Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1923)
- Date
- 1923-10-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Israelit 11. Oktober 1923 Bund geretrertreuer jüdischer Gemeinden. Halber st adt, 23. Sept. Aus dem Büro des „Preußischen Landesverbandes gesetzestreuer Synagogengemeinden" geht uns folgende Mitteilung zu: Aus Mitteln des Reiches und des preußischen Staates sind uns Beträge für leistungsschwache Mitgliedsgeineinden unseres Preußischen Landesverbandes zur Verfügung gestellt worden. Bei der Verteilung sollte das besetzte Gebiet besonders berücksichtigt werden. Wir haben inzwischen die uns zur Verfügung gestellten Gelder zur Verteilung gebracht. Durch die furchtbare Geldentwertung der letzten Wochen tonnte naturgemäß nur ein kleiner Teil der notleidenden Mitgliedsgemeinden bedacht werden, wenn dis Zuteilung überhaupt eine Beihilfe für diese Gemeinden sein sollte. Die Beihilfen gingen an solche Gemeinden, die nach unseren Informationen in besonders bedrängter wirtschaftlicher Notlage sind. Wir behalten uns aber vor, in den nächsten Wochen, auch weiteren Bundesgemeinden (also auch nichtpreußischen) aus anderen für uns verfügbaren Mitteln Beihilfen zu gewähren. Erschwerung der Iudenlaufen. Wien, 4. Oktober. An einer in Wels (Oberösterreich) von Laienvertretern der österreichischen evangelischen Gemeinden besuchten Versammlung, wurde u. a. beschlossen, die Forderung zu stellen, die Bestimmungen der Kirchenverfassung über die Ausnahme in die evangelische Kirche einheitlich zu regeln und vor allem die Taufe von Juden an besonders schwere Bedingungen zu knüpfen. Daß dieser erfreuliche Beschluß nicht von Iudenliebe diktiert war, beweist das weitere Verlangen der Versammlung, „zwecks Sicherstellung des deutschen und evangelischen Charakters der evangelischen Schulen, sowie aus völkischen, religiösen und erzieherischen Gründen, jüdische Kinder von den evangelischen Schulen fern zuhalte n." Nach russischem Muster. Wien, 30. Sept. Die Kulturkommission der „jüdischen kommunistischen Partei in Oesterreich", hat am Jom Kippur-Vorabend in allen Teilen der Stadt Flugzettel in jüdischer und deutscher Sprache verteilt, in welchem die jüdischen Arbeiter aufgefordert werden, am Kol Nidre- Abend zu einer Massenversammlung im Arbeiterheim, mit dem Thema: „Klerikalismus und Reaktion unter den Juden — Jom Kippur, der Bilanztag der jüdischen Religionsheuchler" zu erscheinen. Das Erscheinen zu diesem Abend wurde als eine proletarische Pflicht erklärt. Dazu paßt die folgende Mitteilung aus Warschau: Am Jom Kippur-Tage kam es in der Smoczastratze in Warschau zu aufsehenerregenden Tumultszenen, wo jüdische Passanten daran Anstoß nahmen, daß das in dieser Gasse befindliche Geschüftslokal der jüdischen Arbeiterkons u ni g e n o s s e n s ch a f t geöffnet war. Die Polizei griff ein und verhaftete zwölf der protestierenden Juden. Am Nachmittag war aber das Geschüftslokal der Konsumgenossenschaft geschlossen. Es scheint doch, daß der Ruhm der jüdischen Kommunisten in Sowjetrußland ihre Gesinnungsgenossen in Oesterreich und Polen nicht schlafen laßt. Die wiener Orthodoxie und die Mlusgemeinde. Wien, 5. Oktober. Die orthodoxen Mitglieder des Wiener Kultusvorstandes haben folgende Eingabe an den Vorstand gerichtet: Im Namen der gesetzestreuen Mitglieder der Kultusgemeinde gestatten wir uns folgenden Antrag dem Kultusvorstande zu unterbreiten: Wir gesetzestreuen Mitglieder des Kultusoorstandes sind seinerzeit aus Grund der bei der Wahl erhaltenen Mandate in den Vorstand eingetreten. Bei der ersten Sitzung des Kultusoorstandes hatten wir in Erwähnung gebracht, daß wir von unseren Prinzipien durch den Eintritt in den Kultusvorstand absolut nichts aufgegeben haben und nach wie vor, den gleichen oppositionellen Standpunkt einnehmen. Wir können uns aus religiösen Gründen weder mit der Führung des Oberrabbinates und Rabbinates nach der Eesamtführung des Kultusvorstandes einverstanden erklären. Gelegentlich des letzten Rosch-Haschonofestes hatte der Herr Oberrabbiner, wie uns berichtet wurde, von der Kanzel des Seitenstettentempels eine Rede gehalten, in welcher er erklärt, daß die Thora in Israel nrcht souverän sei. Hiemit hat Herr Oberrabbiner seine Ansicht und die seines Rabbinates offiziell deklariert. Wir haben niemals das Oberrabbinat und Rabbinat der israelitischen Kultusgemeinde in religiöser Hinsicht anerkannt und unterhalten in der Gemeinde Adas Iisroel ein selbständiges Rabbinat. Wir verlangen vorn Kultusvorstand: 1. die unbedingte Anerkennung des Rabbinates der Adas Iisroel, damit dasselbe auch das Recht hat, Gittin und Chalica zu geben und überhaupt uneingeschränkt alle Funktionen, die einem Rabbinate zustehen, auszuführen, somit auch rabbinische Gutachten an die Be-' Hörde zu erstatten. 2. Wir verlangen, daß die Schüler der Volks-, Bürger- und Mittelschulen, welche an den Religionsschulen der Adas Iisroel und der verbundenen orthodoxen Bethausvereine in Religion unterrichtet werden, vom Unterrichte, den die Funktionäre der israelitischen Kultusgemeinde in Schulen erteilen, dispensiert werden. Nachdem im Sinne der Staatsgrundgesetze die freie Ausübung der Religion gewährleistet, können wir unsere Kinder dem Unterrichte der Kultusfunktionäre aus dem Grunde nicht ausliefern, da der oberste religiös geistige Führer der israelitischen Kultusgemeinde, Herr Oberrabbiner Dr. Chajes, sich durch seine Predigt für uns auf einen areligiösen Standpunkt dadurch stellte, daß erden Boden der Thora verlassen hat. 3. Wir verlangen von dem Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde, daß der Gemeinde Adas Iisroel und den mit ihr verbundenen orthodoxen Bethausvereinen die gleichen Rechte, wie der sephardischen israelitischen Gemeinde im Statute der israelitischen Kultusgemeinde eingeräumt werden. 4. Wir verlangen, daß auf dem neuen Friedhofe uns ein Teil überlassen wird, auf welchem keine Grüfte errichtet, noch Urnen beigesetzt werden können, und aus welchein Blumenschmuck der Gräber untersagt wird. Aus diesem Teil des Friedhofes dürfen nur Leichen solcher Mitglieder beigesetzt werden, die sich während ihres Lebens an die religionsgesetzlichen Bestimmungen gehalten haben. Zur Einhaltung und Ueberwachung wäre im Einvernehmen mit dem Rabbinate der Adas Iisroel ein dreigliedriges Komitee zu ernennen. An Gebühren für Beisetzung, Beerdigung usw. wären die gleichen Gebühren an die Kasse der israelitischen Kultusgemeinde zu entrichten, wie bei den übrigen Beerdigungen und Beisetzungen. Nachdem in den letzten Jahren seitens der Mitglieder der gesetzestreuen Vereinigung öfters Eingaben an den Kultusvorstand gerichtet wurden, derselbe es jedoch niemals der Mühe wert fand, diese Eingaben einer Erledigung zuzuführen, gestatten wir uns folgendes zu bemerken: Wir bitten seitens des Kultusvorstandes Erledigung des obenangeführten Punktes bis 15. Oktober, andernfalls wir uns Schritte Vorbehalten. Wir bemerken bei dieser Gelegenheit, daß wir durch die Zuerkennung der gleichen Rechte an die Adas Iisroel wie an die sephardisch-israelitische Gemeinde den Austritt aus der Kultusgemeinde und somit deren Sprengung vermeiden wollen. In letzter Stunde appellieren wir daher an die Erkenntnis des Kultusoorstandes der streng orthodoxen Iudenheit, durch die Gewährung der obigen Punkte die Möglichkeit zu geben, im Rahmen der israelitischen Kultusgemeinde zu verbleiben. Man darf wohl annehmen, daß diese überaus maßvollen Forderungen wenig Widerstand finden werden. Zu den Nationalratr Wahlen. Wien, 28. Sept. Den Versuchen, eine jüdische Einheitsliste zu den politischen Wahlen zustande zu bringen, die insbesondere von zionistischer Seite unternommen wurden, war ein Erfolg nicht beschieden. Die Aguda-Kreise insbesondere zeigten sich nicht geneigt, sich der Führung von Männern zu unterordnen, die jahraus, jahrein die Orthodoixe in der gehässigsten Weise bekämpfen und für ihren religiös-politischen Standpunkt keine Spur von objektivem Verständnis zeigen. Die famose Neujahrspredigt des zionistischen Oberrabbiner Chajes hat ein klebriges getan, um den einem Wahlbündnis etwa trotzdem geneigten agudistischen Gruppen die Augen darüber zu öffnen, daß selbst momentane Gemeinsamkeit politischer Interessen ein Zusammengehn so tief geschiedener Weltanschauungen nicht rechtfertigen kann. Pogiomsrnnmung. Kowno, 1. Oktober. Es herrscht wieder eine schwüle Atmosphäre und während der Feiertage schwirrten Gerüchte durch die Lust, die die jüdische Bevölkerung mit Angst und Bangen erfüllten. In der Altstadt kainen auch vereinzelte Ueberfälle vor. Am Kol Nidre-Abend wurde in einigen kleinen Bethäusern die Fensterscheiben eingeschlagen. Aus- Nr. 41 Heike S gerechnet an diesem Abend hielt es die Miliz für gut, in der Nähe der Synagogen Paßrevisionen vorzunehmen. Die Hetze gegen die Juden wird mit den schlimmsten Mitteln betrieben, und Presse und Behörden haben kein Wort der Zurückweisung. Im Sejm wird inzwischen die Lesung der Minoritätendeklaration, die dem Völkerbunde einzureichen ist, von Tag zu Tag verschoben. Von oben wird nichts getan, um die Gemüter zu beruhigen, im Gegenteil ist die ganze Innenpolitik darauf eingestellt, die Hetze gegen die Juden noch zu unterstützen und zu ermutigen. Wahlen in Litauen. K o w n o , 1. Oktober. Die letzten Tage standen im Zeichen der Wahlen für den Nationalrat und die Kehillausverwaltung. A ch d u t h gab in Uebereinstinrmung mit den Unparteiischen die Parole aus, sich der Wahlbeteiligung für den Nationalrat vollständig zu enthalten. Ein Nationalrat unter Ausschluß der Kultusangelegenheiten kann als eine jüdische Einrichtung nicht gelten, und wäre eine Mitwirkung an der Zusammensetzung eines solchen ein Verbrechen an der jüdischen Volksseele. In diesem Sinne sprachen sich auf einer Konferenz vor einem Jahre auch die litauischen Misrachiführer aus, die nur in politischen Dingen ein Zusammengehen mit den Zionisten für möglich hielten, nicht aber in Fragen der Religion oder bei Unternehmungen, die gegen die Religion gerichtet sind. Umso unverständlicher ist die Taktik des heutigen Misrachi, der gegen Achduth seine Wahlhilfe dem religionslosen Nationalrat im vollsten Maße angedeihen läßt. Was die Wahlen in die Kehillack^verwaltung betrifft, so haben Achduth und Unparteiische eine eigene gemeinsame Liste von 29 Kandidaten aufgestellt, an deren Spitze Oberrabbiner Schapiro steht. 15 Kandidaten sind ausgesprochene Anhänger und Vertreter der Aguda, 5 Kandidaten stellen die Zeire Iisroel, 8 Mandate sind angesehenen gesetzestreuen Männern zugedacht, die in keiner Partei organisiert sind. Der erste Wahlgang hat bereits einen namhaften Sieg dieser Liste 24 gebracht. Einzelheiten über den Ausgang der Nationalrats- und Kehillauswahlen stehen noch aus und sollen in nächster Nummer nachgetragen werden. fliMsctnikimottgress. Czer nowitz, 28. Sept. Die Abhaltung des für Montag nach K i m p o - I u n g einberufenen Antisemitenkongresses, der bereits seine Schatten vorausgeworsen hatte und der jüdischen Bevölkerung der Stadt und in der ganzen Bukowina viel zu sorgen gab, wurde auf Vorstellungen bei den Stadtbehörden wie in Czernowitz und Bukarest von der Zentralregierung verboten, und es wurden alle Maßregeln von der Regierung getroffen. Line völkervund Untersuchung in Bessaravjen. Genf, 5. Oktober. Im Aufträge des Völkerbunds reist ein Delegierter nach Bukarest, um das Schicksal der russisch-jüdischen Flüchtlinge in Rumänien festzustellen und ihre Repatriierung mit Hilfe des Roten Kreuzes in die Wege zu leiten. Oie Ooriage in den jüdischen Kolonien der Ukraine. Berlin, 4. Oktober. Dem Berliner Büro der Jüdischen -Welthilfskonferenz wird aus Rußland gemeldet: Die Not unter der Bevölkerung der jüdischen Kolonien (Wesjolaja, Krasnosjolka, Prijatnaja, Roskoschnaja, Bogodarowka u. a.) im Bezirk Alerandrowsk, Gouvernement Jekaterinoslaw, die insbesondere von den Machno'schen Banden gelitten haben, spottet jeder Beschreibung. Es genügt, hervorzuheben, daß zwei Kolonien — Trudelubowka und Netschajewka — von dem Erdboden verschwunden sind; die Kolonisten sind größtenteils ermordet; die Zurückgebliebenen flüchteten, die Heimstätte verlassend. Auch andere Kolonien haben schwer gelitten. Die Gebäude sind zerstört und können wegen Mangel an Mitteln nicht mehr hergestellt werden. Das lebende, sowohl wie auch das tote Inventar ist sehr gering und in weit ungenügender.Anzahl vorhanden, Es fehlt vollständig an inedizinischer Hilfe. Es