Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1922)
- Date
- 1922-12-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 8 Nr. Sv. Ser JSraelit 1t. ck^emtzer tm und unterliegen einem Fremdengesetz, das ihnen auch in der Erwerbstätigkeit aüe möglichen Schwierigkeiten und Schikanen bereitet. Eine Möglichkeit, sich in Polen einzubürgern, gibt es noch nicht. Aehnltche Verhältnisse herrschen bis in die letzte Zeit in Rumänien, wo das Fremdengesetz die ganze Judenhrit umfaßte, aber endlich mußte auch dort Win Modus geschaffen werden, nach dem diese „Fremden" das Bürgerrecht erwerben konnten. So wird es denn auch hier die erste Pflicht der jüdischen Parlamentarier, den in Polen ansässigen Juden das Recht au^ dir Heimat zu verschaffen. Staftlanfr« Judenverfolgungen in Sowjeirußlsnd. Korrmo, 11. Dez. Aus Mohtlew gelangen Nachrichten über dort stattgefundene antisemitische Ausschreitungen Geleitet wurde der kleine Pogrom von Soldaten der roten Armee und die Opferliste weist sechs Tote und zwanzig Verwundete aus. Daß der Pogrom keinen größeren Umfang angenommen har, sei nur dem energischen Einschreiten der russischen Geistlichen zu verdanken. Amerika. Dlifdiefien im (Tero-Vorher Juaenoierfei- New-Kork, 10. Nov. Eine vor kurzem angestellte Enquete hat ergeben, daß sich in der ostjüdischen Bevölkerung New-Z)orks eine wachsende Tendenz zu Mischehen geltend macht, insbesondere hat die Talfache der nahen Nachbarschaft der von Juden und von Italienern bewohnten Straßen in Manhattan zu sehr engen gesellschaftlichen und. Arbettsbezirhungen geführt und es ergeben sich daraus häufige Mischehen zwischen Italienern und jüdischen Mädchen. Merkwürdigerweise kommen umgekehrt Ehen zwischen Juden und Italienerinnen bedeutend seltener vor, was mit der Verschiedenheit des Bildungsgrades zu erklären. Starker Einfluß zugunsten der Mischehen wird auch den in den Bezirken des Eastend vielfach arbeitenden nichtjüdischen sozialen Büros und Organisationen beigemeffen, an deren Spitze oft mit großem Eifer tätige, gewinnende Persönlichkeiten stehen. Palästina. Verfolgungen In Armenien. Aerrrsatem, 8. Dez. Flüchtlinge aus Armenien bringen Schreckensberichte über Judenverfolgungen in Armenien- Kurden und Armenier, die sich sonst befehden, haben Frieden und Freundschaft geschloffen, stürzen sich mit gemeinsamer Kraft auf die Juden und richten überall Blutbäder an. Nur einigen wenigen ist es gelungen, über die Grenze nach Persien und Mesopotamien zu flüchten. DaS amerikanische HtlfSkolnttte hat den Unglücklichen durch den Gesandten in Persien, Rabbi Josua Kornfeld, umgehend reichliche Hilfe , überwiesen. Ueberhaupt können die Flüchtlinge das hilfreiche Eintreten des neuen amerikanischen ' Gesandten in Persien für sie nicht genug loben. Line MillionL?ei1ung in PsMina- - Aerusalem, 9. Dez. Seit einiger Zeit ist die hiesige Tagespresse durch eine neue hebräische Zeitung bereichert, die den Titel ntsnnn führt. Es handelt sich um ein Missionsblatt, das mit allen bekannten Tricken und Kunstgriffen auf die „Bekehrung" hin arbeitet und die jüdische Jugend zu verführen und zu vergiften sucht. Das Allertraurtgste an der Sache ist, daß sich Juden fanden, die ihre helfende Hund zu diesem Treiben boten. Auf eine Verwarnung des „Doar Hajaum" hin, haben sich die meisten jüischen Mitarbeiter vom Blatte sofort zurückgezogen, mit der Entschuldigung, daß sie bis dahin das wahre Gesicht des Blattes nicht gekannt hätten. Verblieben sind in der Redaktion bei der Mitarbeit an dem Missionsblatt ein Zögling des Hebräischen Gymnasiums in Jerusalem Weißblum und Raphaeli, Sohn des Herrn S. Rapbaeli, des Führers der Stadtverwaltung in Jerusalem. Diese zwei nationaljüdischen Jünglinge — wir gebrauchen die Worte des nationalen „Doar Hajaum" — übersetzen tag täglich Artikel über den Stifter, und der Satz wie der Druck werden durch jüdische Arbeiter hergrstrllt, die von der nationaljüdischen Arbeiterorganisation unterstützt werden. Und auch andere jüdische Hände tragen zur Verbreitung dieser Zeitung bei. Und dies alles im nationalen Zentrum des jüdischen Volkes in Jerusalem. Sie haben gewiß recht, die orthodoxen Blätter „Kol Jakow" und „Kol Israels wenn sie konstatieren, daß sich in orthodoxen Kreisen keiner finden würde, der die Hand zu diesem Spiele geboten hätte. Auch nicht unter dem Drucke schwerster Not, denn hier gilt noch der Satz, ‘TDD' 3X1 nn\ Einzig im Lager der Nationalen sind die Verräter an der jüdischen nationalen Ehre zu suchen und zu finden, auch unter Zöglingen der nationalen Schulen. Einige Proben, die der „Dojar Hajaum" aus diesem Mrsfrorrsblatte widergibt, stellen in der Tat das Schlimmste dar, was bis jetzt in diesen Kreisen an Fälschungen und Verdrehungen von Bibelstellen geleistet wurde. Mit Recht werden auch die Väter dieser pflichtvergessenen Jünglinge öffentlich aufgefordert, ihre Stellung zu den Treibereien ihrer Söhne mitzuteilen und auf weitere Stellungen und Ehrenämter im Dienste des Judentums zu verzichten. Grotesk « utet aber eine Erklärung des genannten Herrn S. Raphaeli in einer spateren Nummer des „Doar Hajaum" an. Er stellt 'eft, daß er persönlich keine Beziehungen zum Blatte hätte und daß er sich alle Mühe geben wolle, auf seinen Sohn einzuwirken, daß auch er seinen Vertrag mit den Mi-sionären lose . . Sur Theorie der Lleverlteferung. II*). Rabbiner Dr. Kaatz hat nunmehr das Mt» gekündigte zweite Heft seiner Arbeit über die mündliche Lehre und ihr Dogma erscheinen lassen, das sich in eingehendererWetje als das erste, von uns bereits besprochene insbesondere mir der Halacha befaßt. Im wesentlichen an vier talmudischen Gedanken- und Gesetzesgruppen — der Controoerse über die Q-uadralschrift, dem Segensspruch über rabbinische Gebote, dem Begriff der TBE NLD7> .TDn mb hm bekannten lusspruch in Sanhedrtn 99 a zu mn "n "DT D ''111 — entwickelt der Verfasser tn eindrtngender Betrachtung seine Theorie, die er selbst zusammenfassend etwa so wiedergibt : „Die Schriftgriehrten verstanden das Dogma dahin, daß jede Auslegung einer von der Anerkennung der Gesamtheit getragenen Autorität eine göttlich sinaitische ist, dergestalt, daß sie als der ursprüngliche gottgewollte Sinn des Textes zu gelten hat; denn der allwissende und allwetse Gott hat in seine offenbarten Thora jeden die Wahrheit der göttlichenLehre offenbarenden Sinn sin eingelegt, den ein von heiliger Gesinnung erüllter Ausleger, darin findet. Daher ist jede Auslegung nur ein ViN, ein Suchen dessen, was Gott tn seiner Offenbarung niederlegt und was sich dem erschließt, der an diese Offenbarung mit geweihtem Sinn herantritt. Jede in irgend einer Zukunft erschloffene ■■*) Siehe Lit. Warte zu Nr. 15/16 dies. Jahrg.! Auslegung der Gchristgelehrten hat MoseS am Sinai empfangen, denn er hat die Thora empfangen, und die Auslegung war darin eingeschlossen, nicht mechanisch, sondern organisch, wie die Frucht eines Baumes in den Keim eingeschloffen war, aus dem der Baum erwachsen ist**). Daß der Keim, der die Auslegung barg, daß der Text, der die Deutung in sich trug, zunächst ein verhüllter war, nimmt der Auslegung, die den Text des Sinnes erschließt, nichts von ihrer sinaitischen Bedeutungdenn Gott selbst war es, der in seine am Sinai offenbarte Thora das Samenkorn des Textwortes hineingelegt hat, aus dem die kommende Deutung als Frucht erstehen sollte. Jede Auslegung der Thora, sie mag Moses und den Propheten verborgen gewesen sein, war dem allwissenden Gott bekannt, der sie in seine offenbarte Lehre in geheimnisvoller Weise htneingesenkt hat. In jeder Auslegung der Schriftgelehrten entstand die vorher virtuelle unsichtbare Frucht zu einer wirklichen, sichtbaren. Sie war in diesem Sinne mosaisch sinatttsch, anch wenn sie Moses verborgen war." Wir glauben — auch nach dem Studium der von dem Verfasser angeführten halachischen und agadtschen Belegstellen — die Bedenken nochmals unterstreichen zu müffen, die wir schon bei der Besprechung des ersten Heftes gegen diese bündige Festlegung des talmudischen Dogmas, sofern sie als e r s ch ö p f e n d gelten soll, aussprachen. Gewiß ist es richtig, daß für den Talmud und seine Bekenner jeder wahre religiöse und ethische Gedanke, jeder Nil?, nn'öK? ermittelte )'N pDB potentiell im schriftlich e n GotteSwort geborgen lag und im Sinne der religiös-metaphysischen Auffassung der Dinge nicht als neue, sondern als sinaittsche Wahrheit zu gelten hatgewiß trifft, es ferner zu, daß — auch ohne alle Metaphysik — jede vom Sanhedrtn legal getroffene rabbinische Anordnung äs jnro und äs facto die Verwirklichung des 13D1 niXSD 13«np 1VX durstellt und daher mit Recht durch Dieje Worte geweiht wird — aber alle diese und andere vom Verfasser angeführte Tatsachen beseitigen das Faktum nicht, daß den Trägern der talmudischen Heber- Lieferung neben dieser zeitlosen sinaitischen Wahrheit das Vorhandensein einer tm schlichtesten Wortstnne historischen Stnatüberlieferung, vor allem für die Halacha, eine Selbstverständlichkeit war. Wären die Feststellungen des Verfassers erschöpfend, so hätten erstens die Weisen es nicht nötig gehabt, zwischen und zwischen '“13"! anaio und späteren mpn, zwischen rmm nniöl und mrDttDK zu unterscheiden, dann käme man zweitens schließlich zu der historisch gewtß falschen Äuffaffung,den halachtschen Midraschim ein höheres Alter zuzuschretben als den ganzen Urbestand der Mischna, ja es wäre dann unbegreiflich, warum nicht Saboräer und Gaonim, Risch mnim und Acharaunim die schöpferische, d. h. also im metaphysischen Sinne den Gotteswillett reproduzierende Tätigkeit der Tannatten und Amoräer nach der gleichen Methode fortgesetzt haben sollten. Indem der Verfaffer die durch mttFH ermittelten Gesetzesvorschrtften der Mischna und des Talmuds h t st o ri s ch als Ne uschöpfungen und nur dogmatisch (wir sagen lieber: metaphysisch, um den vom Verfaffer natürlich nicht gewollten Beigeschmack des quia absurdum zu vermeiden) als Ermittelungen des ewigen Gottes willens ansieht, erhebt er freilich jedes DD D.“t K3» und 12T? “131 des jüngsten Amora zum Range einer sinaitischen Offenbarung, aber er verwischt dadurch in einer unseres Erachtens unrichtigen Art und Weise die scharfen Grenzen zwischen dem, was nach Lalmudischer Auffassung historisch der Gesetzgeber dem Mosche an halachtschem Stoffe zur Weiter- •*) Bemerkenswert ist eine allegorische Deutung von Hohelied 7.13: „Ob der Weinstock sproßte, das find die Schrifttundigen, ob die Blüten aufgegangen, das find die Mischnakundigen, ob die Granaten blühen, die Gemarakundigen jErubin 21b)."