Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1922-10-26 · Heft 43 (26.10.1922) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 43 (26.10.1922)
Date
1922-10-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450189-2450228--70105-2527319
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Feuilleton-Vellage za Ar. 43 des „IsmM". Die Judith vom Melihof. Mach einer wahre« Aerttner IkegeSerrHelt. Bon Johan Ulrich.? (Aus der „Berliner BolkSzeitung). Im September des Jahres 1510 brach ein schweres Unheil über das Berliner Ghetto herein. Und hatte Moses Ben Hillel nicht immerdar in der Synagoge also gesprochen: „Häufet nicht die Schätze dieser WeltI Denn Ihr werdet verfolgt um deretwillen!" und die Männer und Jünglinge ermahnt, besser nach Weisheit und Wissen zu trachten? Aber ihrer viele liebten das Gold, und manch einer mahnte murrend, man müsse beizeiten dafür sorgen, denn der Rat belegte die Juden ja mit harten Abgaben, mehr als solches den Christen geschah. Es hatte aber ein Kesselflicker auf der Folter seltsame, unhetlige Dinge von den Juden gesprochen und mit dem Eide bekräftigt, denn er wußte wohl, wie man die Zufriedenheit und Gnade der Richter gewinnen konnte. So war denn ein kurfürstliches Edikt ergangen, alle Juden in der Mark gefangen zu setzen, auf die Folter zu strecken und nach Gerechtigkeit mit ihnen zu verfahren. Im Jüdenhof aber betete Moses Ben Hillel über dem Haupt seiner Tochter zu Gott, daß er sie behüten möge. Er trug aber eine Hoffnung im Herzen, denn der Kurfürst hatte oftmals seine ärztliche Kunst erprobt und belohnt, auch war er beim Volke wohl angesehen, und nicht weniger sah man die schöne Judith gern an, wiewohl sie denn eine Jüdin war. Da Moses Ben Hillel am Morgen nach der Verkündung des Ediktes zum Kurfürsten eilen wollte, war das Ghetto verschloffen und eine Schar Bewaffneter drang eben zu dieser Zeit heran. In ihrer Mitte sah Moses den Hofschreiber, und wie er wohl wußte, daß ihrer aller Schicksal in den Händen des . gewaltigen Herrn ruhte, mochte er diesen dennoch mitnichten um eine Gnade bitten, denn der Hofschreiber war ein grausamer/ tückischer Mensch, dem jedermann aus dem Wege ging. Der wiederum hatte seit langem mit scheelem Blick die kurfürstliche Gnade gesehen, die dem weisen Juden zuteil geworden. Mit ganz anderen Blicken aber hatte er oft die Gestalt der schönen Judith umfaßt. Als er nun inmitten der bangenden Juden Ben Hillels ansichtig wurde, auch der Judith, die vom Vater nicht lassen und mit ihm sterben wollte, nahm er den Alten zur Seite und fragte ihn mtt listigem Augenzwinkern, ob er die Tochter unter seinen Schutz nehmen solle. Mtt einem stolzen Blick wandte ihm Ben Hillel den Rücken, und wenige Augenblicke später waren die Juden, begleitet von dem Wehklagen der zurückblerbenden Frauen und Mädchen, htnweggeführt worden. Ben Hillel aber war der erste und mußte die schwersten Fesseln tragen. Zum Abend schritt der Hofschreiber in bösem Sinnen durch das Elendsviertel. Dort wohnte in der Rosmariengaffe eine Wahrsagerin, die „dicke Else" genannt, die gewißlich längst für i Keilet Zauber und Hexerei auf den Holzstoß gekommen wäre, wenn sie nicht den Büttel zum Schwager gehabt. Die erschrak nicht wenig, als Plötzlich der Hofschreiber in ihre Stube einttar, mußte sie doch glauben, daß eS nunmehr um sie geschehen sei. Auch entfaltete der gefürchtete Mann eine Urkunde, daran ein Jnsiegel hing und las ihr das Geständnis eines Grfoli terten vor, der sie arger Tenfelskünste bezichtigte. Wie sie nun in Angst und Tränen dem Hofmeister zu Füßen lag, ihre Unschuld und den ehrbaren Lebenswandel beteuerte, auch auf das gewißlich wohl günstige Urteil des Büttels verwies,, verzog der Hofschreiber zufrieden das Gesicht. Er nahm sie neben sich auf eine Bank und tuschelte eine gute Weile mit ihr, so daß sie alsbald wieder guter Dinge wurde und den Herrn Hofschreibrr ganz fröhlich von hinnen gehen sah. Vor dem kurfürstlichen Schloß aber lag vom Morgen zum Abend die Judith vom Jüdenhof und wartete auf den Kurfürsten, der zur Jagd htnausgeritten war. Die Wächter gaben ihr mitleidig Speise und Trank, und einige Bürger, die just vorübergingen, murr en auch gegen das harte Urteil, denn man wußte wohl um die Verdienste Ben Hillels. Da nun wiederum die Dämmerung kam, klopfte ihr jemand derb auf die Schulter, daß sie erschreckt in die Höhe fuhr. Es war die „dicke Else", die nun mtt geheucheltem Mitleid auf die schöne Judith einsprach und auch berichtete, der Kurfürst sei zu Berlin an gekommen, nächtige aber im Hohen Hause auf der Klosterftraße und wolle zum Morgen abermalen htnwegreisen. Da schöpfte Judith Hoffnung aus den Worten der Frau und folgte ihr willig. In der Rosmartengasse trat ein Mann zu ihnen, das war Peter, der Büttel, dem die dicke Else verschwägert war. Er hatte des Bernauischen Bieres genug genoffen und plauderte redselig von der Folter. „Er Kuhhaut und spanischer Stiefel!" rief er gar lustig aus, „wie schrien Ae Juden, wenn ich den Keil einschlug! Welch Gaudium! Nur der eine, Ben Hillel, schrie nicht, wie auch die Glieder krachten und daS Blut spritzte!" Da sank Judith mit einem Schmerzensschrei zu Boden. Else aber trug sie eilig in ihre Behausung. Kaum hatte sie die Ohnmächtige in einem Hinterraum ntedergelegt, als der Hofschntber erschien, nicht lange nach Wie und Wo fragte, stracks dem Wink der Frau folgte, in das angegebene Zimmer trat und baldigst den Riegel von innen zuschob- Nach einer Weile aber durchgellte ein furchtbarer Schrei das Elendsviertel. Der Hofschreiber stürzte blstch und finster aus dem Gemach und an der erschreckten Else vorbei auf die Straße hinaus. Die Jüdin lag ohne Besinnung auf dem Fußboden. Erst zum Morgen gelang es der Wahrsagerin sie mit Riechsalz und Wasser in das Leben znrückzurufen. Kaum aber hatte Judith me Augen ausgeschlagen, als sie sich jäh emporrtß, das Weib zurückstteß nnd auf die Gaffe htnauslief. Da sammelten sich alsbald allerlei Bürger, auch Frauen und Kinder um sie, denn Judith war furchtbar anzusehen, bleich und zerzaust und mit Blicken, die nirgends hafteten. Auf alle Fragen aber antwortete sie mtt unverständlichen Reden, so daß alles Volk von einem großen Weh gepackt wurde, daß das schöne Mädchen so grausam vernichtet war. Zu der Zeit ritt der Kurfürst durch Berlin und begegnete einem feierlichen Zuge, der zwei Juden zum Schafott bringen sollte. Es war ihnen Gnade versprochen worden, wenn sie die Taufe nehmen wollten. In Todesangst hatten sie endlich eingewilligt, worauf man sie denn zum Schwert an Stelle des Galgens begnadigte. Der Kurfürst erinnerte sich, da er des Zuges ansichtig ward, seines Arztes Ben Hillel, auch der guten Dienste, die von jenem wohl zu erwarten ständen, wenn er am Leben bliebe. Er fragte also nach ihm, erfuhr aber, daß jener ein arger Leugner fei und die anderen Juden bestimmt habe, die Taufe zu verweigern, wie auch die Marter verschärft worden. „So geschehe ihm denn recht!" sagte der Kurfürst, und wollte den Weg fortsetzen. Da erscholl in der Gaffe ein wildes Getümmel, es zeigten sich auch viele Menschen, und schien Absonderliches geschehen. Da nun aber etliche ansrtefen: „Der Kurfürst kommt!", ertönte et« gellender Schrei,, und eine Gestalt löste sich aus der Menge. ES war die Judith vom Jüdenhof, die nun mtt flatterndem Haar und zerrtffenem Kleid auf den Kurfürsten hrnzueklte' und vor seinem Pferd in die Arie sank. Doch brachte sie kein Wort hervor, sah ihm nur aus den schwarzen, flackernden Augen an und bot ein so jämmerliches Bild, daß der Kurfürst stumm und ernst auf sie niederschaute. Es rief aber eine Stimme aus dem Volk: „Ihr Vater hat mein Kind von der Blindheit befreit!" Da kamen andere Stimmen hinzu, und im Augenblick erhob sich allenthalben der Ruf: „Gnade für Ben Hillel, den Judenarzt!" Das freute den Kurfürsten, daß ihm nun der Arzt sollte erhalten bleiben. Er willigte gnädiglich ein, setzte aber hinzu: „Den andern werde strenge und blutige Gerechtigkeit!" und sprengte von dannen, um ein festliches Essen, zu dem schon die Gäste versammelt waren, nicht länger warten zu laffen. Während auf dem Neumarkte der Büttel samt den Frohnknechten mtt Holzstoß, Galgen und Schwert die Juden ausrottete, die der diebische Kesselflicker auf der Folter verdächtigt hatte, schleppte sich Moses Ben Htllel durch die Gaffen zum Jüdenhof. Seine zerschlagenen, gereckten und gebrannten Glieder mochten ihn kaum noch tragen. Aber die Sehnsucht nach seinem Kinde hielt ihn aufrecht. Im Jüdenhof herrschte unheimliche Stille. Kein Wächter stand vor der Pforte. Moses Ben Hillel trat, Grauen und Verzweiflung, aber auch eine linde Freude im Herzen, auf die Treppe seines Hauses. Da er aber die Tür öffnete, blieb er jäh stehen nnd sein Blick erstarrte. Judith, sein Kind, kauerte auf dem Foßboden, redete ihn mit wirren Worten an, neigte auch das Haupt und sagte „Herr Kurfürst" zu ihm, und erkannte den Vater nicht. Mauen. (Eindrücke und Beobachtungen auf einer Ferienrcise.) VI. DaS politische Leben. Im Ganzen wird doch das jüdisch-politische Lebe« Kownos und überhaupt Litauens, trotz „Sehmfraktion", „Nationalrat" und „Kehilaustag", von nur zwei Männern beherrscht, deren einer, der Minister, mit dämonischer Redegewandtheit aus die Massen wirkt, während der andere mit allen Mitteln advokatischer Kunst die Denkenden, die Parteien, im Schach hält. Beide Herren sind stark national orientiert, Anhänger der alten zionistischen Garde und durch die Wandlung der Dinge vom Palästinazionismus auf den Parteinationalismns des Go ins nach östcrreichischein Muster abgedrängt. Beide tun ihre Pflicht mit restloser Hingabe an die Sache. Beide wollen von ihrem Standpunkte aus stets das.Beste und erreichen zuweilen das Schlimmste. Es ist hier nicht der Platz, aus das politische Gebiet überzugehen. Doch sei kurz bemerkt: Wenn die stark kirchlichen litauischen Geistlichen es mit ihrer religiösen Ueberzeugung in Einklang bringen, geschlossen gegen das religiöse Recht der Juden zu stimmen, so rechtfertigen sie es damit, daß die Juden unter religiöser Autorrom re mehr eine weltlich politische Autonomie, also „einen Staat im Staate", ein „Palästina mitten in Litauen" verstanden. Damit soll weder eine Anklage gegen die jüdischen Führer, noch eine Entschuldigung für den litauischen Klerus ausgesprochen werden; sondern nur angedeutet werden, daß man es in Litauen zuweilen an der Einsicht fehlen ließ, daß die Politik die Krmst des Möglichen ist, und daß man schönen Ideen und großen Primzipien, die vorläufig, noch keinem Hungrigen eine Krume Brot verschaffen können, naheliegende vitale Interessen geopfert hat. Mindestens ist das die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.