Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1922)
- Date
- 1922-11-23
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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23 November M i 5 i-'* f!t Nr. r3 gelte «. weite KreHe den Vorwurf der Zersplitterung und Trennung fürchteten. Sollte aber der Zionismus Mit seinem Versuch, durch eine Weltkonferenz sich Legitimation zu ergattern, nicht aufhören, so wäre es heilige Pflicht all derer, denen das ideelle und materielle Wohl der Juden am Herzen liegt, diesen Vorwurf nicht mehr zu scheuen. In diesem Falle wäre es ja leicht festzustellen, wer denn nun eigentlich zur Trennung zwingt." Wir stellen diese sehr beachtenswerte Aeußerung zur Diskussion. Zmponderahilien. (Fortsetzung.) Wie verhält es sich nun aber mit dem dritten Abschnitt: Mischpotim? Hier treten uns weder wie in den Th au raus philosophische Rüstmittel für die Praxis noch wie in den Edaus erzieherisch wirkende Denkmäler entgegen, sondern die Portale eines' Riesengebäudes tun sich auf und wir blicken in das Allerheiligste der Mischen* Rechtswissenschaft: der Jurisprudenz der Thora. Gibt es nun auch hier Imponderabilien? Die Mizwos des Abschnittes der Mischpotim rufen uns zur Gerechtigkeit auf. Gerecht soll der Mensch dem Menschen sein, ihn achten in seinem Körper, seinem Eigentum, in Maß und Zahl, durchs Verantwortlichkeit für verursachte Schäden usw. Wir haben es also in diesem Abschnitt nicht mit Sphinxrätseln zu tun, sondern Begriffe treten uns entgegen, die auch den Mchtsuden geläufig sind., Mischpotim stehen unserem Bewußtsein näher als Edaus. Hüten wir uns aber, das helle Licht, in welches uns die Mischpotim getaucht erscheinen, mit selbstbewußterem Jubel zu begrüßen, als die magische Dämmerung, die den Hintergrund der Edaus bildet. Nicht umsonst sehen wir in der Thora die Edaus, Mischpotim und Chukim wie ungeschieden' durcheinander wirbeln. So steht in der Sidra Mischpotim nicht nur, wie es zu handhaben ist, wenn jemand seinem Nächsten einen Ochsen oder ein Schaf entwendet hat, in unmittelbarer Nachbarschaft von spezifischen Rechtssätzm steht auch der Satz: Ihr sollt kein Trefoh essen, und steht auch der Satz: Ihr sollt das Bäckchen nicht in der Milch seiner Mutter kochen. Die Jurisprudenz des Judentums umfaßt eben nicht nur ein jüdisches Zivil- und Kriminalrecht, sondern auch ein mit Mischer BögrWgenauigkeit konstruiertes Speisegesetz. Sollte darum von dem magischen, ewig unaufhellbaren Dämmerschejn dieser Chuckim nicht auch auf Pie Mischpotim ein unheimlicher Streifen fallen? Es bedarf aber, um die Jmponderabilität der Mischpotim zu beweisen, nicht erst der Erinnerung, daß sie treue Nachbarschaft mit ihrer» rätselhaft stummen Schwestern, deniChuMm, halten, und daß recht seltsam ist und Zum Nachdenken Anlaß, gibt, ob denn die offene Klarheit, mit welcher s i e sich geben, nicht noch viel rätselhafter ist, als die unbewegliche Starrheit ihrer Schwestern — ich meine, es bedarf nicht erst dieses Beweises, um den imponde- Tablett Charakter der Mischpotim zu erhärten. Bedenken wir nur das eine, daß zu den Aussprüchen der jüdischen Gerechtigkeit nicht nur das Verbot des Stehlens, Mordens usw. gehört, sondern auch das Verbot der- Lüge, des Schweichelns, des Heuchelns, für#: die Heiligkeit des Wortes. Im Sinne der Thora hat nicht nur der Millionendieb etwas gestohlen, sondern auch! einer, der seinen Freund mit Einladungen über-, Must, obwohl er weiß, daß er sie nicht aast ehmen kann, auch.er ist ein Dieb, und zwar bezeichnen die Weisen dieses Uebermaß an Lteoeaswücdigkei t als Wn"i2'}3 als Gefmnungs diebstahl. Nichtals ob die Thora eine Feindin liebenswürdigen Benehmens wäre. Keiner weiß wie sie den Wert des geselligen .Umgangs zu schätze». jlpmn 121. >acn Tdo-.a, ihm, eurem Gotte sollt ihr euch anschlieKn. Me könnte aber der Mensch, .fragen die Weisen, sich der Gottheit anschlletzen? Sei DVISH DV 211^» am. Worten sei, Mellig, Meße Wj Menschen an, in welchen die Gottheit dir entgegentritt! Gerade weil aber die Meisen die Imponderabilien der Geselligkeit kennen, weil sie die Macht der Freundschaft richtig einzuschätzen wissen und ihren! Scharfblick nicht entgeht, wie in einem lächelnden Munde nicht nur die Honigsüße der Liebe nistet, sondern auch das Gift der Lüge wuchert, darum haben sie im Gottesworte: prHn npW st21!2,vom Worte der Lüge bleibe fern, die Stützen einer wahren und reinen Geselligkeit erkannt, indem sie dieses Gotteswort in seinem weitesten Sinne begriffen; Lüge nicht, aber auch: schmeichle nicht, heuchle nicht! Wahrheit soll im Sinne des Judentums! nicht nur das Fundament eine§; Rechtsstaates, sondern auch das Regulativ einer harmlosen Salonnnterhaltung sein. Unter Umständen kann ein Kompliment ein frevelhafteres Spiel mit dem Worte sein, als ein falscher Eid. Denn ungezählte Imponderabilien umflattern das pon Gott geheiligte Menschienwort. Hüten wir uns darum, die Jurisprudenz der Thora mit einem nichtjüdischen Rechtsjhstem überhaupt nur in Vergleich zu setzen. Erst dann, wenn die Menschen einen Gerichtshof ausweisen könnten, der nicht nur den Meineid, sondern auch die Konversation in den Räumen des geselligen Verkehrs vor sein Forum zieht, wollen wir über den Wert oder Unwert der Thora zu Gerichte sitzen. Den Abschnitt „Chukkim", zu dem wir jetzt übergehen, haben tvir bereits kürz berühirt, als wir än anderen! Zusammenhang einen flüchtigen Blick in die Mische Küchle warfen. Schon dieser eine flüchtige Blick genügte, um uns die Mische Küche in einer ganz anderen Beleuchtung zu zeigen, als die unseres nichtjüdischen Nachbars. Sie kennzeichnet sich im Gegensatz zur nichtjüdischeu Küche durch das Merkmal aristokratischer Exklusivität. Sie macht Unterschiede int Reiche der Säugetiere, der Vögel, der Fische. Bekannt ist ferner ihre Abneigung gegen Amphibien, Insekten und Würmer? Auch Blut und Fett, dein verendeten oder tödlich verletzten Tiere verschließt sie ihre Pforte. Und wenn ein Milchtropsen sich in einen Fleischtopf verirrt oder die Lunge 'eines Tieres normwidrige Erscheinungen zeigt, so steht die Thora vor diesen Fällen mit dem gleichen nachdenklichen Ernste, wie ein Arzt den Puls eines Totkranken befühlt. Wollt Ihr wissen, warum? .Well es dem Schöpfer der Menschen nicht gleichgültig ist, nicht gleichgültig sein kann, nicht nur was sein Geschöpf denkt und fühlt, sondern auch was es ißt und trinkt. Weil ihm ein geheimer Pfad bekannt sein muß, der von dem Magen in die Seele führt. Ein Pfad, den wir niemals sehen werden und von dem wir nur wissen, daß er sich in den seltsamsten Windungen bewegt, bis er sich spurlos in der seelischen Sphäre verliert. Diese seltsamen Windungen sind die Imponderabilien des Speisegesetzes. Es gibt aber unter den Chukkim noch taufend andere Dinge, die noch viel seiner und zarter sind, und bei denen es noch viel weniger möglich ist, ihr Gewicht aus einer irdischen Wage zu bestimmen. Denken wir an das Verbot des Rasierens, an die Pflicht der Ehefrau, einen Scheitel zu tragen, an das Schaatnesgesetz. Wie kleinlich, wie seltsam! Kann es Gott nicht einerlei sein, wie ein Mann seinen Bart behandelt und warum mißgönnt er dem weiblichen Haupte den natürlichen Schmuck? Nun so gar kleinlich dürfte doch dieses göttliche Interesse an der Behandlungsart, die wir unseren Haaren angedeihen lassen, nicht sein, wenn tvir bedenken, daß im Leben ungezählter Damen und Herren die. Erzielung einer schönen Frisur und eines hübschen Schnurrbartes zur Bedeutung eines Weltproblems #u erwachsen pflegt. Es ist dein Menschen wahrlich nicht gleichgültig, tvie er aus sieht. Die .Eitelkeit gehört zu den Willensmotiven, die im menschlichen Seelenleben die Stellung einer Großmacht inne haben. Lesen wir doch die Zeitungen, wie da so oft neben den! tiefsinnigsten philosophischen Merke ein approbates Verschönerungsmittel an gepriesen wirb und erkundigen wir uns einmalwas mehr gekauft wird, das erwähnte Kosmetiknm oder das Werk des Philosophen! Eine unbegreifliche Lücke im Gesetzibuche der Thora wäre es demnach, wenn in diesem Gesetzbuche alles beachtet und geregelt würde mit Ausnahme dieses kosmetischen Dranges^ der so tief in der Natur des Menschen eindringt. Wenn die Thora so wenig ein System philosophischer Phtrasen ist, daß sie nicht davor zurückschreckt, den Menschen bis in die intimsiM Vorgänge seines körperlichen und seelischen Lebens zu verfolgen, im Haus und Hof, in Küche und Keller, im Geist und Gemüt das Banner des göttlichen Imperiums M entfalten, warum sollte sie gerade aus dem Bereiche menschlichen Seelenlebens sich zurückziehen, wo menschliche Eitelkeit das Szepter führt! Warum freilich die Thora die Annexion dieses Bereiches so und nicht anders vollzieht, warum sie sich! gerade aufs Rasieren und den Scheitel versteift — Imponderabilien, lieber Leser, Imponderabilien — daraus kann dir nur der Schöpfer des Judentums eine Antwort geben. Warum der aber schweigt, warum er beharrlich jede Auskunft weigert — nun, vielleicht deshalb, weil Gott Millionen Jahre 'brauchen würde, um dir seine Thora zu erklären, und du längst gestorben wärest, wenn er den millionsten Teil seiner Antwort vollendet hätte. Bedarf es nach! all den! Gesagten noch eines erläuternden Wortes, warun! es nicht lächerlich - ist, wenn uns das Schaatnesgesetz belehrt, wie wir uns bekleiden sollen? Unter den fünf Gattungsgesetzen, mit welchjen die Thora die göttliche Wetwrdnung — nDtrn Y)n rm — beamtet wissen will, ist das Schaatnesgesetz das absonderlichste und wird darum auch von solchen I Leuten, die sich Weltanschauung ans der Zeitung, dem Theater etc. gehott haben, als | direkt absurd empfunden. Im Kleide sollen Wolle und Flachs nicht vermischt sein. Indem die Thora aus dein Kleide eine Mischung von tierischem und pflanzlichem Stoff verbannt, macht sie das Kleid zu einem Herold des göttlichen Gattungsgesetzes) das die Welt beherrscht. Wie sonderbar, Rock und Weste zu Herolden einer göttlichen Idee zu erheben! Nicht sonderbar für den, der weiß, was für gewaltige Prediger auch! außerhalb des Gesetzesheiligtums die Gewänder sind, mit denen wir uns bekleiden. -Wer sich über das Schaatnesgesetz lustig macht, wenn es lächerlich erscheint, einen Paletot zum Zeugen eines Gedankens zu erheben, der möge sich doch nur eimnal fragen, ob all die Leute, die ängstlich bestreibt sind, sich nach der neuesten Made zu kleiden, verrückt sind, oder ob' sie nur einem immanenten Gesetze der Menschennatur folgen. Wer aber meint, daß die Art und Weise, wie man sich! in einem bestimmten Zeitalter kleidet, rein zufällig und darum gleichgültig sei, der man das Schaatnesgesetz verspotten. Seine Unbildung trägt die Schuld, wenn er nicht, sieht, daß Gott das Kleid nur deshalb zum Träger religiöser Imponderabilien gemacht hat, weil auch außerhalb des Gesetzesiheiligtums die Jmponderabilität des Kleides außer Frage steht. Wer aber weiß, daß die Mode zu den sprechendsten kulturhistorischen Symptornen der betreffenden Zeitepoche gehört, die sie erzeugt, wer aber weiß, daß, nicht nur in der Art, wie eine Zeit die Häuser, haut und errichtet, Kunst und Wissenschaft, Gewerbe und Handwerk betreibt, sich der Charakter dieser Zeit ansprägt, daß vielmehr die semsten Schjwebnngen dieses Zeitgeistes, nicht in Architektur und Kunst, sondern in der Mode, im Kleide zum Ausdruck konnnen, ans den Falten eines Kleides demnach das letzte, hauchhafte Gekräusel des Lebenswillens sichtbar wird —, wer das alles weiß, der wird sich, auch nicht wundern, wenn auch der Schöpfer das alles weiß und wenn er die Imponderabilien des Kleides in den Dienst seines Erziehungswerkes stellt. Der fünfte Abschnitt Mizwans umfaßt Gebote der Liebe. Mr sollen der Welt nicht nur gerecht/ sondernMch dort, wo sie nur Anspruch auf unsere Liche Ach zum Segen werden. Aü