Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1922)
- Date
- 1922-11-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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fi# w*. u W. S. NoeemSer 1MÄ. wSt stehende HLuschen «riffällt. Alles verfallen, verwahrlost, grau in grau. Aber ein paar Straßenrüge weiter — jedes Kind führt einen hin —, steht mitten in diesem diisttren Bilde der Stolz Kowuos, der Ruhm Litauens, das, was wir „Slabotko" neu nerr, die Jeschiwah. Mit einem lieben Freund und Mitarbeiter dieses Mattes, den es, wie mich, nach Jahrzehnten Wieder in die alte Heimat zog, betrat ich am Fretta; Vormittag den großen, schmucklosen aber tust- und lichtreichen Raum und wir fanden ^n 400 Jünglinge im Atter von 14 bis hinauf zu 30 Jahren bei der Gemoro. Hier und an noch wenigen Plätzen hat sich das Thorastudium, das früher; bas ganze Land beherrschte, konzentriert. Und aus vierhundertstimmigem Gesannge, der durch den Raum flutete, hörte ich sie, die Thora, triumphieren: Man hat mich gejagt und gehetzt, man hat mir die Stätten verbrannt, meine Söhne in die Schlachtfelder trieben, und ich bin dennoch da! Hört ihrs, ich da und singe, lauter wie je zuvor! . . . Meinem Freunde, aus noch öderer Gegend kommend. standen, vom Gesamteindrucke überwättigt, die Kränen in den Augen, und er feierte stilles Wiedersehen mit verschollen geglaubter Kindheit. Ich aber stellte Vergleiche an mit früheren Zeiten, mit westlichen Verhältnissen ... Das Bezeichnende der Jeschiwo ist heute noch die strikte Einheitlichkeit mitten in der Vielfältigkeit. Jedes für sich, aber alle Lichter fließen zu ein ei Helligkeit zusammen. Und einmal im Tag „sagt' einer der drei oder vier Lehrer „das Blatt"; aus der Fülle des von allen gelernten Und beherrschten Stoffes heraus, schöpft er, die Schwingen weit ausgebreitet über die gesamte, aus das ganze gewaltige Reich verteilte Materie. Wer einem solchen Gesamtscbiur einmal veigewohnt hat, dem bleibt der Eindruck «nverwischttch. Ern Auf und Ab, Hin und Her, wie bei einem Bogelschwarm, von einem geheimen Faden in Reih und Glied gehalten, bis sie singend und zwitschernd auseinanderflattern . . . Bald sitzt jeder wieder auf seinem Platze und 'das Meder- Krügen der Seele von all dem Gehörten und Neuerlernten ergießt sich in neuen Melodien, die . ihren feinsten ScWingrmgen noch kein Tondichter erfaßt hat . . . Die Großen lernen allein Und in kleinen Gruppen über das rasch bewältigte Pensum hinaus noch andere Traktate; die Kleinen arbeiten mit Hilfe der Großen. So geht es bis zur Abendstunde, dann gibt eS eine halbstündige Ruhepause, dem Mussar gewidmet. Es gehört mit zum Schönsten, was man heute in einer §eit der 9tot Und Lichtarumt erleben kann, diese labotkoer Mussarviertelstunde, in der der Geist Rabbi Salanters durch die von ihm geschaffenen Räume sichtbar warrdeltz Rabbr Bechajeh seinen Schatz der „Herzenspflichten" auspackt und Luzattos Weiße, schmale Hand mit edlem Schwünge den „Weg der Frommen" beschreibt ... Ohne Zwang» ohne Geheiß.greift jeder nach dem ihm zusagenden Mussarbuche, vertieft sich still in dre Lektüre, grübelt ein wenig nach, läßt einen Ton, ein Wort von sich; das Wott pflanzt sich fort, schlägt Saiten an, da eine, dort eine, wie beim Stimmen der Instrumente vor dem Konzerte. Und bald fügen sich-, unvermerkt, die einzelnen, abgerissenen Töne m ein Geleise und es entsteht harmonischer Zusammenklang. Es spricht Jemand ... Ein alter Herr ist es, der, wie man mir sagt, Nicht duldet, daß man von ihm spricht, daß man seinen Namen nennt, der die Jeschiwoh mitgegründet, ohne als Leiter hervorzutreten, der täglich mit und unter seinen Bachurrm" lehrt und lernt, ohne den Lehrertitel für sich in Anspruch zu nehmen. Dieser alte Herr hat ein zugetragenes Wort ausgegriffen und formt daraus einen Keinen Jdeenkunstbau. Alle scharen sich um ihn wie um den Brennpunkt ihrer Gedanken. Man muß gut hinhören, der Alte spricht leise und gelassen. Ein Mdräsch wird kurz und schlicht zitiert: Ms Zirmejahu von seinen Freunden mit Stricken aus der Gefängnisgrube gezogen wurde, bluteten ihm Hände und Arme, daß er vor Schmerz schrie. Gott aber sprach: „Hat nicht Deine Stammutter Rachab die beiden Kundschafter ebenso nnt Stricken vom Dache herabgelassen? Warum fragte sie nicht danach, ob sie ihnen bei der Rettung nicht wehtat? ..." Was wollte der Alte mtt diesem Midrasch? Wollte er ihn deuten; homiletisch ausweiten? (SS lvar ja in den ersten Tagen des Wo. Aber nichts davon. Er sagte nur: „Kinder, Brüder! Hört Ihr es recht? Menschen opfern sich, suchen unter eigener Lebensgefahr Menschenleben M retten, da wird es ihnen »vermerkt, daß sie bei dieser Lebensrettung nickt auf die mildeste Form, auf möglichst schmerzlose Art bedacht waren . . . Brüder, höret auf den Greis, ans dem Lebenserfahrung spricht, man kann verletzen, schwer weh tun, auch wenn man einem G Ute s erweist ... Und nach Generationen erfährt es Jirmejahu schmerzlich am eigenen Leibe, was seine Urmutter hierin gefehlt . . . Kinder, Brüder, ich sage Euch nicht: „Tut keinem was zuleide!" Das werdet Ihr ohnedies nicht. Aber ich sage und beschwöre Euch: „Tut keinem weh, wenn Ihr ihm helft, wenn Ihr ihm Gutes erweist! . . ." Das ist Mussar! Lehre und Moral. Ick verstand danach wohl die Lehrer und den Alten, als sie mir in einer späteren Unterhaltung <ni) meine Frage, wozu die Moral lehren für Menschen, die ja ohnedies den ganzen Tag, angewandt dem Leben und seinen Irrungen, in Moral und Lehre aufgehen, feurig antwortete: Gerade für diese! Wer nicht irrt, sucht auch nicht und die geebneten Wege sind oft die gefährlichsten . . Das Einfachste und Selbstverständliche wird m ehesten übersehen, darum rufen wir uns nach einem Tage vollbrachter geistiger Arbeit das ins Gedächtnis, was Jedermann weiß und darum am wenigsten beachtet . . . Hinter dem Verdienste lcürert stets der Teufel des Hochmuts, der Ueberhebung und Selbstgefälligkeit. Darum ziemt es, gerade nachdem man was Rechtes geleistet hat, sich ehrlich zu sagen, was man der Wett noch schulde und wie winzig unsere Kraft und Tat sei . . . Hätten unsere Weisen, die Mischna- und Talrmwlehrer, die im Vergleich zu uns sich in Engelshöhe bewegten, ihrem Geistesfluge nicht den sittlichen Damm des Mussar in den „Sprüchen der Väter" und der talmudischen Agada entgegengesetzt, sie wären vielleicht wirklich. die selbstgerechten „Pharisäer" geworben, als welche sie die Anderen verleumdeten Und nicht die Peruschim, die Heiligen und Frommen, als welche wir sie kennen ... Nach Entstehung des Chassidismus und vor Ueberwindung der Mißverständnisse — um die Zeit des Kampfes zwischen Wilna und Ladh — schien es, als sollte Juda zum zweiten Male geteilt werden: in ein Reich des Geistes und ein solches des Gem ü t e s.. Da besann man sich in chassidischen Kreisen auf das Thorastudium und die litauische Je-- schiwab legte sich die Mussar stunde zu und beide Richtungen fanden sich . . . Die Lehrsätze des Rabbi Nachman von Brazlaw und des Meseritscher auf der einen, des Rabbi Salantev und des „Radiner" auf der anderen Sette unterscheiden sich in nichts voneinander . . . Das ist Mussar! ... „Und wer bürgt dafür, daß dies alles allen aus dem Herzen kommt, ins Herz dringt»? Wie ist überhaupt dieses Einheitsbild auftecht zu erhalten bet vierhundert jungen Menschen im Atter des Sturm und Dranges? Gibt es doch, was jeder Schulmann weiß, überall einzelne räudige Schafe, die. die ganze Schar rebellieren! Ich Wre, die Schüler gemeßen Militärfreiheit. Sollte nicht mancheiner nur des- Wege n und nicht aus Herzensdrang und so Wetter?' „Nur einige wenige", unterbrach der Rabbi, „und diese waren bald genug in den Bann der Lehre -ezogen, daß sich die „reine Absicht", die Lust und liebe noch nachträglich .einstellten." „Und die Renitenten?" „Für diese haben wir , ein probates Mittel unsere Maschgichim bellten sie unauffällig im Auge und wir suchen dann in den „Tauch ihrer Neschomoh" einxudringen ..." „Alles kommt aus dem Innern heraus. Wer hier nicht mitgezogen wirb, dessen Seelenlicht ist irgendwie verschleiert. Wir heben den Schleier, schauen ins Innere, jäten und entfernen alles, was "ört und verdunkelt. .Der Eine hat Kummer, der ändere Zweifel ... Da heißt es Helsen, mtt Liebe und Einsicht . . . Nützt es nicht — es nützt aber iurmer — dann verschwindet der Pflichtvergessene, der Mann mit der kranken Seele, still, unauffällig, bevor eine weitere Infizierung ein treten ttinnte." Das ist Mussar! .... In den „Täuch der Neschomoh" schauen. Ein herrliches Wort, das ich in keinem pädagogischen Lehrbuch gefunden, das ich aber allen Vätern, Lehrern und Erziehern wärmstens empfehlen möchte . . . Zurück. Der Gaul, der ,nich auf der von den Deutschen leidlich Lut mtt Holz ausgebauten Straße zur Keinen Grenze fährt, ist von edlemGeschlechte, einer der vielen, die die Deutschen beim Verlassen des Landes, da die Fackel der Revolution von drüben herüberlohte, hier verschleudett hatten. Er träumt von großen Taten, und wenn er erwacht, hopft uns bäumt er sich, als wirbette die Trommel und bliesen die Trompeten . . . Wir fahren Attacken — aus unsere eigenen Nerven und Knochen . . . Gut jüdisch ist aber. dafür mein Fuhrmann, der seinem Schlachtenrosfe die kriegerischen Allüren ruhig läßt, sich selbst mit dem Gesichte mir zuwendet und mich aüf das lebhafteste zu unterhalten sucht. Er denkt, für die vielen Scheine, die er mir für die kurze Fahrt ab genommen, könne er noch seine Lebensgeschichte gratis dazu geben. Bei meinem letzten Besuche in Litauen — lange vor dem Kriege — hatte ich noch einen Kutscher, der Unterwegs „Tillim" auswendig rezitierte und mit Tillimzitaten sogar das Pferd antrieb und leitete. Dieser Chajim Moschuach-Thp scheint jetzt auch in Litauen auszusterben. Mein Fuhrmann erzählt mtt so großem Aufwande von Farben und Bildern von seinen Kriegserlebnifsen in den Masurendaß ich die Seen leuchten, die Menschenleiber sinken sehe ... Er selbst habe schon bis zum Halse drinnen gesessen . . . Er zeigt genau, wie wett . . . Jetzt noch wüwe ihm bei dieser Erinnerung die Angst in der Kehlr, die er mit einem güten „Preußischen" — - ' tterspütt ... . . „ ...... drüben fit der Wirtschaft herunterspülen müsse. Ich verstand und sagte zu. Man soll jedem in den „Tauch seiner Neschomoh" schauen ... Endlich sind wir an der Keinen Brücke, die Ävei Wetten trennt. Hüben auf der litauischen Seite ein staltarttges Zollgebäude, davor ein zerlumpter Zollwächter, der uns — auf litauifd) anbettelt . . . Drüben in Memelland in einer kahlen, sauberen Amtsstube mtt reingescheuertem Fußboden ein Beamter in blinkender Uniform , mit gewirbeltem Schnurrbarte, der uns — auf deutsch anschnauzt ... Wir sind an der Grenze zweier Kulturen . . . Kinderecke. ’Mtoni rnn ,-nn; oxt omax an,rmn .tav ooö’vd^x )b n»y p*V, :wa d-cxS tvxv cvn vvt ."pro v't^xn rx •h ov trx*0 rx xtaarrm ,minv AN tltXD T0S^7 roDDi )b inai — ,nao tro bx rnt^xrt t^x jtm ib ö‘Jr nw ,sp„ tnro vjbi rxn n:n;'voy Hy cra n:v O'yas>„ i DTEitP pneo oSyn nvx't ."von R «VI m» p rnro 'in >ca, nwxi non nnn er mn rwv; nsHpoa rot nat^t mnrvnb ■ nsy wma von mm ■ ."nxin MW »b?rHn„ r -vwt vp''! vrab mnn '.mt Op: OpH'invv : toiOpiw v'd'bua;aoca *nna ob> smvy.t r\o-npn m mo npi ,ntety vVn tavi oa^ ona Snan rx .no DTtpn rx pn nnon rrr ava vn vnn\T3 ntyx-Ax x-n . «"^»a->jrn w *t*,/ :Wi; /Hyvv or v'vHxa : viax frt nx»an amtb nnx ns?x o bstta Abv AWN nnp7 rr rx w«x r'x n^v"i;rnpon rxi pvn rxt r^en rx ,n»iQ nmon 'v nax nt ,nrp ra'i tnrn tny-n nonbü pert ,nDn»m nppm a*mt c'2“ioq ra»^ Vn2.i bin»i .o'2vn vy yvV ox xvt . — D3M DirSy — v/i»aa jitorpn oa mm ."'vx't n^r vSy *ptp>7 •tont faxt py 'pvxn^ ,«oipoa v>tv^ t^at' ,rm2n xtex fa-Dx,,:»^ )yn ,7>vn atyt P]xü rjv! . ... ."non c'pb« xb ypbx o SildenMel. Beide letzten Silben heißen r ^Not und Oual^ Das Ganze: „Schätze sonder Zahl", Das erste läßt dir frei die Wahl; Was das fein mag, rat' einmal! Kopenhagen. Rabbiner Dr. Wtnckler ') Diese poetisch schöne Fassung der bekannten Abrahamj Agada. befindet fich in den von der Großloge Bukarest jerauSgegebenen ora' neben andern prächtigen ricdern und Balladen aus der Feder des unter dem I Pfeudonhlll bekännttN hebräischen Dichters.!