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Der Israelit · 1923-10-18 · Heft 42 (18.10.1923) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 42 (18.10.1923)
Date
1923-10-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 42 18 Oktober 1923 ■ ® *t Israelit Hauptzweig unserer heutigen ärztlichen Tätigkeit, die Frauenheilkunde und Geburtshilfe, lag im ganzen Altertum nicht in den Händen der Aerzte, sondern der Hebammen. Vor einer Operation zieht der Arzt seine Lederschürze an und schnallt den Patienten auf dem Tische fest, seine Verbandtasche oder Thruntheq, enthält ein Schreibrohr, Messer und Schere. Ein Spezialistentum, wie es sich in unserer Zeit in allen möglichen Zweigen ausgebildet hat, gab es damals noch nicht. Auch von jüdischen Militärärzten finden wir nichts in unseren Quellen, es gab sie auch nicht in dem stehenden Heere der Könige. Rabbi Iochanan ben Sakkai bat den römischen Feldherrn Vespasian unter anderem auch um Aerzte, die Juden hatten somit keine oder sie muhten schon gefallen sein. Der Talmud bringt in Sanhedrin die Vorschrift, nicht in einer Stadt zu wohnen, in der sich kein Arzt befindet. Oeffentliche Aerzte, die von Staats- oder Gemeindewegen angestellt waren, wie unsere Kreisärzte, scheint es bei den Juden nicht gegeben zu haben. In Aegypten und Rom war diese Einrichtung vorhanden. In Rom hießen diese Aerzte Archiater, sie werden auch im Midrasch Rabba erwähnt. Der Arzt war auch zugleich Apotheker, der Migdal, von dem die Mischnah spricht, enthielt wohl außer den Instrumenten auch eine Handapotheke. Sehr interessant ist die Tatsache, daß es auch damals schon zwei Gruppen von Medizinern gab, solche, die sich mehr mit theoretischen Studien befaßten, und solche, die auch experimentelle Studien, also auch Versuche am lebenden Objekt, nicht scheuten. Die Einführung des Experimentes in die Naturwissenschaft ist ein Hauptkennzeichen unserer modernen Forschung, aber auch die Talmudlehrer haben schon experimentiert, man nannte sie Asquan bedeworim. Rabbi Simon ben Chalaphta wollte, wie der Talmud in Chulin erzählt, dem Rabbi Jehuda beweisen, daß ein gerupfter Vogel nicht sterben müsse. Er rupfte eine Henne, setzte sie in einen Ofen und deckte sie mit einer Schmiedeschürze zu, das Tier bekam ein dichteres Gefieder wie vorher. Das ist ein biologisches Experiment, wie wir heute sagen würden, d. h. ein Versuch zur Ergründung der Lebensvorgänge bei einem mit Leben begabten Wesen. Was die Ausbildung der Aerzte anbelangt, so gab es damals natürlich noch keine Institute, wie sie heute in unseren Universitäten bestehen. In den Lehrhäusern wurden sehr oft auch medizinische Probleme besprochen, schon mit Rücksicht auf die Halacha, vor allem auch in juristischer Beziehung. Ferner werden bei Lehrvorträgen gelegentlich auch Mittel gegen Krankheiten erwähnt, Rabba bespricht ein von ihm hergestelltes Pflaster im Lehrhause von Machoza, wie der Talmud in Sabbat berichtet. Die praktische Ausbildung bestand, wie allgemein im Altertum, darin, daß der Arzt seine Schüler bei seinen Besuchen mit in die Praxis nahm. Wir würden diese Einrichtung heute als Distriktspoliklinik bezeichnen. So handelt es sich einmal im Lehrhause zu Lydda um die Frage, ob eine Anzahl von Knochen von einem und demselben Skelett herstamme oder nicht. Da heißt es: es kam der Arzt Thodos und alle Aerzte mit ihm. Offenbar sind unter den anderen Aerzten seine Schüler zu verstehen, damit ist auch erklärt, weshalb so häufig in der Bibel und im Talmud von den Aerzten in der Mehrzahl die Rede ist. Wie Preuß meint, ist es auch damals wohl schon vorgekommen, daß die Patienten' von einem Arzte zum anderen gingen, wenn ihnen die Behandlung zu lange dauerte. Die Rophim, von denen bei der Einbalsamierung der Leiche Jakobs die Rede ist, hat man sich nicht als Angehörige des Aerztestandes vorzustellen. Es waren vielmehr Sklaven, die nur dieses Gewerbe ausübten und sogar eine sehr niedrige Stellung einnahmen. Es wird berichtet, daß sie sich schleunigst flüchten mußten, sobald sie mit der Einbalsamierung fertig waren, da das Volk sie wegen Leichenschändung mit Steinen bewarf. Im Talmud werden verschiedene Männer direkt als Aerzte bezeichnet, wie der schon einmal genannte Thodos, andere Gelehrte dagegen nicht, und doch ersieht man aus ihren Lehren, daß sie große medizinische Kenntnisse besaßen. (Fortsetzung folgt.) Korrespondenzen « Nachrichten. Deutsches Reich. Durrcvreltungen. B e u t h e n, 10. Oktober. Bei den erneuten Ausschreitungen vom 5. Oktober, wobei die Angreifer, etwa 200 junge Burschen, mit Messern und Knüppeln ausgerüstet waren und sich auf jeden jüdischen Passanten mit dem Rufe: „Schlagt den Juden tot!" stürzten, sind, soweit bis jetzt festgestellt, 20 Juden zum Teil schwer verletzt worden. Es sei bemerkt, daß in keinem Falle irgendeine Veranlassung für die Ausschreitungen gegeben wurde. Es handelt sich vielmehr in allen Fällen um einen verabredeten Pogrom, von dem man in den Kreisen der antisemitischen Kampsverbände schon seit längerer Zeit sprach. Das feldgeriebtsurtefl gegen Havvlner Zchapira bestätigt. Warschau, 10. Okt. Am Freitag den 28. September begann in Plozk vor einem Kriegsgericht die Revisionsverhandlung in Sachen des von einem polnischen Feldgericht zur Zeit des polnisch-russischen Krieges im Jahre 1920 verurteilten und erschossenen Rabbiners von Plozk, Ehaim Schapira, statt. Bekanntlich hat das oberste polnische Gericht nach längerer Untersuchung das Feldgerichtsurteil ausgehoben und eine neuerliche Verhandlung vor einem Kriegsgericht angeordnet. Das Revisionsgericht, das sich aus Offizieren der. Warschauer Garnison zusammensetzt, hat nun nach zweitägiger Verhandlung das seinerzeitige Urteil des Feldgerichtes bestätigt. Die Stimmung unter der polnischen Judenheit ist infolge dieses Prozetzausganges eine über alle Matzen gedrückte. Die Kreise, die sich um den antisemitischen Rozwoij-Bund gruppieren, äutzern über den Prozetzausgang freudige Genugtuung. Die Wahlen zu den Kebillos und 2«m Nationalrat ln Litauen. K o w n o , 15. Okt. Der definitive Ausgang der Kehillos-Wahlen im ganzen Lande ist noch nicht bekanntgegeben. Bis jetzt steht fest, datz der Sieg des A ch d u t h auf der ganzen Linie ein vollkommener ist. In Kowno mitsamt Slobotko sind 13 von der Achduthliste gewählt. In Poniwesch sind 18 Mandate der Agudas Jisroel zugefallen. In Telsch erhielt Achduth 9, in Pilwischki S, in Rosieny 7, in Plungian 6 Mandate. Die Wahlbeteiligung war so schwach wie noch nie. In Kowno haben sich kaum 25 o/o an der Wahl beteiligt. Die Nationalratswahlen fanden unter fast völliger Nichtbeteiligung der Eesetzestreuen statt, sodatz dem Nationalrat nicht die geringste Autorität innewohnen wird. In den Kehillausverwaltungen dürften sich die vereinigten Achduth, Aguda und Unparteiischen absolute Majorität errungen haben. sich durch eine Flotzsahrt aus dem kleinen Teich im Garten, einem leidenschaftlich betriebenen, völlig gefahrlosen Sport. Wer lesen oder spielen will, zieht sich auf eine der schattigen Bänke im Garten zuück. In einer traulichen Laube lauschen besonders die kleineren Kinder mit Andacht den Geschichten, die eine der Aussichtsdamen erzählt. Wiederum ein Glockenzeichen unterbricht das Spiel der Kinder, und in nach Alter und Geschlecht eingeteilten Gruppen eilen sie zum Baderaum, wo jedes Kind mit Seife gewaschen, kräftig gebürstet und zuerst warm dann kalt gedoucht wird. An dieser gründlichen, kräftigenden und abhärtenden Hautpflege haben die meisten Kinder das größte Vergnügen. Ist das Wetter sehr heiß, dann fällt das Douchen aus und die Kinder gehen, Buben und Mädchen getrennt, in's Schwimmbad, das auf schattigem Wege in fünf Minuten erreicht ist an allen Vormittagen nur den Kindern des jüdischen Landheims zur Verfügung steht. An das Baden schließen sich ausgiebige Luftbäder an. Punkt 12 Uhr läutet's zum Mittagessen. Alle Kinder müssen ihre Hände waschen, dann geht's in den großen Speisesaal. Das Esten, das in Anwesenheit des Aussichtspersonals eingenommen wird, wird von der Küche in Kesseln von vertrauenerweckendem Umfang hereingebracht, die Helferinnen versorgen rasch die ganze Tafelrunde und es ist für Jeden, der ein Herz für Kinder hat eine Freude zu sehen, wie und was da gegessen wird. Die Kinder liefern täglich erneut den Beweis dafür, daß die Zubereitung vortrefflich ist. Datz die rituellen Vorschriften strengstens eingehalten werden, dafür bürgt die Aufsicht der beiden Münchener Rabbiner. Nach Tisch benscht einer der großen Jungen vor. dann tritt eine zweistündige Ruhepause ein. Um 3 Uhr ruft die Glocke die Gruppe der Mittleren zum Turnen. Die anderen Kinder erscheinen auch bald ausgeruht auf der Bildfläche, um ihre selbstgewählte Beschäftigung wieder auszunehmen. Um 7+4 Uhr turnen die Kleinen. Um 4 Uhr gibts Vesper für alle, bestehend aus Milchkakao mit Butterbot in beliebiger Menge. Dann werden, je nach der Witterung, unter Aufsicht Spaziergänge in die°nahen Wälder oder in die weitere herrliche Umgebung unternommen. Um 7 Uhr ttifft sich alles wieder beim Abendesten. Nach dem Tischgebet gehen die Kleinen schlafen und um 9 Uhr folgen ihnen auch die Großen, die bis dahin allerhand Gesellschaftsspiele gespielt haben. Wenn alle Kinder glücklich in ihren Betten liegen, erscheint in jedem Zimmer eine Aussichtsdame, verrichtet mit den Kindern das Nachtgebet und später darf nicht mehr gesprochen werden. In Frieden ruht nun das weite Haus und der herrliche Garten. Die reine Nachtlust zieht durch die offenen Fenster, die Kinder träumen einem neuen glücklichen Ferientag entgegen, die Leiterinnen ruhen aus von ihrer mühevollen und anstrengenden Arbeit. In einem Haus in dem bis 60 Kinder leben, gibt es naturgemäß auch hin und wieder gesundheitliche Störungen, die Sorgen und Aufregung bringen. Eine Aerztin, die zugleich das Amt der Lehrerin versieht, wohnt im Hause und zwei bis dreimal wöchentlich, wenn nicht öfter nötig, erscheint der leitende Arzt. Jedes Kind wird sofort nach Ankunft genau untersucht und beim Kommen und Gehen gewogen und gemessen. Der Sabbat bildet im Kinderheim einen weihevollen Ruhetag und gerade aus Kinder, die nicht aus religiösen Häusern stammen, macht der Freitag- Abend mit seiner festlichen Tafel, seinen ergreifenden Gesängen einen tiesen Eindruck, der sicher bei vielen Kindern für das ganze Leben nachwirkt. Fast noch schöner als ein leuchtender Sommertag ist ein glanzvoller Wintertag in Wolfratshausen. Die Luft ist im Winter in dem schneebedeckten, durch die nahen Alpen vor rauhen Nordwinden geschützten Tal, ganz unvergleichlich rein und mild, die Sonnenstrahlung ist sehr intensiv und den Kindern ist reiche Gelegenheit zum Rodel- und Skisport gegeben: So erklärt es sich, datz gerade während der Wintermonate die Heilerfolge bei schwächlichen oder rekonvaleszenten Kindern besonders günstig sind. An sonnenlosen Tagen, wird, wo das nötig erscheint, die Bestrahlung mit Höhensonne angewandt. Für ausgezeichneten Unterricht in den Elementar- und Gymnasialfächern ist im Heim Sorge getragen. Anftagen bitten wir zu richten an Herrn Benno Lewin, München, Kaufingerstraße 34. Sabbat-Anfang »nd -Ausgang. ' Ort: Anfang Datum Ausg. Uhr jMin. 1923 6684 Uhr |yJtin. Frankfurt a. M. 5 — 20. 10. 6 15 Berlin .... 6 44 15 Okt. Marcheschwan 7 24 München . . . 5 5 56 Köln. 5 15 6 15 Stuttgart . . . 5 15 6 07 Breslau.... 3 5 05 5 35 Nürnberg . . . 5 — 5 56 Hamburg . . . 5 05 5 58

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