Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1922)
- Date
- 1922-12-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 3 «r. SS Der ASraeM. könnte, diese göttliche Liebe mit der menschlichen glelchzusetzen, bliebe sie ja doch auch nur sine Tatsache, an der sich die Menschen für ihr Tun nicht orientieren können, keine weisende Eigenschaft. Und sie bleibt es umsomehr, als es eben nicht angeht, dem Allmächtigen für seine Liebe die Motive zuzumuten, die im Menschen zu ausschließender Liebe führen, und kein Mensch sagen kann, wes Wesens eigentlich die Liebe Gottes als Liebenden ist. Das Judentum hat auch dann keine Ursache, von seinem Standpunkt zu lassen, wenn man, die Liebe als Barmherzigkeit deutend, ihm vorwerfen wollte, daß sein Gott kein Gott der Barmherzigkeit, sondern eben der Rache sei. Denn die Barmherzigkeit ist wohl eine Eigenschaft Gottes, an der sich die Menschen bei ihrem Tun orientieren können, und daher eine Größe, mit der vom Standpunkte der Religion zu rechnen ist. Aber dies nur dann, wenn man sie von ihrem unzertrennlichen Gegenstück, dem richtenden, strafenden, (-„rächenden") Walten Gottes nicht trennt. Barmherzigkeit — die wir schon oben in „Liebe Deinen Nächsten" als Gerechtigkeit erkannten — und Recht sind im Grunde nur verschiedene Formen derselben Sache, der Gerechtigkeit. Barmherzigkeit ist das gerechte Urteil für die Unterdrückten, die sich sonst nicht halten könnten, ganz so wie Recht (Strafe, „Rache") Barmherzigkeit gegen die Gesamtheit ist, die sonst keinen Bestand hätte. Jeder Versuch, eine dieser Eigenschaften ganz zu negieren oder Eine von ihnen als heiliger, höher, bedeutsamer hinzuftellen, als die andere, bedeutet eine schwere Gefährdung des über Alles erhabenen Etnheitsbildes des Schöpfers. - Gewiß! Wir haben einen Gott des Erbarmens, aber er ist zugleich auch der strafende („rächende") Gott. Einen Gott, der nur Erbarmen wäre, haben wir nicht. Und einen „Gott der Liebe" gewiß nicht. Und wir dürfen stolz darauf sein. Wvchennindschaii. Ser ne>»e Staatspräsident in Polen. Der an Stelle des ermordeten Narutovicz zum Präsidenten der polnischen Republik gewählte WojczichowSki dankt seine Wahl wie sein Vorgänger der Hilfe der Minderheiten. Aber er hat das „Glück", nicht ganz das Vertrauen der Juden zu besitzen, was seiner Amts- Wirksamkeit eine bessere Perspektive als der des unglücklichen Narutowicz eröffnet... In ge- Zu Kurze Betrachtungen zum Wochenabschnitt Bon Rabb. Dr. Felix Kanter in Zwittau (Mähren) Josef sprach zu seinen Brüdern: „Streitet euch ntchr aus dem Wege", dazu bemerken unsere Weisen (Taanith 10 b, verql. auch Nascht z. St.), er sprach zu ihnen, streitet nicht in einer Halacha-Angelegenheit, denn ihr könnet dann vom Wege leicht abirren (vergl. Rasch!), rtsbn lpowin *>«. Um welche (b estimmte) Halacka würden denn die Brüder mitein« ander streiten? Allein, Josef war in der Tat ein psa und V2N und wußte, daß die Brüder jetzt einander mit Borwürfen überhäufen werden und daß jeder feinen Standpunkt (beim Verkaufe Josefs) zu rechtfertigen und als ein Gebot der Notwendigkeit hinzustellen sich bemühen werde: Jeder werde versuchen zu beweisen, daß er damals nicht anders handeln konnte und durste und daß es seine Pflicht war, so und nicht anders gegen Josef zu verfahren. Wohin solche Gebote und Pflichten führen, ist zur Genüge be. wiffen Ländern, vornehmlich aber in Polen, kann man heute nur dann zu höchsten Stellungen kommen und sich in denselben erhalten, wenn man mindestens einmal den Beweis judenfeindlicher Gesinnung erbracht hat. .TH3E '\"l... Narutowicz war den Beweis schuldig geblieben, WöMchowski hat ihn geliefert, und Zwar in der Frage der Fremdenpolitik, in der er entschiedene Stellung gegen die aus Rußland in die frühere polnische Heimat zurückftrömenden Juden nahm und in seiner früheren Stellung auch ein einschrändes Gesetz gegen diese Heimkehrer durchdrückte. Das trng dazu bei, daß die Juden bei der vorletzten Wahl entgegen den anderen Minderheiten seine Kandidatur zugunsten Narutowicz' ablehnten. Und diese Ablehnung genügte schon, daß sich jetzt auch ein Teil der Rechten mit dem neuen linksgerichteten „Präsidenten der Minderheiten" zumindest abfand. Ein neuer Beweis dafür, daß der Kampf der Rechtsparteien gegen die Minderheiten doch in erster und letzter Reihe ein Kampf gegen die Juden ist. Wie dem auch sei, kann man sich mit der Wahl unter den gegebenen Umstanden zufrieden geben: Wojczichowski hat die Nadaupolitik der Nationalisten nicht mitgemacht, die Hetze gegen die einheimischen Juden stets verurteilt, wenn er auch — gleich manchen Demokraten in Deutschland — der verhängnisvollen Meinung war, gegen die fremden Juden im eigenen Interesse der polnischen Juden selbst Stellung nehmen zu müssen. An höchster verantwortungsvoller Stelle wird aber, fo hoffen wir, der Staatspräsident zur Erkenntnis gelangen, daß es sich für Polen in diesem Falle gar nicht um Fremde, sondern um eigene aus Not und Drangsal in die Heimat flüchtende und den Heimatschutz beanspruchende Bürger handelt. Auch sonst darf man sich der Hoffnung hingeben, daß nun Polen und mit ihm Polens Juden ruhigeren Tagen entgegengehen. ' „Eine Anregung". Die „Deutsche Zeitung" fragt: „Wäre es nicht möglich, den Uebertritt vom Judentum zum Christentum weniger leicht und bequem zu machen, als er heute ist? Jeder Berliner Pfarrer weiß, wie es damit steht. In den seltensten Fällen sind religiöse Motive vorhanden. Die Kirche gibt sich einfach dazu her, jüdischen Jntereffenten die Verschleierung ihrer Abkunft zu erleichtern. Die Sache wäre wert, daß die deutschvölkischen Kreise sich energisch mit ihr beschäftigen. Es müßte verlangt werden, 1. daß dem einzelnen Pfarrer die Befugnis zur Lannt. Solche „Halachos", die die Menschen sich selbst machen, um ein begangenes Unrecht zu bemänteln und zu rechtfertigen, führen leicht aus Irr- und Abwege und um solche „HalachoS" sollen sich die Brüder nicht streiten — das begangene Unrecht wird dadurch nicht besser. Ferner, so heißt es im Talmud (a. a. £).), sprach Josef zu seinen Brüdern D22.ni nvr ntf-CB 1VDBN ’W nerj, machet keine großen Schritte und bringet Sonne in die S^adt. Auch dieser Ausspruch ist eines V2N wie Josef würdig. Die Brüder sahen Josef in seiner ganzen Pracht und Macht, als Herrscher über Aegypten und Gebieter eines ganzen Landes. Selbstredend gehören dazu bedeutende Kenntnksse (7ww^ "p) und eine Summe von Wissen und Erfahrungen, über die die in bescheidenen Verhältnissen lebenden Brüder selbstredend nicht verfügen. Die Folge davon wird sein, daß sie sich jetzt alle mit Eifer auf die Erwerbung solcher Künste und Kenntnisse verlegen und mit Riesenschritten aus dieses sehnliche Ziel htnsteuern werden. Davor warnte sie Josef. Nur nicht überstürzen, nur kein Uebereifer und keine Riesenschritte. Denn ein solcher plötzlicher Uebergang ist zuweilen sehr schädlich^ eS blendet nämlich und verblendet (TW ‘TiKüö . . . rüttli noj pjtdb) und beeinträchtigt stark die richtige Sehkraft. Trotzdem sollen die Brüder sich der wahren Erkenntnis nicht verschließen, nicht auf alles Wissen kurzweg verzichten. Nein i'pb nvn lDWi „verbreitet das Licht der wahren Erkenntnis", ober nur langsam, nur schrittweise, ohne fick zu überhasten und zu überstürzen. Wahrlich, dieser Rat Josefs verdient auch irr unserer Z"it von vielen „Brüdern" befolgt und beherzigt zu werden. ___ 38 Dezember 1S88 Aufnahme entzogen und einem sä hoc gebildeten Kollegium übertragen wird, das die eingehenden Gesuche zu prüfen hätte,' 3. daß der Vorbereitungsunterricht nach Dauer und Ernst überwacht wird. Er würde am besten in die Hände eines Spezialisten, gelegt. Das jetzige Verfahren ist schon um seiner Begleitumstände willen unwürdig." Es hat etwas lange gedauert, bis bei der erfinderischen „Deutschen Zeitung" der Verdacht aufdämmerte, daß hinter der von Juden angenommenen Taufe sich nicht immer der nötige Ernst und die ehrliche Uebrrzeugung verbergen mag. Und es ist wirklich höchste Zeit, daß sich die „deutschvölkischen Kreise mit der Sache befassen" und überwachen, daß die Uebertretenden auch „deutsch-völkisch" getauft werden. Wer aber bat die Schwachen, Matten und Halben unter das fremde Schutzdach getrieben) wer anders, als die Kreise um die „Deutsche Zeitung" mit der von ihnen geschaffenen Atmosphäre des Haffes, der mancher Unglaubensgenoffe durch den Religionswechsel (Wechsel der Religionslosigkeit) entrinnen zu können glaubt? Hinterher verlangen die Herren für die modernen Marranen einen „Spezialisten", also einen Großinquisitor, der die Gesinnung der Neuchristen zu überwachen hätte und verderben damit der „JudenMission", die auf ihrer letzten Generalversammlung über gute Fangbente berichtete, das Geschäft . . . Trotz alldem wäre von jüdischer Seite gegen den Wunsch des Antisemitenblattes nichts einzuwenden. eormponaevre« «. nac&ricfmn. Gesterveirh. Die jltölsckie Sfuöenfenfcftaff in Oefferreicft. Me», 18. Dez. Im Saale der „Scholle", hatten sich gestern nachmittags, dem Rufe des Jüdischen Hochschulausschusses folgend, Lausende jüdische Studenten versammelt, um gegen die Beleidigung, die der gesamten jüdischen Studentenschaft der Rektor der Wiener Universität zuzufügen versucht hat, Protest zu erheben. Beide Versamm- „Und er sah die Wagen .... und da wurde belebt der Geist ihres Vaters Jakob". Unter ni^jy, meinen unsere Weisen, ist das Gesetz von NBIlp rtoy zu verst hen AlS Josef sich von seinem Vater trennte, da beschäftigten sie sich ausgerechnet mit dieser Vorschrift (von NBNp n^sy) und dieses Schlagwort sollten die Brüder dem Vater sagen. (ntsnDS nnb *idö |0'd p&ip irt neny Warum haben sich Vater und Sohn ausgerechner mit diesem Gebote beschäftigt? so könnte man mit scheinbarem Rechte fragen. Aber diese Frage ist in der Tat unberechtigt. Jakob wußte ganz gut, daß seine Söhne Josef hassen, dies wußte nicht minder Josef selbst. Trotzdem schickte Jakob seinen Sohn Josef zu seinen Brüdern und trotzdem weigerte sich nicht Joses, den Befehl seines Vaters auszusühren und zu seinen Brüiern zu gehen. Vater und Soün kannten genau die Vorschrift von — rfay nBVty. Findet man einen Erschlagenen, da soll man keine — Hausdurchsuchungen veranstalten und über niemanden Untersuchungshaft verhängen. Denn die Söhne Israels sind über den Verdacht des Blutvergießens erhaben. JSraelitenmorden nicht und besudeln nicht ihreHände mit dem unschuldigen Blute eines im Ebenbilde Gottes gescharsenen Wesens. Und weil beide diese Vorschrift kannten, trug Jakob keine Bedenken, Josef zu seinen feindlichen Brüdern zu schicken und deshalb zögerte auch nicht Josef, dem Befehle seines BaterS zu folgen. Die Lehre von nmy nbIV schwebte ihnen beiden beim Abschiede vor und diese Lehre — daS sah Jakob setzt ein — hat sich glänzend bewährt. Jakob hat seine Söhne trotz ihrer Feindschaft gegen Joses nie verdächtigt und als er die Wagen sah, die ihm Josef sandte, sah er erst ein, wie unbegründet ein