Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1922)
- Date
- 1922-11-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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23 November 1SS8 änderung der Satzungen wurde der Mindestbeitrag einer Gemeinde auf 4°/0 des staatlichen Etnkommensteuersolls ihrer Mitglieder festgesetzt, ebenso soll der Beitrag eines Einzelmitgliedes mindestens 4% seines staatlichen Einkommensteuersolls betragen. Die Anzahl der Vorstandsmitglieder wurde von 4 auf 7 erhöht. Außer dem Vereinsrabbiner, der laut Satzung ohne Wahl dem Vorstände angehört, wurden folgende Herren in den Vorstand gewählt: Sanitätsrat Dr. Rubens- Gelsenktrchen (Vorsitzender), Kaufmann Oskar Löwenstetn-Gemen, Rechtsanwalt Dr. Meyer-Gelsenkirchen (Schriftführer), Lehrer Sommer-Borken, Kaufmann Fröhlich- Gelsenkirchen (Rendant) und Kaufmann Bendix Ahaus. Schließlich teilte der Vorsitzende noch mit, daß das Vereinsrabbinat auch in diesem Jahre wieder die Aussicht über die Mazzos- Bäckerei Marcus in Burgsteinfurt übernommen habe. — Möge es dem Verein befrieden sein, auch weiterhin seinen idealen Zielen gerecht zu werden I Oesterveich. Rmeriftanifche Hülfe für Oefferreidi. Wie», 20. Nov. Die Amerikanische Hülfs - Organisation (A. R. A.) teilt mit, daß weitere 200000 Dollar für die' Mittelstandshülfe in Wien berettgestellt worden sind, wovon 50000 Dollar vom Joint stammen. Die judenhetzerische Wiener Presse läßt sich die Lebensrettung der deutschen Kulrur in Wien zwar gern gefallen, aber die Beteiligung des amerikanischen Jutentums daran wird konsequent totgeschwiegen. Ungarn. llngarifcfie Rnkisemiierwrozesse. Budapest, 11. Nov. Einen Einblick in die Lage der Inden in Umgarn bieten die am letzten Donnerstag zur Verhandlung gelangten Verleumdungsklagen gegen den Redakteur des „Egyenlöseg" Dr. Litdwig Szabolcsi, bezw. gegen den jüdischen Publizisten Ernst Mezey. Zwei dieser Prozesse behandeln die Klagen des berüchtigten Journalisten Desider S,z abo. Szabo hatte.im Jahre 1920 in einem in Stuhlweißenburg gehaltenen Vortragszyklus sein Auditorium in brutalster Weise zur Ermordung der Juden aufgesordert. Szabolzsi und' Mezey schrieben aus diesem Anlaß mehrere Artikel, in welchen sie eine Charakteristik SAabos darboten, derin seiner ganzen Laufbahn bewiesen habe, daß er von jeder politischen Richtung für Geld zu haben war. Beide Angeklagten erklären, die Der Israelit, ■ Artikel im ö ffentlichen Knter esse geschrieben zu haben. Verteidiger Dr. Bela Fabian erinnert daran, daß unter dem Eindruck der Vorträge Szabos in Stuhlweißenburg und Balassagyarmat wie - in den benachbarten Ortschaften dieser Städte sch w e r e Ausschreitungen gegen Juden stattgefuttden hätten. Die Gemeinde von Stuhlweißenbnrg entsandte damals eine Abordnung an den Bischof Prohaska, um ihn zur Verminderung der Fortsetzung dieser blutrünstigen Vorträge zu bewegen. Der Bischof habe damals diesen Wünsch erftillt. Der Verteidiger beantragt die Einvernahme des Bischofs Prohaska und der Mitglieder jener Deputation. Der Gerichtshof schloß sich diesem Wunsche.an und vertagte die Verhandlung. Der andere inkriminierte Artikel, der nunmehr zur Verhandlung gelangte, erschien am 15. Januar v. I. unter dem Titel „Avarffy lügt?" im „Egyenlöseg". In diesem Artikel griff Szabolcsi die kurz vorher im Druck erschienene Behauptung Avarffys, daß die Gesamtverluste der Juden im ganzen Krieg die Zahl 500 nicht überschritten hätten, heftig an und zieh Avarffy der schamlosen Lüge. Avarffy klagte und Szabolcsi erklärte sich sofort bereis den Wahrheitsbeweis %u führen, daß die Zahl der jüdischen Kriegs gefallenen m e hr als 10.000 betragen habe. Merkwürdigerweise wies zuerst der Anklagesenat diesen Antrag mit der Begründung ab> daß die Feststellung, wie hoch die Zahl der jüdischen Heldentoten gewesen sei, kein öffentliches Interesse bilde. Demgegenüber nahm der S t r a f g e r i ch t s h o f den Standpunkt ein, daß der Wahrheitsbeweis w o h l i m öffentlichen Interesse liege und richtete an das Statistische Landesamt das Ersuchen, eine möglichst genaue Aufstellung über die Zahl der im Kriege gefallenen Inden zu liefern. In der am Donnerstag stattgefundenen Verhandlung brachte der Gerichtshof die Zuschrift des Statistischen Amtes zur Verlesung. In dieser Zuschrift heißt es, daß das gesamte Material noch nicht aufgearbeitet werden konnte, daß jedoch schon von den bisher fest ge stellten 40 Pro z e n t der ein gerückten jüdischen Soldaten die Zahl der Toten allein 4340 betrage. Die Gesamtzahl der Toten dürfte sich sonach auf 10000 belaufen. Der Gerichtshof sprach in seinen: Urteil Szabolcsi von d er V e r l eu m d n n g frei. In der Begründung stellt der Gerichtshof fest, daß die Ausweise des Statistischen Landesamtes die Zahl der jüdischen Kriegsgefallenen mit zehntausend angeben, demnach seien 2,57 Prozent der eingerückten jüdischen Soldaten gefallen. Die tendenziöse Aufstellung -_Ar. 47 Veite 6 Avarfsys habe sich demnach als unwahr erwiesen. Dagegen wurde der Angeklagte des Preßvergehensj der Ehrenbeleidigung schuldig erkannt und Huzli wegen dieses Vergehens zu einer .Geldstrafe von 2400 K. verurteilt. Beide Parteien meldeten gegen das Urteil die Berufung an. Ein neuer ßanöauproreß Wien, 20. Nnv. Gegen den Hauptpeiniger des als Opfer der „Erwachenden Ungarn" seiner Zeit gestorbenen, besser ermordeten Weinhändlers Landau, den Oberleutnant Dansky, hat vor dem Militärgericht ein neuer Strafprozeß wegen „Mißhandlung" begonnen. Inzwischen meldete sich, wie man der „Morgenzeitung" aus Preßburg berichtet, ein Mitgefangener, der die Ermordung Landaus bezeugen kann. Man darf auf die weitere Entwicklung der Angelegenheit gespannt sein. Kolon. Die Senafsroahien. Warschau, 25. November. Die Senatswahlen machen den Steg des Minderheitsblocks zu einem vollkommenen. Er wird 21 Senatoren stellen und nach dem Rechtsblock mit seinen 54 Sitzen die größte Vertretung haben. Einschließlich der in Ostgaltzien gewählten Zionisten werden im Ganzen 13 Juden im Senate ihren Sitz haben. Tf onlileiMWer Studententenor Prag, 19. November. Der Kampf der deutschnationalen Studenten gegen den jüdischen Rektor der Universität Prag, St ein Herz, hat sich zu einer nach faszisttschem Muster organisierten Kraftprobe entwickelt. Sämtliche Universitätsinstttute sind von streikenden Studenten besetzt/ zwischen den zionistischen und den teutschnationalen Studenten staden umfangreiche Raufereien statt. Die Behörde verlangt bedingungslose Einstellung des Streiks. Ein sensationeller Schritt der Kemaüflen. cSLonbon, 12. Nov. Der Korrespondent der Jewish Chronicle in Sokia meldet seinem Blatte, daß die Angora- Regleruna den Chacham-Bschi von Konstant!- nopel auffordern ließ, im ganzen Lande Kundgebungen der türkischen Juden zu Gunsten einerUebergab e desPalästtna- Mandates von England an die Türkei Vüchertisch. Zur Terminologie der arabischen Medizin und zu ihrem zeitgenössischen hebräischen Ausdrucke. An der Hand dreier medizinischer Ab« Handlungen des Maimonides von Rabbiner Dr. H. K r o n e r -Oberdorf-Bopfingen. Der durch seine Arbeiten auf dem Gebiete der milrelalierlichen Wissenschaften, besonders als MaimonldeS-Fvrscher verdienstvolle Oberdörfer Rabbiner hat die medizintsch-ialmudtsche Wissenschaft durch eine weitere gediegene Arbeit, „Zur Terminologie der arabischen Medizin und ihrem zeitgenössischem hebräischen Ausdrucke" bereichert. Vorliegende Arbeit, im Selbstverlag üeS Verfassers erschienen, die sich dev bisher von der» gleichen Verfasser auf demselben Gebiete erschienenen Werken: „Ein Beitrag z. Gesch. d. Medizin d. 12. Jahrh.," „Die Hämorrhoiden in der Medizin d. 12. u. 13. Jahrh./' „Eine medizinische Moimonides-Handschrift aus Granada" würdig anreiht, ist auS seiner Bearbrltung deS „Arab. Codex des regtmen saniiaiis des Maimonides entstanden. Kroner beherrscht die arabische und rabbinische Literatur, so daß die Schwierigkeit der Klarstellung der vvrkommcnden Kunstausdrücke als behoben gellen darf und die interessante Auffindung der taimudischen Parallelen jedem Kenner Freude bereitet. Die Untersuchung, die den vielen arabischn und dann ins Hebräische übertragenen medizinischen Fachausdrücken gewidmet ist, beleuchtet auch die klassische arabische Literatur. Wi> haben Gelegenheit, die Geschicklichkeit der mrttelaliertichen hebräischen zUeberletzer zu bewundern, die manchmal mit grvtzen Schmterigreiien zu kämpfen haben, um das arabische Original treffend wiederzugeben. Diese neueste Arbeit KronerS kommt einem lang gehegten wiffenschaftlichen Bedürfnis entgegen, die hebräische Uebertragung arabischer Texte sprachwissenschaftlich streng kritisch zu erforschen. Es ist in ihr soviel methodisches Entwickeln aufgezeigt, daß die intimen Vorgänge des Gestaliungsprozeffes der hebräischen AuSdruckssortn vielfach ersichtlich sind. Datz die Uebers tzer sich manchmal geirrt haben oder vielmehr von ihrer Zeitlage auS das Original betrachten, hat Kroner überzeugend nachgewiesen. Wenn z. B das arabische Original „Weihbrot" bedeutet, die hebräische Uebersetzung aber HB panis hordei „ Gerstenbrot" als Aequivaleni angibt, so entspricht das nicht der maimunischen Auffassung. Ein sehr bemerkenswerter Einschlag der hebräischen Charakterisierung ist die häufige Anwendung der von dem Tterkörper aus bekannten Anomalien. Wenn man Worte wie njro Geschwür KOTita Blatter, n^D Eiter, hbj Geschwulst liest, so glaubt man die Bilder der talmurischen Beterinärkunde zu sehen. Wenn für das Knie der Ausdruck N2121X, für Bauchnetz Evis gebraucht wird, so sind das von den talmudischen Schlachtvorschriften aus geläufige Termini. In dem Bauchnetz xtPBiü und der mit ihm verbundenen Krankheit, der Hypochondrie, spiegelt sich vielleicht die alte bibl'sche Auffassung von dem riltpvv, KtPBitt der Fettsülle als Bild und Ursache der „Dummheit und Verstocktheit" wieder. (Psalm 119, 70; Jesaja 6, 10, vergl. ^vv u. ^>'V2). Kroner gibt üter ein interessantes Kulrurbtld der mittelalterischen Medizin und der sie behandelnden Geister, bei dem auch als kulturhistorisch besonders wertvoller Gewinn die Tatsache mitverzeichnet werden darf, dah Maimonides sein;- Theologie mit arab.sch medizinischen Vorstellungen vieu'uch durchsetzt hat. Die Kroner'sche Arbeit hat auch d'" Vorzug, -atz alle arabischen und hebräischen Ansüh-ungeu ins Deutsche übertragen sind, sodaß nicht nur Philologen und Talmudiften, sondern auch Aerzte, ja sogar Laten die vorliegende Arbeit mit Nutzen und Vergnügen lesen werden. Horb. Dr. Schweizer, Bez.-Rabb. Gertrud Marx. Gedichte. Neue Folge. Königsberg i. Pr., 1922. Graf u. Unzer. 190 S. Kindliche Pietät hat dem Gedächtnis der verstorbenen Mutier mit der Herausgabe ihres dichterischen Nachlasses ein Ehrendenkmal errichtet und der Oeffentlichkeit eine hochzuschätzende wertvolle Gabe überreicht. Es ist nicht an eine Konfession gerichtet,>eS ist für die Menschheit geschrieben, aber eS ist eine jüdische Frau, die in jüdischer Gesinnung, auS jüdischem Empfinden und Denken heraus ihren Gedanken in poetischer Form Ausdruck gibt. Darum begegnen wir hier nicht dem, was die Lyrik der Neuzeit uns oft verleidet. Nicht ein Wühlen im Schmerz bis zur Selbstzerfleischung, nicht ein Ueberschwang im Sinnenrausche — hier ist Matz in Freude und Schmerz, und der Schmerz wird in Ergebenheit in Gott und seine Fügung ertragen unüberwunden. In der leuchtenden Farbenpracht der Felder und der Auen, in dem Erwachen des Waldes zur Flühiingszeit, in dem Golde deS reifenden Korns, aber auch ebenso in dem Htnwetken und Hinsterben der Natur, wenn der Winter seinen Einzug hält, steht Gertrud Marx, die jüdische Frau und jüdische Mutter. Goiies Walten und dies überrrägt sie auf das Menschengeschtck; Leid und Freude beides empfängt der Mensch aus Gottes Hand und dieser Gedanke lätzt ihn aufrecht bleiben in Zeiten der Prüfung wt* ihn nicht übermütig werden in den Zetten, da daS Glück ihm leuchtet. Eine der „Lebensregeln" sei hier mitgeteilt, die als Motto zum ganzen Buche dienen könnte: „Wenn wir schätzen, waS wir Haben, Sind wir glücklich jederzeit - Höher als die reichsten Gaben Preis' ich di» Zufriedenheit". 8.