez Jisroel ist das jüdische Gemeindeleben während der letzten Jahre wohl kaum in einem Lande der Welt von Kämpfen und Verhetzungen der verschiedensten Art in dem Maße durchwühlt und zerrüttet worden, wie in dieser Provinz im äußersten Osten der Republik. Es dürfte demnach am Platze sein, einen kurzen Rückblick ans die Vorgänge zu werfen, die zum Anschluß der Gemeinden an die Preßburger Zentrale geführt haben, um einen Ausblick in die voraussichtliche zukünftige Gestaltung ber dortigen Verhältnisse gewinnen zu können. Denn das Eine scheint bei Vorkämpfern und Bekamp ferm dieses Anschlusses von vornherein unzweifelhaft festgestanden zu haben: Der Zusammenschluß sämtlicher auf orthodoxer Basis konstituierten jüdischen Gemeinden der tschechoslowakischen Republik zu einer eng zusammenhängenden Körperschaft wird nach verschiedenen Richtungen hin von entscheidender Bedeutung sein. Me denn auch die klare Erkenntnis von der Bedeutung des Anschlusses die Quelle ist für, die leidenschaftliche Beharrlichkeit, mit der beide Parteien im Rnssensko für ihren Standpunkt eingetreten waren, bis die Entscheidung des Gouvernements den Traditionen der Vergangenheit und dem ausgesprochenen Willen No. 18. Sette 8, fast aller Demeinden zu ihrem Machte v«rholsen hat und alle Quertreibereien gegen die Stärkung und Kräftigung der religiösen Gemeinwesen zu Schanden werdest ließ. Wir wollen zunächst von den Auswirkungen des Anschlusses auf die Beziehungen der jüdischen Gemeinden nach Außen zu den staatlichen und gonvernementalen Behörden sprechen. . Die Kämpfe, die das orthodoxe Judentum im früheren Ungarn um seine Existenz zu führen gezwungen war, sind den Lestrn dieser Zeitung im großen und ganzen wohl bekannt. Cs galt damals, dem Anprall der Resormwut einer Oberschicht assimilatorischer, innerlich von der praktischen Betätigung des Judentums abgekehrter Gemeindeleiter Widerstand zu leisten. Die Gefahr drohte vom Westen her. In 'Deutschland und Oesterreich und kurz darauf leider auch . in Böhmen und Mähren hatten sich zahlreiche „Glaubensgenossen" den Eintritt in das europäische „Kulturleben" durch Preisgabe ihrer persönlichen Religiösität erkauft. Willfährige „Reformrabbiner" hatten sich natürlich auch gefunden, die den altjüdischen geheiligten Gottesdienst und alle die Institutionen, die von jeher in den jüdischen Gemeinden im Sinne des Religionsgesetzes geführt waren, den neuen „Gesichtspunkten" dieser „aufgeklärten" Kreise anzupassen bereit waren. Die frommen Schichten in den Gemeinden der westlichen Länder waren auf den Kampf gegen diese Feinde der jüdischen Tradition nicht vorbereitet; ohne Mißtrauen hatten sie bei Anbruch der Emanzipationsära die Vertretung der jüdischen Geineinden in die Hände solcher aus dem Judentum hinaus-- teudierender Führer gelegt.!Tie Folgen dieser Vertrauensseligkeit sind hinlänglich bekannt. Man braucht nur einen Blick zu Am in die allstem rühmten Gemeinden in Böhmen und Mähren, in Gemeinden, deren Vergangenheit Ruhmesblätter unserer Geschichte bildet, um eine leise Ahnung von dem Schicksal zu bekommen, das auch unseren Geineinden und dein persönlichen religiösen Leben eines jeden einzelnen von uns zuteil geworden wäre, wenn unsere großen Rabbiner und orthodoxen Känipfer vor 45 Jahren aus den Erfahrungen im Westen nicht die richtigen Lehren gezogen hätten. Tie sogenannte „Trennung", die nichts anderes war und ist, als der Zusammenschluß der Bedrohten und Angegriffenen zur Verteidigung ihrer höchsten Güter und zur Erhaltung und — wo es nötig war — Neuerrichtung der echtjüdischen Gemeinden, war die große Tat, die uns von dem gleichen Schicksal bis auf derr heutigen Tag bewahrt hat. Wohl war es den großen Gründern der separierten orthodoxen Gemeindeo rganisation raeliten 40 Jahre in der Wüste auf, da sie nur 11 Tage vom heiligen Lande entfernt waren? Diese Talmudstelle wie auch der Disput des R. Jochanan ben Sakkai mit dem greisen Sadduzäer ist aus mehr als einem Grunde sehr auffallend. Bor allem: Warum antworteten nicht die Sadduzäer frei und offen, daß sie sich auf das navn ninvv berufen und den Ausdruck nav wörtlich nehmen gleich 7>av JWMrä? ferner: warum titulierte R. Jochanan ben Sakkai feine Gegner mit ö’ttlV, Thoren, da ihre Berufung auf einen Btbelvers gar nicht so töricht ist? Am auffallendsten ist aber folgendes: Der Talmud selbst zitiert die verschiedensten Ansichten der Tanaim, um zu beweisen, daß unter navn rnnvv nicht der Tag nach dem Sabbat (also der Sonntag), sondern der Tag nach dem ersten Peffachfeiertage zu verstehen ist (Menachot V5d und 66a). Demnach hätten doch logischerweise die Sadduzäer an R. Jochanan ben Sakkai die Frage richten können, woher er wiffe, daß unter navn nnriöö nicht Sonntag zu verstehen sei? All diese Fragen beantwortet der Kali scher Raw, Rabbi Jecheskel Lipschitz, in seinem vorzüglichen Werke nvpvm VHön (zum Wochenabschnitt nn») auf folgende höchst geistreiche Weise, die es verdient, hier wiedergegeben zu werden. Das Gebot des ist bekanntlich in "YiöK (3. B. M. Kap. 33, 10—15) enthalten. Dort heißt es blos: „Wenn ihr kommen werdet in das Land, das ich euch gebe,.... dann sollet ihr ein Omer dem Priester bringen". Aus welcher Getreideart dieses Omer bestehen soll, wird in der Thora nicht ausdrücklich gesagt, ebenso nicht, welcher Sabbat unter mp zu verstehen wäre. Die Tradition aber behauptet, daß das Omer aus der ersten reifen Gerste bestand, indem sie es von einer mv m» ableitet (a*3K—a’an, Menachot 88b). Dieselbe Tradition behauptet ferner, daß Ninvv an*« sich auf de« erste« Tag Peffach beziehe«, weil ° 2'v ov> ebenfalls nav genannt wird. Nach der Tradition wiffen wir demnach vor allem, daß das Omer aus Gerste bestand. Der Schnitt der Gerste beginnt in Palästina im [D*3 und von diesem Schnitt sollen wir beginnen zu zählen. Wir wiffen nur nicht den Tag, an welchem mir diesem Schnitt begonnen wird, da nur von 712V die Rede ist. Dieser 713V kann jedenfalls nur im Nissan sein. Nun behauptet die Tradition, daß unter diesem riav der erste Tag Pesiach gemeint ist. Der Zeitpunkt des Beginnes der Sephira ist demnach gegeben. Negiert man aber die Tradition oder leugnet man sie gänzlich nach Art der Sadduzäer, dann weiß man überhaupt nicht, was unter zu verstehen sei (da in der Thora darüber nichts Näheres gesagt wird). Weiß man nicht, waS Omer ist, dann weiß man auch naturgemäß nicht, von welchem TDV in der Thora die Rede ist, da das Jahr mehr als fünfzig Sabbate hat*) und im Jahre mehrmals geerntet wird. Der Beginn der Sephira könnte demnach — nach Ansicht der die Tradition negierenden Sadduzäer — ebensogut auf jeden beliebigen Monat des Jahres, in dem geerntet wird, verlegt werden. Das bildete auch den Kern der Frage, die R. Jochanan ben Sakkai an die Sadduzäer richtete. Ihr feiert das Schobuotfest stets an einem Sonntag, weil ihr das wvn rnnvv, abweichend von der Tradition, wörtlich auffaflet. Ist aber dies der Fall, dann wisset ihr doch nickt, was Omer ist und welcher Sabbat unter den vielen Sabbaten des Jahres unter TDVn mnöD zu verstehen wäre — dann aber ist doch daS ganze Schobuotfest für euch in Frage gestellt. Feiert ihr aber trotzdem das Jest'71-arp am so. Lüge nach Darbringung *) Bgl. Msnachot S0s : rvnLv wh* rA» njv« San "m pm> vmt. des Omer, dann müsset ihr doch unwillkürlich zuqeben, daß dieses Omer aus der ersten reifen Gerste bestand ganz im Sinne der Tradition. Andererseits aber leugnet ihr die Tradition, indem ihr das riavn mtoöö abweichend von der Ueberlieferung wörtlich auffaffet. Ist denn nicht ein solcher Borgang töricht zu nennen? So in die Enge getrieben, wußte ihm niemand m antworten, bis auf jenen G^eiS, der der ganzen Debatte einen scherzhaften Anstrich zu geben versuchte und dem R. Jochanan ben Sakkai ebenso scherzhaft, als schlagfertig antwortete. Pflicht der Sadduzäer wäre es gewesen, der Wahrheit die Ehre zu geben und ihr „törichtes" Borgehen elnzugestehen. Es gibt aber Dinge, gegen die selbst Götter vergebens kämpfen. Kleines Feuilleton. Die Men in Bemel. In Memel haben bereits um die Mitte des 17. Jahrhunderts Juden gewohnt. Die ältesten jüdischen Akten in den städtischen Archiven stammen vom Jahre 1664. Dort ist die Rede von einem jüdischen Bürger, namens MoscheJükobsoyn. Ein richtiges jüdisches Gemeinwesen entwickelt sich langsam erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts, da nach den Befreiungskriegen ein reger Handelsverkehr mit Rußland einsetzte. Die Juden nahmen großen Anteil an dem Handel mit Holz, Getreide und Flachs. Im Jahre 1818 zählte die Memeler Gemeinde Sb ansässige jüdische Familien zu denen noch viele kamen, die sich geschäftShalbe vorübergehend i« der Stadt aufhielten. Um dies

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