Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1923)
- Date
- 1923-01-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Veite 4. Kr. 4 Der A»rarM. jüdischen Nationairat mir ihrem x Ltz und im Ministerium für jüdische Angelegenheiten mit einem jüdischen Minister ohne Portofenile an der Spitze zum sichtbaren Ausdruck kam. Haben aber die litauischen Juden dadurch erwas Positives erlangt? Ich wüßte nichts, worauf ich mit ruhigem Gewissen hätte Hinweisen können. Dagegen hat das offizielle Organ der litauischen Zionisten "vvQ'LV JW'Tx x’H,, in seiner Nummer vom 8. Dezember eingestehen müssen, daß der Antisemitismus in Lüaueir in der letzten Zeit stark zugenommen hat. Wohlweislich verschweigt er die Ursache. Die Ursache ist in Wirklichkeit keine andere, als die oben charakterisierte Propaganda. Dank der bedeutenden Geldmittel, die den Zionisten zur Verfügung steben, sind sie, trotz ihrer faktisch sehr geringen Minorität in Litauen, die Meister aller Wahlen und somit auch die Herren der Situation, so daß man leicht zur irrigen Annahme verleitet werden kann, als ob die litauische Juden heit ausschießlich aus Zionisten bestände, was im gegebenen Falle um so mehr zu bedauern wäre, als die unbesonnene, kampflustige , sich überhebende Politik bei der litauischen Regierung viel böses Blut macht und für uns unübersehbar schwere Folgen haben kann. Als im vorigen Frühling der Äründungssejm die Frage der Autonomie der Minoritäten behandelte und eine Abneigung gegen besondere Ministerien für die Angelegenheiten der besonderen Minoritäten äußerte, erklärte der Minister für jüdische Angelegenheiten der litauischen Regierung den Krieg durch sinnloses Rnmoren in der in- und ausländischen zionistischen Presse mit wenig politischem Takt und Talent, .aber mit um so größerer Unverfrorenheit und lächerlicher Naivität, als ob das närrische Rumoren in dieser Winkelpresse eine politische Bedeutung hätte. Es ist nicht zu leugnen, daß als Provokation diese . Kawpfrsweise eine für Juden schwerwiegende Bedutung hatte. Denn was in Zeitungen über Litauen geschrieben wird, wird sorgfältig ins Litauische übersetzt und der zuständigen Behörde unterbreitet. Um Stimmung in Regierungskreisen gegen Juden zu machen und den Antisemitismus zu verstärken, hat jene unbesonnenen, machtlose, quasi politische Polemik vollständig ausgereicht, aber auch nicht mehr. Mein zuverlässiger jüdischer Gewährsmann, der in beständiger Fühlung mit Regierungskreisen steht, versichert, daß er seit jener Polemik seine langjährigen Freunde im Sejm und in der Regierung nicht. mehr wieder erkennt. Noch vor kurzem war unter ihnen keine Spur von Antisemitismus zu bemerken, während er jetzt zum herrschenden Ton geworden ist. Ein Kabinetsmttglied sagte mir: „Ihr Minister versteht seine Aufgabe nicht. Anstatt als Experte für jüdische Angelegenheiten die Interessen der Juden Litauens wahrzunehmen und bemüht zu sein, uns ein besseres Verständnis für dieselben beizubringen, ist er im steten Kampf begriffen, um seine persönliche Macht und Würde als Minister und möchte auch das ganze jüdische Schulwesen unter seiner ausschließlichen Botmäßigkeit haben. Demnach müßte es im kleinen Litauen mehrere Kultusministerien geben, für 5sbvat-Hnk«mg und M§g«mg. 82 raw. Ott! Anfang Datum Ausgang Uhrjrvttn. 1»»3| 5683 Uhr Min. Frankfurt a. M. 4 45 27. 10. 6 - Berlin .... 4 40 Jan. Schebat 5 27 München . . . 5 — 5 50 Eölu. 5 — 6 - Stuttgart. . . 5 — 5 57 Breslau . > . — - — — Nürnberg. . . 4 45 S 45 Ha«b»rg. . . — — - — jede nationale oder konfessionelle Gruppe ein besonderes Kultusministerium." Mit dem jüdischen Ministerwechsel hat die zionistische Politik sich keineswegs geändert. Das hat das zionistische Verhalten gegen dir Resolution der höchsten Wahlkommission hinsichtlich der letzten Sejmwahlen gezeigt. Besagte Resolution war zu ungunsten der Minoritäten und soll, wie von sachkundiger Seite versichert wird, eine illoyale sein, was gewiß sehr zu bedauern ist. Aber das ist noch lange kein Grund für die ausgewählten drei jüdischen Deputaten, die gerade Zionisten sind, durch Boykott des Sejms, die litauische Judenheit ohne jede Vertretung im Sejm zu lassen. Die ganze Taktlosigkeit dieser zionistischen Taktik tritt in das richtige Licht, wenn man den Zeitpunkt ins Auge faßt, wann es die Zionisten' für angemessen gefunden haben, den Schein einer jüdisch-polnischen Koalition auf sich zu laden. Man muß ja mit Blindheit geschlagen sein, um nicht einzusehen, welche schwere Folgen es für die Juden in Litauen haben könnte, wenn diese unverzeihliche leichtsinnige Politik eines Häufleins Zionisten, als eine Politik der litauischen Judenheit aufgefaßt werden sollte; was zur vollen Charakteristik der oben gekennzeichneten zionistischen Politik hevorgehoben werden muß, ist, daß zur selbigen Zeit, da die Zionisten im Boykott gegen den litauischen Sejm gemeinsame Sache mit den Polen machen, letztere sehr eifrig das berüchtigte Pamphlet des berüchtigten polnischen Antisemiten Nomajewsky: „Die jüdische Seele im Lichte des Talmuds," in Litauen verbreiten, welche nur dazu angetan ist, Pogrome hervorzurufen. Und mit solchen Judenfreunden gehen die politischen Zionisten oder zionistischen Politiker Hand in Hand!! Bedenken sie, was sie tun, wenn sie denkfähig sind? Das Schlimmste dabei ist, daß die Zionisten allüberall als die legalen, wo nicht die einzig Lerechttgten Vertreter des Judentums sich aufspielen und vordrängen, während tatsächlich sehr viele von ihnen schon längst mit dem positiven traditionellen Judentum gebrochen haben und wir mehr als die zufällige Blutsverwandschast mit ihnen nicht gemein haben. Es ist wahrlich schon höchste Zeit, daß die orthodoxe Judenheit Litauens sich aufrafft und gegen jene gefahrdrohende eigenmächtige Politik der Zionisten energisch protestiert, ihre ungebetene Bevormunduug der überwiegend großen Majorität der traditionellen Juden Litauens mit gehörigem Nachdruck abschütteln. Die orthodoxen Organisationen Litauens, sei es px-W fHttx", sei es »D’Äin rttUx" muffen energische Maßregeln ergreifen und ernstlich dafür sorgen, daß die jüdische Sache, selbst die Jugenderziehung, in Litauen nicht wie bis jetzt ein herrenloses Gut, kein Spielball in Händen verschiedenartiger unbekannter Größen sein soll. Freilich die Existenz der jüdischen Institutionen in Litauen hängt jetzt zum größten Teil von der amerikanischen Phtlantropie ab, die in ihrer Freigebigkeit nicht sehr wählerisch ist. Soll ja die religionsfeindliche so genannte jüdische Kulturliga in Kowno, für die wenigen Schulen, die sie unterhält, 20000 Dollar in kurzer Zeit erhalten haben, während die betreffenden Lehrer monatelang ohne Gehalt darben. Aber bet gehörigem energischen Eingreifen der oben erwähnter Agudoth ließen sich ähnliche Uebelstände wohl beseitigen. Jetzt ist keine Zeit, kleinmütig zu resignieren. Jeder Resignation, jedem »PW" von Seilen der litauischen jüdischen Orthodoxie rnfen wir entgegen: vöw BMr" Korrespondenzen «. ßaemteit. Deutsches Reich. Tagung 3es jionüllfdien fl- C- A-rki», 19. Jan. In der am 15. ds. begonnenen Sitzung des 8l. C. wurde nach der hebräischen Eröffnungsrede des Präsidenten 'Tr. Ehajes zunächst über 25, Januar 1928 Ort und Zeit des nächsten Z iou isteukvngiesse, s verhandelt. Er soll spätestens mit 5.' Aug!ust zu Ende gehen.' Ms Ort wurden Basel, Wien und Danzig, vorgeschlagen. Ein?. Beschlußfassung! wurde einer Kommission im Einvernehmen mit der Exekutive überlassen, ebenso die verschiedenen Vorschläge bezüglich des Wah lreglements für den nächsten Kongreß. Eine Nominierungskonimission wurde als Revisionsinftanz eingesetzt. Daraus erstattete der inzwischen eingetroffene Tr. Weizmann ein Referat über seine letzte Palästinareise und die Beziehungen zu den Ar abern. Tie Verhältnisse hätten sich überall gebessert ntrd .überall dringe die Erkenntnis von' der ökonomischen Solidarität - der Bevölkerung durch. In der Einwanderung seien gewisse Erleichterungen zu erwarten, freilich hänge die. Lösung der Frage von den Leistungen der Zionisten ab, da bei dm heutigen Leistungen eine starke Einwanderung! zu Arbeitslosigkeit führen müßte. Weizmann spricht sich sehr lobend über die Arbeit der Chaluzim aus, der Erfolg ist aber infolge des Geldmangels' spärlich. Er plädiert für kräftigere, Unterstützung dieser Pioniere. Nachum S o ko l o w referierte über die politische Lage und die Verhandlungen mit England. Wichtiger als die politische Arbeit sei die finanzielle. Tie Angriffe im englischen Parlamente auf die Balfouruote und den Zionismus erklärt er mit den Verhältnissen der iunern englischen Politik. An der gegenwärtigen Palästinapolitik etwas zu ändern, habe England nicht die Absicht. Sokvlow berichtet zum Schluß über einige Punkte, die auf der Tagesordnung der Konferenz in Lausanne standen.' Tr. H a l p e r tt erstattete das Palästin areferat und wies ans die schwere Lage der Landwirtschaft dortselbst hin. Nötig sei der Ausbau des Hase n s von H a i f a. Man sollte sich in Palästina, daran gewöhnen, die eigene Produktion der fremden vorzuziehen. Weizmann gibt eine Erklärung-.ab, in der er allen Gerüchten über seinen beabsichtigten Rücktritt ein entschiedenes Dementi entgegensetzt. Am Dienstag gab es eine große politische Debatte, an der sich die P o a t e Zion von links und Misrachi von rechts eifrig beteiligte. Sokvlow griff mit einer Erklärung ein, in der er die Gegensätze zu schlichten versuchte. Die llsiiorisllozlslMen geaen Terror- München, 11. Jan. Die „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei" veröffentlicht im „Völkischen Beobachter" eine Erklärung, in der sie einige in der letzten Zeit hier geschehene Terrorakte (Ueberfall in der Speiseanstalt für arme Juden) von ihren Nöckschößen schüttelt. Sie vermutet, daß solche Rohheiten von anderer Seite inszeniert worden seien, um den Nationalsozialismus zu diskreditieren. Sollten sich einzelne an solchen Gewalttaten beteiligte Personen dennoch als Mitglieder der Nationalsozialistischen Partei erweisen, so würden sie ausgeschlossen werden. eine überflüssige krklZmng. München, 28. Dezember. In einer Erklärung der Ortsgruppe München des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens wird mit Bezug auf die Ereignisse der letzten Monate betont, daß auch die deutschen Juden den Vertrag nnd den unerträglichen Schmachfrieden von Versailles bekämpfen und daß sie mit allen vaterländisch Gesinnten Deutschland wieder aufbauen Helsen wollen. Auch die Juden wollen Mitarbeiten, Deutschlands Ehre in der Welt wieder herzustellen. — Ist es in München wirklich bereits so weit gekommen, daß man so etwas erst feierlich „erklären" muß?