Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1922)
- Date
- 1922-11-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Ö. November 1922. Der Israelit. No. 45. Seite 3. giösen Angelegenheiten zu tun ist, machtlos stehen werden. Es ist aber damit zu rechnen, daß die zwei jüdischen Deputierten gleich den Vertretern' der anderen Minderheiten, als Protest gegen die Wahlentrechtung überhaupt dem Parlamente fernbleiben und das Feld vollständig den Christltchnattonalen überlassen. Nach innen haben die Wahlen ' und deren Ausgang wiederum eine traurige Lehre gebracht. Die Blockbildung der jüdischen Parteien und Gruppen war den Juden von den Verhältnissen als unabweisbare Lebensnotwendigkeit ausgezwungrn. Es zeigte sich aber wieder einmal, wie auch in solchen gefährlichen Situationen von drüben aus kleinlicher Parteipolitik die Einheit gestört wird. Die Agudisten haben überall das Abkommen ein gehalten und dazu beigetragen, daß jetzt Zionisten und Jungzionisten zwei Deputierte durchbrachten. Der Gegenlohn blieb aber aus. Im Marjampoler Kreis ist der zweite Agudakandlt- Privaldozent Dr. Rafael Holzberg, unterlegen, was nur darauf zurückzufuhren ist, daß die Zionisten entgegen dem Abkommen, ihm zum großen Teil ihre Stimmen verweigerten und sie zersplitterten. Die orthodoxen Massen werden auf diese Weise nur durch einen Deputierten Vertreten sein. Es hat sich, wie vorauszusehen war, bitter gerächt, daß gerade in dieser kritischen Zeit die Orthodoxie Litauens eines Organes entbehren mußte und der lebhaften, oft skrupellosen Wahlagitation der anderen Parteien, stumm und machtlos gegenüberstand. Das Wahlflugblatt, das in den letzten Tagen erschienen ist, konnte keinen Ersatz für eine aufklärende, bewußt auf ihr Ziel htnarbeitende Presse sein. Es wäre wohl Zeit, daß man in den gutjüdischen Kreisen Litauens aus den Erfahrungen für die Zukunft lernt. Das „moderne" Buch. Bon Dr. M. Elias in Leipzig. Jedermann erinnert sich noch des letzten Buches von Fr. Delitzsch, „Die große Täuschung", worin er seine bis dahin gefundenen Ergebnisse auf dem Gebiete der jüdischen Religtonsgeschichte dahin erweiterte, daß er alles, was noch auf dem Baume des Judentums als dessen eigenste Frucht angesehen werden konnte, wegtilgte und auf diese Weise, wie er meinte, den Nimbus des „auserwählten Volkes" vollends zerstörte. Was Delitzsch so in populärwissenschaftlicher Form zu erreichen versuchte, ist ein beschämendes, aber charakteristisches Zeichen unserer Zeit. Während auf gewissen Seiten dunkle Kräfte am Werke sind, Judentum und Judenheit unter Benutzung von Masseninstinkten und Fälschungen ins Unrecht zu setzen, liefert ihnen die zünftige Wissenschaft von den hohen Lehrstühlen der Universität herab mit der Geste der Unfehlbarkeit die „wissenschaftlichen" Argumente, die weder von Objektivität, noch vom Wissen über das Judentum angekränkelt sind. Umso schmerzlicher muß es berühren, wenn Spengler, der sich ausdrücklich dagegen verwahrt, aus den Quellen der zünftigen Theologen zu schöpfen, denselben Weg geht. Er, der im Antisemitismus dieselbe unberechtigte Erscheinung sieht, wie im Haß der Amerikaner! gegen die Chinesen, schreibt nun auch ein „modernes" Buch, das in seinen theoretischen Ergebnissen die Forschungen Delitzsch' und in seinen praktischen Konsequenzen Hans Blühers Schmähschrift „secessia judaica" zu stützen vermag. In einer kleinen Schrift hatte Spengler erklärt, keine Zeile geschrieben zu haben, die nicht dem Leben dienen will. Das ist gefährlich. Sein Stil ist bestechend. Das ist noch gefährlicher, wenn sich hinter der bestechenden Form Unwiffenschaftlichkett birgt. Würde es sich aber nur darum handeln, zu zeigen, daß Spenglers Gedankengebäude auf hohlem Grunde ruhe, dann könnten wir uns einfach auf die von Prof. Eucken und anderen namhaften Gelehrten herausgebene Zeitschrift für internationale Philosophie „Logos" berufen. Don dieser war ein Sonderband erschienen, in dem fünf Vertreter der Geisteswisfenschaften — jeder auf seinem besonderen Gebiete — nachwiesen, daß Spenglers philosophische wie historische, mathematische und kunstwissenschaftliche Fundamente, „einer gewissenhaften Prüfung nirgends standhalten," und daß er aus trüben Quellen geschöpft habe. Aber inzwischen ist der 2. Band erschienen, in welchem er sich unter anderen „historischen Perspektiven" auch mit dem Judentum auseinandersetzt. Und da wir Juden „ein Volk des Buches" sind und von jeher für kühn geschriebene Bücher und Märtyrer der „Wissenschaft" eine Schwäche gezeigt haben, muß man auf diese Auseinandersetzung hlnleuchten, um zu zeigen, daß Spenglers Buch nichts weniger als vorurteilslos ist, daß es wie leider so manches moderne Buch nur eine Fälschung jüdischer Begriffe, Geringschätzung jüdischer Wesensart und eine Festigung deutsch-völkischer Positionen zur Folge haben kann. Ich will hier nicht reden von den prinzipiellen Gegensätzen zwischen jüdischer und Spenglerscher Denkweise. Deren gibt es selbstverständlich genug. Weder erkennen wir z. B. den Satz an, daß echte Religion nur in der Atmosphäre nebelhaften Traumens gedeihen könne, noch sehen wir in den Gangen der Geschichte die unabwendbare Abwicklung eines Leöensfadens — Schicksal genannt — unter Ausschaltung jeder geistigen Einwirkung. Daß wir uns Palästinas nicht schon oft mit Gewalt bemächtigten, beweist nichts gegen den Ernst unserer Zionsliebe, sondern nur, daß jüdischer Politik andere Richilinien gezogen sind wie der von Spengler bewunderten altpreußischen, wo die Macht das Entscheidende war. So gibt es eine ganze Anzahl von Fällen, wo wir Spengler als Juden widersprechen müssen. Hier handelt es sich aber nur um die Hauptpunkte, die seine Stellung zu uns als Religion, als Volk und als Glied einer modernen Gesellschaft kennzeichnen. Als Religion hat das Judentum der Welt das Bekenntnis zum einigen Gott, die Lehre von der Gottesklndschaft aller. Menschen und vom ewigen Frieden der messianischen Zeit geschenkt. Spengler kann von all dem nur wenig, sagen wir bester, nichts bestehen lassen. Denn an den Anfang seiner Auseinandersetzung'stellt er den Satz: „Die Juden sind nur solange eine einzigartige Erscheinung der Weltgeschichte, als man sie von vornherein als selche behandelt." Und doch ist es interessant, zu sehen, wie das Judentum enteignet wird. Er hat gehört, daß die Juden nur ihren Gott als den wahren Gott anerkannten. Das, sagt er, ist kein Monotheismus. Deim die anderen Götter sind damit nicht geleugnet, die Propheten haben daran nie gedacht, es war nur verboten, sich an sie zu wenden, weil sie als böse galten. Vom Glauben hat man garnicht gesprochen, dafür hatte man kein Empfinden. Diese ganze Theorie ist von A bis Z falsch. Die Lehre des Judentums predigt nicht nur einen wahren, sondern auch einen einzigen Gott. Man denke nur ans JW! Die jüdischen Propheten haben die Existenz der Q'Wat, wie schon der Name sagt, gänzlich geleugnet. Man denke nur an die Geschichte Eliahus am Berge Karmel! Und die Bibel Hai wohl Empfinden für den Glauben an Gott, wie viele Stellen im 2., 4. und 5. Buch Moses beweisen. Die Lehre von der Gotteskindlchaft der Menschen und die darauf gegründete Sitten lehre kommt in der Bibel in den großartigsten Gesetzen zur Geltung. Die protestantischen Theologen und nach ihnen die zünftigen Bibelkritiker suchen aber den Beginn dieser Lehre bei den Propheten, die gegenüber der altisraelitischen Religion eine neue, auf die Ideale des Rechts und der Liebe gerichtete Lehre begründeten. Immerhin sehen Pädagoge Dr. M. Ascher in Neuchatel seine Erfahrung und sein an reichem Thorawissen geschultes seines Taktgefühl in den Dienst dieses wichtigsten Erziehungsproblems unserer Tage gestellt hat. In einer 80 Seilen umfassenden Broschüre*) behandelt der Verfasser die sexuelle Entwicklung und sittliche Erziehung des Knaben und des Mädchens zu Jüngling und Jungfrau, Mann und Weib. Ganz im Geiste der religiösen Ueberlieferung, an jedem Punkte das einschlägige Material aus Bibel und Talmud heranziehend, zeichnet Dr. Ascher zunächst den innigen Zusammenhang zwischen dem Geschlechtstrieb und dem Daseinszweck des Menscher? überhaupt, um dann in fünf Kapiteln die Entwicklung unserer Kinder mit all den Gefahren, die ihrer Reinheit drohen, zu behandeln und gute Ratschläge zu ihrer Meidung zu erteilen. Das Buch hält sich von allem Theorctisieren fern, ist vielmehr ganz der Praxis des täglichen Lebens in Haus und Schule zugewandt, in leicht faßlicher voiks. tümlicher Sprache geschrieben und darum jedem Vater und jeder Mutter verständlich. Es kann in den jüdischen Häusern viel Gutes stiften. Das litauische Misthdeulsch. Man schreibt uns: Als Kenner des Ostens, beu geschäftliche Beziehungen des öfteren besonders nach Litauen führen, las ich die in diesen Blättern veröffentlichten „litauischen Reisebriefe" mit größtem Interesse und möchte mir speziell zur Sprache der dortigen Juden, *) Sexuelle Fragen vom Standpunkte desJudeniums. Von Dr. Asche r. Frankfurt a. M., 1922. A. I. Hosmann. Preis 40 Mk. die in der Schilderung des Kownoer Fisch markt es; gezeichnet ist, einige Bemerkungen erlauben:; Germanisten und Linguisten sollten die jüdisch.:^ Märkte in Kowno und Wilna besuchen, um an ötej Ilrbeständc des Mittelhochdeutschen, von denen die Sprachentwicklung in den deutschen Landen ihren Ausgang nahm, zu kommen. Aber auch I n d e n aller Zonen und Zungen sollten es nicht versäumen, s hier Jüdisch zu lernen. > Während das beßarabische Jüdisch in M e n d e l e, das wolynisch - podolische in Schale m A leche m und das polnische in P e r e z und Anderen ihre j1. Dichter gefunden haben, harrt noch die Sprache der! Wilnaer und Kownoer Menachem Mendel ihres künstlerischen Gestalters. Und sie würde ihn wahrlich verdienen! Weniger klangreich, nicht so tonsicher und lautvoll wie das Idiom von .Kiew, Odessa und, Warschau, ist doch das litauische Jüdisch in seiner i weichen, weinerlichen Saftigkeit und seinem üppigen j Reichtum an witzigen Worten und Wendungen viel-! leicht der Jargon, der auch den Sprachforscher ami! meisten interessieren muß. Hier an Rußlands West-j grenze, in der Nähe Deutschlands, blieb die deutsches Sprachinsel, zwar vom lebendigen Fluß der Sprach-- entwicklung abgeschnitten, doch von slawischen Elementen leidlich verschont und fast in mittelalterlicher Ursprünglichkeit. Phonetisch steht das litauische Jüdisch mit seinen matten, molligen KehUauten ohne „Au", und scharfes „Sch" zu den anderen jüdischen Dia-. lebten etwa wie das Sächsische zum klang reichen Norddeutsch oder heiter- und leichtflüssigen Süddeutsch. Auf das fröhliche, etwas polternde „Gut Lchabbes!" > des polnischen Juden erwidert der Litauer etwas weinerlich „Gut Sabbes!" lj Verwechselungen und Mißverständnisse kommen''! im Verkehr mit Änderslautigcn und erst mit Deutschen st häufig vor und sichren zuweilen zu den heitersten „Komödien der Irrungen", Auf meine, aus Macht der Gewohnheit in Wilna gestellte Frage, ob man da und dort essen „darf", wurde mir regelmäßig mit der erstauuren Gegenfrage gedient: „Wer zwingt Euch?" Denn „dürfen" ist hier so viel wie „müssen". Es soll auch vorgekvmmen sein, daß ein Patient aus Kowno, der in Königsberg einen Professor konsultiert und von ihm gehört hatte, daß er eine Zigarre im Tage rauchen „dürfe", sich den fürchterlichsten Zwang antat, um eine Zigarre täglich zu rauchen, obwohl er von jeher Nichtraucher war . . . Die Zeitungen, die von „dem großen D n r cf) f a 11" K o'it ft a it t i n s und Griechenlands in fetten Lettern berichten oder zu „dem großen Spektakel" zu E h r e n d e s M a n d a t s einladen, dürfen auch nicht so ausgelegt werden, als wollten sie sich über den wackeligen Thron in 'Athen oder das M a n d a t lustig machen .... Sv wenig wie sich Luther über das Evangelium luftig machen wollte, als er vor vier h u n d e r t Jahren schrieb: „Das Evangelium ist ein groß G e s ch r e i, ein gut G e s ck r e i. dabei man möcht tanzen und singen und daraus die Einfältigeu fchöpsen Fried und Freud in ihrer Notdurft und im Kamps gegen Sünde, Tvd und Teufel." . . . i In vielem erinnert der litauische Jargon an dieses saftige Deutsch des 16. Jahrhunderts. B e r lin. S. H. Richtigstellung. Die Erklärung zu li'SN in Nr. 89 rührt nicht,!wie dort irrtümlich angegeben, vom ivD srö, sondern von dessen Bruder Rabbi Schimon Soffer > Rabbiner zu Krakau, her.