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Der Israelit · 1922-12-21 · Heft 51 (21.12.1922) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 51 (21.12.1922)
Date
1922-12-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. bl. Seite». Li. D«z «nb «e WSS dies er Gemeinschaft vor der tötenden Pistole des Feindes zu sehen, dem kann rnan schon nachfühlen, wie ihm das Herz blutet,- wie tief tra» gisch ist ein solches Erwachen am Zusammenbruch einer Lebensarbeit, einer Lebenshoffnung! Warum hat Harden, der in der Tat hellseherisch vieles voransgesehen hat, was heute eingetroffen ist, nicht auch diese Entwicklung vorausgeschaut? Oder er hat es kommen sehen und es war zu spät? Gebrach es dem Manne, der den Mut hatte, seinerzeit mit reinigender Hand in die verseuchte Gesellschaft der kaiserlichen Umgebung hineinzugreifen,* gebrach es ihm am Mute der Wahrheit und Wahrhaftigkeit gegen sich selbst? Fängt denn diese Erkenntnis erst jetzt bet ihm an aufzudämmern, nachdem ihm der Lohn für seine dem Vaterlande und der christlichen Gesellschaft gebrachten letzten Opfer mit der tödlichen Waffe ausbezahlt wird? Wir möchten Herrn Harden, mit dessen Schicksal wir ehrliches Mitempfinden haben, ein hübsches Gleichnis erzählen, aus einem alten schlichten jüdischen Moralbuch: Es geschah einmal, daß zwei Krieger ihr Regiment verloren und auf freiem Felde nicht mehr wußten, ob sie sich den Stellungen drs Feindes oder der eigenen Truppen näherten. Da spcoch der einer „Legen wir rasch die Uniform ab, vertilgen wir alle Kennzeichen unseres Regimentes und werfen wir auch die Waffen hin, auf daß fie uns im gegnerischen Lager nicht als Feinde erkennen und veririchten." Der andere, älter und erfahrener, erwiderte: „Die Feinde werden uns auch ohne Uniform, ohne Waffen und äußere Kennzeichen als daS erkennen, was wir find, nach Gesicht und Art. Wehe aber, wenn wir, auf eigenem Boden, von unseren Freunden ohne Fahne und Waffenrock entdeckt und als Verräter gerichtet werden. Ohne Kennzeichen sind wir da und dort verloren, mit ihnen bleibt uns aber der Anschluß an den eigenen Kreis frei und offen!" . .. Es ist hier nicht der Ort, uns in homiletischbeschaulichen Betrachtungen zu ergehen, aber wir empfehlen das schöne, schlichte jüdische Gleichnis Herrn Maximilian Hardrn als Motiv für einen Leitartikel für den Fall, daß seine von einem bestimmten Kreise sicherlich schmerzlich vermißte „Zukunft" wieder erscheinen sollte. Ser geistige Mederaufbau nach den MaNc Serkämpsen. Aus einer §' rmika-Aestrede. Historiker und Sprachforscher streiten über den Ursprung des Wo Urs Makkabl. Die einen leiten es von „Makkal", Hammer, ab und * meinen, der Name deute auf die wuchtigen Hamnmrschläge, die eiserne Faust und daS treffsichere Schwert der Hasmonäcchelden. Die anderen lesen in den vier hebräischen Buchstaben M. C. B. I. die Initialen des Bibelsatzes '12 der in goldenen Lettern auf der Makkabäerfahne leuchtete. Wt; dem auch set, lassen wir den Gclcbrten ihren Streit, für uns haben die Makkabäer nichts mit Hammer und Schwert, mit geballter Faust, Macht und Gewalt zu tun, wir huldigen, indem wir alljährlich durch ein bescheidenes LlchllM ihr Andenken feiern, ganz gewiß nur der Makkabäer sah ne, die heute noch unsere Sammelfahne ist unter der Parole des Wäre es anders, wäre die Makkabäergeschichte nichts als eine Geschichte vom Kampf und Sieg und gewonnener Macht, von militärischen Großtaten und politischen Errungenschaften, welchen Grund hätten wir heute noch nach 2083 Jahren, 1850 Jahre nachdem wir all dies Gewonnene und noch vieles d^zu verloren, den Steg zu feiern? Was uns damals Macht vorübergehend gegeben, hat uns 200 Jahre später noch stärkere Kraft wieder genommen und in Trümmer geschlagen, warum also heute noch eines Gewinnes uns freuen, der uns längst restlos Nic'.er aus der Hand gespielt wurde? S len wir aber echt und erfassen wir die Sache in ihren inneren Zusammenhängen und geistigen letzten Tiefen, dann wissen wirs, u arum wir zu allen Zeiten, und nicht zuletzt tu den unsrigen, Grund und Recht haben, Lichter zu entzünden und ein Lied anzustimmen dem 112V, dessen 1122 ^-Charakter, dessen unvergleichliches Wesen und Walten bei den Auswirkungen des Makkäersiegrs in den darauf folgenden finsteren Golusjahrtausenden noch ungleich deutlicher in Erscheinung trat, als bei den Siegen selbst. Wir haben die Makkabäerkämpfe nach der Innen- und geistigen Seite zu erfassen. Als ein Paar Jahrhunderte vor der üblichen Zeitrechnung sich zum ersten mal die jüdische Lehre in griechischem Gewände der Welt präsentierte, da begann die Chanukkageschichte. Tie „Uebersetzung" lenkt von den Urquellen ab und wird Ausgangkpunkt einer Abkehr bis zum V7>2, bis zur völligen Selbstaufgabe, völligen Hingabe an fremde Lehren und Kultur auf Kosten der alten allgehetligten. Was wollten eigentlich die Hellenisten? Wollten sie uns die Schönheit, die Aesthetik entdecken, uns, die wir ein Mischkan kannten, einen heiligen Tempel in unvergleichlicher Pracht hatten, das Buch der Bücher in seiner göttlichen * Einteilung besaßen, die Propheten und die Psalmen unser eigen nannten, wollten sie uns die Kunst offenbaren, uns den Sinn für Form und Ordnung an erziehen? Wollten Sie uns, deren höchstes Streben es war, nach dem Motto litlJKl 'K Nb Gott in Schönheit zu dienen, sagen, was schön und erhebend ist? Nein, wir kannten den Wert des Schönen und wußten auch die erhebende und veredelnde Kraft der Kunst und der Wissenschaft zu schätzen. Aber wir lehnten es ab, das Schöne als Selbstzweck zu erachten, als Kult anzubetrn. Alles Schöne und Anmutige stand im Dienste des Guten und Göttlichen. Kunst und Wissenschaft, die Form und Ordnung, sie sollten ja nur den Sinn erschließen und das Auge öffnen für die Wah rheit, für Gott, der (T22 'v) über all den Dingen steht und uns zuruft: „Füge dich ein, Mensch, in die Harmonie des Ganzen und sei gut und edel und sei gerecht und hilfreich, wie ich gut und gerecht und edel und voller Liebe und Erbarmen bin, gegen alle und alles, vom Kleinsten bis zum Größten, einst und jetzt, üben und unten." Innerhalb dieser Gedankensphäre, auf dem Wege zurWahrheit, konnten, durften, ja sollten wir Aestheten sein, je mehr, je lieber. n*»nn ‘msaa r?x! Die Hellenisten hliehen aber, wie ihre großen Vorbilder, die Hellenen bet der Naturanschauung in der Anbetung der einzelnen Elemente in ihrem Streben nach Schönheit aus halbem Wege stecken, bei der Anbetung des Schönen, dem man leichten Herzens das Gute, das Wahre, das Heilige und Göttliche opferte. Darin gingen sie sogar noch weiter, als die Söhne Hellas, die sich um Sokrates immerhin aus den Schönhettsmomenten so etwas wie ein ethisches System zusammenztmmerten. Es war nicht mehr Aesthetik, es war mehr A esth ettz tsm u s. Diesen Auswüchsen und Ausschweifungen des Schönheltsgetstes galt der ganze Makkabäerkampf. Es war von Anfang an ein innerer Kampf, ein Bruderkrieg würde man sagen, wüßte man nicht, wie sehr die Hellenisten 'längst alle brüderlichen Bande mit ihrem Volke gelöst hatten! Zu dem geistigen Hellenismus, dem Hellenismus aus Schönhettsdrang und Kulturanschauung, kam bald genug der politische und gesellschaftliche Hellenismus, der Hellenismus auS Eigennutz und Ehrgeiz, wie er unter den Tobiaden die gröbsten Formen annahm. Es waren auch diese Wl> diese „jüdischen Abtrünnigen", die die Syrer ins Land brachten und ins Feld führten gegen die eigenen Brüder. Der Kamps galt darum in erster und letzter Reihe diesen ,Wl- Nebenbei mußte man natürlich auch das Schwert gegen die syrischen Raume durch das Entzünden des heiligen Leuchters den Begriff der M i z w o h verwirklichst. Wir beide wollen auf diese Weise bezeugen, baß die hehre Beziehung aller Stämme Israels zum Heiligtum auf dem Studium der Tauroh und der Erfüllung der Mizwoh beruht. Wir wollen auf diese Weise bezeugen, das; die Mizwoh eine Lampe darstellt, die ihr Licht von der Tauroh empfängt und daß die Tauroh tm Bunde mit der Mizwoh den Inbegriff deS jüdischen Heiligtums bildet. Liese in unserem Herzen gehegte Ueberzeugung set der Gedanke, den wir der Errichtung der Tempelwohnung widmen. —u Alljährlich am Chanukofeste werden die Abschnitte der Fürsten und deS Leuchters verlesen, weil bet der Chanukobegebenhetr eine erneute Wethe drs von den Griechen entweihten Tempels stotisand und am Oele deS Tempel-euchterS ein hervorragendes Wunder geschah. Aber auch die Tauroh, bas Moment, welches der Schrifttcxt so sinnreich mit dem Abschnitte der Fürsten verbtndet, spielt in der Chanukogeschlchte eine große Rolle. Waren doch Tauroh und Mizwvh die Zielpunkte des feindlichen Angriffs, wie dies in v'vm bv in den Worten zum Ausdruck kommt: „Als die frevelhafte Regierung Griechenlands gegen Dein Volk Israel aufstand, sie Deine Tauroh vergessen zu lassen und fie von den Gesetzen Deines Willens abzubringen." Als einst bei der Einweihung des Heiligtums der Wüste die Tage der Fürstenspende verflossen waren, trat in Moschehs Gang zum NPD bns die Tauroh und in Aharons Lichkerdienst an gleicher Etätte die Mizwoh sy recht hervor. So haben Tauroh und Mizwoh die Tempelweihe der Hasmonäer überdauert — und noch heute strahlt unS aus den Chanuko- Samwen, den verjüngten Lichtern deS Tempelleuchters, ie Wahrheit entgegen: , Eine Lampe ist die Mizwoh, Und die Tauroh ihr Licht!" Leiden und Freuden der Emigranten. Jede Zeit hat ihre L-cht- und Schattenseiten. Früher konnte man für einen Spottpreis nach Amerika reisen oder nach Argentinien oder sonstwohin. Heute kostet eine Reise Hunderirans-'^de. Dafür fährt man heute auf den Dampfern aber auch besser. Das „Zwischendeck" hat sogut wie aufgchört. Allmählich kommen auch die Koscherküchen wieder in Gang. Aus allen Dampfern des „Nordd. Lloyd" und auf einzelnen Dampfern der „United Stales LtneS", namentlich auf den Schnelldampfern, wo die Küchen getrennt und zuverlässige jüdische Köche angestellt sind, kann auch der orthodoxe Jude ohne Bedenken das ihm von dem jüdischen Koch Vorgesetzte Esten genießen. Mtßstände, die sich da und dorr ergebe« hatten, ist man bemüht, abzustErr. Es ist erfreulich, daß die itt Bremen ver. tretcnen Gesellschaften den Anregungen des hiesigen RabbinateS bereitwillig Folge leisten. Namentlich ist es neben dem „Nordd. Lloyd", besten Zusammenarbeiten mit dem Rabbiner nichts zu wümchen übrig läßt, der Resident Manager der „Unfted States Lines"- Herr Timm ermann, der der rituellen Verpflegung der jüdischen Passagiere Verständnis entgegenbrtngt. ES ist sicher ein großes Entgegenkommen, wenn sogar INS Wein zu PVp für die jüdischen Passagiere auSgegeben wird. Sind erst die Passagiere an Bord eines solchen Dampfers, oann sind sie geborgen — bis auf einzelne Ausnahmen der Zurückweisungen seitens der Etnwanderungsbehörden in Amerika, für die die Schiffsgesellschaften natürlich nicht verantwortlich sind. WaS die Leiden der Emigranten ausmacht, daS spielt sich auf den Bahnwagen und in den EinschffungShäfen ab. Daran tragen in den meisten Fällen die Agenten die Schuld. Und ganz besonders trifft das die rumänischen Agenten. Sei es, daß sie selber mit den Einwanderungsbestimmungen nicht vertraut und im guten Glauben handeln, sei es, daß sie leichtfertig die Emigranten auf den Weg bringen und sie ihrem Schicksal überlasten. ES könnte viel Elend erspart bleiben, wenn die Agenten tm Helmatiande gervissenhafter zu Werke gingen. Da sind große Famtiten, die manchmal hier zurückgeholten werden müssen, weil einzelne Mitglieder derselben favuskrank oder trachomleidend, oder an irgend einem Körperglied verstümmelt oder mit Leistenbruch behaftet sind. Die Ausheilung im EinschissungShasen erfordert Zeit und Geld — viel Geld. Das könnte in der Heimat ebensogut und billiger geschehen. Da kommen junge Kinder, die nicht lesen und schreiben können. Sie wüsten hier bleiben und erst Lesen und Schreiben lernen. Sie können erst dann befördert werden, wenn fie vom Rabbiner geprüft werden und von diesem ein günstiges Zeugnis über ihre Kenntnisse ausgestellt wird. Leider haben sich die Fälle der Analphabeten nach dem Kriege gemehrt. Kein Wunder! Denn viele, die im früheren KrtegSgebiet lebten, hatten infolge der Zerstörung der Lehrhäuser und infolge der Zerrissenheit der Familien, gar keine Möglichkeit zu lernen. Ganz besonders hart werden die Kanada-Passagiere angefatzt, weil die Einwanderungsbestimmungen in Kanada alle anderen an Schwierigkeiten übertreffen.

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