Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1922)
- Date
- 1922-11-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450189-2450232--70163-2527381- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 8 Nr. 47. Der A-raeltt SS. November LSR! zu veranstalten! Der Chacham-Baschi antwartete, er halte sich grundsätzlich von jeder politischen Betätigung fern. Hierauf verlangte die Regierung die Entsendung einer jüdischen Delegation nach Lausanne, um Palästina sür die Türken zu fordern. Die Lage ist peinlich. Die enollscken EDafifen «Food»», 19. Nov. In das neue englische Parlament sind elf Juden gewählt, darunter Saffoon, Lionel de Rothschild, Sir Alfred Mond. Der frühere Unterstaatssekretär für Indien, E. S. Montagn, unterlag. Amerika. Die Dicht!ein-ßill- 16. Olt. Das unter dem Namen des Repräsentanten Dickstein bekannte, seit dem 1. September in Kraft befindliche Gesetz, will dem in Amerika zum Skandal gewordenen Unfug des betrügerischen Mißbrauches des Wortes „Koscher" durch Metzger und Delikatessenhändler ein Ende machen. ES bedroht mit Gefängnis und Geldstrafe jeden, der Lebensmittel öffentlich als koscher anoietet, die es nicht sind. Auf diese Weise kann bet energischem Vorgehen der Rabbinate, aber auch jedes einzelnen Konsumenten den Betrügereien der Händler und Metzger mit Erfolg entgegengetreten werden. Mehr wie zehntausend dieser Interessenten haben sich nun zu einer politischen Kampagne vereinigt, um das ihnen überaus unbequeme Gesetz zu Fall zu bringen. Man darf hoffen, daß die orthodoxen Organisationen, insbesondere der Rabbinerverband, auf der Hut sein und der gefährlichen Agitation mit allen Mitteln der politischen Technik entgegenzutreten wissen werden. von wem lebt öer tteren SmessoS? Aev-Yorst, iZ. Okt. Die in Chicago erscheinende Zeitschrift „Last and “West", deren Herausgeber ein ziemlich scharfer Gegner der organiperten Orthodoxie, insbesondere der Agudas Jksroel, ist, veröffentlicht folgende Ausführungen, die sür die Orthodoxie der Welt auS dem Munde eines Gegners von besonderem Interesse sein dürften: „Die finanzielle Stärke des orthodoxen Elementes in der amerikanischen Judenhelt ist enorm, aber ihre organisatorische Stärke ist gleich null. Das zeigte sich wieder einmal während der letzten hohen Feiertage, als in allen orthodoxen Svnagogen des Landes ein Appell für den Keren hajessod erging. Dort w» der Appell gut vorbereitet war, find ungeheure Summen gespendet worden, wo diese Vorbereitung fehlte, dagegen uur ganz geringfügige. ES ist unsere ehrliche Ueberzeuguug, daß einzig»nd allein die orthodoxe JudenheitAmerikas denKeren hajessod finanzieren kann und daß sie auch gewillt ist, ihn zu finanzieren. Aber sie ist nicht organisiert für diese Aufgabe, weil die Leute an der Spitze der Synagogen der organisatorischen Fähigkeit entbehren und ihre Kräfte nicht zu verwenden wissen." Der Verfasser tritt dann für eine gründliche Sabbat-Anfang und Ausgang. mbir\ N2V- JQti: Anfang Datum AuSgang Uhff üJttn. 56Ö3 Ähr Min. Frankfurt a. M - 4 05 25. 5. 5 20 Berlin . - . . 4 05 Nov. KtSlew 4 49 München . . . 4 20 5 10 «öln. 4 25 5 25 Stuttgart. . 4 30 5 19 Breslau . . . — — — — Nürnber«. . . 4 10 5 08 - - ~ Hamiliennachrichten. Barmizwohfeier. Josef, Sohn des Herrn M. Kugelmann, Fulda. systematische Arbeit unter den Synagogenbesuchern ein, wodurch die Eingänge für denKeren hajessod vervielfacht werden könnten. Nur auf diesem Wege sei der Aufbau Überhaupt möglich. . Die Konsequenzen aus dieser durchaus richtigen Beobachtung zu ziehen, sei den Führern der Orthodoxie in Mitteleuropa und Osteuropa überlassen. kin oigantifcher Sißölungsplan. Werv-Bork, 15. Oktober. Der bekannte Vertreter des I. D. C., Dr. Josef Rosen, ist am Samstag nach der Ukraine abgereist, um dort den Riesenplan einer Ansiedlung von 55000 jüdischen Familien durchzuführen. Der Joint hat für dieses gewaltige Unternehmen eine Summe von VU Millionen Dollar dereitgestellt, die für die vorbereiten, den Arbeiten des ersten Jahres bestimmt sind. Es handelt sich hauptsächlich um die Wiederbelebung der alten jüdischen Ackerbaukolonien in der Ukraine. Landwirtschaftliche Maschinen, Werkzeuge, Vieh etc. werden von Amerika nach Rußland geschickt, und eine Anzahl amerikanischer Agronomen' begleiten Dr. Rosen. Die Tätigkeit Dr. Rosens wird sich indessen auch auf den Versuch einer Wiederherstellung des gewerblichen und kulturellen Lebens in der Ukraine erstrecken, wofür ebenfalls beträchtliche Mittel, wenn auch in geringerem Umfange, bereitgesteüt sind. . ~ Personalien. Selig Persitz Yxi Homburg, 13. Nov. In der Nacht des Sabbat starb hier einer der edelsten und besten Männer der russischen Judenheit, Joschua Selig Per sitz aus Moskau, noch nicht 58 Jahre alt. Mit diesem Tode hat eine erschütternde Tragödie auS der Leidensgeschichte unserer östlichen Brüder ihr stilles Ende, ihren versöhnenden AuSklang gefunden. Eine erlesene Trauergemeinde gab dem Toten aus dem letzten Wege noch einmal die Ehre, die ihm sein Wirken und Leisten in der Blüte seiner Jahre verdient hatten. Bor Beginn deS Weltkrieges, solange öaS Zarenreich um Millionen unserer Brüder ein gemeinsames Band und eine gemeinsame Fessel legte, gab eS kaum eine Persönlichkeit unter ihnen von solcher Popularität wie Joschua S. Persitz. Mit reichen Glücksgütern harte Gotr ihn gesegnet; als Kaufmann erster Gilde in Moskau wohnberechtlgt, spann er das Netz feiner Handelsverbindungen über ganz Rußland und darüber hinaus, das seiner persönlichen Beziehungen über einen mächtigen Kreis von Führern des politischen und gesellschaftlichen Lebens. Mit seinem Vermögen hatte auch die Bereitschaft, es dem Nutzen anderer zur Verfügung zu stellen, gleichen Schritt gehalten; in dem Lande, wo der Rubel alles vermochte, wo gegen Beamtenwillkür und, polizeiliche Grausamkeit das Gold die einzige, aber Gott sei Dank, fast unfehlbare Waffe deS Schwachen war, wurde Perfitz daher eine Großmacht der LtebeSIätigkeit und Menschenrettung, eine nie versiegende Quelle deS Trostes und der Hilfe für jüdische Untertanen des zaristischen BlutregimentS. Aber die Macht feines Geldes und die Macht feines guten Herzens find doch nicht die rechten Er» klärungSgründe für die Rolle, die er als Wohltäter in dem russischen Judentum gespielt hat. Persitz war der echte Typ eines russischen Juden, intelligent, begabt, auf den widersprechendsten Gebieten deS Lebens gleich;ewandt, ein Meister hebräischen Stils, leicht von Auffassung, chasfidtscher Schwärmer und nüchterner Kaufmann zugleich, leicht anschließend, mit allen Dingen vertraut, klug, von durchdringendem Blick für die Charaktere und Situationen, anspruchslos und verchwendertfch, überall und nirgends zu Hause, demütig romm, aber ohne Autoritätsglauben, selbstbewußt sicher, aber ohne jeden aristokratischen Dünkel gegen andere, in der geistigen Luft der Freiheit und Gleichheit atmend. Woraus aber hatte seine Seele diese Beweglichkeit und innere Kraft geschöpft? Die Antwort enthüllt uns zugleich das letzte Geheimnis seines Wesens: der Queürunkt seines geistigen Ich war der Talmud, die Schule einer Kraft die Jeschiwoh gewesen, sein ganzes Leben st er Schüler uyd Forscher und ohne Uebertreibung darf eS gesagt werden, Meister deS Talmud geblieben. So lagen die Wurzeln seiner Kraft in dem heiligen Nährboden, aus dem die Osttudenhett überhaupt ihre Adelsprägung gesogen hat, so vermochte er mit den geistigen Führern der russischen Judenheil, mit ihren Rabbinern und Gaonim in eine Innigkeit der Gemeinschaft und deS Verständnisses zu treten, die ihn, den Kaufmann, auf eine einzigartige Höhe stellten. AIS er daher in jungen Jahren mit seiner gleichgesinnten Gattin ein HauS gründete, da ward dieses ein *un m, ein Zentrum für die rabbinifche Welt, da sammelte er um sich eine ganze Gemeinde von Thoragelehrten, daß er und seine Söhne dauernd in der Atmosphäre deS Lernens lebten, da wurde er der Protektor und Schützer der Jeschiwaus, da fanden alle rabbinischen Sorgen und Angelegenheiten in seinem Rate, aus seinen Mitteln ihre Erledigung. Allen Wohnungsverboten zum Trotz zog er Hunderte an. sich und um sich, übte sein Haus eine abrahamitische Gastfreundschaft, „thronte er wie ein König in der Schar, wenn er Trauernde tröstet" (Hiob 29). Sein Haus trug für alle den Stempel von in« mpoa n^iiri min in dessen Glanze sich jeder gern sonnte. ES klang durch die russische Welt, daß Persitz'S Söhne, die gymnasiale und Unioerfitätsbildung hatten, die besten und eifrigsten Bachurim der großen Jeschiwoh waren, daß in rabbinischen Veröffentlichungen min *Bmn des „Mokauer Gervtrs" ehrenvoll ihre Stelle hatten, daß ec seine Tochter mit einem Sohne eines der ehrwürdigsten deutschen Rabbonim vermählte, .auf der Hochzeit in Warschau unzählige russische afyni und andere, die größten Gaonim, ein Reb Lhajim Soloweitzik, Reb Jtzel Petersburger, Reb Lhajim Ozer GrodzenSki, sich wie selbstverständlich zum Feste etnfanden, weil sie Persitz wie einen Bruder liebten, daß jedes 7111170 v^-Maht in seinem Hause sich mit dem eines chafsidischen Rebbe an Größe und Weihe messen konnten. ' Wer vermöchte zu schildern, was I. S. Perfitz in den schwersten Jahren der Pogrome, deS BeiliSprozefleS, der Boykotte für feine Brüder zu leisten hatte. Es hieße die gange Geschichte dieser traurigen Epoche wiederholen, wollte man seinen Anteil an der Rettung tnS rechte Licht rücken. I. S. Persitz hat sich durch seine Leistungen in dieser großen Zeit ins dankbare Herz aller seiner hartgeprüften Brüder unauslöschlich eingeschrieben. Auch die ersten Jahre des Weltkrieges finden ihn in unermüdlicher Tätigkeit für den Klall. Da aber kam «eit der bolschewistischen Revolution die ver. heerende Welle, die, wie bei unzähligen Tausenden, fein Glück mit einem Schlage zerstörte, mit brutaler .Hand alles, alles vernichtete, was er gebaut und geschaffen hatte. Seine Familie ward auSeinandergeriffen, fein Vermögen beschlagnahmt, seine Häuser ihm geraubt. Unter entsetzlichen körperlichen und seelischen Qualen verschleppte man ihn nach Kiew, wo er monatelang zwischen Leben und Tod schwebte. Die Hiobsbotschaften über das Schicksal der russischen Gemeinden, Hunger und Durst, Peinigung und Kerker, lähmten und verwirrten seinen Körper, seinen sonnenklaren Verstand. Er wäre ganz zusammengebrochen, wenn nicht seine heldenhafte Gattin ihm in diesen unmenschlichen Qualen wie ein gütiger Engel zur Sette gestanden, tröstend, pflegend, helfend. Jahrelang bemühten sich seine dem Tode entronnenen Kinder ihn aus der Haft der Bolschewisten zu befreien; als es endlich gelang, konnte man ihn nur als Ruine in etn Hamburger Sanatorium bringen; es war vielleicht eine Gnade des Schicksals, daß er nicht wieder zur Klarheit über den Zusammenbruch der russischen Judenheit und seines eigenen Glückes gelangte: Nun ist er, von Kindern und Enkeln umgeben, in die bessere Welt htnübergeschlummert. Die Homburger Gemeinde ließ zur Trauerfeier am Montag seinen Sarg in ihre Synagoge überführen. Dort widmete ihm der OrtSrabbtnerDr.Wrefchner herrliche Worte der Würdigung, daran schloffen sich HeSpedim der Herren Rabbiner E a r l e b a ch, Köln, H o r o v i tz, Jerusalem, Carlebach, Leipzig und Rosenak, Bremen. Sein Trauergeleit, d«S den Charakter tiefster Ergriffenheit über die Tragödie dieses Mannes spiegelte, umfaßte eine große Schar von Hamburgern und Frankfurtern, außer dem Familienkreise; aber auch viele Freunde des Verstorbenen auS Rußland und manche prominente Gestalten. In die Ehrenreihe, neben ihre Rabbonim, hat die Homburger Kehilla, in schönster Betätigung der Ehrung eines ortsfremden Bruders ihn bestattet und manche Träne, selbst auS den Augen ihm ganz Unbekannter, beweinte in ihm das Schicksal unseres armen Volkes. Möge der Familie, vor allem der edlen Gattin, der Himmel seinen Trost schicken, inmitten der Trauernden um Zion, das der Dahingegangene geliebt, das er besucht und sür daS er gesorgt wie kaum etn zweiter N212^ p'12 121. Wolff Möller Altona, 19. Nov. Vor einigen Monaten berichteten wir über den chweren Vertust, den Hamburg-Altona durch das Hincheiden Dr. Sam. Möllers erlitten hat. Abermals »urchetlie am 16. d. MtS. die Trauerbotschaft unsere Gemeinde, daß sein Vater, Herr Wolff Möller, nach kurzer Krankheit dahingeschieden ist. Am Tage vorher hatte Wolff Möller das Glück, seinen jüngsten Sohn unter die Chuppoh zu führen. Mit tiefbewegten Worten Natte er bet Tisch dem Allgütigen seinen Dank für die Erfüllung dieses Herzenswunsches ausgesprochen. Er verschied mit dem Mischnaband Taharoth im Arme,1 aus dem er noch in der letzten Stunde gelernt hatte. Das Leben Wolff Möllers war von seiner frühesten fugend bis zu seinem Lebensende ein Gottesdienst, um Kaufmann herangebildet, widmete er sich in einen freiem Stunden eifrig Ibem Thorastudium. Bet einem Lehrer Rabbi Elia Munk ^27 erblickte er das Idealbild eines echtjüdifchen HaufeS und bemühte sich,