Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1923)
- Date
- 1923-01-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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zu den Akten rumor, er werde die ^DaS Gericht erkannte nur auf eine Geld- .,afe von 50000 Mk. für den Verleumder, lber von größerem Interesse ist die Urteilsbegründung. Sie besagt u. a.: Die Behauptung n dem Buch, daß der Klüger, ein deutsch-völkischer Schriftsteller, ein „Abkommandierter Zions" «ei, erhalte den Vorwurf der Heuchelei, und das ksei einer der schwersten Borwürfe, die einem ^Schriftsteller gemacht werden könne. Der Angeklagte habe keinen Beweis erbracht, daß ein jüdischer Geheimbund bestehe. Die „Weisen lvon Zion", auf die er sich berufe, seien kein Beweis, es sei vielleicht (vielleicht? Red.) seine Phantasie. Der Angeklagte Trebitsch-habe sich in seine Ideen verbohrt, er glaube diese Geschichten von den „Weisen" und von den „Abkommandierten". Er ist nach Ansicht des Gerichts in dieser Beziehung pathologisch aufzufassen. Deshalb hat das Gericht eine Beleidigung wider besseres Wissen nicht angenommen, aber auch wegen verleumderischer Beleidigung trotz deren Schwere unter Berücksichtigung der geistigen Einstellung des Angeklagten von einer Gefängnisstrafe Abstand genommen. Auf alle Fülle ist mit der Feststellung der „pathologische Veranlagung" die geistige Verfassung des wütigen Apostaten Arthur Trebitsch noch nicht restlos geklärt. Staatliche, kirchliche und jüdische Gemeinschaft. Bon Dr. B. Cohen in Berlin. (Fortsetzung.) 6. Auch die zünftige Religionswissenschaft unserer Zeit ist von einer selbstbewußten Abneigung gegen den „alttestamentlichen Nationalgott-Kultus" erfüllt, dem sie gern den Untversalismus der, übrigen Religionen rühmend gegenüberstellt. Nach Erschütterung der Grundlagen der Zerreißungstheorte ist diese Phrase entkräftet. Schon erhebt sich aus einem anderen Lager ihr umgewandelter Nachklang. Die kultu-, relle Eignung Israels zum jüdisch-religiösen Staatsleben wird von den Kreisen des mystisch gerichteten Zionismus wohl anerkanntaber ohne logisch konsequente Rücksicht darauf, findet die Eignung der rabbinisch überlieferten Lehre dazu, nicht die Anerkennung Bubers und seines Kreises. Ein zündendes, bindendes Volksgut sehen sie im Mythenkreise der Kabbalah und in der chaspdischen Reinheits- und Sittenlehreaber unter ihrer Würde dünkt ihnen die Beschäftigung mit des göttlichen Lebensherumgehen und vom „nächsten Krieg" sprechen, der nächsten Kraftprobe, obwohl sie wissen müssen, daß dies das Ende, die völlige Zerstörung, den unvermeidlichen Untergang Europas bedeuten wird. Wir find auf dem Rückweg zur Barberei. Jedermann, der durch Thrazien gereist ist, und die ganze Bevölkerung mit ihren Habseligkeiten auf den Landstraßen gesehen hat — ihre Ochsenkarren, beladen mit ihren Besitztümern, ihr Vieh, ihre Schafe, die vor ihnen hergetrieben wurden — die Straßen vollbepackt, meilenweit, so weit das Auge sehen konnte—, wer das gesehen hat, mutz sich unbedingt zurückgesetzt gefühlt haben in die Zeiten der großen Völkerwanderungen!-Wir sind zurückgelangt zu Zetten, in denen eS keine Ungeheuerlichkeit mehr zu sein scheint, wenn ein ganzes.Volk — wie die Armenier — weggefegt wird. Wir können, ohne unS zu entsetzen, daran denken, wie ganze Bevölkerungen in den Wolgagebieten aussterben. Wir befinden «nS tatsächlich auf dem Rückwege zur Barbarei. Wo sollen wir Abhilfe suchen? Was wir brauchen, ist Vertrauen und guten Glauben. Vertrauen zwischen den Klassen, guten Glauben und Vertrauen zwischen den Nationen, wie auch Glauben und Vertrauen in die Zukunft. Die Menschheit muß umkehren, nicht zur Barbarei, sondern zu dem Gefühl der Brüderlichkeit zwischen Menschen und Völkern, zu dem, was in Alfred Nobels Augen der Kern und Mittelpunkt von allem war. Was die Menschheit heute braucht, ist Dpferwilligkeit, tätige Menschenliebe, die nicht nur Mg ist, zu geben, sondern auch zu entsagen. Das Vertrauen wird wiederkehren, wenn jedermann dazu imstande ist. Aber das klingt vielleicht utopisch. Und wenn Ich um mich blicke, um Mittel zur Erreichung dieses Zieles zu finden muß ich gestehen, ich sehe nirgends Hoffnung, die Situation zu retten, außer durch ' •-.; Der Israel«. regelungsgesetzeS Einzelheiten, Dingen, deren Parallele sie im Mythus und Legendensckatze der von ihnen als mit dem Glauben ihrer Kindheit verwandt angesehenen Phtlosopheme und Volksreligionen vergeblich gesucht und darum als unverträglich mit dem Reltgionslrben eines Kulturvolkes abgetan haben. Mag es ihnen gelungen sein, wette talmudunkundige Kreise der westlichen Judenheit vorm Aufgehen im deutschen Märchenwesen zu bewahren, dem lebensfähigen, ernsten Kern des Judentums haben sie niemanden zurückgewonnen. Wäre die jüdische Religionswissenschaft wirklich ein so nebelhaftes Traumsystem wie die Genannten (einfach aus Abneigung gegen den geistbeschäftigenden Talmud) glauben, so wäre ihre Ansicht, daß der jüdische Staat einer außerhalb dieser Lehre aufgebauten Stütze, etner Anlehnung an das Staatswesen der Gegenwart bedarf, berechttgtda aber Gottes Gesetze das Leben einer Nation zu regeln bestimmt und die rabbtnischen Anwendungsmaßregeln aus der Lebenserfahrung gewissenhafter Forscher und Volksmenschen (die oft in niedrigster Arbeit ihr Brot verdienten und oft in großzügigem Handel) (vergl. 1) entstanden sind, so ist die Thora und der Ritualkodex, die Verfassung Israels.' Nicht wie der mystisch sensible Glaube der Reformatoren, die alle an die bestehenden Staatsorganismen ihr „Reich" anlehnen mußten, noch wie die mit Maximalforderungen der Nächstenliebe alle Welt entnationalisterenden Mittelalterlichen Sekten, sondern als eine zum Staatenbau wohlgeeignete Kultur will die Thora angesehen sein. Jeden Staatsbau, der auf anderem System fußt, würde der alte Jude als Assimilation seiner Volksform betrachten, die ihm verhängnisvoller als die Assimilation einzelner Volks- und Glaubensbrüder dünkt. 7. Ist nun zu irgend einer Zeit der -befürchtete Nationaldünkel oder die von anderer Seite (vgl. 6) befürchtete Kleinlichkeit und geisttötende Sündenfurcht über das jüdische Volk gekommen? Erscheinungen, die als Anzeichen für letztere gedeutet worden sind, haben ihre rechte Deutung von zum Verteidigen unserer Religion berufener *) Seite erfahren. Der Grundton, der durch jede^ Verteidigung gegen den Vorwurf des moralischen Particulartsmus klingt, ist: Wir leben im Galut. Dle Sehnsucht des Volkes nach Wiederkehr seiner Selbständigkeit hat so unmenschliche Enttäuschungen seitens der Wtrtsvölker erfahren, daß manches scheinbare Zeichen eines Rassenstolzes oder einer weltfremden Lehrhauskultur in diesem _ *) Vergl. Wohlgemuth, das jüd. Gesetz in jüd. Beleuchtung. den Völkerbund. Er gibt uns Hoffnung, wenn er seiner hohen Aufgabe nicht gewachsen sein sollte, dann würde ich glauben, daß tatsächlich die letzte Hoffnung geschwunden sei. Aber ich glaube nicht, daß er versagen wird. Ich glaube, datz er durch die vereinte Kraft aller neu gestärkt werden kann und wir den wirklichen Geist internationaler Solidarität darin immer stärken können, datz wir ihn mehr und mehr zu dem machen vermögen, was er fein sollte, zum Parlament und Organ der Vereinigten Staaten der Menschheit. Zabbat'Unfang «na Mrgang. Ti'i rot?- Bztt Anfang Datum Ausgang UhrlMin. 19231 5688 Uhr MtN. Frankfurt a. M 4 15 8. 18. 5 80 Berlin . . 4 10 Jan. Tebet 4 Ö8 Mönche« ... 4 90 6 21 «öl« ..... 4 30 5 80 Stuttgart. . 4 SO 5 29 BreSla« ... — — - - Nürnberg. . . 4 SO 5 17 — — - — No. 1, Seite Lr | Lichte als Folge des ungeheuren Druckes von außen entschuldigt werden muß: Die Gesetzgebung der schriftlichen.Lehre nimmt an keiner Stelle Rücksicht auf die Eventualität des Galut, denn daß Israel in die Sünden der im Lande wider Gottes Gebot belassenen degenerierten Urbevölkerung verfallen mußte, war damaligem menschlichen Ermessen zu fern, als daß eine solche Bereitschaft zur Strafe nicht gleichzeitig eine Resignattonsstimmung erzeugt hätte. Also mußte der Galutkodex, der Schulchan aruch, erst unter dem Drucke der weltgeschichtlichen Ereignisse in jahrhundertelanger noch heute nicht ab» schlossener Arbeit hergestellt werden. Und zeugt nicht auch der ganze Sündenfall des jüdischen Staates davon, daß Israel nicht den geringsten Rationaldünkel besitzt? Hat nicht lediglich die angeblich erst - im gegenwärtigen Exil entstandene sprichwörtliche Humanität unsere Väter vom Befolgen des göttlichen Befehles der Ausrottung der Kanaaniter solange zurückgehalten, bis die geistige Alleinherrschaft des gesunden Gottesvolkes ins Wanken kam? Oeffneten zur Zeit des zweiten Tempels unsere Väter nicht so bereitwillig den Proselyten Tür und Tor, daß diese das Sektierertum zur Macht in Israel brachten? Ist nicht also alles jüdische Unglück Folge der Eigenschaft Israels, nicht rücksichtslos sein zu können? „Sie vernichteten die Völker nicht, die Gott ihnen gesagt hatte", (Ps. 106,34). An seiner Mäßigung und Bescheidenheit ist Israels Staat gestorben. Ebenso wie die Gesetzestreue sehr, vieler Juden an keiner unedleren Furcht als der vor dem Scheine der Werkheiligkeit scheitert. Ueberall will der Jude ein edles Glied der Menschengesellschaft sein. Diesem Streben opfert er — die Tatsache mag man bedauern, ohne sie leugnen zu können — Religionsgesetz und Nationalbrwußtsein, ohne freilich immer der dafür wohlverdienten Verachtung seitens kulturkonservativer Elemente des Wirtvolkes zu entgehen. 8. Doch nicht bloß die assimtlationsbestrebte Außmschicht Israels ist über den genannten Verdacht erhaben, sondern noch mehr: Gerade dem tief talmudkundtgen und -treuen Juden des Ostens, der auch nationalkulturell von der Umgegend wohl zu unterscheiden ist, sind, auch seitens ärgster Feinde, alle sonstigen Vorwürfe öfter als der der Engherzigkeit gemacht worden. Bri dieser Gelegenheit verdient eine völkerpsychologische „Errungenschaft" der jüngsten Zeit Erwähnung : Der englische Handelseifer mitsamt allen seinen weltfriedenstörenden Auswüchsen soll ein Resultat der puritanischen Bibelforschung sein, die den Engländern die Auserwähltheit suggerierte, deren materielle Ausnutzung der englische Handel sich angemaßt hat: Aus diesem famosen Seelengemätde, entworfen vom Steller einer akademischen Preisfrage in Jena („Ueber den Ursprung des engl. Cant") als Richtlinie für die Erforscher des Problems, feuchtet ja das versteckte Anspielen auf die jüdische Nation des Ostens nur zu deutlich hervor. Gerade die religiös-konservativen Elemente der polnischen und nordafrtkanischen Judenheit waren es doch, deren Anhänglichkeit an die heimatliche Galutherde selbst in schlimmster Pogromzeit die Massenabwanderung in freiere, humanere Länder verhindert hat. Gewaltsame Austreibungen, nicht unftätes Wohnsitzsuchen füllen Israels Leidensgeschichte. Schon eine oberflächliche Kenntnis des talmudischen Lebenssystems macht, dieses jüdische Galuthhetmweh begreiflich. Nicht erst der prophetische Rat, „für das Wohl jener Stadt zu beten," sondern einfach schon das dem religiösen Juden innewohnende Bedürfnis nach Stätigkeit macht gerade den Gesetzestreuen zum Patrioten seines Geburtslandes, wo wir unser Haus zu Gottes Ehren erbaut sind Gottes Gebote an unS und unseren Nachkommen verwirklicht haben, überall wo „ich?, wo der Funke Gottes in uns, den Gottesnamen zur Erwähnung bringt, da kommt dieses „ich" zu uns und segnet unS, unser Land und,:unser Leid.