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Der Israelit · 1923-01-04 · Heft 1 (4.1.1923) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 1 (4.1.1923)
Date
1923-01-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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BGr *. Kt, 1 Mer AZraeltt. 4 Januar 1923 Korrespondenzen u. Haebriebten. Deutsches Reich. Die Tagung der nerfaffungsgbenden israeiififdien Synode. Karsruye- 20. Dez. Nach längeren Vorbesprechungen am Sonntag trat Montag, den 18. Dez-, im Ständehaus die verfassunggeben.de 11. außerordentliche Synode zusammen. Der Vorsitzende des Oberrats, Dr. M. Straus.Karlsruhe, eröffnete die Synode. Er gab einen kurzen Ueberbllck über die Entstehung der Verfassung und betonte hierbei, daß vor allem Oberrat Dr. Pfälzer-Weinhetm, als dem Schöpfer der Verfassung der Dank der Landessynode gebühre. Hieraus übernahm der Alterspräsident, Abgeordneter Schloßberge r-Bruchsal, das Präsidium. Nach Vornahme der Wahlprüsu"gkn wurde zum Präsidenten Dr. Nathan Stein-Karlsruhe, zum Vizepräsidenten Eduard Bauer-Mannheim, zu Schriftführern der Abgeordnete Bloch-Konstanz und Darmstädter- Ladenburg gewählt..' Hierauf gab Oberrat Dr. Pfälzer eine kurze Begründung zur Verfassung. Nach Vornahme der Wahl des Verfaffungsausschuffes, schloß der Präsident die erste öffentliche Sitzung gegen l/*ll Uhr. Nach Beratungen des Verfaffungsausschuffes, die sich bis zum Abend hinzogen, konnte die zweite öffentliche Versammlung um 6 Uhr eröffnet werden. Namens des Verfaffungsausschuffes berichtet Rechtsanwalt Kassewitz-Freiburg und Dr. Jesselsohn-Mannheim über dessen Verhandlungen. Beide betonten in ihren Berichten, daß nur dank der reibungslosen Zusammenarbeit der Parteien und vor allem dank des hervorragenden Entwurfs von Oberrat Dr. Pfälzer, es möglich gewesen sei, die Verfassung so rasch durchzuberaten. Bis auf einige wenige Aenderungen, die aber in keinem Falle prinzipieller Natur gewesen seien, habe der Verfaffungsausschuß keine Aenderungen vorgenommen. Die Berichterstatter schlugen daher die Annahme der Oberratsvorlage der Verfassung vor, die die alten Einrichtungen der Landessynagoge, abgesehen von durch die Umgestaltung der staatlichen Gesetze bedingten Aenderung erhalten will. Bet der sich anschließenden Abstimmung wurde die Verfassung einstimmig angenommen. Bet dem 2. Punkt der Tagesordnung, Neuwahl des Oberrats, teilte der Präsident mit, daß die beiden Karlsruher Mitglieder des Kollegiums, Dr. M. Strauß und Dipl.-Jng. Ma^ Ettling er, sowie Konf. Rabbiner Dr. Mayer-Bühl, eine auf sie fallende Neuwahl nicht annehmen könnten. Die übrigen Mitglieder des Kollegiums wurden einstimmig wteöer- Aewahlt. An Stelle der Ausscheidenden wurde Dr. Nathan Stein und Rechtsanwalt Dr. Fritz Strauß Karlsruhe, sowie Stadtrabbiner Dr. Oppenheim-Mannheim, gewählt, so daß das Kollegium jetzt aus folgenden Herren besteht: Oberrat Dr» Stein -Karlsruhe, als Vorsitzender, Dr. Pfälzer-Wetnheim M stellv. Vorsitzender, Gold sch mtdt-Mann heim, Dr. Moses-Mannheim, Prof. Dr. LöwY-Fretburg, Dr. Kaufmann-Heidelberg, Hugo Marx- Karlsruhe, Dr. Fritz Strauß-Karlsruhe, sowie den Konferenz-Rabbinern Dr. Löwen st ein- Mosbach, Dr. Zimels-Freiburg, Dr. Oppenheim-Mannheim. An die Wahl des Oberrats schloß sich die Wahl des Synodalausschusses an. Mit einem Dank an den Präsidenten für die gute Geschäftsführung und an die Regierung für die Ueberlaffung der Räume des Landtages erklärte der bisherige Vorsitzende des Oberrats um 11 Uhr die Synode für geschloffen. Wir werden über die Grundzüge der neuen Verfaffung noch berichten. Gssteeveich. Die SfuBenfenhraroalle. Wie«, 13. Dez. Das vom Bundeskanzler, wie berichtet, angekündigte Communique besagt: Beim Bundeskanzleramt erschien der Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemetnde, bestehend aus dem Präsidenten Generaloberstabsarzt des Ruhestandes Alois Pick, Oberrabbiner Dr. Chajes und Rechtsanwalt Dr. Defider Fried mann, um ihr Befremden über die Formen auszusprechen, die in den letzten Tagen die antisemitische Bewegung unter der Wiener Studentenschaft angenommen hat, und zugleich darauf hinzuweisen, daß in einer Zeit, in der das ganze Ausland auf Oesterreich blicke und sich zur Mitarbeit an der Sanierungsaktton anschickte, eine Wiederholung oder Verschärfung der gekennzeichneten Bewegung auch vom patriotischen Standpunkt aus bedenklich erscheinen Müßte, die Abordnung wendete sich insbesondere gegen die Forderung noch dem Numerus clausus für die jüdische Studentenschaft an den Hoch schulen und nach einem Ausschluß jüdischer Professoren von den akademischen Würden, weil sie darin einen Angriff auf die durch die Verfassung gewährleisteten staatsbürgerlichen Rechte der jüdischen Bevölkerung unseres Landes erblicken müffe. Der Bundeskanzler antwortete, daß die Bewegung unter der Studentenschaft diesmal nur durch die bekannten Vorgänge an der Prager Universität ausgelöst worden sei und durch die Mäßigung der Beteiligten selbst sehr rasch ein Ende gefunden habe. Die Forderung nach dem Numerus clausus sei nicht neu, sondern hätte auch schon in. der Vergangenheit wiederholt eine Rolle gespielt. Der Bundeskanzler trete selbstverständlich dafür ein, daß die staatsbürgerlichen Rechte aller Staatsbürger, welcher Konfession und Religion sie seien, gewahrt werden müßten. Zu Befürchtungen hätte die Judenschaft bei dem friedlichen Charakter unserer Bevölkerung, der durch lange Erfahrung bekräftigt ist, keinen Anlaß. Die politischen Parteien hätten es immer verstanden, trotz Festhaltens an ihrer verschiedenen programmatischen Stellungnahme zur Judenfrage alles zu vermeiden, was unser Land um den Ruf, eine Stätte der Ruhe und Ordnung zu sein, bringen könnte. Daß es auch in Zukunft so bleibe, dazu werde der Bundeskanzler, dem nichts mehr am Herzen liegt, als in der Zeit der allgemeinen Not alle, die guten Willens sind, zu gemeinsamer Arbeit an der Rettung des Vaterlandes zusammensaffen, das seinige tun. Züohnungsnof und Mcktlinge. Wie«, 27. Dez. In der gestrigen Budgetdebatte über das Wohnungswesen sprach der christltchsoziale Gemeinderar Preyer über die Erfassung von „FlüchtlingsWohnungen" in der sattsam bekannten Art der Antisemiten. Ihm erwiderte der Jüdtschnattönale Dr. Plaschkes und belehrte ihn unter anderem, daß die Flüchtlingswohnungen die entsetzlichsten sind, die man sich vorstellen kann. Wenn Herr Preyer am Anfang seiner Rede bittere Tränen geweint habe über die Abnahme hes Fremdenverkehrs in Wien, darüber, daß Hotel- und Gastgewerbe darntederliegen, so dürfe er nicht am Ende seiner Rede gegen die sozialdemokratische Mehrheit Sturm laufen, damit sie gegen die Fremden losgehe. Die Ausführungen des Herrn Gemeinderates Preyer, daß die Flüchtltngswohnungen deshalb nicht aüfgesordert werden, weil die Flüchtlinge * mit erwuchertem Kapital in der Lage sind) ein Aequivalent zu Sieten, sei eine Verdächtigung schlimmster Art. Plaschkes macht zum Schluffe praktische Vorschläge/zur Lösung des Wohnungs- Problems. Die Notlage der jüdischen HJaifenhäufer in Oftgaii?ien. Lemöerg, 28. Dez. Die jüdischen KriegswatsenHäuser und die ihnen angegliederten Tageshetmstätten in Ostgaltzien stehen vor dem finanziellen Zusammenbruch. Wenn nicht in letzter Stunde von irgendeiner berufecken Sette Abhilfe « kommt, dann sehen wir voll Entsetzen schon in der nächsten Zeit Tausende unserer ärmsten Kinder, deren Eltern zum großen Teil zur Ehre des jüdischen Namens gestorben sind, dem Physischen und moralischen Untergang verfallen. Unbeschadet der Bemühungen der parlamentarischen Vertreter zwecks Sicherung der staatlichen Hilfe und insolange die jüdischen Gemeinden als solche versagen, muß sich, wie die Wiener M. Z. anregt, die jüdische Oeffentltchkett zu einer großen Aktion der Selbsthilfe aufraffen. Es müssen Mittel und Wege gefunden werden, um die gesamte jüdische Bevölkerung, und nicht, wie es bisher war, blos einen kleinen, bis zum Ueberfl.uß mit Ausgaben für öffentliche Zwecke belasteten Teil zur finanziellen Mithilfe beranzuztehen. Die am 24. November und am 3. Dezember in Lemberg stattgefundene Enquete mit der Tagesordnung „Die Not unserer Waisenhäuser" darf jedenfalls als verheißungsvoller Beginn der so dringenden Rettungsaktion aufgefaßt werden. Nach einem sehr eingehenden und übersichtlichen Referat des Herrn Dr. Schaff entwickelte sich eine längere Diskussion, in der unter Hinweis auf die unhaltbaren Zustände verschiedene Möglichkeiten für die nächste Zukunft zur Erörterung gelangten. Die anwesenden Deputierten wie auch die Vertreter der Organisationen versprachen die wärmste Unterstützung der in Angriff zu nehmenden Aktion. Die Durchführung der Beschlüsse wurde einem aus der Mitte der Versammlung hervorgegangenen Exekutivkomttee übertragen, das sich, in den nächsten Tagen konstituieren wird. Tj rherho-Sloroaket. Die antisemitische Sfadf Karlsbad. Vrag, 28. Dez. Die Prager „Narodni Politika" schreibt: Der deutsch-nationale Akademikerverband, die deutsche Nationalpartei und die deutschen Nationalsozialisten haben nach Karlsbad eine öffentliche Versammlung etnberufen, um den Kampf gegen das Judentum zu organisieren. Uns wundert, schreibt das Blatt, daß gerade Karlsbad, deffen finanzielle Verhältnisse in einem geradezu klägiichen Zust andr sind, so etwas tut. Karlsbad ist seit Jahren abhängig von den jüdt scheu Badegästen, die der Stadt ihre Freundschaft auch in Zeiten der schwersten Krise bewahrt haben. Von den 36 Stadivtriretern haben ~ neunzehn Stadtverordnete,mehr als die Hälfte, in das Wappen des Weltkurortes das Hakenkreuz ein geführt, ohne Rücksicht daraus, daß sie noch die letzten Freunde des Bades durch diese Lat vertreiben werden und Hunderte von Karlsbader Familien zu Grunde richten, die vom Fremdenverkehr lebten. Dolen. Die Lage in polen. Warschau, 30. Dez. Die Lage hat sich, seitdem die Hetzer von. der Regierung ein wenig im Zaune gehalten werden, wesentlich gebessert. Gestern fand die Verhandlung gegen den Mörder des Staatspräsidenten Narutowicz, den Maler Newiadomskt,-statt. Der Mörder verteidigte sich selbst — mit einer großangelegten antisemitischen Rede. Er gab u. a. zu, auch gegen Pilsudski ein

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