Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1923)
- Date
- 1923-02-15
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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15 Jebrvar 1823. Blätter^?rr. i Sette L Gin neues -aWina-Anlerehmen. Berlin, 8. Febr. Unier der Firma „Pasyreg" Orient-Export Aktien-Gesellschuft ist mit dem Sitz in Berlin, Taubenstraße 47, ein Unternehmen gegründet worden, welches die Ausfuhr von Maren aus Deutschland nach Palästina, Syrien, Aegypten und anderen Ländern des nahen Orients, sowie die Einfuhr oer Erzeugnisse dieser Gebiete bezweckt. Ferner soll sich die Gesellschaft mit der industriellen Erschließung Palästinas befassen. Das Zustandekommen des neuen Unternehmens ist dem Zusammenwirken von jüdischen Großfirmen in Berlin und Frankfurt mit Institutionen und Gruppen, die sich für. den Aulbau Palästinas einsetzen, zu verdanken. An den Vorbereitungen zur Gründung der Gesellschaft beteiligteu sich die neutralen Palästina-Vereinigungen, die „Allgemeine Jüdische Kolonisations-Organisation", sowie das „Hilfskomitee für Palästina" und in besonders reger Weife auch die Palästina-Zentrale der „Agudas Jisroel". Gleichzeitig traten mehrere zionistische Gruppen, welche den Aufbau Palästinas durch die Anregung der Privatinitiative befürworten, eifrig für das Unternehmen ein. Der „Pasyreg" wurde auch die Unterstützung der zur Zeit in Deutschland wohnenden russisch-jüdischen Großkaufleute gesichert. Das Anfangskapital der Gesellschaft beträgt 30 Millionen Mark. Daneben verfügt jedoch die „Pasyreg" über sehr ausgedehnte Warenkredite, die ihr von zahlreichen Industriellen und Großsiruven zugesichert wurden. Das Gesellschaftskapital soll demnächst erheblich vergrößert werden. Die neue Gesellschaft besitzt bereits in Palästina und den Nachbarländern ausgedehnte, erfolgversprechende Beziehungen. Ihre kommerzielle Tätigkeit ist noch vor der formellen Gründung der Gesellschaft eingeleitet worden. Ebenso sind die Vorbereitungen für die Initiative der Gesellschaft auf industriellem Gebiete bereits im In Bezug auf die geschäftlichen Aussichten des neuen Unternehmens ist Folgendes zu sagen: In dem gegenwärtig aufblühenden palästinensischen Länderkreitz macht sich ein stetig wachsendes Bedürfnis nach Waren jeder Art bemerkbar. Deutschland bildet infolge seiner industriellen Leistungsfähigkeit und seiner niedrigen Valuta die Hauptbezugsquelle für den dortigen Handel, Der Export ist jedoch bis jetzt so mangelhaft organisiert, daß es nach Ansicht der Sachverständigen im Interesse des wirtschaftlichen Aufbaues Palästinas liegt, gerade in Deut,chland eine Orient-Handelsgesellschaft zu gründen. Nach den bisherigen Erfahrungen darf der Handel nach der Levante als rentables Unternehmen gelten. Vom Geben und Aehmen. Bon Dr. Raphael Breuer. (Schluß). Wir sprachen vom Geben, wir wollen nun auch vom Nehmen reden. Es g bt nämlich im Sinne der Thora so gut wie eine Pflicht des Gebens, auch eine Pflicht des Nehmens. Auch das Nchmen kann unter Umständen eine so heilige Pflicht fetif wie das Geben. Wer z. B. zu alt oder zu krank ist, um sich bon seiner Hände Arbeit zu ernähren oder wer beim besten Willen seine Töchter nicht verheiraten kann, der ist verpflichtet, Zdokoh zu nchmen. Weigert er sich, fremde Hilfe anzunehmen, dann, gilt er nach jüdischer Anschauung! als ein leichtsinniger Mensch, der mit seinem Leben nnd dem Leben seiner Kinder freventlich spielt. Ja, unsere Weisen verurteilen diesen Leichtsinn so scharf, daß sie einen Armen, der sich weigerte, Zdokoh zu nchmen, geradezu als einen Mörder bezeichnen: „Wer nchmen müßte und nimmt nicht, der ist em Mörder. W ist verboten, MUerdi mit ihm zw Haben. siTemi.wenn ihm. sein, eigenes Leben gleichgültig ist, dann wird ihm das Leben Anderer erst recht gleichgültig sein." Natürlich hat die Pflicht des Nehmens auch ihre Grenzen. Sie ist nur dann eine Pflicht, .wenn sie in unausweichlichem Zwang! begrünet ist. Ans Faulheit, .aus Begehrlichkeit um) ähnlichen MoAven Zdokoh zu nchmen, ist Sünde. „Lebe mi Sabbat nicht besser als am Werktage und mache dich nicht der Menschenhilfe bedürftig." Besser ists, sich einzuschränken, als ohne dringende Not fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. Denn ein köstliches Gut ist die Selbständigkeit. Braucht erst gesagt zu werden, daß jemand, der sich unter der Maske eines Bedürftigen idturch Lug und Drug das Mitleid seiner Nebenmenschen erlistet, mit solchem Frevel seine Menschenwürde preisgibt? „Er wird nicht sterben, ohne den bitteren Kelche wirklicher Bedürftigkeit, gekostet zu haben." Das sind so in großen Zügen die wichtigsten Bestimmungen des Religionsgesetzes über die Pflicht des Nehmens. Sie sind heute aktueller .als je. Denn ich glaube nicht an das Märchen, daß es Allen ohne Ausnahme gut geht, bei denen man es voraussetzt. „Millionäre" sind wir ja heute mehr oder weniger alle. Die Frage ist bloß, ob alle diese Millionäre auch in der Lage sind, sich richtig satt zu essen. Und da glaube ich eben, daß es gar manche geben dürfte, die nur aus falscher Scham die Pflicht des Nehmens nicht erfüllen. Daher sollten wir alle einmal uns selbst vor Augen führen, ob denn nicht wir diese falsche Scham irgendwie verschuldet haben. Diese falsche Scham ist in der Hauptsache auf zwei Ursachen zurückzuführen. Bor allem auf die Geringschätzung, mit der reiche Leute auf die große Masse der unteren Zehntausend herabzuschauen pflegen, obwohl diese Geringschätzung vielleicht noch nie so unberechtigt war wie in unseren Tagen. Denn wenn es jemals eine Zeit gegeben hat, in der der Wert, eines Menschen von der Höhe seiner Einnahmen n i ch t abhängig lvar, so ist es unsere Zeit, in der die großen Einnahmen halbwüchsiger Gassenjungen cs am schlagerchsten beweisen, daß das Geldv bedienen mit der DüchtiMeit und Bortrefflichkeit eines Menschen garnichts zu tun hat. Und doch steht es leider fest, daß auch heute die gesellschaftliche Stellung des Menschen sehr wesentlich durch seine Stellung im Wirtschaftsleben bedingt ist. D>a es nun nicht jedermanns Sache ist, sich von jedem hergelaufenen Mllionär von oben herab anschen zu lassen, werden sich Menschen aus empfindlichem Ehrgefühl, wenn überhaupt, nur sehr schwer entschließen, die Mildtätigkeit ihrer Nebenmenschen in Anspruch zu nehmen. Sie werden es vorziehen, lieber.schweigend zu hungern, als durch Bekanntmachung ihres Hungers neben der mitleidigen Hilfe ihrer Nebenmenschen auch ihr mitleidiges Lächeln in Kauf zu nehmen. Dieses fatsche Ehrgefühl ist es über nicht allein, was gar manche zurückhält, die Wohltätigkeit ihrer Nebenmenfchen in Anspruch zu nehmen. Es würde sich vielleicht mancher, der es bitter nötig hätte, mit Ueberwindung dieser falschen Scham zu diesem Schritt entschließen, wenn er sicher wäre, daß seine Privatangelegeiiheiten nicht gleich an die große Glocke gehängt würden. Es ist der Mangel an Verschwiegenheit, an Diskretion, der selbst den Wert der größten Spenden illusorisch macht, wenn sie ben, Charakter des ">NO2 fntt, der geheimen Spende, verliert. Wer jemals Gelegenheit hatte, für eine bedürftige Familie leine Sammlung zu veranstalten, weiß davon ein Lied zu singen, mit welch zudringlicher Neugierde da vielfach in alle Privatverhältnisse hineingestöbert wird, ehe man sich entschließt, sein Vst so bescheidenes Scherflein beizutragen. Gewiß ist -auch auf dem Gebiete der Wohltätigkeit Vorsicht am Platz. Mein diese Vorsicht darf niemals zu grämlichem, menschenverachtendem Mißtrauen ausarten. Gewiß gibt es auch unter den armen Leuten Betrüger. Ist denn #r. Betrügen ein HM lpgstmr - der reichen Leute? Gewiß ist es Pflicht, darüber zu wachen, daß die einem Sammler anvertrauten Gelder nicht unnütz und zweckwidrig verschleudert werden. Gilt es aber, Hungrige zu speisen, dann ist im Sinne der Thora, niemand, befugt, ' erst umstäMich nach ihrer Würdigkeit zu forschen. Werden denn nicht auch die.Schwerverbrecher in den Gefängnissen auf Staatskosten gespeist?- Wie sagt doch Lessing so fchön von der mit Geiz gepaarten Neugierde eines kleinlichen, engherzigen Menschen: „Er gab' so unhold, wenn er gab; erkundigte so ungestüm sich erst nach dem Empfänger; nie zufrieden, daß er nur den Mangel kenne, wollt' er auch des Mangels Ursach' wissen, um die Gäbe Nach dieser Ursach' fllzi'g abzuwägen." Es stände besser mit der sog!, sozialen Fürsorge, wenn sie sich begnügen würde, nur den Mangel zu kennen und nicht immer so neugierig auch des Mangels Ursach' wissen wollte, und gar mancher, der heute zu seinem und seiner F amilie Schaden seine Armut versteckt, könnte und würde diese falsche Scbam überwinden, wenn er vor sogenannten Wohltätern sicher iväre, die, wenn sie geben, so unhold geben, daß sie immer erst ungestüm sich nach dem Empfänger erkundigen und eben durch diese unholde Art ihres Gebens den sittlichen Wert ihrer Gabe zerstören. Aufgaben -er Agudas ZSroel Ortsgruppen. II. Wir haben in unserem letzten dieses.Thema behandelnden Artikel als erste Aufgabe der Aguda-Gruppen in den Großstädten..gekennzeichnet, die jungen vom Lande in . die Stadt verpflanzten Ges i nnungsg eno s sen durch altjüdische Gastfreundschaft vor dem verderblichen Gifthauch der großstädttschen. Atmosphäre zu bewahren. Heute möchten wir nun über die Aufgaben der Agudagruppen in den Landgemeinden sprechen, denn es scheint uns, daß, wenn irgendwo Agudas Jisroel in Deutschland , nötig ist, dies am meisten in den Landglemeinden der Fall ist. Ein großer Teil der orthodoxen Judenheit in Deutschland wohnt heute noch -auf dem Lande. Es gibt aber für einen geistig geweckten, jüdisch interessierten Menschen nichts,, was ihn nachdenklicher und pessimistischer - für die jüdische Zukunft der deutschen Juden stimmen könnte, als das jüdische Leben auf dem Lande. In einem sehr großen, vielleicht dem größten Teil der Landgemeinden beschränkt sich das öffentliche Gemeindeleben auf das rein mechanische, gewohnheitsmäßige Oren im. Gotteshaus. Gelernt wird nichts. Höchstens wenn ein Owel in der Gemeinde ist, versammelt sich allabeirdlich die man in dein Trauerhaus, wo der Lehrer mit seiner Gemeinde einen Schiur absitzt. Von irgendwelcher tiefen, geistigen Anregung, von einer . Ahnung davon, welch unvergleichlich hoher Kulturgehalt dem schriftlichen und mündlichen Gotteswort innewohnt, von einem Verständnis für die Eigenart des Talmuds, des Schulchan Aruch oder gar der religionsphflosophischen Schriften keine Spur. Miau denke sich nun einen jungen intelligenten Mann (und es schlummert viel unerkannte und unerweckte Intelligenz in den Landgemeinden) unter der Schar der allsabbatlich ihren Schiur Absitzenden, der später in die Großstadt, kommt und dort den brausenden Flutwellen des wissenschaftlichen, künstlerischen und . politischen Lebens .ausgesetzt ist. Muß der nicht von der Stobt wie die Fliege vorn Licht angezogen werden und wird er nicht, wenn seine Flügel schon halb versengt sind, im besten Falle mit wehmütigem Mitleid auf die geistigen Anregungen seiner Heimat zurückblicken. Schuld aber daran, daß dieser junge Mann der Jüdischke'it.entfremdet wird, . trägt die Indolenz der.Gesamtorthodoxie