Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1922)
- Date
- 1922-11-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette S Nr. 46 Ser Hrraeltt. 18 November 1932. durch eine politische Tat allererstem Ranges besiegeln sollten. Sachlich aber ist zu sagen, daß^dtr Juden die Einzigen waren, die dem an alle exilierten Völker gerichteten Ruf des Cyrus Folge leisteten, wenn sie auch noch nicht in Massen zurückkehren konnten, da das Land politisch und wirtschaftlich zerrüttet war. Der beispiellose zähe Kampf um Zion und um das Land im Jahre 70 sowie die kulturgeschichtliche Tatsache, daß für die Juden jener Zeit das nationale Ideal zugleich ein religiöses und umgekehrt war, sind zu bekannt, als daß darüber noch geredet werden müße. Die immer wieder aufgenommenen Beziehungen zur alten Heimat, die Erinnerungen an Jesajas, der kraft seines herrlichen Idealismus auf dem Grunde des nationalen Geistes die ewige Bestimmung Zions als Ziel des Lebens und der Geschichte sesthielt, und endlich ein Blick auf unsere Gegenwart, in der die Hoffnung auf Zion die intelligentesten und lebendigsten Kräfte des jüdischen Volkes in Bewegung gesetzt hat, das alles muß jeder sehen und sehen wollen, der etwas aussagen will über die Grundkräfte unseres Volkes. Spengler nimmt uns das Recht auf Palästinaer nimmt uns auch doS Recht auf Leben und Wirken in den Ländern der Diaspora. Hier ist der Punkt, wo die Deutschvölktschen ihm die Hand drücken werden. Rehmen wir den deutschen Juden. Er hat bis zum 18. Jahrhundert keine Geschichte mehr. Sie leben inmitten von Völkern, die alle besonders bewußt ihre Geschichte durchleben. Mas ist alles seit der französischen Revolution über die europäischen Weltenbühne dahtngebraust, wie viel neue Probleme sind auf getaucht, wie v'el alte Erscheinungen sind versunken?! Nur das Judentum geht das nach Spengler nichts an. Die Juden sind dabei ganz uninteressiert, sie stehen bereitslängst am Ende ihrer Geschichte, ihre Probleme sind gelöst. Spengler vergißt, daß für uns das Problem des Messianismus noch gar nicht erledigt ist, er will nicht sehen, daß für ein lebendiges Volk (denn noch leben wir doch) so lange eine eigene Geschichte sich abspielt, so lange es -er Kultur anderer Völker neue Impulse gibt und geben will. Ist das kein Problem? Spengler verneint es. Denn wir dürfen gar nicht mehr den Willen haben, auf andere und mit anderen zu wirken, dürfen nicht kämpfen mit ihnen in heiligem Feuer, dürfen nicht sinnen mit ihnen über Wohl und Wehe des Lands, wir müssen — sterben. „Der innerlich zugehörige Mensch bejaht im letzten Grund doch selbst dort, wo er zerstört,- der innerlich Fremde verneint, selbst wo er aufbauen möchte." Die Mörder Die fünf Gestalten her Sehnsucht. Zu den laufenden Wochenabschnitten. iBon Rabbiner Dr. B. Cohen in Berlin. Fünf Zeichen unserer heiligen hebräischen Schrift gibt eS, welche zweifache Gestalt besitzen, am Wortende anders, gestreckter geschrieben werden als am Beginne oder im Verlaufe des Wortes. Unseren Mtdraschweisen erschien diese Doppelgestalt als Bild einer anderen Zwetfachüeil, einer Zwiespältigkeit im menschlichen Leben. Denn auch im Leben gibt eS einen viel Wehe verursachenden Unterschied, der regelmäßig sich zeigt - den zwischen Wünschen und Erreichen, zwischen Wollen und Können, zwischen Ersehnen und Erleben. Und so zeigen unö dies unsere Midraschweisen am Bilde jener Sehnsucht, die auch das heutige Israel erschüttert, der Sehnsucht nach dem Lande der Väter. Sie zeigen uns dieses Sehnen in fünffacher Abstufung, geführt durch die fünf Doppelzeichen unserer Kethav aschuriih 1. l"2i "jif'Nö *p B12K -iöx'i AbramS, unseres erhabensten Stammvaters Sehnen nach dem Lande der Verheißung war freier, reiner Gehorsam gegen Rathenaus brauchen sich keine befferen Verteidigung zu wünschen als diesen Satz. Für seine Theorie bringt Spengler aber auch Beispiele. Zwei will ich hierher setzen. Sie zeigen das Tollste, was man sich denken kann. In Prag liege ein jüdischer General begraben, der mitgefochten hat, aber „was waren die Gedanken Luthers und Lojolas für ihn?" Das Beispiel ist bezeichnend. Jedes Kind weiß, daß der 30 jährige Krieg auch für die Nichtjuden in erster Linie ein politischer Kampf war, denn — so kann man doch wohl mit demselben Recht fragen: „Was waren die Gedanken Luthers und Lojolas," für Wallenstein in einem Kriege, wo die katholischen Franzosen auf Seite Gustav Adolfs und Protestanten auf Seite des Kaisers fochten? Ern zweites Beispiel. „Es gibt Sozialisten, die nach außen, und zwar mit Ueberzeugnng jede Art von'Religion bekämpfen, für sich aber die Spetseverbote und das Ritual der Gebetriemeu und Denkzettel ängstlich beobachten." Leider ist es im allgemeinen umgekehrt. Die, sozialistischen Bekämpfer der Religion fangen gewöhnlich mit dem Abfall vom Judentum an. Und solch ein Märchen bringt Spengler vor, zu einer Zeit, wo in allen Ländern ideal gesinnte Juden an der Politik ihrer Wirtsvölker den regsten Anteil nehmen! Apres nous le ddluge. Was uns bleibt, ist der Untergang, das bedürfte nach dem Vorausgesagten keiner weiteren Begründung. Spengler ist aber hier gewissenhafter und gibt zumUeberfluß zwei Faktoren an, die vor allem schuld daran seien: die Irreligiosität unserer Intelligenz und die mangelnde Bodenständigkeit des Volkes, das ohne Zusammenhang mit irgend einem Stück Land verkommen müsse. Ganz recht. Aber dir Intelligenz gewährleistet nach Spenglers eigener Theorie nicht die Fortextstenz des Volkes, und „der Zusammenhang mit irgend einem Stück Land" ist nie unterbrochen gewesen, ist jetzt erst wieder fester geknüpft worden und verbürgt uns die Unsterblichkeit auf Gottes Erde. Wocheimmdschau. Was wird aus Rußlands jüdischer Zugend 7 Aus den noch immer fragmentarischen und wie man wird zngehkN müssen, nicht immer ganz zuverlässigen Berichten, die aus dem ungeheuren Gebiete Sowjetrußlands zu uns dringen, kann man sich nur schwer ein genaues, die Einzelheiten zusammensassendes Bild von dem Charakter des jüdischen Geisteslebens, von GotleS Wort. „du", „dein" — die Beziehung, die innige Liebe zum Lande, Orte und Hause seines Vaters war es. was hinzuopfern Gott ihm abverlangte, und bereitwillig erfüllte er dieses Verlange-. Hatte doch, trotz aller Kindesliebe/ nie sein Geist sich heimisch gefühlt im Lande des Aberglaubens und der Machtvergötterung, hatte doch von Kind auf se n Sinn den Märtyrermut für seinen Glauben bewiesen - hatte doch schon vor Gottes Befehl das eigene Geisteslicht ihn heimatlos gemacht im Lande der Finsternis und auf dem halben Weg zum Lande Gottes getrieben. Und so konnte denn letzteres ganz i'inrr ssp'vk sein werden, ganz in der Heimat der Seele Heimatliebe ihn und sein Haus umschatten. 2. Welch' anderes Bild bietet doch sein sonst ihm in allem so gleichgeratener Sohn, unser Stammvater Isaak! Nicht mehr frei ist, nicht mehr dem Vater gleich von allen verehrt, lein opferbereiter Sinner gerät in Streit mit dem benachbarten König Abetmelech. Und der Heide, indem er Frieden mit ihm schließt, wagt, ihm seine neiderfüllte Seele zu enthüllen und spricht zu Isaak “PKD ms vvrw »2 UDjm *\b, „Geh' von uns fort, denn du bist uttS zu mächtig geworden"! Er, der Fromme, der gerne längst in das heilige Land der Verheißung heimgekehrt wäre, er soll jetzt als ab. komplimentierter Gast dorthin zurück —, hinaus auS dem ungastlichen Lande, in welchem er „gesät", nämlich, laut Midraschworten, Wohltätigkeit geübt hatte —, mit dem er sich menschlich einS wußte, hinaus beordert inS Land der Väter. Kommen uns nicht Erinnerungen aon Zeitgenossen? Ja, sie kommen unSin Isaaks erhabener, enttäuschter Seele kann sich jetzt so mancher kleine Geist gespiegelt sehen, der sich längst mit der Menschheit seines Vaterlandes so einwußte, daß er die Liebe zu Land der Erziehung und dem Studium der Kleinen und der Großen in den KehilloS des ehemaligen Zarenreiches machen. Die Kehillo als solche, die Gemeinde als Trägerin religiösen Lebens, besteht weiter und wird vom Staate als solche anerkannt — aber man hat, w'e es scheint, diesem Gefäße allen Inhalt geraubt, indem man an die Stelle, des Reichtums jüdischen Gemeinschaftslebens, das den Säugling am achten Tage nach der Geburt erfaßt und ihn an Seele und Körper ein Leben lang mit jüdischreligiösen Werten durchdringt und erhebt, den öden Begriff des bloßen —Kultus gesetzt hat. Die Erziehung insbesondere der Heranwachsenden Jugend ist in höchster Gefahr. Der Kampf gegen die Chadortm ist nur ein Symptom der systematischen Entjudungsarbeit, die in der ganzen Breite eingesetzt hat und in der geistigen Beeinfiuffung der kommenden Generation zu Gunsten einer konfessions- und religionslosen Weltanschauung ihr politisches Ideal erblickt. Der Staat legt seine schwere Hand aus. das wichtigste Hülfsmittei der Jugend- und Volkserziehung, auf — das Buch. In ganz Rußland, so versichert man uns, sind die Druckereien verstaatlichtes darf kein Chumisch, kein Siddur, kein Lu ach gedruckt werden, sodaß — wenn diesem Regime ein Jahrzehnt Lebensdauer beschieden sein sollte, in erschütternder Wirklichkeit das bisher in der Golusgeschtchte für praktisch unmöglick Gehaltene heraufzöge: ftWö paa?, sogar der über, lieferte Kalender mit seinen JTprfT in Vergessenheit geraten könnte und das 1YIKV2 KmitaT aufhörte! Rascher noch muß sich dte systematische Abschnürung der Jugend von den Quellen der Gottes- und Lebenserkenntn!s aus Thora und Talmud geltend machen, überall dort, wo nicht die Väter selber imstande sind, wir in den Zetten vor Josua ben Gamla selber die Schulmeister zu spielen und dabei die verheerenden Wirkungen der staatlichen Zwangsschulen zu paralysieren. Gewiß: es sind alle reltgiösenBekenntnisse in Rußland in gleicher Weise bedroht, aber nirgends sonst in der Welt ist das nackte Sein von Volk und Gemeinschaft so unbedingt abhängig von der Erhaltung der religiösen Lebensseele wie beim jüdischen Volke. Wer uns die min nimmt, vernicht et unsre Existenz. Wenn darum vor kurzem in einem jüdischen Blatte Lueien Wolff ein Borwurf daraus gemacht worden ist, daß er in einem Br'efe an den Sowjetgesandten in London für die Rettung der Chedorim eintrat, ohne zu bedenken, daß es sich hier nicht sowohl um spezifisch an- und Volk, Lehre und Leben seiner Väter bald nicht mehr in sich verspüren konnte —, der uns verloren gegangen wäre —, hätte ihm nicht der Neid des Volkes, auf dessen Erde er groß und stark geworden^ Ehren und Ansehen erstrebt und erreicht hat, abweisend zugerufen lltiv litsö röSW '2 liöyts }b, Geh' von unS fort, denn du bist uns zu stark! Ja, nicht nur das liebevolle „du" des freien Gotteswortes, sondern auch und daS leider viel öftere, das abweisende lieblose v „fort von unS"! hat, auS dem Munde der Völker gesprochen, erst Manchen an die wahre, nur verschüttete Sehnsucht seines HerzenS erinnert, an Erez Israel, an Thorath Israel, an den Gott Israels, die „Furcht JsaakS", die Allmacht des Gesetzes, dte uns ewig bewahrt. 3 Auch dieser Ruf verhallt an manchem Ohre. Hiflos muß Mancher erst dastehen, bevor er heimstnüet zum Lande Gottes. Hiflos wie das bittende, gnade, suchenderu „bitte", — hiflos, wie eS Jakob sprach als er mit seinen Frauen und zarten Kindern allein in Nacht und Wildnis den mordbereiten Bruder und dessen gewaffnete Schrr erwarten mußte, — hiflos roher, rauher, falscher Bruderhand ausgeliefert, — sv2 by su »jsm U2» fv wy va 'nu tö us — das ist die traurige, außen und innen zerrissene Lage auch unser» S Zeitalters, in welchem die bittere Not selber so manchen über die Zweifel seiner Jugend hinweg zu Gottes Volk, Lehre und Land heimgeleuchtet hat. Wie schön, könnte auS so vielen Nöten jetzt daS heilige Land der Väter unS eine Z'-flucht-bedeuten! Könnte es das! Könnte eS ein Stein unter Jakobs müdem Haupte sein! 4. Es sieht noch nicht so aus. Es steht aus, als solle über Menschengedenken hinaus kein jüdisches Haus mehr ohne Wehklagen sein. Man sagt, Europa sterbe. Ob wir es überleben als thoratreue Gemein.