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Der Israelit · 1922-12-07 · Heft 49 (7.12.1922) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 49 (7.12.1922)
Date
1922-12-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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7. Dezember 1882_ ch - . geschlossene Einheit in stolzer Würde die Treue zur Thor a auch in ihrer gemeindepolitischen Organisation zum Ausdruck brächte und es den liberalen Kreisen überließeihrem individuellen religiösen Empfinden, die ihnen geeignet erscheinenden Organisattonsformen zu suchen oder aber sich — unbeschadet ihrer persönlichen Gewissensfreiheit — im öffentlichen Leben dem Diktat des Reltgtonsgesetzes zu unterwerfen. Sollte das Oberrabbinat nickt bald zur Erkenntnis dieser Wahrheit gelangen? Wochennmdschau. Die Liberalen unter sich. Man schreibt uns aus Breslau: Die Breslauer Gemeinde ist bekanntlich eine Einheitsgemeinde, deren Wesen darin besteht, daß jede Art von Trennung vermieden werden soll, damit alle Richtungey ttinerhälb der Gemeinde zu gemeinsamer friedlicher' Arbeit aus den Gebieten herangezogen werden können, auf welchen sie sich ohne Preisgabe der von ihnen repräsentierten Anschauungen zu segensreicher Tätigkeit vereinigen können. Das heute noch bestehende Statut von 1847 sieht, um auck den konservativen Mitgliedern der Gemeinde GewisseriSbedenken zu ersparen, zwei völlig getrennte Kultuskommissionen vor und die Gemeindebehörde hat zur Ueberwackung der rituellen Einrichtungen der Gemeinde dem Sinne des Statuts Rechnung tragend, vor vielen Jahren eine Ritualkommission eingesetzt. Man sollte nun glauben, Laß die Herren Liberalen jede Gelegenheit gern begrüßen würden, die ihnen von konservativer Sette geboten wird, um auf diesem Boden gemeinsame Arbeit zu leisten. Weit gefehlt! Da besteht in Breslau seit mehr als so Jahren ein israelitisches Speisehaus, welches von Liberalen und Konservativen gemeinsam seinerzeit gegründet wurde, um den Betrieb einer rituellen Speiseanstatt für Minderbemittelte durchzuführen, tm Volksmunde die Volksküche genannt und hat als solche viele Jahre, von beiden Richtungen der Gemeinde unterstützt, segensreich gewirkt. Nun traf es sich, daß die beiden Rabbiner, deren Persönlichkeit für die rituelle Zuverlässigkeit der Volksküche Bürgschaft bot, kurz hintereinander starben und nun hatten die Liberalen nichts Eiligeres zu tun, als sich der lästigen Rabbinatsausficht zu entziehen, indem sie einfach die beiden Nachfolger nicht mehr in den Vorstand wählten. Dem liberalen Rabbiner konnte dies ganz recht sein, denn er wußte, daß feine religiösen Interessen von den 21 Liberalen des aus 23 Mitgliedern bestehenden Vorstands, ausreichend wahrgenommen wurden, während die Konservativen zur Etnflußlosigkeit auf rituellem Gebiete verurteilt wurden. Nun wäre alles recht schön, wenn wenigstens die Führung der Volksküche die religiösen Interessen der Konservativen berücksichtigen würde, denn es kommt ja schließlich nicht auf die Personen an, die im Vorstand sitzen, sondern auf die Führung der Institution, obwohl ein Vertreter der konservativen Mitalieder sehr richtig in der letzten Generalversammlung bemerkte, daß man es ihm nicht übelnehmen könnte, wenn er bei aller sonstigen Wertschätzung der 21 liberalen Vorstandsmitglieder sich nicht auf ihre religiöse Zuverlässigkeit ver- Der JSraelit. lasse und daß diese wohl keinen Anspruch erheben, eine religiöse Bürgschaft zu bieten Eines der liberalen Vorstandsmitglieder war so ehrlich, darauf zu erwidern, daß er auch von all den rituellen Fragen garnichlS verstehe und deshalb dringend bitte — jetzt kommt die Logik der Herren Liberalen — von der Behandlung dieser Interna auf dieser Versammlung Abstand zu nehmen. Es war nämlich von anderen konservativen Mitgliedern gerügt worden, daß es doch eigentlich nicht recht mit der statutarisch verbürgten rituellen Führung der Volksküche vereinbar fei, wenn der Sabbat vorn Vorstand öffentlich in der Volksküche entweiht wird und daß man frommen Leuten nicht verargen könne, wenn sie sich am Sabbat dort nicht binsetzen wollen, um zu essen. Nun findet aber die Generalversammlung deZ Israelitischen SveisehauseS nur alle drei Jahre statt und eS ist begreiflich, wenn ein konservativer Vertreter der Mitglieder dringend darum bat, einen Beschluß zu fassen und zwar dahingehend, daß sich die Volksküche, deren geschäftsmäßige Aufsicht bereits dem Vorstand der Gemeinde untersteht, auch in ritueller Hinsicht der Gemeinde unterstelle. Da zeigte sich aber die echte Toleranz der Liberalen, wenn sie sich im numerischen Uebergewicht wissen. Nichts nützte die Vorhaltung, sie hätten doch wahrlich keinen Schaden davon, wenn die rituelle Zuverlässigkeit von der Gemeinde beglaubigt wird und die Volksküche I set doch gerade deswegen gegründet worden, weil diejenigen Kreise, welche auf rimelle Beköstigung reflektieren, nicht in die städtischen Volksküchen gehen können und daß die Mitte! für die Volksküche doch auch von konservativer Seite bereltgestellt werden, kein Argument zog. Mit Worten der Entrüstung erklärten sofort die Liberalen, daß sie unverzüglich ausscheiden würden, wenn jemals daran gedacht werden könne, sich unter die Aussicht der Ritualkommission zu stellen, der Vorstand der Volksküche habe zu bestimmen, sonst niemand — eine wertvolle Ergänzung zu der schon früher einem anderen konservativen Mitglied gegenüber gefallenen Aeußerung eines liberalen Vorstandsmitgliedes: „Wenn e8 Ihnen nicht paßt, dann brauchen ja ihre Leute nicht bet uns zu essen"! Alles, was man zubilligen „könne" sei, daß man den Konservativen „gestatte", drei Vertreter zu ernennen, deren Wünsche man in einer gemischten Koukmission zur Beratung entgegennehmen wird. Dem Vorstand muß es selbstverständlich' überlassen bleiben, soviel Vertreter in die Kommission zu entsenden, wie er für gut befinde» und selbstverständlich hat diese gemischte Kommission nicht zu beschließendieses bleibt allein dem Vorstand Vorbehalten. Es frmt sich, ob sich die prominenten Persönlichkeiten, welche von konservativer Seite für die Kommission genannt wurden, sich hierzu hergeben werden. Die Behandlung, welche die berechtigten konservativen Wünsche in der Generalversammlung vom Vorstand aus erfahren haben, spricht jeder Demokratie Hohn. Unter anderem wurde, nachdem man garnichts Stichhaltigeres erwidern konnte, gefragt, ob denn auch alle anwesenden konservativen Sprecher Mitglied des Vereins seien, eine Verdächtigung, deren Beantwortung mit Empörung zurückgewiesen wurde. Man stelle sich vor was geschehen wäre, wenn sich Konservative eine derartige Taktlosigkeit hätten zu Schulden kommen lassen. Das war einmal wieder ein Bild echter Toleranz, die in denjenigen Kreisen der Liberalen herrscht, in welchen sie die Majorität haben. Es ist tief betrübend, wie verständnislos hier verfahren wurde und es wäre kein Wunder, wenn sich konservative Kreise von solcher Behandlung abgestoßen fühlen und lieber auf gemeinsame Arbeit verzichten. Wer sind aber hier die Friedens- * störer? No. 49. Seite 3. » Breslan ist ein Schulbeispiel für die Ent! Wicklung, die mit zwangsläufiger Notwendigkeit! eintreten muß, weyn die rechtzeitige Gründung selbständiger orthodoxer Gemeinden in irgend einer Großstadt versäumt wird. Man frage sich, ob Skandale wie die im vorstehenden Bericht geschilderten, in den „Einheitsgemeinden" Frankfurt, Köln, selbst Berlin denkbar wären/ in diesen Gemeinden wirkt die erzieherische Kraft des altjüdischen Gemeinwesens auf die neutrale Einhettsgemeinde so nachdrücklich ein, daß die Gemeindeorthodoxie eine feste Position hat. Anders in dem mit absoluter „Einheit" gesegneten Breslau! Was wäre dort eine 281 TS? erstanden, hätte man vor fünfzig, vor dreißig Jahren die Gesetzestreuen aus ihren Klausen undMinjanim herausgehott und sie zu einer autonomen Kehilla zusammengeschloffen/ um ohne faule Kompromisse von innen heraus ein jüdisches Gemeindeleben im Grifte des Schlilchan Aruch zu organischen Entfaltung zu' bringen. Noch heute wäre es nicht zu spät, denn die Jugend muß ja, wenn sie nicht jede innerliche Stärke verloren hat, es allmählich 'satt bekommen,-Zeit und Kraft an einen fruchtlosen Kampf mit den „Liberalen" zu vergeuden. Positiver Aufbau eirer jüdischen Gemeinde wäre ein würdigeres Programm und zugleich der größte Dienst, d?n man der jüdischen Zukunft auch der heutigen „Liberalen" in Breslau leisten könnte. Die vierhundert Fremdlinge- Das Märchen von den ,,Weisen Zions" hat, seitdem es gelungen ist, auf seine Heimat und seinen zaristischen Ursprung zu kommen, völlig an Kraft verloren und dient höchstens nock zur Ausstattung und Ausschmückung von Heldenbüchern abgedankter Generäle. Aber ein anderes Märchen beherrscht nun die krankhafte Phantasie der Teutschvölkischen und ihrer deutschnationalen Freunde, das von den „vierhundert Fremdlingen, die das deutsche Leben beherrschen." Rat Henau soll es selbst gesagt haben und Herr v. Ltndetner, einer der Sprecher der Deutschnationalen, wiederholte und unterstrich es am letzten Donnerstag im Preußischen Landtage in der Begründung eines Antrages zur Rehabilitierung des aufgelösten „Jungdeutschen Ordens" und des „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes," unter Berufung auf diesen Kronzeugendaß vierhundert Fremdlinge (Juden) Deutschland beherrschen, ergo müsse man der antisemitischen ^Propaganda der Tat" zur Abwehr dieser Fremdherrschaft freien ungestörten Lauf! laffen. Das Gesetz sei zum Schutze der R?pu- Kleines Feuilleton. Aeue ägyptische Ausgrabungen. j Nach einer Meldung der „Times" sind durch Lord j Carnarvon und Howard Carter bei ThebaiS! (dem biblischen *0), soeben protze Ausgrabungen zu; einem gewissen Abschluß geführt worden, die seit \ 16 Jahren mit außerordentlicher Zähigkeit betrieben | wurden. ES sind die Grabkammern deS Königs s Tuiankamen, eines Pharao der 18. Dynastie am \ westlichen Ufer des Stil blohgelegt worden, und es hat £ sich dabet eine ungeheure Fülle von künstlerisch und j! archäologisch wertvollstem Material ergeben. Darunter l befinden sich zum Beispiel vergoldete Staatskarossen j mit wunderbaren Gravierungen, Typhon- und Löwen- I köpfen, Bettstellen, die mit Gold, Elfenbein und Edelr steinen eingelegt sind, sowie eine große Anzahl Dosen z von erlesenstem künstlerischem Werr, Kasten mir gejj stickten Gewändern und aufgemalten Jagdizenen,! Stühle für Erwachsene und Kinder, sowie endlich der Thron des Königs Tuiankamen. Dabei befinden sich Bilder und Statuen des Königs und der Königin, Musikinstrumente, ja sogar eine Menge Lebensmittel in den Kasten verpackt, wie die Aegypter sie den Toten mitgaben. Am wichtigsten sind jedoch eine Reihe neuer PapyruSrollen, von denen man sich reiche geschichtliche Ausschlüsse verspricht. Dabei hat z die Ausgrabung bisher nur zwei Räume des unge-l f heuren Begräbnisplatzes erreicht und einer ist so volls gepackt mit Schätzen, daß man bisher kaum hineins gelangen konnte. Ob der wunderbare Fund auch die Kenntnis der jüdischen Geschichte bereichern wird, bleibt abzuwarren. „Jewish Chronicle" weist daraufhin, daß die 18. Dynmrre als Gründerin von Tel-Amarna gilt, wo bekanntlich Hinweise aus die Hebräer amgefunden worden sind. Nach manchen Ansichken gehörte auch der Pharao, der nach dem Tode Josephs auf den Thron gelangte, der 18. Dynastie an. (Liberaler Eiertanz). Wie die „Jüdisch-liberale Zeitung" mitlerlt, hat der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde vor kurzem verfügt, daß det hebräische Unterricht an der vierten Reltgionsschule mit Kopfbedeckung stattzustnden hoi. Darob große Entrüstung in liberalen Eliernk?eisen, die sich ln einer energischen Reklamation des l-beralrn Blattes Lust machte. Infolgedessen bat der Vorstand die Verfügung nunmehr aufgehoben, daaegcn neuerdings angeordnet, daß den Kindern bei Beginn jedes Semeste s ausdrücklich gestattet werden müsse, die Kopfbedeckung aufzusetzeri, wenn sie wollen. Diese neue Verfügung wird nun von dem liberalen Blatte als überflüssig und in erzieherischer Hinsicht verfehlt bezeichnet Es ist wirklich bedauerlich, daß die liberalen Herrschaften in dieser ernsten Zeir keine grüße-en Sorgen haben, als den Schutz der Heranwachsenden Jugend vor der Bewahrung aujüdischcr Sille. (Eine Reminiszenz an König Salomo.) Wir lesen tu der Wiener Jüd. Presse: In einem Munkaczer Spttale ereignete sich vov einigen Tagen ein gewiß nicht alltäglich^ und in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzender'Fall. Eine Jüdin und eine Nichtsi'idin wurden zu gleicher Zeit von einem Knaben entbunden. Beim Baden wurden die Kinder vertauscht und keine der beiden Mütter war in der Lage) ernes der beiden Neugeborenen als ihr Kind zu agnoszieren. Nach acht Tagen, als die Beschneidung vorgenommen werden sollte, ergab sich die Notwendigkeit der Fällung eines Solomonischen Urteiles, denn die nichtjüdische Mutter ließ die Beschneidung bet keinem der beiden Kinder zu, während die jüdische Mutter beide Kinder beschnitten sehen wollte. Die Aerzte behaupten, daß die AgnoS- " zierung der beiden Kinder erst nach langwierigen Blutuntersuchungen und Vergleichungen oder aber zu einem späteren Zeitpunkte, nach fortschreitender Entwicklung der Züge und Kmpersormen, woraus sich gewisse entscheidende Aehnlichkeiten ergeben, möglich sein wird. Sabdst-Mkang und Mzgaug. ti»i na®- Ortr Anfang Datum AuSgang UhrsMtn.!*)££{ 5683 Uöt MW. Frankfurt a. M. 4 — 9. 19. KtSlew 5 15 Berlin .... 3 55 Dez. 4 42 München . . . 4 15 5 08 (Löln. 4 20 5 20 Stuttgart 4 30 5 14 Breslau . — — __ T Rürabers. 4 10 5 03 $*«*«£* ... — — — — J. i

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