Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1922)
- Date
- 1922-12-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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fectlc L. Nr. 49 _ blik und nicht zu dem des Judentums da, und so weiter im Tone des bekannten Miesbachers. Was Herrn v. Lindeiner von den Partetvertretern und vom Mtnistertische zur Antwort wurde, ist nicht von Belang. Es ist die je nach Partei und Richtung mehr oder weniger wirk' same Richtigstellung stereotyper antisemitischer Verdrehungen. Auf den angeblichen Rathenauausspruch ging keiner ein. Das muß hier von jüdischer Seite nachgetragen werden. Rathenau sprach einmal von 300 Führern des europäisch-amerikanischen Wirtschaftslebens, zu denenu.a. auchStinnes, Krupp, Hohenlohe und sogar die waschechten DeutschnationalenHugenberg undHelfferich gehörten. Einige wenige Juden waren dabet natürlich auch mttgezählt. Herr v. Lindeiner vermehrt die Zahl um ein ganzes Hundert, macht aus den „Führern der Weltwirtschaft" „Fremdlinge, die führen", und laßt sie zum Schluffe nicht nur die deutsche Wirtschaft führen, sondern das deutsche Leben beherrschen. Sonst stimmt alles ganz genau . . . Staatliche, kirchliche und jüdische Gemeinschaft. Bon Dr. B Coherr in Berlitt. 1. Die Thora gründet ihren jüdischen Staat mit den Worten: Ihr sollet mir ein Reich von Priestern sein und ein heilig Volk. Sie hebt damit alle Unterschiede zwischen Priefterstand und Volk, zwischen Priesterheiligkeit und Volksweihe grundsätzlich auf. Die Vorzugsrechte, die sie den Cohanim an anderer Stelle erteilt, betreffen ausschließlich innere Starrdesarrgelegenheiten und 'sind viel eigentlicher Sonderpstichten als Sonderrechte; zur Herrscherkaste können sie die Prtesterschaft nicht erheben. Sie sollen vom Opferdienste leben. Doch die Lehren, die ins Volk zu tragen und in den Opferhandlungen zu versinnbildlichen sie berufen sind, werden nicht priesterlicher Bewachung und Behütung andertraut, sondern im Gegenteil dem ganzen Volke als zu erstrebendes Wisien vorgelegt. Das Gebot, daß jeder Jude die Thora „lernen" soll, macht jede Ueberhedung des Cohanimstandes so unmöglich wie später die des Gelehrtenstandes. Wenn bei anderen Völkern jemals eine Geistlichkeit sich Popularität erwarb, so geschah es dadurch,^ daß ihre Mitglieder durch Angewiesenfein auf Nebenarbeit, z. B. Führen eigener Landwirtschaft, wie in Spanien, ihren Seelsorgekindern nahestehend blieben; in Israel jedoch hat hauptsächlich das Mttstreben des Volkes zum Thorawissen diese Gleichheit bewirkt. Aus dem Volke stammt die Macht der jüdischen Lehre. So wurden oft dort, wo, wie z. B. im Ghetto, jüdische Gemeinwesen lebten, die Thora die Verfassung unserer Gemeinde und die Thoragelehrten ihre erwählte Regierung. Das zeigt sich auch äußerlich. Die Synagoge ist keine Kirche, sondern Beth hakkenesseth, ein Gemeinderaum, der Treffplatz in allen gemeinsamen Angelegenheiten. Der Rabbiner ist nicht Prediger, sondern geistiges Oberhaupt und Repräsentant gegen ntchtjüdische Behörden. Einem Predigerstande bietet die jüdische Religionswissenschaft ja auch wenig Boden. Sie hat nicht die Art, unmittelbar an das Gefühl anzuklingen; sie führt den treu folgenden Geist auf die Bahn der göttlichen Lebensregelung. Sie erfaßt den ganzen Menschen, auch das ganze Leben der Gesamtheit. Wo ist also Raum in ihr für „Staat und Kirche", für ein Nebeneinander von materieller und geistiger Gemeinschaft? 2. Ist aber baä, wa$ wir fyeute den Staat nennen, wirklich so ausschließlich eine Zweckgemeinschast? Das ist entschieden eine Ueberschärsung des Problems. Selbst z. B. der ganz auf die Fiktion von contrat social innerlich fundiert gewesene französische Staat im vorigen Jahrhundert war ein Ideal, eine nichts weniger als geschäftliche Interessengemeinschaft. Die» Der Israelit._ - Schlagworte der Revolution kann man als Dogmen, ihre ersten, blutdürstigen Verehrer als Fanatiker dieserFretheiisreligion, ihre friedlicheren, selbst in heutigem Staatsleben nicht ausgestorbenen Nachbeter als deren besonnene Priester bezeichnen. Um wie viel mehr darf und muß man den preußischen Staat bis 1918 als die Verwirklichung einer Religionsform ansehn, nämlich des mit Kant modernisierten Lutheranismus! Das soll durchaus nicht etwa heißen, der Staat sei in die Gewalt oder auch nur den geistigen Herrschbereich dieses Glaubens geraten; nein, der Staatsorganismus als solcher ist durch Volk und Regierung im Sinne dieser Lehre gezeitigt worden, ist selber die „Kirche" dieser Lehre und aller ihrer Konsequenzen. In diesen Staaten hat darum auch eine eventuelle Trennung des Staates von der Kirche keinen fördernden Wert für außenstehende Glaubensgemeinschaften, denn stehen diese nicht mehr der „Staatskirche" gegenüber, dann eben dem selber als „Kirche", als ein das Denken zu beherrschen beanspruchendes Etwas auftretenden Staate, der auch nicht immer tolerant wirtschaftet. So ist es auch nicht möglich, den heutigen Staat als rein materiell begründetes Gemeinwesen zu bezeichnen. Auch die Nationalitätsidee ist über die Dimensionen längst hinausgewachsen, die uns berechtigen würden, sie als lediglich gefühlsmäßige, materielle Grundlage der Nationalstaaten zu bewerten. Sie ist Gegenstand eines Kultes geworden, eine Religion; als „Religion Frankreichs" hat man sie bezeichnet. Selbst der Vaterlandsgedanke ist kein bloßer Stolz auf den ererbten und durch Bearbeitung liebgewordenen Boden mehr. Er ist ein Ideal, ein Idol geworden. Ja, auch die Kulturgemeinsamkeit zeitigte, schon in der klassischen Welt, das bornierte Bewußtsein einer Superiorität über die Nichtsprachverwandten, die Barbaren, — was so recht zeigt, Wie durchaus geisttg jedes Sichzusammcntutt der Menschheit zu scheinbar ganz irdischen Zwecken differenziert ist; — solange eben der Fluch andauert, dem Gott uns als Nachkommen der Erbauer Babels preisgtbt, ist jedes Volk eine Rasse, jeder Staat eine Kirche für sich, — ob bewußt, ob unbewußt. Hiernach erscheint es uns verständlich, daß keine der heutzutage lebenden Religionsgemeinschaften ein großes Interesse am völligen Ausschluß der Kirche vom Staate zeigt. Die Folge dieser Trennung wäre ja nur die, daß alsdann der Staat allein die Kirche des Landes wäre. Niemanden, keine religiöse Korporation würde er als zum Entscheiden über irgend ein Privatinteresse befugt gelten lassen. Im Irdischen und Ewigen gleichmäßig wären die Volksindividuen d>e Zwangsgläubigen der Kirche „Staat." 3. So ist der Staatsgedanke beschaffen, den die modernen Völker trotz ihrer konfessionellen Heterogenität zu verwirklichen vermeinen. Niemand denkt daran, die Folgen, welche er für die dissidenten Staatsbürger überall zeitigt, etwa als intolerant zu bezeichnen. Obzwar z. B. auch von der konkretesten Verwirklichung des Staatskultus, vom allgemeinen Militärdienste nämlich, also vom echtesten Lebenspriestertum der Kantschen Maxime, kein Andersgläubiger Befreit ist, und obzwar auch die für Juden, Mennoniten u. a. gültigen mannigfaltigen Etnwände gegen einzelne Anforderungen des Heeresdienstes keine grundsätzliche Anerkennung finden, sind alle Konfessionen darin einig, alles das nicht als Unduldsamkeit, auch nicht als unbewußte, selbst nicht als Zeichen dafür anzusehen, daß etwa ein Mange! im Aufbau des modernen Staates sestzustellen sei. Und das alles, alle diese Zustimmung genießt der Staat trotz der Vielgestaltigkeit der Konfession, der Herkunft und des Standes seiner Bürger! ftzortschunK folgt.) 7. Dezember IN» fif ... i ...—■—■ ßorrt$poiukitztn«. üacmcvken. Deutsches Reich. OIJJuBen in Deuffdilanö- ZS erlist, 3. Dezember. Im Preußischen Landtag e unternahmen wiedereinmal die Deutschnationalen einen Vorstoß gegen die Ostjuden. Dr. Kühler als Begründer der Interpellation wiederholte alles, was man seit Jahr und Tag von dieser Seite über die Ostjudeninvafion in Deutschland und Berlin schon gehört hat. Auch andere Abgeordneten, selbst Fischbeck von der demokratischen Partei, zeigten in ihrer Stellungnahme starke Neigung zu scharfen Maßregeln. Der Minister des Innern, Severing, der allen, falls mit der- Materie besser vertrant ist, erwiderte u. a. wie folgt: Auch die Regierung meint, daß hier ein ernstes Problem vorliegt, aber von Stimmungen und Verstimmungen dürfen wir uns hier nicht leiten lassen, wenn diese unnatürlich sind und in Presse und Versammlung künstlich geschürt werden. Man macht aus gewisser Seite die Juden für alles wirtschaftliche Elend verantwortlich. An den zu beklagenden Erscheinungen sind aber auch waschechte Arier beteiligt. Nach neuen Berichten sollen Juden aus Ungarn ausgewlesen werden. Ein großer Teil wird sich wohl hierher wenden. Ich möchte den Völkerbund daraus aufmerksam machen, daß Deutschland und Preußen bet der Ernährungslage, dem Wohnungsmange! und der Lage des Arbeitsmarktes nicht in der Lage sind, diesen Flüchtllngsstrom oufzunehmen. Wenn der Völkerbund überhaupt einen Sinn hat, dann muh er hier eingreifen. Aus finanziellen Gründen müssen wir die Zahl unserer Polizei beschränken. Soweit deutsche und preußische Interessen eine Abschließung der Grenze erforderlich machen und soweit es mit allgemeinen menschlichen Grundsätzen vereinbar ist, werde ich eine Verschärfung deS früheren Erlasses eintrrten lasten. Wir müssen aber auch auf das Ausland Rücksicht nehmen. Wahrscheinlich werden in einigen Jahren Millionen deutscher Arbeiter auswandern müssen, aber wohin? Wir dürfen nicht durch Härte in der Fremdenpvlizei uns dos Odium der Entente zuziehen. Wenn wir nrch dem unS so oft gegebenen Rezept polnische Bergarbeiter auswiesen, hätten wir dann in Polen Entgegenkommen für unsere deutschen Arbeiter zu erwarten? Und dann gibt es doch auch noch so etwas wie den Versailler Fiiedensoertrag. Ueber die Zahl der eingewanderien russischen Juden kann der Berliner Polizeipräsident absolut genaue Angaben nicht machen, weil bei der Anmeldung das Glaubensbekenntnis nicht angegeben wird. Am 31. Mai 1922 find von seiner Statistik in Berlin 121000 Ausländer erfaßt worden, darunter 26305 Polen, 16.668 Russen. Von den Berliner Verhältnissen kann man nicht ohne weiteres schließen. In Ostpreußen waren im März 19 238 Ausländer gezählt, darunter 1712 Ostjuden (Zuruf: die anderen hat Kunze erschlagen). Herr Kunze hat in Oberschlesien eine Saat pesär, welche Pogrome vorbereitet. Die Behörden und auch die jüdtschen Organisationen sorgen für eine sehr erhebliche Zirkulation der Passanten. Wenn man von einem preußischen Problem spricht, darf man auch nicht vergessen, daß im Kriege 40000 Ostjuden nach Deutschland deportiert und zumeist in Preußen angestedelt wurden. Preußen kann nur im Verein mit den anderen Ländern und im Einvernehmen mit Auswärtigen Amt vorgehen. Bei der Frage, ob Ausländer zuzulassen oder länger zu dulden find, wird die Lage des WohnungZ-, Arbeits- und LebsnSrnittelrnark. tes entscheidend sein. Neben.der nationalen Seite hat das Problem aber auch noch eine menschliche Seite und wenn Herr Kaehler auf Fronzos hinweist, dann verweise ich auf einen Größeren, auf Lesstng, der in seinem Nathan ausspricht, baß wir uns nicht zuerst als Christen, Juden oder Mohamedaner, sondern als Menschen erkennen müssen. Die weitere Diskussion ergibt nichts Neues und Wesentliches. *— öetönöte unü Rechtsfragen. Areslarr, 1. Dez. In der letzten Repräsentantensitzung der hiesigen Synagogengemeinde wurde beschlossen, die Gehälter der Beamten im Einklang mit der