Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1922)
- Date
- 1922-11-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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, 30. November ma_ Winters keine Aussicht auf Besserung besteht. Flüchtlinge fand er zusammengedrängt auf allen Eisenbahnstattoneu in äußerstem Elend. Kinder wurden Lot auf der Straße aufgelesen, im größern Teil des Landes bestand keinerlei Aussicht auf Getreideernte und die großen In« dustriken des Dongebietes hatten so sehr unter dem Nahrungsmittelmangel gelitten, daß die Arbeiter in großen Mengen die Kohlenminen und die Metallindustrien Verlusten haben, um in ihre Dörfer zmückzukehren. In Alkxandrowsk, wo die Getreideernte normal 21U Millionen Tonnen erbrachte, und im Hungerjahr.122000 Tonnen, wird man in diesem Jahre im höchsten Falle eine Ausbeute von 234000 Tonnen gewinnen. In Jekaterinoslaw sind nur 45—60°/° des anbaufähigen Landes pnter Pflug genommen und im Dorgebiet sind von über 10 Millionen Acres Ackerboden nur 3,7 Millionen bebaut worden. Nach ßNtkolajewsk und Jekaterinoslaw muß die Regierung Tausende von Tonnen Saat schicken, um nur neu anbauen zu können. Es erhellt! aus diesen Angaben, daß eine energische Fortsetzung der Hilfsaktion in allen Ländern dringend erforderlich ist. Die arabifchen flnfprüche. London, 20. Nov. Der Vertreter des Königs Huflein in Washington, Prinz HabibLotfalahhateinem hiesigen Blatte den arabischen Standpunkt folgendermaßen dargclegt: „Wir stehen auf dem Boden des Vertrages von 1915, durch den man uns feierlich einen arabischen Staat unter König Hussein versprochen hat. Ich verstehe darunter ein Staatswesen, das Mesopotamien, Transjordanien, Palästina und Syrien umfaßt, von denen wir alle oder die meisten als unser Eigentum unter den Bedingungen des von Frankreich und England Unterzeichneten Vertrages beanspruchen. Hiernach sollte sich das arabische Königreich im Norden bis zum Taurus, andererseits bis zum persischen Meerbusen, bis Aegypten und bis zum mittelländischen Meer erstrecken. Wir erkennen die Mandate nicht an, denn sie widersprechen dem besagten Vertrag. Wir verlangen von England und Frankreich, daß sie ihr Wort halten und König Hussein ebenso gut behandeln, wie die neuen Pufferstaaten." (Wir erinnern daran, daß Churchill in seiner großen Parlamentsrede zum Mandat die juristische Nichtigkeit der angeblichen Ansprüche König Husseins auf Palästina in ziemlicher Gründlichkeit nachgewiesen hat, und es scheint, als ob der Prinz wie aus der einleitenden Klausel hervorgeht, sich dieser Tatsache auch bewußt sei. Red.) Die enMÄe öemeindenerfrefung und das Palänina-Jüandaf. London, 24. Nov. Der „Board of Deputtes" bat nunmehr in seiner letzten Sitzung nach mehrwöchentlichem Hin- und Herkneten der ihm vorgelegten Palast inaresolution folgenden salomonischen Beschluß gefaßt: „Der Board drückt seine Befriedigung aus über die Bestätigung des britischen Mandates für Palästina durch den Völkerbund und verpflichtet sich, seine besten Bemühungen einzusetzen, um Seiner Majestät Regierung bei der Ausführung des Mandates Hülfe und Unterstützung zu leihen." Veranlassung zu den dieser unschuldigen Resolution vorangehenden langwierigen Verhandlungen bot der Umstand, daß man Einstimmigkeit erzielen wollte, andererseits aber mit Rücksicht auf die Zionisten vermeiden mußte, durch die Resolution zugleich dieChurchillsche Auffassung der Palästtnapolitik zu billigen. Daß die Resolution in ihrer kühlen Farblosigkeit irgendwelchen Wert besitzt, werden die Versaffer wohl selber nicht glauben. Iews College und der Kriegserinnerungsfonds. j,onbon, 24. Nov. In der letzten Sitzung von „Jews College" mußte der Schatzmeister die ungünstige Lage de^ Der -Orartt,. _ Institutes in Lüstern Farben malen. Der Kriegserinnerungsfonds, bet dessen Schaffung man gehofft hatte, große Summen für die Zwecke der Rabbinerbildung im College zu erlangen, hat im Ganzen überhaupt nur 150 000 Lst. erbracht. Dabet leisteten namentlich die ostjüdischen orthodoxen Kreise einen anfänglich ziemlich energischen nach und nach allerdings immer mehr erlahmenden Widerstand gegen die Förderung des College, in dem man trotz seiner konservativ abgetönten Richtung alles eher denn eine Stätte der Thora im altjüdischen Sinne erblickt. In der Leitung des Krtegserinnerungsfonds fanden sich also die liberal gerichteten Kreise, denen das College zu fromm und die orthodoxen, denen es zu modern ist, zusammen, um das Institut mit einer mageren Subvention von Lst. 1000 abzuspeisen. Nun tritt Chiefrabbi Dr. H ertz mit einer bei ihm ganz ungewohnten Energie mit der Behauptung aus, die vom Kriegsertnnerungsfonds gesommelten 150000 Lst. seien rechtlich mindestens zu einem Drittel Eigen tu mdes College, wenigstens habe man in den Dominions die Spenden zum Fonds nur in diesem Sinne gegeben. Man darf neugierig fein, wie sich die miteinander kämpfenden Parteien zu diesem Postulat des Chiefrabbi stellen werden. Uatästina. '" " Brief aus Palästina. _ iIerrisakew, 20. Nov. Aus seiner Reise durch die jüdischen Kolonien hat es Rabbi Benzion Ja dl er zuwege gebracht, daß sich die Kolonisten verpflichteten, den Zehnten von ihrem Ertrage zu Gunsten der Hungernden in Rußland und der Ukraine abzuführen. In den kleinen Arbeiteransiedlungen, den sog. „Kebuzoth" traf er ganz unglaubliche Zustände an, eine vollkommene Verwilderung des religiösen Lebens, insbesondere bezüglich der Schechtta und der „Kiduschin". Schlimm ist es dort auch um den Sabbat bestellt. Innerhalb der Gruppen befinden sich aber auch religiös gesinnte Leute, die große Gewissensqualen zu erleiden haben. Rabbiner Jadler berief in Jerusalem eine Versammlung unter Vorsitz des Rabbi CH. Sonnenfeld und erstattete auch Bericht Herrn Ussischkin, der sich ganz erschüttert zeigte. Herr Ussischkin versprack, eine Konferenz aller Interessenten einzuberufen und dafür zu sorgen, daß die Arbetteransiedlungen mit Schochtim versorgt werden. Einbürgerung. Jerusalem, 20. Nnv. Die Frist für die Einbürgerung ist abgelaufen. Während in Judäa die starke Bewegung zugunsten der Naturalisation einige Erfolge hatte (Zahlen stehen noch aus) hatte sie in Galiläa ein Fiasko ergeben. In Liberias haben von den 1500 ansässigen Juden nur 400 ihre Einbürgerung beantragt. Die Gesamtzahl der eingebürgerten Juden in der ganzen Provinz beträgt nur 850. Der „Doar Hajom" entrüstet sich darüber, daß es selbst leitende Persölichkeiten und im Dienste jüdischer nationaler Institutionen stehende Männer unterlassen hätten, von der Gelegenheit, Palästinabürger zu werden, Gebrauch zu machen. In Jaffa wurde ein Jude namens Simon Ber ko witz, der von Arabern des Mordes angeklagt war, nach langen Verhandlungen freigesprochen. Die Aussagen der Zeugen, darunter eines Polizisten, stellten sich als glatte Verleumdungen heraus. Handel mit Palästina. Wien, 1. November. Während des vergangenen Jahres waren zwischen Großbritanien und Palästina verschiedene Handelsabschlüsse zustandegekommen, die eine Summe von 845 000 Pf. Sterling betrafen. In diesem Jahre sind unbeschadet der Kriegsereig- Vtt. 48 Stift 6 nisse im nahen Osten Handelsabsaflüffe über eine Summe von 1200000 Pf. Sterling erfolgt. Einen offiziellen Bericht der Winer Handelskammer über Palästina ist u. a. zu entnehmen: Bis Ende Juni d. I. ergab sich eine günstige Fortentwicklung auf allen Gebieten deZ wirtschaftlichen Lebens. Der Import betrug von April bis Juni d. I. 17000 t, an welchem der deutsche und österreichische Handel zusammen mit 200000 P. partizipierten. Ter Warenimport aus düsen Ländern weist jedoch eine fallende Tendenz auf. Hauptindustrie ist nach wie vor die Bauindustrie. Obwohl die Bautätigkeit stark eingesetzt Hai, sind die Baupreise um 30 Prozent gefallen. Dies hat seinen Grund darin, daß die Baumaterialpreise gegen das Vorjahr um nahezu die Hälfte gefallen sind und eine genügende Anzahl von Bauarbeitern, Architekten und Baumeistern vorhanden ist. Einen starken Aufschwung hat die Seifentndustrie genommen. Ein Unternehmen (Athlit Salz Entreprise) wird von der JCA finanziert. Die Anlagen zur Gewinnung von Kochsalz aus dem Mittelländischen Meer sind bereits im Bau. Der Bericht betont, daß noch immer Möglichkeiten den Absatz bestehen. Speziell die Textilindustrie hätte Aussicht. Einige führende jüdische Kaufleute Warschaus begeben sich demnächst nach Palästina, um die ökonomischen Bedingungen des Landes zu untersuchen und die Gründung von industriellen Unternehmungen an Ort und Stelle vorzubereiten. (J.P.Z.) Die Konteren? von Lausanne und das heilige Land. London, 23. Nov. Hier sind Meldungen eingelaufen, wo» ach die palästinische Delegation auf der Lausanner Konferenz in der ägyptischen Presse in Kairo eine Kundgebung erlassen habe, derzufolge die syrische, arabische und palästinensische Delegation sich zu einer einzigen verschmolzen haben unter der Leitung des früheren Khedtven Ab bas Hilmi. Die Fusion bezweckt eine straffere Organisation der Kräfte der genannten Länder sowie die Gründung einer von jeder europäischen Bevormundung befreiten Etnheitsregierung. Der Präsident der arabischen Exekutive hat vor seiner Abreise nach Lausanne einen Brief des Vertreters der Angora-Regierung in Paris, Ferrit» Bey, erhalten, in welchem dieser milteilt, daß seine Aeußerrung über die Beziehungen der Kemalisten zu Palästina und Syrien nicht richtig wiedergegeben ist. Er erklärt, daß seine Regierung dem von der Nationalversammlung in Angora angenommenen Programm mit der Forderung nach voller Freiheit für alle von Arabern bewohnten Länder, ihr Schicksal nach dem Willen ihre Einwohner zu bestimmen, treu bleibt. Die Angora.Regierung hat das italienische Auswärtige Amt informiert, daß die türkischen Delegierten auf der Konferenz von Lausanne einer Vorschlag einbringen werden, wonach ein Plebiszit in Syrien, Palästina und Mesopotamien stattstnden soll, jekoch erst, nachdem die Einwohner dieser Länder, die gezwungenermaßen oder auch freiwillig ihre Heimstätten verließen, dorthin zurückgekehrt sein werden. Der Hauptdelegierte der Angora-Regierung für die Orientkonferenz in Lausanne, Jsmed Pascha, der am 15. Nov. in Parts eingetroffen und am selben Tage von Potncais empfangen wurde, äußerte noch am selben Tage gegenüber Vertretern der Pariser Preffe, die Türken würden in Lausanne auf den im „Nationalen Tag" von Angora niedergelegten Forderungen bestehen. Bekanntlich hat die Nationalversammlung in Angora, in ihr im sogenannten „Nationalen Tag" aufgestelltes Programm auch die Forderung eingeschloffen, daß diejenigen arabischen Länder, die früher unter türkischer Herrschaft gestanden haben, jetzt ihr uneingeschränktes nationales Selbstbestimmungsrecht erhalten sollen (I. P- Z)