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Der Israelit · 1923-01-25 · Heft 4 (25.1.1923) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 4 (25.1.1923)
Date
1923-01-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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25. Januar 1933 Oer gSrarlT No. 4. Seite 8. Leider ist ein solcher Röntgjetr^ noch' nicht gekommen, woraus sich ergibt, daß die.Psyche der Orthodoxie noch eirc tiefes Geheimnis ist, besonders für die linke Seite, die den W!eg! in die Seele der Orthodoxen nicht finden kann und sie darum mit Steinen bewirft. Aber unverkennbar ist es doch, daß oft genug diese Steinwerfer selbst von der innern ehrlichen - Ueberzen'gung der Beworfenen mit hingerissen werden, und es gehört nicht zu den seltensten Fallen, daß der Angreifer von links, von .dem hohen: sittlichen 'Ernst der Angegriffenen überwältigt, kapituliert und den Weg ins andere Lager nimmt. Darum ihr orthodoxen Eiferer, sehet diesen Weg fort! Schlaget fest die Saiten an, Eure Stimme wird doch gehört; wenn nicht heute, dann morgen. Wochennmdschau. Ruhig Slot. In ausländischen Blättern, insbesondere im Londoner Jewish Chronicle, finden wir eine Reihe von Alarmnachrichten über angeblich bevorstehende Judenpogrome in München, die, mit Sttmmungsberichten aus Oberschlesien und Ostpreußen zusammengestellt, dem Ausland ein überaus düsteres Bild von der Lage der jüdischen Bevölkerung in Deutschland entrollen. Ein Korrespondenzbüro weiß sogar von einer Flucht zahlreicher jüdischer Familien aus der bayrischen Hauptstadt zu erzählen und eine Schauernachricht der deutschvölktschen Zeitung, die triumphierend verkündet, daß die Münchener Juden große Summen für die Vorbereitung von Zufluchtsstätten bei oberbayrischen Familien böten, hat auf dem Wege ins Ausland den Charakter einer von jüdischer Seite kommenden Meldung angenommen. Es ist nun zweifellos richtig, daß die antisemitische Bewegung in Bayern sowohl wie in den Grenzgebieten, aber auch in vielen Orten Jnnerdeutschlands Hand in Hand mit dem fortschreitenden wirtschaftlichen Zusammenbruch Deutschlands immer erlöster und gefährlicher wird, und der Gedanke liegt nahe, daß sich unter den nicht sozialistischen Massen, mögen sie nun deutschvölktsch organisiert sein Oder nicht — die furchtbare Erbitterung gegen die französische Gewaltherrschaft an der Ruhr nach der Seite des „geringsten Widerstandes", also nach der jüdischen Seite, hie und da gewalttätig Luft machen könnte — aber wir halten es dennoch für höchst unklug, diese Möglichkeit ohne ausreichende Unterlagen — und es wird dabei unendlich viel übertrieben und phantasiert —.als naheliegende Wahrscheinlichkeit hinzustrllen. Dazu liegt unseres Erachtens keine Veranlassung vor. Noch haben im deutschen Volke j der in den letzten Jahren wieder erwachte Sirm für Ordnung und Gesetzlichkeit und das Bewußtsein, daß innere Wirren den Anfang des Endes bedeuten würden, die Oberhand, und selbst die bayrischen Nationalsozialisten verwahren sich dagegen, daß sie irgendwelche Gewaltakte gegen die Juden zu begünstigen geneigt seien. Jedenfalls aber ist die Erzeugung einer nervösen Angststimmung im jüdischen Publikum im höchsten Grade geeignet, das Uebel heraufzubeschwören, dem man entgehen möchte. Bewahren wir unsere ruhige Würde und überlege jeder, bevor er Gerüchte und Prophezeiungen weiterkolportiert, ob diesen geschäftig verbreiteten Erzählungen kontrollierbare Tatsachen zu Grunde liegen oder, wie so häufig, die Lust an Sensationen. Es könnte nicht schaden, wenn in diesen Dingen das Wort unserer Alten häufiger beherzigt würde: svV? NS NNSN 7>x- Sin Solument des Lehmelends. Dem Privatbriefe eines uns persönlich als äußerst pflichttreu bekannten jüdischen Lehrers in einer wohlhabenden Gemeinde Bayerns, in der er seit Jahrzehnten wirkt, entnehmen wir folgende Stellen: „Bon meinem lieben Sohn hörte ich, welches Interesse Sie an mir nehmen und daß Sie sogar einmal hierher fahren wollten, um wegen meines geringen Gehalts mit der Gemeinde Rücksprache zu pflegen. Ich spreche Ihnen hierfür meinen herzlichsten Dank aus. Inzwischen hat aus meine Initiative und nach meiner energischen Eingabe»die Gemeindeversammlung mein Gehalt von 4000 Mk. auf 18,000 Mk. pro Monat erhöht, während ich 30,000 Mk. beansprucht hatte, was die Gemeinde auch ohne Anstrengung hätte leisten können. Ich habe dem Borstand geschrieben, daß ich aus meiner Forderung bestehe und werde das Bezirksamt zu Hilfe rufen. Mit 18,000 Mk. kann kein Lediger, geschweige ein Familienvater mit 4 Kindern auSkommen. Ich erhielt zwar vom Verband der isr. Gemeinden diese Woche einen Zuschutz von 30,000 Mk und vom jüd. Beamtenbund. 10,000 Nit., was sehr anerkennenswert ist Aber helfen können mir diese Summen nicht viel, sie sind wie ein Tropfen auf dem heißen Stein, da ich soviel ivßii Bei Schneider, Schuster und Kaufleuten habe, datz die ganzen 40,000 Mk. keine 2 Tage bei mir ruhen brauchen. Tausendmal danke ich dem Schöpfer, datz ich wenigstens meinen Sohn dem eienden Lehrerberuf entzog, er soll einmal n'rr ein glücklicheres Los finden wie sein gequälter Vater . . Nur die Rücksicht auf die Person des Lehrers, der bei all dem „seine Kehilla", die er seit Jahrzehnten leitet, nicht öffentlich an den Pranger stellen möchte, hält uns davon ab, die Gemeinde namhaft zu machtn. Leider ist es kein Etnzelfall, sondern er ist typisch für die Zustände in vielen Gemeinden Preußens, Hessens, Bayerns. Sollte nicht der Schlußsatz des Briefes, in dem ein von Religiosität durchdrungener Religionsbeamter dem Scköpfer dafür dankt, daß der Sohn, nicht den Beruf des Vaters ergriff, sollte nicht die Tatsache, daß die Flucht aus dem Lehrerberufe immer mehr zuntmmt, ein Menetekel sein für Stadt und Land? Wollen sie es auf dem Lande durch unsoziales, liebloses und unjüdischks Verhalten so weit treiben, daß es keine Lehrer mehr in Deutschland gibt? Zur Lage in Litauen. Von gut eingeweihter Stelle wird uns geschrieben: Die derzeitigen Beherrscher. des jüdischen Lebens in Litauen, die nationalistischen Htmmelstürmer, wollen sich mit der Rolle der alten bewährten Wortführer nicht begnügen, welche sie als veraltete, „Stadloaim", verabscheuen. Gekämpft muß um jeden Preis werden, man müsse immer weiter hinaus. Die erlangte jüdisch-nationale Autonomie müßte sich möglichst breit und, womöglich, als besondere Gewalt geltend machen, unbekümmert darum, daß in Wirklichkeit die von ihnen vielgepriesene Autonomie sich als lästige, störende Zwischenwand zwischen den litauischen Juden und der litauischen demokratischen, allen gleich zugänglichen Regierung betätigt. Jede Zwischenwand, und möge diese von eigenen Stammesgenoffen gebaut und erbaut sein, wirkt auf den Gang der Geschäfte verzögernd und ist nur dazu angetan, Mißtrauen und Mißgunst gegen die abgesonderten Partikulariften zu wecken. Dies um so mehr, als die gemeinsame Regierung keinen Anspruch erhebt, auf die inneren kulturellen Verhältnissen der verschiedenen Nationalitäten und Confessionen ihren besonderen Einfluß geltend zu machen, sondern sich mit voller Duldsamkeit zu all diesen verhält. Wozu denn die Absonderung in der Form einer nationalen Autonomie, die nur Mißverständnisse und Gehässigkeit heraufbeschwört? Es ist daher ganz begreiflich, daß den schon längst emanzipierten Juden Amerikas und der verschiedenen Länder Europas nie in den Sinn gekommen ist, nach einer jüdischnationalen Autonomie zu streben. , Die oben gezeichneten nationalistischen Propagandisten wollen weiser sein, als die amerikanische und europäische Judenheit und begnügen sich nicht mit der Gleich- und Vollberechtigung, welche die Liquidierung des Weltkrieges, und die darauf erfolgte Revolution der russischen Judenheit gebracht hat. Nach dem Beispiel der Juden der Ukraine haben die Zionisten auch in Litauen um nationale Autonomie sich bemüht und sie erlangt, welche im Herrschaft der Gewalten, bestürzt uns täglich aufs Neue, obzwar wir eigentlich schon daran gewöhnt sein sollten. Der Anfang dieser ganzen unglücklichen KriegSzett, — hat er nicht manchen sogar überrascht? Und doch sagen zum Worte nivv' die Weisen: 8^'2 nw .1^3 LU'2 121 „Gott läßt nichts geschehen, er hätte denn vorher sein Geheimnis seinen Dienern, den Propheten, offenbart." Empfinden wir die Wahrheit dieses Wortes? Hat irgend ein Prophet, ja hat Mose ahnen können, datz noch heute, noch 3000 Jahre nach Gottes Gebot der Menschenliebe, “jiB2 ^1*7 ronto, noch heute der Mord und die Gewalt die letzten Beweismittel der Völkerlogtk bilden? — Die Propheten brauchten es nicht zu ahnen, aber X*2JD ß'iv O2N, ein Weiser sieht oft mehr. Und wer vielleicht kein großer L2N war, wohl aber seit einem Menschenaller mir geschwisterlich liebendem, weise sehenden Blicke das Tun und Treiben der Welt verfolgt hat, wer Unglauben und Untreue, Lüge und Halbheit allen Kathedern und Thronen hat sich aufs frechste nahen gesehen, wer mit blutendem Herzen den Pulsschlag der zügellosen Zeit der Jahrhundertwende fiebern gefühlt har, — der wußte: Gibt es nun wieder Streit, so muß viel Blut fließen. , Und hat, leider, leider, Recht behalten. Wo ist ein Ausweg? Wird ihn unsere schuldbeladene Generation noch erleben? 7. „i?Nicht vh, nein", sondern )b ihm geschieht das Ungewisse, ihm, dem ausgesetzten Mose, den seine Schwester retten möchte, 1^>, ihm, dem Heranwachsenden Geschlechte, besten kleines, reines Herz vor dem moralischen Elende der Zeit zu bewahren unsere heiligste Ausgabe sein mutz, an dem wir erfüllen können den Satz: D&P '1 V7 Kip’1, „Sein Name sei: Gott ist Frieden." Nicht Grabesruhe, sondern lebensfrohes, gesundes Zusammenstreben aller Menschheit, der wahre Friede ist Goites Namen. Möge er über denen genannt sein, "die nach uns im Lichte Gottes wandeln sollen! Da ist eS, wo wir Helsen können, das Reich der Gewalten von der Erde schwinden zu lasten, da, in der Erziehung, die wir lenken können zum Geiste des Friedens und der Liebe zwischen allen Brenschen, zum Geiste der wissenden Erkenntnis der Niedrigkeit aller Gewalt. Nur damit führ: man die Zeit herbei, in der L'L2v B'*? 0*22 '1 718 .Ipi pKii, die wissende Erkenntnis der Liebesgebote Gottes die Erde zwar nicht in einen flachen Menschhettsbrei verwandeln, sondern gleich dem Master den viel zerklüfteten Meeresboden überdecken wird. Man wird die Ungleichheiten kennen und anerkennen; aber sie werden nicht schiffbrecherden Klippen gleich stets sichtbar sein, sondern nur die Fluten der göttlichen Liebe tragen helfen. Wer dennoch forschend hineinblicken wird in jene Meerestiefen menschlichen Seelenlebens, wird, gleich dem Kinde im Brunnen, nichts sehen als — — — das Spiegelbttd seiner Seele. Möge dies bald sein, in unseren Tagen! Keines Feuilleton. (Peinliche Verwechslung.) Aus M un k a cz in Ungarn wird der folgende merkwürdige Fall gemeldet: In den letzten Tagen haben im dortigen Krankenhaus zwei Mütter, eine Christin und eine Jüdin, Knaben geboren. Im Bad haben die Wärterinnen die beides Knaben verwechselt, und niemand konnte feststeüen, weicher Knabe der einen oder der anderen Mutter gehöre. Acht Tage gingen vorüber und einer der beiden Knaben sollte beschnitten werden. Die christliche Mutterprotestierte gegen die rituelle Prozedur, indem sie einwandte, daß eS ihr Knabe sein könnte, der dann Jude wäre. Deshalb wurde der Akt auf eine spätere Zeit verlegt, btS auS dem Antlitz beider Knaben klar sein wird, welcher Knabe der einen oder der anderen Mutter gehört. (Eine neue Sekte in der Ukraine). Nach einer Meldung aus Kiew hat sich in der Ukraine eine neue Sekte gebildet. Ihre Anhänger, zum größten Teil Bauern, sind von dem nahe bevorstehenden Weltende fest überzeugt und glauben, datz man zur Errettung der Seele Jude werden und nach Palästina auswandern müsse. Sie haben mit Weib und Kind ihr Land verlassen und sich auf die weise nach Palästina begeben. Sie sollen auch die Mtloh an sich vollzogen haben. Unter diesen Palästinafahrern befinden sich solche, die als wütende Antisemiten, ja als Pogromleute bekannt waren. Eine plötzliche Erleuchtung hat nach ihren Worten diesen Wandel in ihnen vollbracht. Die neue Bewegung breitet sich trotz des Widerstandes der bolschewistischen Behörden immer mehr aus. FamMnnachrlchten. Barmizwohfeier. Manfred, Sohn des Herrn Nathan Kahn, Jaynstr. 33, in der Synagoge Börneplatz. — Rafael, Sohn des Herrn David Kolinsky, Aller« heittgenstraße 55, in der Synagoge Friedberger Anlage. — Robert, Sohn deS Herrn Meter Nutzbaum, Börne - platz 8, in der Synagoge Friedberger Anlage.

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