Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1923)
- Date
- 1923-10-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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11. Oktober 1923 Nr. 41 Seite 3 Der Israelit Karlsbad erlebt, sondern inWien versäumt hat. — Herr Oberrabbiner Chajes holt nun das Versäumte nach, indem er von der Kanzel herab vor seinen hochgestimmten Beiern, also von einem sicheren Port aus, wo direkte Opposition nicht zu befürchten ist, gegen Kenessio und Aguda loszieht, ja davor w a r n t wie vor einer heranziehenden Gefahr, der man nicht gerüstet genug entgegentreten könne. Das Elul-Schofar, so predigt der Herr Oberrabbiner in einem poetischen Anflug, habe dieses Jahr keine andere Aufgabe gehabt, als das Volk der Juden zu warnen vor der Kenessio, vor der Aguda, vor dem Rabbinischen Rate. All diese Instanzen zielten seiner Meinung nach lediglich auf eine Klerikalisierung des jüdischen Voltes hin. Also, Volk der Juden auf der Hut! Das Schofar hat gewarnt, das Schofar des Elul und das Schofar aus dem Munde des Herrn Oberrabbiners auf der Kanzel, auf der schon vor einem halben Jahrhundert ein Jellinek vor dem Fanatismus der finsteren Orthodoxie gewarnt hat) Aber Jellinek — seine Predigten liegen zum Teil im Drucke vor uns — hätte sich eines solchen Sophismus nicht bedient, um gegen die Orthodoxie anzukämpfen. - Er bekämpfte sie, weil er sich offen zur Reform der damaligen Zeit bekannte und ihr klar und ehrlich das Wort lieh. Er brauchte sich auch nicht hinter die „Souveränität des Volkes" zu verkriechen. Man legte in der Zeit der Synoden und der Rabbinerkongresse keinen Wert auf solche Köder, und die Souveränität der neuen Rabbiner wurde ebenso gegen das Volk wie gegen die Thora und ihre Lehrer ausgespielt. An Gott selbst wagte man sich nicht heran. Man glaubte nur, die Brücke zwischen Gott, Israel und der Thora ein bißchen ab- und umbauen zu können. Man sprach sogar viel von Gott, nur daß man anstatt der lebendigen Mizwohtat, ihm den Weihrauch einer verschwommenen ethischen Kultur weihen zu können glaubte. Zwischen Jellinek und Chajes liegt ein weiter Weg mannigfacher Entwicklungen. Die bodenlose Geistigkeit der Reform schwirrte solange in der Luft herum, bis sie sich, schon halb verflogen, auf den Boden des Volkstum es' setzte und neue Tragkraft erhielt. Die „Souveränität des Volkes" ist heute das Schlagwort der Zeit und auch die Seele des Zionismus in seinen letzten Entwicklungsstadien. Von der Kanzel, auf der früher gegen jüdisches Volkstum wie gegen „religiöse Absonderung" ein Lied zur „höheren Ehre" Gottes angestimmt wurde. wird jetzt die „Souveränität des Volkes" proklamiert. Nicht allein die Mizwohtat ist verjährt und überflüssig, auch der alte Gott ist abgesetzt, auf seinen Thron wird das Volk gehoben, das allein noch Herr und Meister ist und sich seine Gesetze nach eigenem Willen zu geben hat. Wer es wagt, die Herrschaft der Thora zu verkünden und ihre großen Lehrer zu ihrer Hut zusammenzurufen, beschwört die Gefahr der Klerikalisierung herauf und muß bekämpft werden, von der Kanzel herab und mit dem Elul-Schofar! Mit dem Schofar, dessen Tone doch in Wahrheit alle Teile des Volkes um die Thora sammeln wollen, um mit ihr Gott als König zu huldigen. Krasser ist die Entwicklung der nationalen Reform noch nie zum Ausdrucke gelangt, als in dieser Wiener Neujahrspredigt, und der spätere Chronist, der den Weg zeichnen wird von der individuellen Assimilation der Reform bis zu der von dem Gedanken des Volkstums beseelten nationalen Assimilation wird dieses Kapitel betiteln können: Von Jellinek bis Chajes! Neujahrsbotschaften. Eine sinnige Talmudstelle läßt in Ausdeutung des jesajanischen Satzes 'tpisn Dirny uni die Nationen und deren Vertreter als Zeugen für Israel auftreten. In Amerikakommen in einer Zeit, da in der alten Welt so ziemlich alles gegen uns zeugt, die Zeugen für Israel zu Wort. Der Neujahrsbotschaft des neuen Präsidenten der Union folgt jetzt eine solche des amerikanischen Handelsministers Herbert Hoover, die insbesondere die jüdische Philantropie rühmt. Hoover, der in den Kriegsjahren von Amerika als Ernährungskommissar für die europäischen Kriegsländer bestellt war und in dieser Eigenschaft die Not wie die Mittel zu ihrer Linderung aus eigener Anschauung reichlich kennengelernt hat, schreibt in der „Jewish Tribüne" u. a.: „Während der neun Jahre, in denen ich an den großen amerikanischen Hilfsmaßnahmen für Europa aktiv teilnahm, stand ich in enger Verbindung mit verschiedenen jüdischen Organisationen, die an dieser Hilfsarbeit engagiert waren. Ich hatte häufig Anlaß, die außerordentliche Generosität und Freigebigkeit der amerikanischen Juden hervorzuheben und besonders zu betonen. In der Tat haben ihre freiwilligen Beitragsleistungen jene aller anderen amerikanischen Gruppen übertroffen und wiesen Beiträge von den kärglichsten Sparpfennigen des ärmsten Arbeiters bis zu den reichlichsten Zuwendungen der in glücklichen Verhältnissen lebenden Persönlichkeiten auf. Während die größeren freiwilligen jüdischen Fonds in der Hauptsache für die eigenen Religionsgenossen bedacht waren, haben die amerikanischen Juden in königlicher Weise zu den allgemeinen Hilfsfonds beigetragen, und selbst in der Verwaltung ihrer eigenen Spezialfonds die weitherzige Politik der Kooperation in der Hilfeleistung an alle Leidenden befolgt. Und tatsächlich wurden Hunderttausende von Nichtjuden von ihrer Fürsorge in gleicher Weise von den Juden bedacht. Diese weitherzige Philanthropie hat in vielen Ländern Osteuropas einen so tiefen Eindruck gemacht, daß man sich dort der Judenverfolgungen schämte, die in der Zeit des größten Chaos in vielen Städten zum Ausdruck kamen." Herrn Hoover wird es wenig freuen, zu hören, daß man in vielen Ländern und Städten Osteuropas — und leider auch Mitteleuropas — der jüdisch-amerikanischen Hilfe längst vergessen hat und sich der Judenhetzen nicht mehr schämt, ja sich nicht mehr schämt, die Judenverfolgungen zu erneuern. Die Wahrnehmung der jüdischen Interessen beim Völkerbund. Mr. Lucien Wolf, der Generalsekretär des „Joint Foreign Committee" der englischen Judenheit, der gegenwärtig als Vertreter des „Joint Foreign Committee" und der „Alliance Jsraelite Universelle" in Genf weilt, um mit den Referenten und Delegierten während der 4. Session des Völkerbundes verschiedene jüdische politische Fragen zu diskutieren, äußerte sich dem Herausgeber der I. P. Z. gegenüber wie folgt: Die wichtigste Angelegenheit, die wir mit dem Völkerbund gegenwärtig zu diskutieren haben, betrifft die Frage der Minoritätenverträge. Bekanntlich können die Juden in Rumänien, Ungarn oder Polen nicht ohne Gefahr Beschwerden an den Völkerbund richten. Obzwar beispielsweise die Lage der Juden in Rumänien nicht so .schlimm ist, als man gemeinhin annimmt' — die Regierung selbst bekämpft ja dort den Antisemitismus — so würde, falls die Juden Rumäniens eine Petition an den Völkerbund richten würden, dies sofort einen Pogrom zur Folge haben. Desgleichen ist es ja von der Affäre Löw her bekannt, daß man in Ungarn sich strafbar macht, wenn man über die Lage der Juden ins Ausland einen Bericht gelangen läßt. Die Minoritäten sind eben in diesen Ländern terrorisiert. Würde man nun die Sachen auf sich beruhen lassen, so würde dies das Ende der Minoritätenverträge bedeuten, denn die Minoritäten selbst könnten keine Klage erheben. Aber glücklicherweise gibt es ausländische Komitees, wie das „Joint Foreign Committee" der englischen Judenheit, die „Alliance Jsraelite Universelle" in Frankreich und sogar nicht- Mit andern Worten: Ziel und Zweck der Menschenerschafsung ist und bleibt seine Beschäftigung mit der Thora und die Ausübung der darin enthaltenen Gesetze und Gebote. Diese sind aber nur für den Menschen und nicht für die Engel bestimmt und berechnet. Durch diesen Hinweis (auf den kleinen Finger) verbrannte Er den von ihnen gegen die Erschaffung des Menschen erhobenen Protest. Der Mensch wurde am sechsten Tage (zuletzt) erschaffen. Dies geschah nach dem Midrasch .aus folgendem Grunde: Führt der Mensch einen gottesfürchtigen Lebenswandel, dann nimmt er einen höhern Rang ein als die lobpreisenden Engelscharen des Himmels. Ist fein Lebenswandel schlecht und sündhaft, dann kann man ihm sagen: siehe, die Fliege ist noch vor Dir erschaffen worden, j-pT dk .oni rwn 'oateb ncnp nn« din ‘in 3'qj. Der Mensch allein ist Herr seines Willens und hat daher die freie Wahl, denjenigen Weg einzuschlagen, der ihm wohlgesällt. Befleißigt er sich eines gottgefälligen Lebenswandels, dann steht er im Range höher noch als die lobpreisenden Engelscharen, denen jeder Kamps erspart bleibt, folgt er aber seinem sündhaften Triebe, dann sinkt er noch viel tiefer als das vernunftlose Tier, das nur deshalb seinem Instinkte folgt, weil ihm die Freiheit des 'Willens mangelt. Daher nnra mrni- (Fortsetzung folgt.) —« Kleines Feuilleton. Bon der Not des Geistes. Von Lehrer E. in A. Wenn im Sommer die Natur in ihrer Fülle und ihrer Prachtentsaltung fich zeigt, da ergreift's den Menschen mit Macht, diesen Vollgenuß auszukosten. Der „Wanderer aus Erden" greift zum Wanderstab und wandert. Diesmal gings zur Lüneburger Heide. Du stellst Dir, lieber Leser, die Heide als eine Sandwüste vor. Doch damit bist du vollkommen im Irrtum! Wunderbare Szenerien, herrliche Gegenden, prachtvolle Naturbilder birgt diese oft verkannte Landschaft. Maler und Dichter haben es versucht, diese Naturbilder in Bild und Reim seftzuhalten. Hier findest du Heidekraut mit seinen violetten Blütenglöckchen, Wachholderbüsche und die weißrindige Birke, die Dich auf Deiner Wanderung begleitet, da sie zu beiden Seiten der Straße als Schattenspender fortlaufend angepflanzt ist. In den ausgedehnten Waldungen wachsen die Heidelbeere und Kronsbeere, d. i. Preiselbeere. Zahlreiche Wanderer ziehen zur Zeit der Heideblüte zur Heide, um hier fern vom Hasten und Treiben des Alltags eine Spanne Zeit sich in der Heide hu erholen. In den letzten Jahrzehnten hat auch hier die alles sich dienstbarmachende Jnoustriö breitgemacht und die Kalibergwerke an der Aller und die Petroleumtürme bei Wietze erzählen von der friedlichen Eroberung. Wir kamen von der Bremer Gegend und drangen von dieser Seite in die Heide ein. Bald gelangten wir nach.... Dieses Städtchen ist eine Perle der Heide. Es hat ein Heidemuseum und ziemlich ausgedehnte Waldungen. Die Stadt liegt sehr geschützt und bildet, weil fern dem Getriebe der Großstadt gelegen, so recht einen Erholungs¬ und Luftkurort. Blitzblank sind Häuser und Straßen. Doch beim Durchwandern beschleicht einen das Gefühl, als befinde sich der Ort im Dornröschenschlummer, so ruhig und still zeigt sich die Stadt. Allerdings muß ich der Wahrheit die Ehre geben, daß dieser Dornröschenschlummer wahrscheinlich der großen Hitze sein Entstehen verdankte, denn gerade zur Zeit, da glühend heiß die Sonne ihre Strahlen herniedersandte, gelangten wir an unser vorläusiges Ziel. Diese Stadt beherbergte vor einem halben Säkulum noch eine blühende jüdische Gemeinde. Sie hatte eine jüdische Volksschule und jüdisches Leben pulsierte dort. In der Synagoge, im Dolksmund heißt sie „Iödenkark", konnte ich noch manches Üeberbleibsel aus jener Zeit feststellen. Die „Schul" macht einen schönen Eindruck. Sie ist geräumig und bietet für 20 bis 30 Besucher Raum. Ihre vordere Hälfte ist frei. Um den Vorbeter stand vielleicht hier die schulpflichtige Jugend. Der mN ttnipn ist sehr schön und birgt noch einige -nso rrnin. Aus diesem und den noch vorhandenen D’n’iTnö und mrpyo darf man schließen, daß hier echtes, schönes jüdisches Leben geblüht hat. Doch kehren wir zu dem mehr wie realen Jetzt zurück! Die dortige jüdische Volksschule ist seit langer Zeit ausgelöst. Ein Lehrer ist nicht mehr vorhanden. Der Gemeinde ging es ohne Lehrer genau so, wie es vielen Gemeinden heute ergeht, sie verkommen ohne Lehrer. Betrittst Du heute im Heidestädtchen die Syna-