Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1922)
- Date
- 1922-12-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Lrr OLrsMt. Gelte 3 Kr. 49 7. Dezember 1922, Man konnte in Jerusalem bisher weder den Lärm der Maurer und Zimmerleute am Sabbat hören, noch offene Ladengeschäfte wahrnehmen. Der 20. Cheschwan darf wohl als der schwarze Tag in den Geschichtskalender des jüdischen Volkes ein gezeichnet werden, an dem zum ersten Male jüdische Arbeiter, Mitglieder der Allgemeinen Organisation jüdischer Arbeiter in Erez Jisroel, in einer Kewuza von 6 Mann vereinigt, die Betondecke an dem Hause des Lehrers Jakobi zum Entsetzen ihrer jüdisch fühlenden Kollegen und der ganzen jüdischen Nachbarschaft herstellten. Zur Begründung gaben sie ganz naiv an, daß man sie stark -ränge, die Decke so rasch wie möglich fertigzustellen. Die Kunde von diesem Attentat verbreitete sich rasch in allen Synagogen und rief eine begreifliche Aufregung hervor, ohne daß es bei der Natyr der Jerusalemer Synagogenbejucher zunächst zu gewaltsamen Auswirkungen gekommen wäre. Wir hätten sehen mögen, was unsere jung-jüdischen Fanatiker angestellt hätten, wenn etwa ein alter Jude öffentlich gewagt haben würde, sich gegen die „nationalen" Heiligtümer, das Baseler Programm oder die Balfourerklärung zu vergehen! Das schmerzliche Vorkommnis fällt, wie es scheint ganz zufällig mit einem bedeutsamen Schritte zusammen, der von orthodoxer Seite zum Zwecke des Versuches einer Verhinderung öffentlicher Sabbatentweihung unternommen worden ist. Man hat eine Bittschrift an Sir Herbert Samuel im Umlauf gesetzt, die wie „Kol Jisroel" berichtet, zahlreiche Unterschriften findet und folgenden Wortlaut hat: „Wir, die Unterzeichneten Einwohner der Heiligen Stadt Jerusalem, wenden uns an Ew. Exellenz um einer Lebensfrage willen, deren Lösung Gott allein in die Hand Ew. Exzellenz gegeben hat und bet der es sich darum handelt, uns aus tiefster Seelennot zu befreien. Die Aechrung alles Heiligen durch öffentliche Sabbatentweihung schreitet tn unserer Heiligen Stadt in einer unendlich schmerzvollen Art und Weise fort. Nicht nur jüdische Privatpersonen beteiligen sich daran, sondern auch öffentliche Unternehmungen. Jerusalem, die Heilige Stadt, die Stadt, auf welche die Augen ganz Israels gerichtet sind, die Stadt, die seit den Tagen unserer VolkSwerdung in den Zeiten des Aufschwunges und des Niederganzes, der Verzweiflung und der Hoffnung nicht aufgehärt hat, den seelischen Mittelpunkt unseres Wesens und das Zentrum unseres auf der Thora ruhenden nationalen Lebens zu bilden, die Heiligkeit dieser Stadt wird durch die überhandnehmende Entweihung des großen Sabbattages mehr und mehr zugrunde gerichtet. Die Herzen von Zehnlausenden unserer Brüder, die diese Stadt bewohnen, verzweifeln bei dem Anblick, der sich ihnen bietet. Niemand schützt die jüdische Religion und schamlos werden die Heiligtümer deS Volkes mit Füßen getreten. Ueberall sonst hat eine Gemeinschaft die Kraft, die Ehre ihrer Heiligtümer vor Entweihung zn schützen, warum soll die Gottesstadt, das jüdische Jerusalem, so niedrig eingeschätzt werden, daß ihr diese Kraft versagt bleibt? Deshalb, Exzellenz, unsere Augen sind auf Sie gerichtet' Zu Ihnen erheben wir unsere Hände und unsere Seele bittet für die Ehre unseres Volke- I Wir fordern und bitten, daß eine Verordnung Gesetzeskraft erhalte, die geeignet ist, der öffentlichen Sabbatentweihung Einhalt zu gebieten und damit unserer Heiligen Stadt die Ruhe wiederzugeben. Denn eS siegt aus der Hand, daß die Fortdauer der jetzigen das Leben unserer Gemeinschaft austösenden Zustände jedeinnere Einheit und jede gemeinsame Arbeit vernichten. Wir sind sicher, daß Ew. Exzellenz unsere Bitte berücksichtigen und eine gesetzliche Verordnung zum Schutze der Heiligkeit des Sabbats erlaffen werden. D'e Erfüllung unserer Bitte wird dem Heiligen Lande zum Segen und zum Ruhme gereichen." Man darf auf die Aufnahme dieses Gesuches bei der palästinensischen Regierung einigermaßen gespannt sein. Ueber die Schwierigkeit des Problrmes, das damit vom verwaltungsrechtlichen Standpunkte aus in einer Stadt angeschnitten wird, in der von drei Konfessionen der Freitag, Samstag und Sonntag gefeürt werden, geben sich wohl auch die Urheber der Eingabe keiner Täuschung hin. Aber in jedem Falle ist es gut, daß durch dieses Aktenstück die Bedeueungsschwere der Sabbatfrage, die durch den Einbruch unserer Modernen tn das Heilige Land zur „Frage" geworden ist, auch der Regierung vor Augen geführt wird. Gelöst kann das Problem nicht' durch englische Regierungserlaffe werden. Nur ein Wiedererwachen des Solidaritätsgefühles innerhalb der sabbattreuen palästinensischen Judenheit, die organische Loslösung dieser sabbattreuen Gemeinschaft von denjenigen, die nun einmal grundsätzlich die individuelle Willkür an die Stelle des Thoragesetzes auf den Thron erheben wollen, könnte bis zum Anbruch besserer Zeiten zum wenigsten eine moralische Ausschaltung der Sabbathentwether aus dem öffentlichen Leben Erez Jisroels herbeiführen. Die Gefahren, die in der derzeitigen Jerusalemer Gemeindeorganifation geborgen liegen, treten auch auf anderen Gebieten immer klarer Izutage. In dem sogenannten „Waad feoir ijehude Jernscholajim" (nicht zu verwechseln mit dem orthodoxen Waad hoir aschkenasi) sind die radikalsten Freidenker und Thoraleugner brüderlich vereinigt mit den „gemäßigten" Orthodoxen, um gemeinsam ein jüdisches Gemeindeleben in der heiligen Stadt aufzubauen. Die Orthodoxie hat dahei wohl auf die Autorität des Misrad harabbanuth ihr Vertrauen geetzt, und dieses wiederum, mit Rabbiner Kuk an der Spitze, hat geglaubt, daß diese neutrale Gemeindebehörde trotz ihrer gemischten Zuammensetzung so bescheiden fein werde, ihre Competenz auf religiöse Dinge nicht erstrecken * zu wollen. Welcher Selbsttäuschung sich das Oberrabbinat dabei hingab, zeigt sich jetzt, , da die Regierung einer Regelung das Schechita- und des Vegräbniswesens nähertreten möchte. Der „Waad hoir lijehude Jernscholajim" denkt gar nicht daran, in diesen zum ureigensten Gebiet des. Din Thora gehörigen Angelegenheiten die Entscheidungen des Oberrabbinats zur Grundlage seiner Beschlüffe zu machen, sondern er führt vielmehr um diese Dinge einen frisch-frei-frommen Parteikampf zwischen „rechts" und „links". Einig sind beide Parteien darin, daß zwei Schechita-Ausschüffe zu bilden sind, aber nicht etwa einer für die Aschkenasim und einer für dir Sefardim (was der Tradition entspräche), sondern einer für die religiösen und einer für die administrativen Angelegenheiten. Die Rechte will den ersterett logischer Weile durch das Rabbinat ernannt und als Mitglieder nur gesetzestreue Männer zugelaffen wtffen — die Linke aber sagt n ein^eUgtöfe" Ausschuß darf lediglich als ein Sachverständigen-Rat angesehen werden, religiöse Qualifikation ist gleichgültig und für den administrativen sind natürlich die besten Fiskalbeamten, auch wenn ihnen das ganze Jahr kein Stückchen Koscherfleisch in den Mund kommt, die geeignetsten Kandidaten! Schließlich stimmten die Liberalen einem Vermittlungsvorschlag zu, wonach wählbar in den administrativen Ausschuß jeder sein solle, der an der Koscherfleisch-Steuer beteiligt ist, also jedenfalls rituelles Fleisch bezieht. In der Schlußabstimmung siegte zwar die Rechte mit ganzen zwei Stimmen Mehrheit. Die Herren Rabbiner Ostrowski und Advokat Schmetterling sollen jedoch der Negierung die widerstreitenden Ansichten der beiden „Richtungen" vortragen, wozu dann wohl das Oberrabbinat als leidtragende dritte Instanz hinzutreten wird. Man lese die bewegliche Klage, die das Organ des Oberrabbinats „Kol Jankauw" über die Beschlüffe des Waad hoir veröffentlicht: „Die Rechte hat bereits beträchtliche Zugeständnisse gemacht, sie hat das um des Friedens willen getan, um zu einer einheitlichen Willenskundgebung mit der Linken zu kommen, nicht aber damit nun die Linke ihre individuelle, nur von einer Minderheit getragene Ansicht der Regierung vorträgt, während im Namen der Rechten ein Standpunkt vertreten wird, der bereits um der Einheit willen durch Zugeständnisse her ab ge stimmt ist." Die Rechte ist also wieder einmal düpiert. Dieses unwürdige Schauspiel wäre der Welt erspart, wenn die Orthodoxie Jerusalems als Zum Wochenabschnilt n^v Kurze Betrachtungen zum Wochenabschnitle. Bon Rabb. Dv. Felix Kanter in Zwittan (Mähren)- Die Boten berichteten: „Wir kamen zu deinem Bruder, zu Esau und auch er ziebet gegen dich" uiw. Der Ausdruck „und auch er rc." O^n VN) bietet allen Schristerklärern eine gewisse Schwierigkeit, die auf folgende Art leicht zu lösen ist. Der Ausdruck “j^in irijnp1? wird in der heiligen Schrift bald im freundlichen (vergl. ivrripb Mti' »in oüi), bald aber auch im feindlichen Sinne gebraucht (vergl. i":i rw» 21N2 f&). Jakob wollte über das künftige Verhalten EsäuS ihm gegenüber Klarheit erlangen. Wie wird sich Esau ihm gegenüber benehmen, als liebender Bruder oder als rachsüchtiger Esau? Darüber vermochten auch die auSgesandten Boten ihm keine präzise Antwort zu erteilen. Sie sprachen: Wir kamen zu deinem Bruder, zu Esau. Bald benimmt er sich als dein Bruder, Haid als der döse Esau (vergl. Raschi) und dann ">bn nai "iriunpb, was ebenso in gutem, als auch in bösem Sinne gedeutet werden kann. Deshalb nrw apy* NT'i,*) „Als er sab, daß er ihm nicht beikommen konnte, da berührte er seine Hüfte". Dazu bemerkt der Midrasch **) rn; non in\ notva ww;rv, „Er sah im Geiste seine Nachkommen, das sind Nadab und Abihu" (die Söbne Ahrons). Dieser Midrasch wird mit Recht als nn'bv Bnna bezeichnet, der schwer zu erklären ist. Und doch ist in diesen wenigen Worten ein tiefer Sinn enthalten. Jakob kämpfte die ganze Nacht hindurcher kämpfte mir Aufgebot seiner ganzen Kraft und unter Preisgabe all feiner Interessen, um nur stark und standhaft zu bleiben. Und — er blieb auch in der Tat Sieger. Nun sah der ringende Engel in die Zukunft: er sah im Geiste die Nachkommen dieses mutigen und beldenmütigen Kämpfers. Auch seine Nachkommen werden einst kämpfen; auch sie werden mit Aufgebot ihrer ganzen Kraft stark und standhaft erscheinen wollen, auch sie werden kämpfen und ringen, aber — nicht mehr wie Jakob, sondern wie Nadab und Abihu, die „ein fremdes Feuer" selbst in das Allerhetligste hineintrugen. Auch dazu gehört eine gewiffe Kraft und ein gewiffer Mut, aber es ist nicht mehr die Kraft und der Mut Jakobs. Und die Geschichte des jüdischen Volkes kennt solcher „Helden" viele, die gekämpft und gerungen haben, aber nicht wie Jakob, nicht für Gott und seine ewige Wahrheit. Ja auch unter den „Priestern" hat es nicht an Kämpfern gefehlt, die viel Kraft und Mut angewendet und ver- *) Nach (njm\n nß») apy» bnit. | **) Bergl. f,nn vip/', 1. Teil, Seit? 167. I geudet haben, aber sie glichen nicht mehr dem alten Jakob, sondern eher Nadab und Abihu, die mit „fremden Feuer" hantierten. Und d i e s e Nachkommen — sie bilden den „wunden Punkt" Jakobs. Und er sprach: „Laß mich ziehen, denn der Morgenstern ist aufgegangen". Dazu bemerkt der Talmud (Chulin 91): vvr.pvn M »nnw» evai v» )b nv» l"il rw „Er sprach zu ibm (Jakob): Ich bin ein Engel und seit meiner Erschaffung hatte ich keine Gelegenheit, ein Loblied anzustimmen, nur jetzt". Auch dieser scheinbar rätselhafte Aufdruck unserer Weisen ist unschwer zu erklären. Dieser Engel, so bemerken unsere Weisen an anderer Stelle, war iv»p b& 11V „der Schutzengel Esaus". Ihm war der Kampf durchaus nicht fremd; bildet doch der Kampf den eigentlichen Beruf Esaus (n*nn “]2in *?j*i). Wenn aber Esau kämpfte und — siegte, dann gab es auch Besiegte. War doch der Kampf nur ein Mittel zum Stege. Solche Kämpfe waren daher dem 18P >78» 118» durchaus nicht fremd. Fremd und neuartig erschien ihm der Kampf Jakobs, der auf keine Beute ausging und der vom Ausgang des Kampfes für sich keme materiellen Vorteile sich versprach. Dieser hartnäckige Kampf um rein ideale Gitter, erschien ihm ganz neu. Jetzt ging ihm ein neues Licht auf (INVN N7>p) und fetzt wollte er eine neue Lobeshymne anstimmen, wie er sie bis jetzt (seit seiner Erschaffung) anzustimmen keine Gelegenheit fand: eine Lobeshymne auf den, dessen Kampf und Sieg grundverschieden ist von dem seines Schützlings Esau.