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Der Israelit · 1922-11-02 · Heft 44 (2.11.1922) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 44 (2.11.1922)
Date
1922-11-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1*1*4; »ft. 44 »er JSraeliL. November iE V">1 rcü- Man wird also sagen können: so weit innerhalb der Anerkennung der Speisegesetze als religiös-verbindliche Lebensmächte ein Ausgleich mit dem Leben nötig und möglich ist, ist er von der. gültigen Halachoh bereits vorgenommen, was darüber hinausgeht,. dürfte, so weit ich sehe, weder den religiös gesinnten Einzelnen in ihren persönlichen Nöten helfen, noch dem Gesamtiudrntum. zur Stärkung feines Einflusses auf die-Gemüter dienen. Darf ich mit einem Worte des Frankfurter genius loci, des weisen Goethe schließen? „Alle Versuche, irgend eine Neuerung etnzusühren, die nicht aus einem wahren Bedürfnis der Gemeinschaft hervorgkheu, sind ohne Erfolg,.^enn sie sind ohne Gott!" Jüdische Probleme der Zeit. Bon Hermann Seckbach. Die gewaltige Umwälzung unserer Lebens- Verhältnisse verlangt gebieterisch entsprechende Anpassung. Wir wissen und empfinden es am eigenen- Ich, daß jetzt alle Begriffe — mit dem Bolksmund gesagt — auf den Kopf gestellt sind. Wenn nun wohl oder übel ein großer Teil der Menschheit sich damit abgefunden und seine DaseinSbedingungeu „tarifmäßig" danach eingestellt hat, so fragt es sich doch, wie der jüdische Bolkskörper diese ungeahnte Veränderung übernommen hat. ..Nu», scheinbar-,hat er den Beweis seiner „Anpassungsfähigkeit^ erbracht. Geschäft, Politik .und daneben jüdisches Pfltchtenleben haben sich, in der Tat, der Zeit angepaßt, aber wer Isefer sieht, wer. beobachten kann^. wie der nagende Wurm ^der Zeit zermürbend wirkt, der möchte wünschen,., daß das an erstx.r Stelle gehörende jüdische .Pflichtenleben mehr. und wehr sicheln „Pflichterfüllung" verwirklichen möge. Hierzu einige Heispstle:: Seii^tzahr^und ^ag schmachten eine große Zayl mittelloser jüdischer Nervenkranker in nichtjstdischen Anstalten, -wo ist die . Heiser schar, die enÄtch mal .deren trauriges Los zu lindern vermag! Wenn der Freitag. Abend herbeikommt, und frohgestimmt am festlichen Sabbattisch die Semtraus erklingen, wer denkt an diese unglücklichen Brüder und Schwestern, „ hie keinen Sabbatgrüß mehr zu hören bekommen? Wer kann ermessen, was eS heißt, Tag für Tag, Jahr für Jahr entfernt.hom Liebsten, was man hat, die jüdische „Neschomoh" verdorren lassen zu müssen! . .. Mud weiter, unzählige jüdische. Tuberkulosekranke haben wlr lesdrr in Deutschland. Kinder, blaß und abgemagert,. Jünglinge und Jungfrauen, in stetem Kamps gegen diese tüchische KMchlr' m mux mitix, langsam hinsichend in tiefstem Elend. Bor Monaten haben wir in diesen Blättern gelesen, daß ln ganz Deutschland nirgends eine -jüdische Heilstätte vorhanden ist, die hier helfend und schützend etngreifen.könnte., Ein..Wohltäter, der eine für damals namhafte Zuwendung festlegte als Grundstock für eine Erweiterung der bestehenden Anstalten oder Angliederung an eine nichtjüdische Anstalt, blieb ungehört und übergab den Betrag schließlich einem anderen guten Zwecke. Wieder gilt die Frage, wer hier den Willen und die Ausdauer hat, den Hebel zur praktischen Hilfeleistung anzufetzen. Mr mcht nWjjguf dem Gebiete, .dieser Kranken- und Hilfsbedürftigen ist es dringendst nötig einzugretfen, sondern um uns herum übergehen wir achtlos jüdische Pflichten. Ich verweise auß.v'h^klvän. Wir haben Lehr- und Lernvereine gottlob genügend/ aber ist eS mit den Schiurim allein getan?. Ist eS nicht heute mehr als je nöttg, den. schutzlos Draußenstehenden die Türen -zu. öffnen und sie den Gegensatz zwischen Materialismus und jüdischem Thoragetst wohltuend empfinden zu lassen? Wie viel junge Menschen kommen, von den Segenswünschen der Eltern begleitet, nach den Städten und hier nimmt der Strudel der Zeit fie auf und verschlingt nach, und nach, unmerkltch für sie selbst und für uns, alle guten Vorsätze zur jüdischen Lebensführung. Dre Ursache liegt nicht fern: kalte- Zimmer, teure und erschwerte Verköstigung etc. An uns liegt es, ihnen den Ausgleich zu bringen durch Aufnahme in die Familien, nicht nur am Schabbos, sondern auch nach Möglichkeit innerhalb der Woche. Dieses alles sind leider Probleme für uns geworden, sollen fie wirklich ungelöst bleiben?- LorlerpöaMrea « Nacvvcbren. Deutsches Ketrh. vom ksbbjnerleminsr. Merkt«, 27. Okt. Im „RabbiverseminaL-gu Berlin" fand am Montag, den 23. dss. Mts., die Eröffnung des Winterhalbjahres^ statt, mit der die Einführung des . neuen.Dozenten,, des Herrn Dr. Moses Auerbach, verbunden worden ist. Nachdem Herr Dr. Josef Wohlgemuth einen kurzen Berichte über das zurückgelegte Sommerhalbjahr erstattet und mitgeteilt hatte, daß neun Hörer, von drnen acht, im Besitze eines Reifezeugnisses sind, neu eingetreten feien, begrüßte er.namens rer. Dozenten den neuen Kollegen, indem er auf das von ihm erwählte, Lehrfach der Geschichte hinwies und in großen Zügen die Aufgaben einer solchen Dozentur zeichnete. Herr Dr..Moses Auerbach sprach hieraus.zunächst seinen Dank für das in ihn gesetzte Vertrauen aus und. gab in . einer kurzen Skizze ein Beispiel, wie er sein Lehramt auszuüben gedenke, indem er eine viel umstrittene Frage aus dem Leben und Wirken Rabbi Jochänan brn Sakkajs, an der Hand der talmuhischen und historischen Quellen .behandelte. NäH dem noch Herr Dr. Meier Hildesheimer, namens des Kuratoriums des Institutes die Hoffnung ausgesprochen hatte, daß Herr Dr. Moses Auerbach im Verein mit seinen Kollegen, die Schüler des Institutes, zu charaktertreuen und von Arbeitsstreben erfüllten Rabbinern heranziehen yrerde, wurde die eindrucksvolle Feier, an der etwa 80 Personen teilgenommen hatten, geschlossen. Verfolgung anfifemititfdier flusftfirelfungen. Aerti«, 26. Oktober. Der preußische Justizmtnister hat unter dem 23. September 1922 folgende Verfügung erlassen: Wiederholt find, insbesondere aus dem Bezirk eines OberlandeSgerichtS, Fälle zu meiner.-Kenntnis gelangt, in denen gegen antisemitische Ausschreitungen nicht mit dem erforderlichen Nachdruck ein. geschritten ist. E. H. er uchte ich, dahin zu wirken, daß von den Staatsanwaltschaften gegen solche Aus. fchretwngen rmkrüstig^eingeschrittey, daß insbesondere alSbald eine erschöpfende Aufklärung des Sachverhaltes herbetführt und die Anklage irr der Hauptverhandlung mit Nachdruck vertreten rvirH^Jch ersuche auch zu prüfen, ob eS sich—zur Erreichung dieses Zieles empfiehlt, die eingeieitsten Verfahren der Ksnirokle durch den Leiter der. .einzelnen Staatsanwaltschaften oder einen AbteilungSvorsteher zu unterstellen. . Ein öffentliches Jnteresie an der Strafverfolgung wird regelmäßig dann anzunehmen fein, wenn die Beleidigung nfw. als Ausfluß und Ausdruck avgemeiner , antisemitischer. Gestnnung begangene ist. Bei Anzeichen.von ^Vergehen gegen § 130 Str.G. B. ist zu beobachten, daß die..Müden als Klaffe^im Sinne dieseruiBorschrift anzusehen stad (Entscheidung deS Reichsgerichts.in Straffachen Bd. 32 S. 353> Wenn eS bei Verfahren aus-.tz .166 Str. G. B: zweifelhaft erscheint, ob die BeschiwpfanK.'.stch gegen eine --Einrichtung^ oder einen. „Gebrauch" sdrr jüdischen Religions- Gesellschaft.. richtet,« . empfehle«, -wegen Anhörung geetgnetep-Sachworständigßr mit deu tOrganifationen der jüdischen Staatsbürger in Verbindung zu treten,-und die ,Frage, oh...gegen ein frejsprechendeS Erkenntnis das zulässige Rechtsmittel einzulegen ist, sorgfältig zu prüfen. Die antisemitische Presse erhebt über Mse Verfügung ein. ungeheures Geschrei, als ob damit eine privilegierte, Sonderstellung für die jüdischen Mitbürger geschaffen würde. , In Wirklichkeit liegt die Sache gerade umgekehr. Eine Anzahl Gerichte haben bisher systematisch dest Juden jeden Schütz gegen., .AusWsitung.en und Angriffe. antisemitischer Rohlinge verweigert. Wir erinnern nur an die bekannten Fälle, in denen das Ausspucken am Judenfriedhof M straffrei erklärt wurde, ebenso die Ahflngung des Liedes „Blut muß fließen, Judeahlut". Wenn der preußische Jpstizmtnister gegen diese Bexwilderung des Rechtsbewußtseins durch antifemi? tische Einflüsse vorgeht, so tut er ledtMih seine Pflicht. Denn zu welchen Konsequenzen die ungehinderte antisemitische Hetze führt, das . haben der. Mord..an Walter Rgthenau ,unß W Bombenatlentat auf die Mannheimer Börse wohl deutlich genug bewiesen. MWe wohltshrkpilM - Aerki», 29. Oktober. Die „Zentralwohlfahrtsstelle der Deutschen Juden" gibt seit kurzem ein Nachrichtenblatt heraus, das die jüdische Orffentlichkeit bauernd über alle' wichtigen Vorkommnisse auf dem .Gebiete der jüdischen Wohlfahrtspflege orientieren möchte. Zur Herausgabe deS Blattes haben sich Arbeiterfürsorgeamt, D.H. G. B., Hilfsverein, Frauenbund und Welthtlfskonferenz zusammengeschlossen. Jedochsoll auch allen andern jüdischen Wohlfahrtsorganisationen und Institutionen die Möglichkeit gegeben werden, wichtige, allgemeine interessierende Mitteilungen zü veröffentlichen. Aus dem Inhalt verzeichnen mir ., die Nachricht, daß der D.J.G.B. die Gebäude seiner ehemaligen Arbeiterkolonie in Wetßensee der Anstalt in Beelltz_zur Errichtung, eine- Dauerhetms für Schwachsinnige zur Verfügung geflellt,M. -Allerdings Wen noch die Mittel um dieses Dauerheim,,, das dringend notwendig wäre, in Betrieb zu setzen. __ öes üereins jur Abwehr des nhtuemitismus- MG, 26. LW„ Im großen Saal der LWertafet-tn Mainz fand dftser Hage die . ungemein .stark besuW Hauptversammlung des Vereins zM Abwehr des AnttsemitiswuS statt. Der BorMyde, ReichjSministkr a.„ D. G o t h e i n, hielte nach kurzen 'W> grüßungsworten des Vertreters her Mainzer Ortsgruppe, WMorS Obmann^,' rirüm Vortrag über daS Thema: «Die Gefahren deS Antisemitismus nach innen und außen." Die Not der Gegenwart mache es nötig, alle Kraft für den Wiederaufbau zu sammeln.. Der Antisemitismus sei eine unsittliche Bewegung^ die auf Ueberhebung beruhe, auf einem Herrep- Menschentum, das keinerlei Berechtigung habe. Töricht sei die Furcht vor der Uebermacht hetz einen Prozent jüdischer Bevölkerung in Deutschland/ lächerlich die elende Verleumdung, daß die 300 „Weisen von Zion" die Welt regierten. Wenn solche^ Legenden 0 uhwiderlegltck hipge^ stellt werden, so.seines nicht verwunderlich, wenn junge ehemakigoOfsiziere zur Mordwaffe griffen im, Maüden, dem Vaterlande einen Dienst zu erweisen. Die wahrhaft. Schuldigen seien , die, die das Gift der Verhetzung in di?, jungen Seelen geträufelt haben. Aufgabe jedes anstäudtgen Christett sei. es, derartigem Treiben entgegenzutreien. Aktenmäßig sei erwiesen, daß es keine jüdische Weltverfchwöruttg gegeben hgbe- Deutschland zu vernichten, im Gegenteil Mten Hervorragende ausländische. Juden fich'7 bemüht, den Kriegsausbruch zu verhüten. Der Vortragende zeigte Wetter die Unwahrheit der hauptsächlichsten antisemitischen Behauptungen, wie die Drückebergerei derJüden^jm,Krjege.. Wäs^einzelnegesündigt,.chmfe man nW.allen UMeW lassen, es gebe unter Christen wie Juden rä«--

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