Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1922)
- Date
- 1922-11-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450189-2450229--70123-2527338- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ciK. KM ZW Schubiner. Bon D. Kahn. „Ul teroWer AbramoAch", rief der Oberst, indem er dicht vor die Front ritt, „hier bringe ich Ihnen den .neuen Freiwilligen Schubiner. Ich weiß, Sie werden auf ihn doch Acht haben." Der Oberst grüßte freundlich und sprengte davon. Ich betrachtete den. neuen Soldaten: Eine hagere schmächtige Erscheinung, eine Gestalt, die sich — wie ich vermutete — zu allem eher geeignet hätte, als zum Krieger. Beim ersten Blick siel mir in dem Antlitz des Rekruten ein gewisser leidender Zug aufes dünkte mich, als wenn in diesem Gesichte ein tiefer Seelenschmerz sich wiederspiegele, und kaum hatte ich diese Beobachtung gemacht, als auch der Gedanke in mir auftauchte, daß dieser Meelenschmerz mit dem kriegerischen Vorhaben -es im Soldatenhandwerk noch ganz unerfahrenen Jünglings im Zusammenhang stehen könne. Welcher Art diese Beziehungen waren, konnte ich allerdings damals noch nicht ahnen, die Erfahrung sollte mich aber belehren, wie richtig., meine Vermutung gewesen. Es war etwas Alltägliches, daß Freiwillige zur Fahne eilten! — Personen, die mit dem Aermei Stbiren gestreift hatten, Diebe, Räuber, Mörder, gehetzte und gejagte Individuen, die in jedem sauber gekleideten Menschen einen Versolger witterten- Leute, denen die Armee weiter nichts war, als ein refugium criminae, und die den in seinem Ausgang immerhin noch ungewissen Krieg dem sicheren Untergang in der Heimat vorzogen. Beim russischen Militär nahm man es damals nicht so genau mit der persönlichen Ehrenhaftigkeit des Soldaten. Der Oberst pflegte oft Aussagen, daß zum „Totgeschoffenwerden" kein Mensch zu schlecht sei. Die freiwillige Stellung von Leuten jedoch, die im bürgerlichen Leben eine gewisse Position eingenommen, war bei uns eine Seltenheit, so daß es nahe lag, an Schubtners freiwillige Stellung allerlei Kombinationen zu knüpfen. Schubiner begoff rasch die ihm von mir und dem Leutnant Prodioneff gegebenen Instruktionen; er war anstellig und überlegend und entwickelte trotz seiner Schmächtigkeit eine ungeahnte Ausdauer im Dienst.^ Als nach mehreren Wochen der Oberst zufällig des Jünglings ansichtig wurde, klopfte er dem jungen Mann freundli'chst auf die Schulter. „Holz, aus dem man die Offiziere schneidet", sagte Herr von Orloff und blickte den Soldaten freundlich an. Schubiner läMte wehmütig, sagte aber nichts. Nach. Schluß deS Dienstes suchte ich den jungen Rekruten auf, der sich wie immer in den wenigen Freistunbey, austzem Lager gestohlen hatte.. Ich fand den Jüngling auf der benachbarten Anhöhe. , , t\ „Nun Schubiner —. dqs Lob unseres Herrn Oberst scheint keinen großen Eindruck auf Sie gemacht zu haben? Wiffen Sie, daß Sie Herr von Orloff in die Avancementsliste eintragen ließ?" Der bleiche Soldat richtete. seine großen, schivarzen ÄuM E^nsch,^ alsl wenn ex mir für Mein ihm .entgeMgchrWtes Jntereffe^ danken wollte. „Der Herr Oberst" M er, „wird mich aus der Beförderungsliste schon wieder ausstreichen; so schnell wird er mich nicht befördert wiffen wollen, wenn er erfährt, daß ich auch zum Stamme Jener gehöre, die man jederzeit ohne Jagdschein jagen und hetzen darf. Ich bin Jude, Herr Unteroffizier" und hier rankte sich die dürre Gestalt in ihrer ganzen Größe empor. Der Jüngling setzte den größten Stolz darein, jener altehrwürdigen Gemeinschaft anzugehören, die der ganzen Welt das Stttengesetz gegeben, und die zum Dank dafür von jedem herabgekommenen Junker und von jedem emporgrkommenen Heringsverkäufer verspottet, beschimpft und begeifert werden darf. Ich hatte. in den langen Wochen unseres Lagerlebens nicht bemerkt, daß Schubiner Jude war. Der Typus verriet es nicht und etwaige rituelle Gebräuche, an denen man die religiöse Zugehörigkeit hätte erkennen können, hatten sich meiner Beobachtung entzogen / umsomehr freute ich mich, so weit von der gemeinsamen Heimat einen Glaubensgenossen gefunden zu haben. Ich erkundigte mich bei dem Jüngling nach seiner Vaterstadt, nach seinen Eltern und erfuhr, daß die Mutter vor Jahren in Rußland verstorben, der Vater mit dem Sohne dann nach Deutschland verzogm war. Die Antwort hatte meine Neugier gesteigert Ich konnte nicht fassen, wie Jemand das freie, schöne, sonnige Deutschland verlassen konnte lediglich um sich an unseren furchtbaren Strapazen in diesen unwirtlichen Steppen beteiligen zu können. Ich vermochte es nicht zu begreifen., wie Jemand freiwillig dem Tode in den grausen Rachen laufen könne. Das war ja Wahnsinn, heller Wahnsinn, ich gedachte der Vermutungen, die sich am ersten Tage m.serer Bekanntschaft in mir aufgedrängt hatten. Schubiner mochte meinen Gedankengang erraten haben. „Sie wundern sich," sprach er, „wie ich, der an das freie ungebundene Leben in Deutschland gewähr t, zu der Idee kam, mich an diesen Grenzstreifereien zu beteiligen, bei denen Diejenigen, welche nicht durch das Schwert fallen, gewöhnlich durch die klimatischen Unbilden usw. zu Grunde gehen! Sie halten M'Ä für wahnsinnig, für verblendet!" Der Soldat beugte einen Augenblick das Haupt/ er.schien über etwas nachzudenken. Als er das Gesicht wieder erhob, sah ich, daß er ge« weint hatte. „Ich sehe, Sie meinen es gut Mit mir," agte er: „Warum auch nicht! Sie sind Zude, ich bin Jude. Chawerlm kol Jtsroel! Ich weiß, wenn sie meine Geschichte erfahren haben, so werde ich ihnen nicht mehr wahnsinnig gelten. Vielleicht aber," — und hier nahm die Stimme des Sprechers einen seltsamen vibrirettden Ton an,. — „vielleicht werde ich ihnen dann noch schlimmer erscheinen, als ein Wahnsinniger, für den Jedermann noch Mitleid fühlt." Es mußte was Schreckliches sein, um die Erlebnisse des jungen Mannes. Die Erinnerung an dieselben machte schon den schmächtigen Körper heftig beben,- . ein konvulsivisches Zittern durchflog die ganze Gestalt und die Augen füllten ich mit Träüen. „Sie werden die Sache schlimmer ansehen, als sie ist," beruhigte ich meinen Gegenüber/ „wie dem aber auch sei, kein Mensch ist so schlecht, daß ich ihn nicht bemitleiden dürste, daß ich nicht die GZflde des Himmels für ihn anrufen könnte. Sehen Sie Schubiner," fügte ich in sanfter Weife hinzu: „Ich habe schon lange bemerkt, daß Ihnen ein Stein auf dem Herzen liegt, ich hielt es aber für unangebracht, Sie um Ihr Leid zu fragen, mich in Ihr Verträum einzuschleichen. Nun aber, wo-sie aus freien Stücken mich Ihres Vertrauens würdigen Wüllen, werde ich mich desselben auch würdig j eigen. Betrachten Sie mich als Ihren älteren! Sruder, fchütttn Sie ruhig ihren Herzenskummer mir aus, vielleicht, daß Ihnen das, armer Freund, Erleichterung bringt." Bei diesen Worten reichte ich dem jun»ett Manne die Hand, die dieser stürmisch ergriff und schüttelte. „Sie haben recht, ich will mich erleichtern. Sie sollen allewiffen und wenn Sie eine» TggeS meinen kalten Körper in die ungewrihte Erde betten, so denken Sie nur: Er hat zwar viel gesündigt, aber auch viel gesühnt." Ich suchte dem Manne die Tode-gezanken auszureden, aber dieser schüttelte wehmütig den Kopf. „Nem mein Freund," sagte er, „da» weiß ich besser, ich werde die Heimat nicht mehr sehen. Eme Ahnung sagt das mir und offen gesagt, diese entspricht meinem Wunsche. Der Allgütige gebe, daß meine LerdenSzeit auf Erden recht bald abgelaufen ist." Die letzten Worte hatten sich nur ächzend der Brust des Soldaten entwunden. Ein ganzer Sturm von peinigenden Empfindungen und Reminiszenzen schien den gequälten Körper zu durchtoben. Durchzuckt von dem bittersten Weh, das eine Menschenbrust fühlen kann, überwältigt von der Schwere des seelischen Schmerzes, saß Schubiner lange Minuten wie leblos da, da» tränende Auge an den Boden geheftet. Ich ehrte den Schmerz und wagte die Gtille nicht zu unterbrechen. Mittlerweile war die Nacht hereingebrochen. Wtr hatten noch eine Stunde bis zum Abend- Appell. Vom wolkenlosen Himmel strahlte da» tntiüc 8t<j)t des Mondes und tausende von Sternen strahlte über die wette Steppe. ,,Ä» war eine Nacht wie heute," — unter, brach endlich der Jüngling die feierliche Ruhe, — „als ich mit dem seligen Großvater, dem K...er R&w, vor dem Hause ges.ssen, um die müde Abtndluft.zu genießen. Mem Großvater, der bei solcher Gelegenheit gern ein Tröpfche.l Thora in mein kindlich Gemüt zu träufeln versuchte, erzählte mir von der großen Heiligkeit der Gesetzesrollen, mit welcher Ehrfurcht sie zu behandeln wären und wie derjenige, der eine Sefer Thora oerfehenSweife fallen ließe, selbst dann, wenn die Rolle dadurch keinen Schaden erlitten, 40 Tage fasten müsse. An diese Episode muß ich in letzter Zeit oft denken und ich frage mich verzweifelt, welche Strafe h.rrjenige zu gewärtigen hat, der mutwillig eine lebendige Sefer Thora, ein vom göttlichen Geiste erfükteS Lebewesen zerstört. Mein Vater wckr DaM in K., wo mein Großvater als Raro fungierte. Beide Vater und Großvater, waren im Geiste der Thora erzogen worden, die GötteSlehre durchdrang ihr innerstes Wesen, jede Fiber ihres Seins. Jedes Atom, jede- Molekül dieser Männer war Thora und diese die einzige Richtschnur ihres ganzen Lebens. Die Mutter steht noch Lebhaft vor mir: Eine zarte, ätherische Gestalt mit blauen, treuen Augen, die so lieb, so unaussprechlich lieb und gut mich anschauten und die so recht ein Spiegel ihrer edlen Seele waren. MrtsHung folgte ,; Litauen. (Eindrücke und Beobachtungen aus einer Aerienreise.) VH. Slabotko. Meine letzten Kownoer Tage brachte ich jenseits der Bilia in Slabotko zu, und bedauere es nicht, mir hier die letzten Eindrücke, die geistige Reisezehrung für die Heimfahrt geholt zu haben. Hinter der Brücke in den Straßen SlabotkoS, wo der Kot bei 30 Grad Celsius nicht austrocknet, hört die Residenz auf und finsteres Hinterland beginnt. Ein Meer von unregelmäßig dcchingcworsenen grauen Holzbaracken mit graubemvosien Stroh- und Schindeldächern tut sich auf, in dein jedes halbwegs auf-