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Der Israelit · 1923-01-25 · Heft 4 (25.1.1923) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 4 (25.1.1923)
Date
1923-01-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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SS. Januar MS Der Mraeu». Gestewetrh. ' Die Israellfifche Kulfusgemeinde und die LeiKenvervrennung. Me«, 1b. Jan. Der Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde hat nach Einvernehmen mit dem Rabbtnate beschlossen: „Es kann kein Zwettl darüber obwalten, daß der jüdischen Religion und der traditionellen und der geschichtlichen Ueberlieferung einzig und allein die Erdbestattung des Leichnams entspricht. Die Letchenverbrennung galt und gilt als unjüdisch. Wohl widerspricht es dem Geiste des Judentums, einen Zwang zur Einhaltung religionsgesetzlicher Vorschriften auf die Glaubensangehörigen auszuüben, doch ist es selbstverständlich, daß gewisse religiöse Zeremonien nicht bet einem Akte vorgenommen werden dürfen, Her zum Religionsgesetz im Gegensätze steht. Seitens der israelitischen Kultusgemetnde wird in jenen Fällen, in welchen die Einäscherung stattzufinden hat, der Leichnam den Organen der Gemeinde Wien Übergeben. Die zurückgestellte Urne oder Aschenkapsel wird von der israelitischen Kultusgemeinde für die Bestattung aus dem israelitischen Friedhofe übernommen werden. Bei dem Bestattungsakte werden religiöse Zeremonien nicht stattfinden." . 1 Her lln!oerl!1Si§!kanSal. Me«, S. Jan. Im Gemeinderar kommt in der Sitzung vom 21. Dezember 1922, GR. Plaschkes (Jüd.-nat.) im Verlaufe seiner/ temperamentvollen Ausführungen auch aus die. ungerechte Behandlung jüdischer Heimatrechtswerber zu sprechen und kritifiert in scharfer Weise das Vorgehen de- Stadtrates Richter. Sehr lebhaft wurde es, als der Redner auf den Untversitätsskandal zu sprechen kam, den er als den infamsten Borstoß der schwärzesten Reaktion bezeichnet. GR. Plaschkes sagte: Vielleicht wird Sie ein Ausspruch eines Ihnen gewiß bekannten Mannes, Dr. Luegers, interessieren, der in seiner Jugend gesagt hat: „Nur ein Trottel oder ein Schuft kann ein Antisemit sein!" Auf der Wiener Universität wird es künftig heißen: Wie die Schüler, so die Lehrer! Wie Herr Diener gesehen hat, daß er etwas Unangenehmes angerichtet habe, daß . die jüdischen Spender aus Amerika, Holland und Wien mit dem Streik drohen, hat er sich dazu entschlossen, einen Widerruf in die Zeitungen zu geben, büß man seine Aeußerung gegenüber der Studentenschaft mißdeutet habe." Plaschkes und seine Freunde stimmen für das Budget. Molen. ftas Sem polnischen Parlamente. Warschau, 9. Jan.!Fn den letzten iVerhcmdlunM gab es wieder Mische 'Interpellationen. Färbst e in interpellierte Wer die Ueberfülle auf jüdische Reisende in den StaatMchnen, an denen.sich auch Soldaten eifrig! beteiligen. Man scheut selbst vor Geistlichen nicht zurück. So! wurde am 4. 'Dezember auf der Fahrt nach Lembergs Rabbiner Gutermann, vhne jeglkiche H!evaussorderungj vvn seiner Seite, im Wagen dritter Klasse von Soldaten beschimpft und tätlich beleidigt. 'Als endlich Polizei erschien, blieb die Bitte des Rabbiners, ein Protokoll aufznnchmen, unbeachtet, und die Angreifer wurden auf freien Fuß gesetzt. Farbstein fragt die Ministerien für innere und Bahnangjelegenheiten, ab sie auf dem, Standpunkte der GleichberechtiWng aller Bürger Wen und, wenn ja, was sie für die Sicherheit der Mischen Reisenden zu tun gedenken.- In einer andern Sitzung trittder Dichutierte der Orthodoxie Kirschbraun mit einer drillenden JULechWtatton hervor in einer lAn- DelegenheiL, die Acht nur die Jstden, sondern, die gesamte Bevölkerung betrifft. Mit Rücksicht auf die unerträgliche Teuerung und Lebensmrttelnvt, wünscht et em strenges Ausfuhrverbvt für alle Lebensmittel. Die Not unter der Bevölkerung, aber ganz besonders Unter den Juden Warschaus, ist infolge der Teuerung unbeschreiblich und nimmt mit jedem Tage zu. Nur ein Ausfuhrverbot könnte diese Not ein wenig mildern. Pofnffdier flnfifemifismus. Warschau» 10. Jan. In der polnischen sozialistischen Zeitung „Robotnik" vom 23. Dezember wird ein Fall von Antisemttismus in Polen mitgeteilt, der bisher von keinem Lande der Welt übertroffen worden ist. Danach wurde am 16. Dezember in der Universität Warschau eine Versammlung der Studenten der Medizin abgehalten,' in welcher verlangt wurde, daß im Prosektorium die jüdischen Studenten nur jüdische Leichen sezieren dürften. Falls bis zum 8. Januar die jüdischen Studenten keine jüdischen Leichen liefern würden, seien sie von weiteren Arbeiten im Prosektorium auszuschließen ... Warschau, 33. Dez. Nach der amtlichen Statistik find von der 27 Millionen betragenden Bevölkerung Polens über 30 Proz., in Wirklichkeit etwa 40 Proz., Rtchtpolen. Unter diesen stehen nach den Ukrainern die Juden mit über 3 Millionen an zweiter Stelle. In mittleren und kleineren Städten machen sie häufig die Hälfte oder sogar 80 bis 90 Proz. der Bevölkerung aus. Warschau mit etwa 350000 Juden ist die größte Judenstadt des europäischen Kontinents. Die jüdischen Massen find im allgemeinen in einer elenden sozialen Lage. Als die stärkste bürgerliche Partei Polens, die der Nationaldemokraten, nach der russischen Revolution 1904/05 das Ideal der Unabhängigkeit Polens zugunsten einer Autonomie unter russischem Zepter preisgab, suchte sie nach an-, deren programmatischen Forderungen, mtt denen sich auf die Masse wirken ließ. Sie fand diese Forderungen in dem Deutschen- und Judenhaß. Und von dieser Partei geht auch die neue antisemitische Welle, gefördert durch die Ereignisse der letzten Monate aus. Requifition der Synagogen. Marsch-«, 20. Jan. Die offen antisemitische Verfügung des hiesigen Magistrats, laut welcher die zahlreichen Warschauer Bet- und Lehrhäuser requiriert und Wohnzwecken zugeführt werden sollen, hat hier die allgemeine Empörung in allen jüdischen Kreisen hervorgerufen. Infolge einer Intervention der Warschauer Orthodoxie beim Magistrat, sah sich dieser nunmehr genötigt, die Maßregel zu r e v o z i e r e n. gjetilanfr. Die Studentenhraroaiie in Lettland. Httga, 10. Jan. Die traurigen Ereignisse an der Universität haben nunmehr ein Ende gefunden, denn, erstens, wurden die Erklärungen des Btldungsministers im Landtag auf die seitens der jüdischen Fraktion mtt Unterstützung der anderen Minoritätenfraktionen und der linkem Sozialdemokraten eingebrachte Anftage als befriedigend anerkannt und, zweitens, haben in der Hochschule gestern die Weihnachtsferien begonnen. Daher steht zu hoffen, daß sich bis zum Beging des nächsten Semesters die Gemüter beruhigt haben werden und eine Fortsetzung der Unruhen, die naturgemäß weitere Kreise nach sich ziehen und auch das Wirtschaftsleben ungünstig zu Leeinfiüffen im-- stände findeinem ruhig abwägenden vernunftgemäßen Verhalten Platz machen. Inzwischen aber haben es die. aktiv nationalistischen Studenten für gut befunden, beim Universitätsrat die Einführung einer Norm für die Aufnahme von Juden zu beantragen und zwar soll dafür der Prozentsatz der Juden in Sfr, 4 Ctte fe der Armee — 11k — zur Grundlage genommen werden. Da der Prozentsatz der Juden an der Hochschule eben 12 beträgt (vor einem Jahr waren es noch 17), so wird die Forderung aufgestellt, die Aufuahme neuer Studenten jüdischer Nationalität vorläufig einzustellen nnd außerdem noch eine Siebung der Studenten auf Grundlage ihrer lettischen Sprachkenntnisse vorzunehmen. Man darf hoffen, daß auch diesen Ultranationalen der Kopf zurechtgesetzt wird. Cßttglanfr. Die Reiigionsnerfoigungen in Rußland und die Somletregierung. donbon, 15. Jan. Nach der unhöflichen, fast beleidigenden Antwort, die, wie. s. Zt. mitgeteilt, das Joint Foreign Comittee auf seine Intervention zugunsten der in der Ausübung ihrer religiösen Rechte behinderten russischen Juden von dem Londoner Vertreter der Sowjetregierung empfangen hatte, scheint sich diese letztere nun doch eines Besseren besonnen zu haben, in dem sie nachträglich eine sachliche Antwort auf das Schreiben gibt. Es heißt darin zunächst, daß die Behinderung des Religionsunterrichtes in den Mischen Schulen Sowjetrußlands auf das allgemeine Gesetz über die Trennung von Staat und Kirche zurückzuführen sei. Wenn man auch den Unterricht überhaupt in den hebräischen Schulen verboten habe, so 'sei doch durch dies Gesetz der Erziehung von Millionen russischer Kinder im Geiste der religiösen Intoleranz und des Antisemitismus ein Ende gemacht worden. Man lasse nicht zu, daß die Synagoge und das rabbtnische Amt für ^politische Propaganda" mißbraucht werde und der Rabbiner von Homel sei nur wegen solcher politischen Propaganda gerichtltcht bestraft worden! Das Schreiben beruft sich dann darauf, daß die vorhandenen Härten bet gleichmäßiger Durchführung des Gesetzes unvermeidlich seien und sucht den Spieß umzudrehen, indem es den westlichen Staaten und den jüdischen Kapitalisten ihre Gleichgülttgkeit gegen die Gewiffensbedrängung auf verschiedenen Gebieten des öffentlichen Lebens vorhält. Charakteristisch sind folgende Satze: „Es ist der Wille der Arbeiter (einschließlich auch der jüdischen Arbeiter) und der Bauern von Rußland, daß die Erziehung der Heranwachsenden Generation im Geiste der modernen Wissenschaft und dermodernen kritischen Weltbetrachtung erfolge. Daher entfernt man aus der Schule den Priester, den Pastor, den Mulla und den Rabbi. Hunderttausende unparteiischer (?) Arbeiter haben auf Versammlungen und Konferenzen die Sowjetregierung inständig gebeten, das Schulgesetz auch auf das Cheder anzuwenden, geradeso wie es von Anfang an auf die Schulen der anderen Kulte angewendet wurde. Die jüdischen Arbeitermaffen haben das Cheder verurteilt, jenes Ueberbleibsel des Mittelalters, das die reichen Juden für gut genug halten für die Kinder der Armen, aber in das sie ihre eigenen Kinder nicht schicken, und haben seine vollkommene Abschaffung gefordert. Hinsichtlich der Enteignung der Kirchenfchätze behauptet das Schreiben, daß die für religiöse Zwecke „wesentlichen" Gegenstände nicht weggenommen worden seien. Es seien — von wenigen Ausnahmen abgesehen — in dieser Hinsicht auch keine Konflikte in den jüdischen Synagogen vorgekommen. Endlich beruft sich die Sowjetregierung darauf, daß „sehr beträchtliche Teile der jüdischen Bevölkerung sich immer entschiedener von dem abwenden, was das Schreiben des Komiteeals den Trost und die Hoffnung ihrer Religion bezeichnet hat." Biele Zehntausende jüdischer Arbeiter, darunter grauhaarige Männer und Frauen gäben freiwillig den Sabbat auf, gingen am Sabbat anstatt in die Synagoge in ihre Fabriken und Werkstätten uno nähmen teil an antireligiösen Kundgebungen. Diejenigen jü-

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