Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1922-11-16 · Heft 46 (16.11.1922) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 46 (16.11.1922)
Date
1922-11-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2450189-2450231--70147-2527364
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

9lo. 4t Seite i. LK. NAvember 1LSS. tijüdische, alS vielmehr um Älgemeine antikonfessionelle Maßnahmen handle so scheint uns dieser Vorwurf unberechtigt. Ganz abgesehen davon, doß jeder zunächst für s e i ne Interessen einzutreten und dem — mächtigeren — Bruder ruhig die Vertretung seiner gleichgerichteten Anliegen übn lassen darf, ist die jüdische Gemeinschaft Rußlands in der Tat in ihrem Dasein gefährdet, wenn die Dinge noch lange so weitergehen. Freilich konnte das englische Komitee, in besten Namen Mr. Wolff seinen Brief schriebunschwer voraussehendaß auf dem Wege der Korrespondenz bei der Sowjetregierung keine Lorbeeren zu holen waren. Wir glauben nicht einmal, daß mit Drohungen oder öffentlichen Protesten vtrl zu erreichen ist. Zu hoffen ist höchstensdaß mit Uv schließlich doch überall allmählich sich durchsetzenden Wiederaufnahme der Handrlsbezseyungen zu Sowfttrußland auch die persönlichen Beziehungen hochstehender westeuropäischer Kreise aus allen religiösen Bekenninisttn zu den russischen Staatsmännern sich verstärken und damit Möglichkeiten zu einer friedlichen Intervention im Sinne der religiösen Toleranz erwachsen werden. Bis dahin hat die jüdische Gesamtheit jedenfalls die Pflicht, das Schicksal der Mischen Jugend Rußlands als Teil des eigenen Sch cksuls innerlich mitzuerleben und den Augenblick, da in irgend einer Form geholfen werden kann, mit angestrengter Aufmerksamkeit zu erspähen. V»n der deutschen Etudenteufchast. Da der Berfaffungsstreit in der deutschen Studentenschaft (es dreht sich nm den sog. „Judenpunkt") jetzt nach den Universitätsferien von neuem aufzuleben beginnt, hat sich der Kultusminister dieser Tage veranlaßt gesehen, mit einem Rundschreiben vermittelnd einzugreifen. Die Vorgänge sind noch in guter Erinnerung. Die Spaltung wurde herbe'gesührt durch Aus:inandersetzungen über die Aufnahme nähme von Juden aus Deutsch-Oesterreich. Die eine, zahlenmäßig schwächere Richtung, die etwa den dritten Teil der Deutschen Studentenschaft ausmacht und die eine Aufnahme aller deutsch-österreichischen Studierendrn in die Deutsche Studentenschaft ohne Rücksicht auf ihre Rasse oder Konfession fordert, hielt ihren Studentag im Mat in Honnef a. Rhein ab. Sie . gab sich hier eine ihrer liberalen Auffassung entsprechende Satzung und wählte einen neuen Vorstand. Der zahlenmäßig stärkere, aber allenfalls kulturell schwächere Teil der Studentenschaft, der eine Aufnahme der deutsch-österreichischen jüdischen Studenten in die Deutsche Studentench ast im Grunde ablehnt, tagte im Juli in . Att gnaiiK. " Würzkurg. Auch «r gab sich eine neue Satz, ung und wählte einen Borstand. Diesem die Geschäfte zu übergeben, lehnte der in Honnef gewählte Vorstand, der die Hauptgeschäftsstelle leitet, ab. Der Kulturminister vermittelt nun, wie im Rundschreiben bekanntcegeben wird, zwischen den beiden Vorständen und müht sich, mit Hinweis auf die allgemeine Not der Studentenschaft, wenigstens die Einigkeit so wett herzustellen, daß die finanzielle Grundlage sichergestellt bleibt. Es wäre hier eine paffende Gslegenhntd e Herren Studenten von der Würzburger Richtung daran zu erinnern, daß die Not einen Unterschied nach Raffe und Konfession nicht kennt, schließlich auch daran, was gerade von jüdischer Gerte alles zur Erhaltung unserer bedrängten Hochschulen und zur Milderung der Notlage der Studierenden aufgeboten wurde. Nie Tagung -es Verbandes bayrischer israelitischer Gemeinden. München, 5. November. Am 30. und 31. Oktober versammelten sich etwa 100 Delegierte der in dem Verbände zusammengefaßten israelitischen Kultusgemeinden zu einer Tagung, unter Vorsitz des Oberlandes, gerichtsrates Professor Dr. Silberschmidt. Nach einer großen Reihe von Begrüßungen durch Vertreter der Regierung und Behörden erstattete der Präsident de- Verbandes, Oberlandesgertchtsrat Dr. Neumeyer in München einen Bericht über die Tätigkeit des Verbandes, dem alle bayrischen Gemeinden bis auf zwei angehörcn. Aus dem Berichte ist insbesondere die Feststellung bemerkenswert, daß bisher erst 13 bayrische Gemeinden ihre Beamten nach derstaatlichenBesoldungsordnung bezahlen. Einen Zwang kann der Verband auf die Gemeinden nicht ausüben, ebensowenig die Leistungen der Gemeinden bis zur vollen Höhe der staatlichen Besoldung ergänzen, zumal derbayrischr Staat selber dem Verbände nur die geringfügige Subvention von Mk. 300000.— zahlt. Einen größeren Raum als die inneren Aufgaben des Vxrbandes nahm in den Ausführungen Neumeyers wie am ersten Tage der Verhandlungen überhaupt die gegenwärtig besonders aktuelle Auseinandersetzung der bayrischen Judenhett mit den antisemitischen Strömungen rin. Ueber das gleiche Thema sprach dann Rabbiner Freudenthal Nürnberg unter dem Leitworte: „Judentum und Staat." Rabbiner Dr. S t e i n-Schweinsurt, bedauerte lebhaft, daß es der jüdischen Bevölkerung seitens der konservativen Parteien, die psychologisch und historisch dem Denken und Fühlen der bayrischen Juden am meisten entsprechen, den Anschluß an diese Parteien durch ihre judenfeindlichen Tendenzen unmöglich gemacht werde. Ebenso widersinnig sei die Verquickung von Köntgstreue und Antisemitismus. Kommerzienrat Fränkel- München, betonte die verheerende Wirkung der Judenhetze auf Deutschland in wirtschaftlicher Beziehungwie ein Symbol nehme sich in dieser Hinsicht der Rathenaumord mit seinen erschütternden Folgeerscheinungen auS. Wirkungsvoll stellte der Redner die in Bayern von einem katholischen Pater erhobene Forderung einer mittelalterlichen Jud.nsteuer dem am gleichen Tage erlassenen NeujahrSgruß deS Präsidenten Harding an seine jüdischen Mitbürger gegenüber. Lehrer Dr. Bamberg er-Nürnberg trat für die Konfessionsschule ein. Eine hierauf angenommene Resolution bekundet die Solidarität der bayrischen Juden mit dem Vaterlands und erhebt flammenden Einspruch gegen die judenfeindliche Bewegung. In der Nachmittagssitzung referierte Rechtsanwalt Dr. Strau s-München über die sozialen Aufgaben des Verbandes und verlangtdaß regelmäßige Zuwendungen für Bildungs¬ und Wohlfahrrszwecke durch einen bestimmten Hund?.rtsatz der Gesamtumlagen berettgestellt werden sollen. Anträge zur Unterstützung deS Keren hajeffod und der Chaluzim wurden abgelehnt. ' Oberlehrer Stoll-Würzburg und DistriktSrabbiner Dr. Stein-Schweinsurt erstatteten gedankenreiche Referate über die Fortbildung der jüdischen Lehrer. Der Finanzbericht weist aus, daß der Verband -m Jahre 1921 Mk. 155000.—,. vom 1. Januar bis 30. September 1922 Mk. 862000.— verausgabt hat, während für daletzte Vierteljahr noch 4.5 Millionen Mark undfür das Jahr 1923 30 Millionen MS. zu leisten sind. Der Etat wird genehmigt und eine Umlage von 37» der Reichs- und Landessteuer als Verbandssteuer angenommen-. Ter Rat erhält die Ermächtigung,, bet Bedarf den Steuersatz des Verbandes bis auf 47» der Reichs- und Landessteuer zu erhöhen. In der. Besoldungsfrage empfiehlt der Verband den. Gemeinden, die Rabbinen in Gruppe 10 und 11, die Kantoren in s, 9 und io, hie Religionslehrer je nach- Vorbildung in 5—9;. Sch ächtbeamte in 4 und I einzureihen.. (Diese Disqualifikation der Schächtbeamten stellt u. E. eine Beleidigung des RrligtonSgesetzeS und einen Akt fchllmmster Assimilation dar,' die: Schächtbeamten, deren religiöse Vertrauensstellung: schüft? Man sagt, es sei in uns kein „Leben", die , Thora sei in uns verknöchert. Ob wir gar keine Hoffnung mehr haben auf Heimkehr- Schön Einer starb vor langen Zeiten als geistiger Beherrscher fremden Lander in der Fremde und waS hinterlieh er den Ueber lebenden, deren schweres LoS er vorau-fah? Dasselbe, daS auch wir Alle sprechen können: Vergeht, ihr Heimkehrenden, nicht unserer, der „Verknöcherten", Jisture haarez, nicht unser Leiden und Schaffen um das Land, das ihr neu erbaut zu haben beansprucht! Nehmt etwaS von der Festigkeit und dem Hali mit, der euch verknöchert scheint! Denn so sprach Joses: rot ormm csr« a.p7x npu’ npo »3r u.nv, Gedenken wird eurer der Allgütigedann nehmet meine Gebeine von hier mir euch! ß. Fern sei es von uns, so resigniert der nächste« Generation die ganze Sorge um Israels Zukunft aufzubürden. Wohl sind wir eingedenk jenes zornigen Ausrufes eines Amora beim Anblicke nach Palästina geschickter Toter: „So kommet ihr und verunreiniget mein Land". Doch wollen wir die Knospe, nicht mit dem Messer gleichsam die Knospe unsere- Heileöffnen, nicht mit den Künsten -er Politik das Ziel unserer Sehnsucht erjagen - nein, *r>in Min imp nöit tt>'M nüX 1&23D, aufkcimen muh und aufspriehen daS Heil, da» Gott uns gefäet, daS seiner Gnade Sonne uns wirb reisen lasten; nur dann ist es besähigt, Davids Stamm neu erfprietzen zu'lasten. Wer nicht säet, kann nicht erntenwer aber junge Halme ernten will, kann nicht sein Feld ergiebig bestellen. Reine Erez Israel-Liebe und -Sehnsucht kann nur dem ersten und dem fünften der genannten Motive entstammen, der UeberzeugungSsesttgleit und dem zu» verflchtlichen Ausharren,' nur dann ist diese Liebe frei von Verärgerung durch Bölkermund, von hilfloser Not, von lebensfremder Resignation und nur dann lernt« zeichnet sie sich als eine der AbramSkünder und Moschtachharrenden würdige LebenSrtchtung und Sehnsucht pan 7M nach dem Lande, das Gott uns zeigt. 9BB9E Kleines Feuilleton. Ein AolenfuO? Wir haben bereits imSommer die inF rankreich zuerst veröffentlichte aufsehenerregende Nachricht gebracht, dah ein russtsch.jüdischer Musiker namenSRaol G i n S b u r g in einer der Synagoge zu Ko w n p ftcfyöxentien Bibe>hand. fchrtft, die ungefähr 1000 vor älterer Zeit, das heißt aus der Zeit de» Königs Salomo datiert, die Noten der Urmelodte zu Salomos „hohem Lied" entdeckt habe. Diese Entdeckung soll eine Frucht eifrigen Studiums sein, zu dem Gtnsburg durch eine orten, laiische Melodie veranlaht worden ist, nach der er d>n Kantor der Synagoge zu Kowno einige Abschnitte aus dem „Hohen Lied" singen hörte. Seit jenem Zeitpunkt hat er jahrelang dem Ursprung dieser fremdartigen schönen Melodie zu dem glühenden Gedicht deS königlichen Dichters nachgegrübelt. Dieselbe Melodie ist übrigens bereits Rrmsky-Korfakost und MustorgSky ausgefallen, die sie beide tn Kowno gehört haben. Der erstere hat eines der Motive der Melodie zu einem htndostanifchen Gesang in feiner „Sadko" verwandt. Sonderbarer jedoch ist es noch, bah dasselbe Motiv in SuppLS bekanntem Lied ,-Mnn ich nur deine Llrbe hätte", vorkommt. Nun behauptet GinSburg, dem Geheimnis der Melodie auf die Spur gekommen zu sein. Er will nämlich in der Kownoer Bivelhandschrift festgestellt haben, dah im Text zum Hohen Lied stellenweise über den Zeilen Zeichen stehen, die ihrer Form nach den Vokalen der hebräischen Schrift entsprechen. - Diese Vokalzeichen über den Textzetlen sollen die Melodie nach einem Notensystem angeben, daS demjenigen der Griechen und Römer entspricht. DaS System baut sich so aus, dah die halben Töne durch Punkte über den Zeilen ausgedrückt werden. Den Takt geben gewisse vertikale Striche an. Die Skala setzt sich aus sieben Tönen zusammen und hat drei Kreuze (für sol, la und do). Es kommen nur zwei Takisorten vor: der Zweiviertel¬ und der Dreivierteltakt. AuS dieser derartig gedeuteten vorhebräischen Notenschrift ist nunmehr die Origlnalmustk zu SalomoS Hohen, Lied in die moderne Notenschrift übertragen worden. GinSburg vertritt dabei die Ansicht, dah König Salomo nicht nur der Dichter d S Hohen Liede» gewesen ist, sondern auch sein Komponist. Darüber wird man in traditionell gesinnten Kreisen gewih nicht im Zweifel sein. ES fragt sich nur, ob eS gerade d i e Melodie ist. Jedenfalls werden Männer von Fach daS Atter deS Manuskriptezu prüfen haben und festzustellen, wie eS, falls eS wirklich von Salomo herrührt, gerade nach Kowno, einer Gemeinde, deren Geschichte nur bis ins 13.—14. Jahrhundert zurückgeht, gelangt sein soll. Samiliennachrichten. Geburten Einen Sohn: Hermann Rosenthal (Hirschmann), Halberstadt. Silberne Hochzeit. A. Samuel und Frau Ottilie, geb. Höntg, Halle a. S., feiern am i?M-m ihre silberne Hochzeit. 747

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.