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Der Israelit · 1922-12-28 · Heft 52 (28.12.1922) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 52 (28.12.1922)
Date
1922-12-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Ein Ccntralorgan IQr das orthodoxe Judentum [ I^Hr Ul '>E!Sjgg begründet oon Dr. Lehmann in Mainz ta&ga öS. Jahraan«. ®a® Sranhfurf a. M.. Ssn 28~ Se8emBet 1922 MSZ 9. Tebet 5683 Abonnement pro Vierteljahr aö l. Januar 1923: Deutschland 0.50 M. Monatlich, multipliziert mit der jeweiligen Schlüsselzahl des BörserrveretnS. (Jsnrrsr M. 200.—) Dschecho-Slowakei Kr. 15.— viertel)., Ungar« Kr. 150.— viertelt., Deutsch- Oesterreich und Polen: Deutscher Preis zuzüglich jeweiliger Versandtspesen, (nur in deutscher Reichsmark). Rumöuie« 25 Lei, Holland fl. 3.—, Skandinavien Kr. 4.—, Schweiz fsi 2.50, Frankreich Fr. 6.—. Belgien Fr. 7.80, England 2 sh. 6 p., Amerika 0.75 Dollar vierteljährlich. —Eiuzelnummer 50— Mk. — Der JSraelil erscheint jeden Donnerstag i Inserate Mk. 60.—, für StellensuchendeMk.40.—, für die sechsgesv. Col.«Z. elnschl.Teuergszschl.; Ausl.«Jns. Mk 2«0.- pro Zelle. Rav. n. Darts. Bei lauf.J»serataustr.tarism. Preiserhöhung jederz. vorveh. Jnseratenannahme durch den Verlag des Israelit G.rn. d. H>, Frankfurt a-M., Gr. Gschenheimerstr. SS, Del. 5848, Amt Hansa, sowie sämtl. Annoncen-Exped. des In« und Auslands. Plachvorschriften ohne Bervindltchkeit. | Zahlungen außer direkt an den Verlag — Postscheckkonto Frankfurt a. Di. No. 19802 — erfolgen an: Postsparkasse Wien No. 79 «98 Postsparkassenamt Budapest No. 18 484 Postscheckamt Zürich Nr. Till 7854 Postscheckamt Amsterdam No. »4 869 Böhmische «nionvank in Prag Bancs SarmaTosch Blank ft Co. in Bnoami Filiale deS Wiener Bankvereins in Agram. Für Frankfurter Geschäfts« «zeigen alleinige Jnseraten-Annahme bei Julius Schmidt. Langestraste 3. Der liadidrud* der Rrtihei und Correfponden?en des „Israelit“ iß nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es lidi um größere Dufldfee bandelt, nur nach vorheriger öenelimigung gebattet. Inhaltsübersicht. 1. «eitottfiel: Dr. Nathan Birnbaum: Zur Arape Liebe oder Gerechtigkeit. — 2. Homiletik^, Dr. Felix Kanter, Zwittau: Zu — 3. Kleines Feuilleton: Die Ethik deS JuoentumS. — 4. Wochenrundschau: „Eine Anregung". — Der neue Staatspräsident in Polen. — 5. Korrespondenzen und Nachrichten: Wien (Die jüdi'che Studenten« schaft in Oesterreich). — Wien (Beraubung auf dem Wiener Zentralfriedhof). — Lemberg (TaS'Schenker- Gesetz). — Prag (Der numerus clausus). — Budapest (Judenunruhen in Ctuj). — Bukarest (Pogromausichretlungcn in Rumänien). — Bukarest (Antisemitische Ausschreitungen in Rumänien). — 6. Personalien. — 7. Vermischtes. — 8. Briefkasten. — 9. BereinskakLnder.— Gebettelten. — 10 Feuillrton«BeilagM Umkehr. — Blätterbeilage: Zur Lage. — Eine offizielle Erklärung der Landeskanzlet der ischecho-stovakischen Orlhoxie. — Statistik der Mtscheu Arbeiter in Palästina. — Eine Unterredung mit Abg- E. Kirchbraun — Aus der Bewegung. — Spendenliste. Zur Frage: Liebe oder Gerechtigkeit. Bon Dr. Nathan Birnbaum. Es ist eine alte Anklage gegen das Judentum, daß es keine Religion der Liebe sei. Und wenn die sogenannten Apologeten des Judentums — meist keine Gesetzestrenen — sich alle Mühe zu geben pflegen, um das Gegenteil zu beweisen, so ist das lricht zu verstehen. Es geschieht nicht nur im Hinblick ans den Antisemitismus, sondern auch ans der eigenen Angewöhnung heraus, die Liebe als die einzig mögliche Grundlage einer höheren Religion zu betrachten. Nun sind, fürs erste, nicht alle, die die erwähnte Anklage erheben, Antisemiten, und sie hat zudem, wenn sie von Antisemiten erhoben wird, einen ganz besonderen Unterton. Auch wäre es wahrlich schon an der Zeit, sich von dem alten und gefährlichen Irrtum zu befreien, als könnte man jedes antisemitische Argument mit bloßer Wort-Negation, ohne Durchdenkung und Unterscheidung erledigen. Andererseits aber ist es traurig genug, daß Juden auf den Standpunkt kommen konnten, der nun für sie ein selbstverständlicher geworden ist. Denn in Wahrheit ruht das Judentum gar nicht auf der Grundlage der Liebe, sondern auf einem festeren und höherwertigen Fundament. Das Wort Liebe — auch das hebräische N2iire — wird mit verschiedenen Bedeutungen gebraucht. Die Liebe in „Du sollst lieben den Ewigen, Deinen Gott", kann nicht dieselbe sein, wie die in „Du sollst lieben Deinen Nächsten wie dich selbst," und diese beiden Arten von Liebe können wieder nicht gleichbedeutend sein mit der Liebe, von der in dem Satze „Ich liebe meinen Herrn, mein Weib und meine Kinder" die Rede ist. Und es ist klar, daß nur mit dieser dritten Art die Liebe gemeint ist, an die man zunächst denkt, wenn das Wort Liebe fällt, — die Liebe eines Menschen zu einem bestimmten Nebenmenschen — und daß mit ihr die Liebe zu Gott nicht verglichen werden kann und darf. Nur die Thora durfte sich gestatten, dieses Gefühl mit demselben Worte zu bezeichnen, wie jenes. Ferner: Einen Menschen lieben, heißt doch wohl, ihn unter Millionen, die man nicht kennt, und unter Hunderten oder Tausenden, die man kennt, sozusagen erkoren haben. Lieben heißt doch wohl: Just der soll es sein und kein Anderer. Es ist doch mein Kind, meine Mutter, mein Mann, meine Frau. Und nun soll man sich plötzlich den Einen gar nicht mehr wählen dürfen, sondern den Nächsten, jeden Nächsten lieben. Man bedenke: jeden von Millionen Nächsten, jeden besonders, ohne auch nur einen zu übergehen. Selbst den Schlechtesten, selbst den Abscheulichsten nicht! Und außerdem: „wie Dich selbst!" Als könnte man die Sorge um das eigene Leben, um die eigene Gesundheit, um die eigene Bequemlichkeit oder das sich selber Gefallen allen Ernstes Liebe nennen? Als könnte man sich selber lieben? Wenn man eS aber nicht kann, und wenn man auch nicht jeden Erstbesten von der Straße zu lieben vermag — was bedeutet dann dieses „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst?" Nicht ohne Grund hat man stets darüber nachgegrübelt, warum es in dem betreffenden Bibelvers Ijn*?' und nicht bloß "ttn heißt. Man fühlte, daß die Worte „Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst," nicht wirkliche Liebe fordern, sondern sagen wollen: Behandle Deinen Nächsten so, als wenn Du das Gefühl der Liebe für ihn hättest. Trachte, daß derjenige den Du nicht liebstdurch Deine Gleichgiltigkeit gegen ihn und Deine Liebe für einen "Andern keinen Schaden erleide. Sei gerecht gegen Deinen Nächsten! Gewiß, es ist etwas Großes um die Liebe. Sie ist eine g-'waltige Kraft in der Welt. Sie lehrt den Menschen, für einen anderen Menschen sorgen, ihm helfen, sich mit ihm freuen, mit ihm oder über ihn trauern. Durä, die Liebe baut sich die Familie und Gesellschaft auf. Allein, man muß auch lernen, alles durch die Liebe Gelernte, auch auf alle Nächsten anzuwenden, nicht bloß auf die, die man gerade lieb hat. Und tut man dies nicht, dann zerstört die Liebe eben dieselbe Gesellschaft, die sie selbst aufgebaut hat, und mit ihr die Familie, ihre erste und wertvollste Schöpfung. Schließlich ist Liebe auch kein besonderes Verdienst des Menschen, sondern sozusagen Gottes, der ihm ein so mäcyttges, beglückendes und schöpferisches Gefühl verliehen hat. Auf Gerechtsein dagegen darf sich der Mensch schon etwas einbilden. Da ist er nicht bloß, ohne eigene Mitarbeit, von Gott begnadet worden, sondern hat tatsächlich mitgearöeitet, hat sich überwunden, hat die Wahl gehabt und das Richtige gewählt. Der jüdische Standpunkt ist also nicht bloß praktischer — es ist ein sehr gefährlicher Irrtum mancher Apologeten, nur auf den praktischen Vorrang hinzuweisen, — sondern auch höher, erhabener. Nicht nur daß die Liebe, kaum daß man sie nicht nur die Gesellschaft bauen, sondern auch in ihr wirtschaften läßt, die schlimmsten Wirkungen Hervorrust, — sie hat auch mit Moral durchaus nichts zu tun, ist weder gut noch schlecht, dagegen ist Gerechtigkeit niemals schlecht, sondern der Inhalt der Moral selbst. Liebe ist überhaupt keine Tugend, Gerechtigkeit der Inbegriff aller Tugenden. ' Man kann nun allerdings die Anklage gleich auch so formulieren, daß man dem Judentum einen Gott vorwirft, der kein „Gott der Liebe", sondern, wie das gewöhnlich gesagt wird, der „Rache" ist. Auch dieser Formulierung gegen- « über braucht das Judentum nicht zurückzuweichen. Zwar spricht es auch von Gott als von einem Liebenden, namentlich seinem Volke Israel gegenüber, aber selbst, wenn man sich entschließen

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