Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1923)
- Date
- 1923-02-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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OMe 3 « x , 6 Der gftvtaifo; 8. Februar 1SSS. Sabbat da und verkaufen ihre LebmSmtttelwaren — und die jüdische Kundschaft kommt in Strömen und kaust. Mit tränendem Auge sehen wir diesem Schauspiele zu und das Herz krampst sich im Schmerze zusammen." So weit die Schilderung des Misrachiblattes, zu der der frohe sichere Ton in der Einlritung ganz und gar nicht paßt. Aber eine andere Feststellung vermögen wir bei dieser Gelegenheit nicht zu unterdrücken: Seit zwanzig Jahren, seit Bestehen des Mis-- rachi, wird der unabhängigen Orthodoxie von jener Sette die Frage Vorbehalten, ob es nicht besser und jüdischer wäre, statt die Organisation von außen zu bekämpfen, innerhalb derselben zu stehen und von innen heraus aus Besserung und Abstellung der zugegebenen Uebelstände hinzuwirken f Mit dem angeführten Zitat gibt sich Mtsracht selbst die Antwort, die er von uns nie hören wollte und will. Zwanzig Jahre Misrachi, zwanzig Jahre Jnnenarbeit haben es nicht verhindert, daß in den Straßen Jerusalems öffentlich der Sabbat entweiht, daß in von jüdischen Geldern erhaltenen jüdischen Schulen Palästinas Bibelkritik radikalster Art gelehrt, daß in jüdischen Amtsstuben Palästinas und Versammlungen immer mehr Stimmung für das aktive und sogar passive Wahlrecht der Frau gemacht wird, daß im Familienleben das Zivilrecht an Stelle des Thorarechtes tritt. Die letzten Vorkommnis, die das Mtsracht- Blatt selbst ganz richtig schildert, sind gewiß nicht dazu angetan, den frohen Optimismus, an dem Mtsrachi von seiner ersten Kindheit an krankt, noch zu stärken. Er sollte endlich erwachen und einsehen, wo er hingehört, wo mit seiner Hilfe die Einheitsfront einer geschlossenen jüdischen „öffentlichen Meinung" gegen die Religionsschänder und Verräter der heiligsten Volksideale im Lande der Väter zu bilden ist. türkischen Macht seftgelegt hatte, und wird dem englischen Prestige in ganz Borderasien, in Aegypten und Indien einen neuen furchtbaren Schlag versetzen. Es ist nicht zu befürchten, daß daraus unmittelbar revolutionäre Bewegungen in jenen Ländern entstehen werden, denn Englands Schiffskanonen und Tanks genügen fürs erste, um Araber und Hindus, Aeghpter und Afghanen im Zaum zu halten, aber es kann kaum ausbleiben, daß nunmehr die Schwache der englischen Politik gegenüber den panarabischen Forderungen in immer schärferem Maße sich geltend machen muß.*) Bisher ist es trotz aller abschwächenden und einschränkenden Erläuterungen der Balfour-Erklärung der englischen Diplomatie nicht gelungen, einen freundlichen Widerhall bei den Arabern Palästinas hervorzulocken — der geschloffene Widerstand^ gegen das politisch doch schon ganz bedeutungslos gewordene „national home" für die Juden lebt vielmehr ungebrochen in allen arabischen Kundgebungen und von irgendwelchem Verständnis für die wirtschaftlichen Vorteile, die das jüdische Siedlungswerk dem ganzen Lande bringt, ist in der arabischen Presse kaum eine Spur zu finden. Die Konstellation wird daher geradezu gefährlich in dem Augenblicke, in dem England sich im Kampfe gegen die Türken nach außen und den indisch-ägyptischen Nationalismus nach innen genötigt sieht, ein starkes, staatlich organisiertes Arabertum als feste Stütze in Vorderasien sich zu sichern und dessen Gunst durch Konzessionen zu gewinnen. Es hat keinen Zweck, sich über den Ernst dieser Lage irgendwelcher Täuschung hinzugeben. Der politische Szenenwechsel weist das jüdische Volk wieder einmal mit unverkennbarem Nachdruck auf sein eigenes Innere zurück, dorthin, wodas über die Jahrtausende raffen, 'Deutschen, abgeschlossen und dadurch für sich und ihre Block-Genossen einen stattlichen Wahlerfolg errungen. Aber sie können dieses Sieges ' nicht froh werden. 'Die Orthodoxie wußte, daß sie mit dem Block-Unternehmen, das ganz aus zionistischem Trutz-Geiste geboren war, einen gefährlichen Weg betrat. Sie beschritt ihn in dem Glauben, daß er erstens notwendig sei, daß der Block zweitens nur „technischen Charakter" trage und nach den Wahlen raschestes abgebaut werden könne und müsse. Dan» werde die Orthodoxie frei sein, ihre auf Versöhnung und weites Entgegenkommen anfgebaute traditionelle „Nationalitäten"-Politik wieder aufzunehrnen. Was aber sehen wir? Ter Block ist in der Tat „abgebaut", aber nicht durch den freie:: Willen der Juden, sondern durch einen schlauen Schachzug des Ministerpräsidenten Sikorski, der es fertig gebracht hat, in einem Atemzuge den Deutschen und Weißrussen alle goldnen Berge zu versprechen und den Juden zugleich einen kräftigen parlamentarischen Fußtritt zu versetzen. Folge: der Block fällt auseinander, die Deutschen und Weißrussen stimmen für das Budget, die Juden in strammer Opposition vereint mit den antisemitischen Nationaldemokraten dagegen! In der Falle sitzen, brüderlich geeint, Ziomsten und Orthodoxe, in dem tröstlichen Bewußtsein völliger parlamentarischer Isolierung, unmittelbar nach einem Wahlkampf, der ganz uns der Solidarität der Minderheiten aufgebant war, und der nur dieser Solidarität willen, die Klarheit der religiösen und politischen Prinzipien, namentlich die Abgrenzung gegenüber dem Zionismus, völlig in den Schatten hatte treten lassen! Es scheint uns die Pflicht der unabhängigen Presse zu sein, aus Wochennmdschaii. Lausanne. Der Abbruch der Konferenz von Lausanne ohne daß es gelungen wäre, die Türken zur Unterschrift des Friedensvertrages mit den Westmächten zu veranlassen, ist ein Ereignis von weittragender Bedeutung für die Völker der Erde, für den Weltfrieden, aber auch für die Zukunft des heiligen Landes, dessen Schicksal nicht nur formell mit demjenigen des Friedensvertrages von Svvres verknüpft ist. Der negative Ausgang der Konferenz besiegelt die Niederlage der englischen Orientpolittk, die sich auf die erträumte Siegerstellung der Griechen und auf die vernichtende Zurückdrängung der trauen auf den Gott der Geschichte verankert ist: 1? OW auf Ihn, dessen „die Gänge der Zeiten sind." diese Selbstironie der jüdisch-polnischen Wahlpolitik hinzuweisen, damit für die Zukunft die geeigneten Lehren daraus gezogen werden. Sie Lage in polen. Was in der inneren Politik Polens sich während der letzten Woche abgespielt hat, verdient die Aufmerksamkeit aller ersthaften jüdischen Politiker. Bekanntlich haben die Juden Polens mit Einschluß der Orthodoxie in dem ihnen vom einem bewußt ungerechten Wahlgesetz aufgedrängtent Notwehr-Kampfe einen Block mit sämtlichen „Minderheits-Nationen", den Ukrainern, Weiß- Die allerneueste „jüdische" Mffenfchast. Bon Rabbiner Dr. S. Kaatz in Hinderrburg O. S. II. So lveit der Verfasser. Nun steht doch ober in der Thora, daß Gott sich in Aegypten, trotzdem es ein Land ohne Regen war, offenbart, und daß Israel dort das Pessachopfer dargebracht hat? Das interessiert Herrn T. nicht, denn das paßt nicht in seine Wetterwolkentheorie. Ihn interessiert lediglich der *) Eine gründliche, feffelnd geschriebene Studie über englische Politik im nahen Osten veröffentlich HanS Kohn m No. 12 der Buber'schen Zeitschri „Der Jude." Kleines Willeivn. Laßt die Vögel singen; ... Streut den Vögeln Samenkörncr/datz sie singen! .. So befiehlt alter, frommer Brauch an den Sabbaten des Vorfrühlings. Und sie verdienen es, die Vögel in der Vorfrühlingsluft. . . . ES ist nicht wahr, datz „neue Zeiten neue Vögel bringen, die neue Lieder singen." Wahr ist es nur mit den neuen Vögeln — die alten sind in der kalten Luft erstarrt — aber ihre Lieder sind nicht neu, es sind die lieben alten, die das Bäterlied am Meere begleiteten, den rauchenden Sinai umrauschten... Die Menschen haben da8 Singen verlernt. Und wenn sie singen — dann ist es Hatzgesang, hochgehende Chöre der Rache, Die Bögelchen indes singen, wie sie immer sangen: von Liebe und Frieden und süßer Harmonie. Der Menschen Lieblosigkeit war es, die Elia, den Propheten, mit dem tiefen Weltschmerz im großen Herzen in die Oede des Flusses Ker it h trieb. Vögel waren's, wenn auch ihrer die schwärzesten, die ihm Liebe und Brod gebracht. . . . Im Talmud wird von einem grotzen Rabbi erzählt, der, von der Römer Hatz durch die Fluren gejagt, in deS Feldes Einsamkeit seine Seele mit „Tahor" ausüauchle. Bögelschaaren umringten und betreuten die Leiche und hielten Totenwache und wiesen mit ihrem Gesänge der jünger suchende Liebe auf die Spur zu dem «rüsten Totenbette . . . Um starre Leichname schöner Menschheitshoffnungen nnd hoher Völkerideale singen Vögel ewige Lieder von Freiheit, Freiheit der Persönlichkeit und Freiheit der Seele, von „Meer" und ,,Berg". . . . Treu tzalren sie die Wacht — bis neue Hoffnungen erblühen, neue Ideale in wärmerer Sonne der Erfüllung entgegenreifen ... Streut Samerköcner den Vögeln, Latz, sie singen, singen . . . Eine philosophische Handvivliothek. Von Dr. I. U. Die zunehmende Teuerung auf dem Büchermarkt welche die Anschaffung großer, umfassender Werke au* allen Gebieten der Wissenschaft für weite Kreise zur Unmöglichkeit macht, hat das Bedürfnis »ach knappen, leicht faßlichen Handbüchern besonders gesteigert. Für die Philosophie ist ein solcher Leitfaden nicht nur für den Studierenden, sondern auch sür den Laien, der sich eine mehr als oberflächliche Kenntnis dieses umfassenden Gebiets aneignen will, eine unbedingte Notwendigkeit. Diesem Bedürfnis will die im Verlag von Jos. Kösel (Kempten, München und Koblenz) erscheinende, von den Prosefforen Clemens Bäumker- München, Ludwig B a u r - Tübingen und Max Ettling e r - Münster begründete philosophischeHandbtblivthek entgeaenkommen, von der bis jetzt fünf Bände oorliegen, Das ganze Werk ist auf 14 Bände berechnet mit folgenden Abteilungen: Einleitung in die Philosophie, allgemeine Psychologie, Experimentalpsychologte, Erkenntnislehre, Logik und Meihodenlehre, Ontologie, Naturphilosophie, Ethik, Aesthetik, Geschichte der antiken, der patriftischen und mittelalterlichen, sowie der neueren Philosophie. Die Grundgedanken, auf denen das Werk sich aufbaut, sind: Die Möglichkeit obfektiver Erkenntnis überhaupt (gegenüber dem Agnostizismus, Relativismus und SubjekrivismuS). die Tatsache metaphysischer Grundlagen alles geistigen und sittlichen Lebens (gegenüber dem Materialismus); die Substanzialität der menschlichen Seele und die Persönlichkeit Gottes (gegenüber dem Monismus). Bon vornherein sei bemerkt, datz die Autoren den Standpunkt des Christentums und zwar des katholischen Christentums vertreten; daraus ergeben sich für uns eine Reihe von Momenten, die wir ablehnen müffen. Trotzdem ist das Werk feinem ganzen Charakter nach auch für uns wertvoll; denn eS bietet eine Betrachtungsweise, die im wesentlichen auf modernen Prinzipien beruht und die ganze wissenschaftliche Literatur berücksichtigt, dabei abiv, das Ziel einer auf theistifcher Grundlage ruhenden Weltanschauung niemals autzer Acht läht. Die „Einleitung in die Philosophie" von Dr. I. End res ist, wie der Verfasser im Vorwort bemerkt, als eine echte Einführung in das philosophische Studium gedacht und will deshalb eine kurze Uebersicht über daö philosophische Gesamtgebtet geben. Es werden die grundlegenden Begriffe erörtert, es werden ferner die Einteilung der Philosophie und ihre Richtungen dargelegt und die philosophischen Disziplinen mit ihren Hauptproblemen vorgeführt. Ein letzter Abschnitt ist dem Verhältnis zwischen Philosophie und Religion gewidmet. Darin ist natürlich manches enthalten, was sehr bestreitbar ist; so die Behauptung (S. 173), datz das Christentum von Anfang an und dauernd eine freundliche Stellung zur Philosophie eingenommen habe; oder die Ansicht, der Zweck der Offenbarung erfordere es, datz eine höchste, unfehlbare Instanz bestehe, welcher der Besitz und die Wahrung des depösitum fidei von Gott garantiert und anvertraut fei. Die Wahrung der jüdischen Offenbarung ist dem ganzen Volke anvertraut und ihre Auslegung erfolgt nach überlieferten, vernunftgemäßen Regeln. Mit Recht