Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1923)
- Date
- 1923-10-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 41 Der Israelit 11. Oktober 1923 jüdische Komitees, speziell die „League of Nations-Union" in England, die eine Million Mitglieder zählt und deren Präsident Lord Robert Ceci! ist. Innerhalb dieses sehr einflußreichen Komitees wurde letzthin ein Minoritäten-Komitee gebildet. Ich selbst bin Mitglied dieses Komitees, dem ich letzthin dreimal präsidiert habe. Die erwähnten Organisationen nehmen sich nun der Minoritäten an und senden die Petition der Minoritäten an den Völkerbund. Unser Recht, Petitionen an den Völkerbund gelangen zu lassen, wurde auf Grund dessen anerkannt, daß der Völkerbundsrat seine Informationen einholen müsse, wo er dieselben eben erhalten kann. Insofern befanden wir uns in einer günstigen Lage. Das Mangelhafte in den Minoritütsverträgen wurde auf diese Weise behoben und es bestand eine reguläre Prozedur, um jegliche vorkommende Verletzung der Verträge zu behandeln. Nun aber hat dies Anlaß zu einer großen Offensive seitens der Minoritätenstaaten gegeben und letzten Januar hat Polen eine Note an Den Völkerbundsrat gerichtet, in welcher die polnische Regierung erklärt, daß die ganze Prozedur illegal gewesen ist und nicht durch den Friedensvertrag gerechtfertigt gewesen sei. Polen wurde hierbei von der Tschecho-Slovakei unterstützt. Die polnische Regierung hat nun dem Völkerbundsrat Vorschläge unterbreitet, für eine Reform der Prozedur. Sie schlägt vor, daß die Minoritäten nur durch ihre eigenen Regierungen Petitionen sollen einreichen können. Sie schlägt ferner vor, daß das Dreier-Komitee beseitigt werde und daß Petitionen nicht unter den Mitgliedern des Völkerbundes zirkulieren sollen und schließlich, daß Petitionen nicht von ausländischen Organisationen angenommen werden sollen. Kurz gesagt: es wendet nichts ein gegen die Minoritäten oder gegen die Garantie des Völkerbundes, es wünscht nur jegliche Maßnahmen zu treffen, um zu verhindern, daß irgend etwas über die Vergewaltigung der Minoritätenverträge zur Kenntnis des Völkerbunds gelangt. Somit ist diese Angelegenheit von großer Vitalität für uns, denn würden diese Vorschläge akzeptiert, so würden die Minoritätenverträge zu einem toten Buchstaben herabsinken. Das Joint Foreign Committee der englischen Iudenheit und die Alliance Israelite Universelle, sowie die League of Nations-Union in England haben daher gegen die Vorschläge der polnischen Regierung protestiert und wir haben diesbezüglich befriedigende Versicherungen seitens der englischen Regierung erhalten. Die Angelegenheit wird diese Woche vor den Völkerbund gelangen und ich glaube, daß die polnischen Vorschläge verworfen werden. Jedoch werden Polen und die Tschecho-Slovakei wahrscheinlich versuchen, die Frage wieder in der Völkerbundsversammlung vorzubringen. In diesem Falle wird Polen natürlich von allen Minoritäten- Staaten, wie Ungarn, Estland, Lettland, Rumänien unterstützt werden, da sie ja alle den Minoritätenverträgen abhold sind. Dies ist die hauptsächlichste Frage, mit der wir uns während der vierten Völkerbundsversammlung zu beschäftigen haben. Eine weitere wichtige Frage bildet der Numerus clausus in Polen. Die Alliance Israelite Universelle und däs Joint Foreign Committee der englischen Iudenheit haben dem Völkerbund über Polen Beschwerden eingereicht. Gemäß der Prozedur wurden die Beschwerden der polnischen Regierung zugeschickt und die polnische Regierung hätte ihre Verteidigung innerhalb 2 Monaten vorzubringen gehabt. Sie hat es abgelehnt, irgendwelche Verteidigung geltend zu machen, mit der Begründung, daß ihrer Meinung nach Petitionen von ausländischen Organisationen, wie die Alliance und Joint Foreign Committee, nicht akzeptiert werden dürfen. Das Resultat wird sein, daß die ganze Angelegenheit schon in einigen Tagen vor den Völkerbundsrat gelangen wird, anstatt erst in zwei Monaten. Ich habe ferner die Frage des ungarischen sowie des österreichischen Numerus clausus mit den Referenten des Völkerbundes diskutiert und ich werde sie auch mit den österreichischen und den ungarischen Delegierten diskutieren. Ich hoffe, daß wir eine freundschaftliche Regelung dieser Frage werden erzielen können: sollte dies nicht der Fall sein, so haben wir noch andere Möglichkeiten, und wir werden in diesem Falle andere Schritte unternehmen, um die Minoritätenrechte der Juden in Oesterreich, sowie diejenigen in Ungarn als auch in Polen sicherzustellen. Die Arbeit wird eine gewisse Zeit erfordern, aber ich habe Vertrauen, daß wir schließlich siegreich durchdringen werden. Dies dürften die wichtigsten politischen Fragen sein, mit denen ich derzeit beim Völkerbund beschäftigt bin. Es bestehen außerdem andere Fragen bezüglich der Flüchtlinge und der Emigration, die gleichfalls wichtig sind und welche ich mit dem Oberkommissariat und dem Bureau International du travail diskutiere. Die Flüchtlingsfrage in Polen ist praktisch gelöst. Es gibt dort noch einige Hundert Flüchtlinge, die noch nicht registriert sind: desgleichen befinden sich auch in Danzig noch einige Hundert, die noch nicht verschifft worden sind. Dagegen ist goge, so bietet sie Dir ein eigenartiges Bild. Sie prangt nämlich stets im ^872 UPE^-Schmuck! Vor dem ^mpn ynN befindet sich das weiße TO'He. Auf dem TidV liegt das 7ME von den Q'ü\ In den „Ständern" sind rnn^D und D'-mno von nrtfu twn und dv. Auf meine Frage, ob wenigstens an den cpn-ps □‘•EP noch tee sei, wurde mir die Antwort zuteil, daß „man" doch einem ^"i-Chasen nicht zumuten dürfe, nDilD zu essen! Die jüdische Gemeinde zählt noch 4—6 Haushaltungen, aber keine lebt rituell. Die Mitglieder kennen weder rcitf noch e",p; "ieo betrachten sie als „antiquiert"; haben es auch aus „Bequemlichkeit" abgeschafft. Was wissen sie noch vom Judentum? Wie werden sie ihre Kinder zu Juden erziehen? Aus dem Wege zur Bahn sah ich auch den „Judenkirchhof", wie mir ein Einwohner der Stadt das □'i'Tiri bezeichnete. Es ist vielleicht das Einzige, was noch jüdisch geblieben ist. Die Lebenden kümmern sich kaum um spezifisch jüdische Angelegenheiten. Wie werden ihre Kinder als Juden leben? Mit dieser Frage beschäftigte ich mich auf meiner weiteren Wanderung und ich kam zu dem Resultat, daß dies das Schicksal all der Gemeinden sein mutz, die lehrerlos und den Lehrer los geworden sind. Leichten Herzens gibt „man" die jüdische Schule auf und übersieht dabei, daß man damit die Pflanzstätte jüdischen Lebens und jüdischer Weltanschauung beseitigt. „Man" achtet den jüdischen Lehrer kaum, der mit seiner selbstlosen Amtsführung die Gemeinde in „Schul" und Schule zusammenhält. Mit seinem Scheiden vom Orte seiner Wirksamkeit verfällt Eins nach dem Andern aus dem geistigen Bestand des Lebens der jüdischen Gemeinde. Mit dem Lehrer verliert sie ihr Rückgrat: Schule und Leben! Dorum an Euch alle, die Ihr Kraft und Macht habt» jüdische Schulen zu erhalten, lasset kein Mittel unversucht, dieses wichtige Erziehungsinstitut vor dem Eingehen zu schützen. Ist aber eine Gemeinde so stark, daß die Vorbedingungen zur Errichtung einer jüdischen Schule gegeben sind, dann verwirklicht unter allen Umständen dieses Streben. Gründet jüdische Volksschulen! Ihr tut dies zur Erstarkung und zur Neubelebung unserer jüdischen Gemeinden, zur Kräftigung unseres Judentums, und im Interesse unserer ni 1EN. (Notgeld mit Hakenkreuzen). Daß ein Notgeldschein in der Höhe von einer Million Mark zum Sammelobjekt geworden ist, widerfuhr der Stadt Kassel. Der Schein weist außer dem Bild des Märchenerzählers Jakob Grimm — die Grimmschen Märchen entstanden in Kassel — vier Sterne aus, die, in strengen Linien ausqeführt. je ein Hakenkreuz im Schnittvünkt bilden. Erft durch die große Nachfrage der Sammler wurde man darauf aufmerksam. Die Sammler legen besonderen Wert aus diesen Schein, weil er von einem der größten Gegner der Hakenkreuzler unterzeichnet ist. von Philipp Scheidemann. dem gegenwärtigen Oberbürgermeister von Kassel. (Aas antisemitische Rindvieh). In der„Waldeckschen Landeszeitung" annoncierte ein Landwirt namens Kramer, daß er eine Kuh zum Verkauf stelle, daß aber „jüdische Händler verbeten" seien. Die jüdischen Viehhändler der dortigen Gegend erwiderten daraus in derselben Zeitung durch eine Annonce, daß sie in Rumänien die jüdische Flüchtlingsfrage ernst. Zwischen 7 und 8000 Flüchtlinge müssen aus Rumänien nach anderen Ländern überführt werden, das wird ca. 140,000 Dollar kosten, welche Summe die ICA, das amerikanische Joint Distribution Committee und das englische „War Victim's Committee" aufbringen. Aus Beßarabien hat die ICA allein erst kürzlich 1500 jüdische Flüchtlinge evakuiert, was allein 45,000 Dollar gekostet hat. Die Schwierigkeiten der Flüchtlingsfrage in Rumänien werden nun umso größer werden, als ja bekanntlich das Joint Distribution Committee mit dem ersten Oktober seine Tätigkeit liquidiert und zu den Evakuierungskosten auch noch das Geld für die Verköstigung und Erhaltung der Flüchtlinge wird aufgebracht werden müssen. siorrerpontlenren « Nachrichten. Deutscher Reich. iiS Ztsaisrurchjirse und Eemeinüeyervänüe. Berlin, 8. Oktober. Gegenüber einer irreführenden V e r ö f f e n tlcchung des „Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden", die den Anschein zu erwecken sucht, als seien die Reichs- und Staatssubventionen an jüdische Gemeinden von der Zugehörigkeit zu diesem Verbände abhängig, sei hierdurch ausdrücklich das Gegenteil fest ge st eilt. Die Regierung bevorzugt, wie selbstverständlich, jenen Verband in keiner Weise vor dem Preußischen Landesverband gesetzestreuer Synagogengemeinden, behandelt vielmehr formell und sachlich beide Verbände durchaus paritätisch. Sämtliche Verordnungen gehen beiden Verbänden gleichzeitig zu, zu den Konferenzen im Ministerium werden beide gleichmäßig zugezogen und hinsichtlich der Gewährung von Staatszu- 'schüssen und Beihilfen für Synagogengemeinden besteht keinerlei Unterschied zwischen den Mitgliedsgemeinden beider Verbände. Dem gese^estreuen Verband haben sich bereits etwa 120 Gemeinden angeschlossen, die, soweit sie darauf angewiesen waren, seit dem Bestehen des Verbandes fortgesetzt erhebliche Notstandsbeihilfen aus eigenen sowohl wie aus Staatsmitteln erhalten haben. ^qern auf das Rindvieh von Kramer" verzichten. In den dortigen Kreisen hat diese Auseinandersetzung viel Heiterkeit erregt. (Are Zahl der Anden nach der neueste« Statistik). In dem kürzlich erschienenen „American Jewish Bear Book", gibt Dr. Harry S. Linfield, der Direktor der stattstischen Abteilung für jüdische Sozialforschung. neue stattsttsche Daten über die jüdische Bevölkerung der Erde bekannt. Darnach beträgt gegenwärttg die Zahl der jüdischen Bevölkerung der Erde 16393816. lieber zwei Drittel der gesamten jüdischen Bevölkerung lebt aus dem europäischen Kontinent, 26 Prozent in Nord- und Südamerika und nur 71/2 Prozent in Asien, Afrika und Australien. Sabbat-Anfang und -Ausgang. m raw Ort: Anfang Hatum Äusg. Uhr Min. 1923 6684 Uhr Min. Frankfurt a. M. 6 16 13. 3. 6 30 Berlin .... 6 44 Okt. Mar- 7 24 München . . . 5 30 cheschwan 6 03 Köln. 6 16 6 30 Stuttgart . . . 6 46 7 31 Breslau.... 6 15 5 45 Nürnberg . . . 5 10 6 10 Hamburg . . . 5 20 6 15