Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1923)
- Date
- 1923-01-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450238-2450240--70290-2527528- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
LS*-C». { daß die so schwer heimgesuchte Jüdin daS Kind heimlich begraben werde, um durch eine öffent« ltche Anzeige des grauenvollen Fundes nicht gegen sich selbst zur Anklägerin zu werden und den altersgrauen Märchen neue Nahrung zu geben. Der Verbrecher aber, als er die Beschuldigte dem Rtchlplatze zulchretten sah, konnte die Stimme seines Gewissens nicht mehr zum Schweigen bringen, warf sich dem Ratsherrn zu Füßen und gestand alles. Und jetzt, Freimann, tue er seine Pflicht." Mit gebieterischer Strenge zeigte sein Arm nach dem Verbrecher — ein Moment und er war gerichtet. So geschehen im Jahre 1644 in der guten Stadt Lübm. Die Juden feierten Freudenfeste. Die Schlange konnte wieder schlafen gehen nnd harren, bis Haß und Dummheit sie . wieder weckten. 3m letzten Moment. Bon L. I. (Mluß). Ein düsterer, feierlicher Zug ' bewegte sich Lurch die Straßen der alten Stadt, die Jüdin wurde zum Tode geführt, um die Strafe für ihr nnerhörtes Verbrechen zu erleiden, und an Straßenecken war auf Zetteln zu lesen, daß alle Huden aus der guten alten Stadt von heute ab ausgewiesen und verbannt seien. Stolzen Hauptes bestieg die Verurteilte den R ichtplatz - dort an gekow m ey, ri chtete sie sich hoch empor, ließ ihre düster glühenden Blicke über die ungeheure Menschenmenge dahinschweifen, und plötzlich, als wäre ein bklebender Geist in'ihre statuenhafte Erscheinung gekommen, hob sie wie e'ne gottgesandte ProphkLin die Hände zum Himmel empör und rief : „Die Schlange erhebt ihr Haupt, um den sündigen Zwecken der Menschen zu dienen und wird es noch oft erheben, um mein armes geaeknechtrtes Volk zu vernichten. Doch so wahr, Vet« ©ou m. fo .W* :f.«I richten wird einst die Schuldigen, so wahr es 1 * - - - — . daß die Juden Niemals Christenblut zu ihren Festen brauchen, so wahr ist es, daß der Mord oen Juden strenge verboten ist, fo wahr ist es, daß ihn Gott strenge ahndet, bis ins tausendste Geschlecht, an wem er immer verübt 'würde. Dies schwöre ich im letzten Augenblicke -meines Lebens. Hier angesichts meiner Richter Anter Gottes freiem Himmel. Möge Gott ein Wunder tun, um meine Worte zu bewahrheiten, woge sein Blitz mich zerschmettern, wenn ich gelogen." Noch stand die Menge lautlos unter dem Eindrucks dieser mächtigen Worte, .da ging ein "^ben durch die Gestalt der Verurteilten, atemweit aufgeriffenen Augen starrtr sie in Tos rm» ^"nn dort wehte eine weiße Fahne, Ne Weit«, v. ^anadftung des Lebens. Eine eigenartige EMopration. (Eine Warschauer Gerichts szene.) *) „Moschek Jankelrwitz Pechmann!" ruft der Vorsitzende. Aus dem Publikum erhebt sich ein Jude, ein Fünfziger etwa, in einem gefl ckten Kaftan, mit einem bitteren Lächeln auf dem askeiischen Gesichte. Mit demütig gesenktem Haupte tritt er. vor den Tisch, um den herum das Hohe Gericht versammelt ist. Zu beiden Seiten des Richters sitzen zwei Schöffen, deren einer ein Jude, der Vor- Ae Fahne der >>» zuerst Staunen und dann Im Volke tat "sich . Elches immer lauter üUt Murmeln kund, zum brausen- und lauter wurde und vermute. Die sein Op, Schauspiel be- Menschen wollten nicht um da - Richter den Drogen sein. Da ^betrat jetzt de. den die Wchtplotz und auf einen Mann zeige, Schergen nachschleppten, rief er mit de stimme in die wieder atemlos Hora. Menschenmenge hinein: „Der hier stcht und der irdischen Strafe wartet, ist der Mörder jenes Kindes. Er hatte drt Liebesverhältnis mit der Ktndeswärterin des Ratsherrn. Sie hatte an jenem verhängnisvollen Tage ihre Muhme besucht, um - mit ihm dort zusammenzutreffen. Sie hatte das Kind auf das Bett der Muhme gelegt, der Geliebte hatte unversehens seinen schweren Mantel und die Rüstung darauf geworfen, als sie aus ihrem Ltebesrausch erwachten, war das Kind erstickt. „Da fiel der Muhme ein, daß man ja das Eote Kind in ein Judenhaus schmuggeln könne, Äie gute Stadt würde es leicht glauben, daß die Juden das Kind getötet, um zu ihren Ostern dessen Blut zu verwenden. So geschah es auch, mb zur größeren Wahrscheinlichkeit hatte man dem Kinde den Hals abgeschnitten; Der Geliebte der Kindesfrau war es auch, welcher dem Ratsherrn feine Vermutungen mitgetetlt. Er hatte sich in seinen Erwartungen nicht getäuscht, „Ihr heißet Moschek", fragte der R chter, ohne aus den Akien aufzuschauen, „Euer Vater hieß Jankef, Familiennamen Pechmarm, Alter 48, Verheiratet und Barer von 6 Kindern, von Beruf Melamed (Lehrer) an der hiesigen Talmudthoraschule. Stimmt das?" „Ja, stimmt schon, Panie Gerichtsrat", antwortet der Gefragte mit bebender Stimme. „Alles wahr, aber es fällt mir schwer, polnisch zu sprechen." „Die Anklageschrift lautet auf vier Vergehen." „Oh weh", jammert der Angeklagte auf Jüdisch, „ganze vier, Herr Gerichtsrat, und ich wüßte nicht einmal eines zu nennen." „Bitte, nicht unterbrechen. Ihr habt Euch gegen vier Anklagepunkte zu verantworten. Erstens: Am ersten^Frettag im Dezember, bäht Ihr den Revierpolizisten Panka beleidigt, als er Euch in Ausübung feinet Pflicht zur Ruhe verwies. Zweitens: Zu gleicher Zeit habt Ihr die Markthändleriu Ester Sauerkraut beschimpft, Mich angegriffen und ihre Backwerke auf das schmutzige Pflaster geworfen. Drittens: Durch Eure Handlung wurde ein Menschenanfiauf hervorgerufen und dadurch die öffentliche Ruhe und Ordnung gestört. Viertens wird Euch noch zur Last gelegt, daß Ihr Eure Talwudthoraschüler Ml einer kleinen Truppe organisiert habt, die ch SÄ Euren Streifen begleitet und all die- E« M Beleidigungen überschüttet, die Euch ieniöei He leisten. Bekennt Ihr euch der gemeine Fo- ^aehm schuldig?" nanntet Be. räuspert sich, kratzt sich am Der Angeld Hvortet mit heiserer Stimme, Hinterkopf und an. < ' , _ tonlos und verlegen: "rt/ Habe manches zu „Ich, Herr Gerichts». ** E-s ,»f polsage» . . . Aber, unmöglich , ntsch zu sagen ... W Richter Der jüdische Schöffe beugt sich - Darauf hin und flüstert ihm etwas ins Ohr. - der Richter zum Angeklagten: „Ihr könnt auch jüdisch sprechen, EureLv» werden übersetzt. Also frage ich Euch noch ein mal: Gebt Ihr zu, die vier Euch zur Last ge- » legten Verstöße begangen zu haben?"! b Sa,. Jetzt, da Moschek jüdisch reden darf, gewinnt er mit der Sprache auch sein Selbstbewußtsein wieder. „Was? ich schuldig, keine Spur! Sie ist schuldig, sie, daS freche Weib . . Aus dem Publikum löst sich behende eine Händlerin in den besten Jahren und ist mit einem Satz an dem Richtertisch. Man glaubt, sie würde jetzt gleich dem Angeklagten an die Gurgel gehen. Aber der Richter weist sie mit strengem Blick in die Schranken. „Wer seid Ihr?" „Ich bin Ester Sauerkraut!" „Dann werdet Ihr auf Eurem Platze sitzen bleiben, bis Ihr gerufen werdet . . . Und Ihr, Angeklagter, vergesset nicht, daß Ihr Euch im Gerichtssaal befindet und seid recht vorsichtig mit Euren Worten. Vor allem hütet Euch davor, hier jemanden in seiner Ehre zu verletzen. Antwortet auf meine Fragen, ob Ihr Euch schuldig bekennt oder nicht?" „Ich fühle mich vollkommen unschuldig, Herr Gerichtsrat. Ich habe nur meine Pflicht getan, das, was jeder Fromme zu tun verpflichtet ist." Da aus dem Publikum, von der Seite, wo Madame Sauerkraut sitzt, wieder laute Proteste kommen, muß der Richter nochmals zur Ruhe mahnen und darauf aufmerksam machen, daß hier kein Marktplatz sei. Der Angeklagte kann nun in seiner Verteidigung ungestört fortfahren: „Wir Juden, Herr Gerichtsrat, sind dem lieben Gott gegenüber verantwortlich, und zwar als Gesamtheit, einer für den andern. Wenn einer eine Sünde begeht, so werden alle dafür bestraft. So ergibt sich von selbst, daß kein Jude ruhig zusehen darf, wenn ein anderer schwere Sünden begeht. Eine der schwersten Sünden ist aber die Sabbatentweihung. Würden die Juden den Sabbat ganz nach Vorschrift halten, so würde bald der Erlöser kammm ... Da gehe ich also jeden Freitag gegen abend an die Kramläden und auf den Markt, um die jüdischen Händler und Krämer zu er, mahnen, daß der Sabbat nahe und es Zelt sei, die Läden zu schließen und den Sabbat zu empfangen. Keiner nimmt es mir übel, alle gehorchen gern, sind sogar dankbar für die Mahnung. An diesem Freitag stand ich wir immer auf dem Markt und mahnte und flehte: „Nach Hause, Jüdinnen, nach Hause! Zeit zum Licht? benschen!" Alle gehorchten, nur die, die (der Angeklagte ringt Nach einer?» drastischen Ausdruck/ der aber doch keine Beleidigung sein dürfe . . .) nur die Ester Sauerkraut tut so, als sah und hörte sie nichts und rührt sich nicht vom Fleck. Da komme ich in Zorn und rufe: Mach Hause Frau, Ltchtbenschen!" Sie aber lacht mir ins Gesicht und sagr, es gehe mich nichts an, ich hätte überhaupt nichts zu sagen. Ich, sagt: „Ich? habe ich Dir denn etwas gesagt? Ist es nicht unser Lehrer Mosche, der im Namen Gortes vom Sinai gerufen hat: Gedenke des Sabbat? Hat etwa unser Lehrer Mosche, hat der siebe Gott am . Sinai Dir auch nichts zri sagen?" Da lacht sie noch mehr und nennt mich einen Schwarzen, einen Gotteskasack. Das konnten nun meine Kinder, meine Schüler nicht mehr anhören, packen ihren Korb und werfen die paar Kringel auf den Boden und ich denke, lieber gehen die paar Backwerke zugrunde, als das Volk Israel, das unter der Sünde einer solchen.... einer solchen Ester Sauerkraut leiden sollte ... Natürlich schreit sie, was sie schreien kann und es gibt einen gewaltigen Menschenauflauf. Da kommt plötzlich der Revterzroliztst und sagt, ich müßte mit ihm auf die Polizei. Ich aber erwidere: „Nein, mein Lieber, gehts nicht auf die Polizei, sondern in die m, es ist Sabbat". Da ruft er ein paar ^etster herbei, die mich mit ihren rohen h) Nach dem Warschauer „Jud." Hausu»