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Der Israelit · 1922-10-26 · Heft 43 (26.10.1922) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 43 (26.10.1922)
Date
1922-10-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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s«. Oktober 1923. Nr. 43 Seite 9 Meinung des einfachen, unpolitischen Mannes totf Lande, der ohne den Verfolg der Dinge genau zu iennen, nun enttäuscht vor dein mageren Resultat der großen Autonomieverheißungen steht. Natürlich segelt auch die Presse ganz im nationalen Fahrwasser. Die „JMrsche Stimme" beherrscht und macht die öffentliche Meinung, obwohl sie sieben Tage in der Woche, auch am Sabbat, da sie nicht erscheint, der jüdischen öffentlichen Meinung ins Gesicht schlägt . . . Als ich am Sabbath vormittag, aus der „Chorschul" kommend, die ergreifenden Töne des „AM horachannin", des Märthrergesanges, im Ohre, die Kvrowskastrahe hinunter an der Reduktion der „Jüdischen Min,me" vorbeikam, ktttzelteu schrill durch die weitgeöffneten Fenster die Federn der Redakteure. Die Erzeugnisse dieser Federn sind dementsprechend. Unterstellungen und Verleumdungen gegen die Orthodoxie finden absoluten Glauben, denn der Respekt vor dem gedruckten Worte ist hierzulande noch groß, uitb ein Gegenorgan, um die Hiebe zu parieren, fehlt zur Zeit. Ich erlebte es, wie man in einer altfrommen Familie am Sabbath nachmittag nach dein eingenommenen guten Tscholent, nach Semirausgesängen- und Thoraworten, sich die Sabbathbeilage der „Jüdischen Stimme" vornahm, um daraus, unter jauchzendem Hollo der Zuhörer, die gesalzenen und gepsesserten Äusfälle gegen die Orthodoxie vorzulesen. Die Freude an allem, was Geist und Witz ist, überragt alles andere, und ginge auch der Witz auf Kosten der eigenen Sache und Wre . . . Wenn der Fromme das Blatt mit einem Fluche Wer den „dlpikores, jimach schemau", aus der Hand legt, so liegt schon in dieser Verwünschung eigentlich mehr kosender Respekt als Haß und Verachtung . . . Mit der dergestalt ans Geist und Schärfe eingestellten Psyche müssen auch die orthodoxen Fiihrer nnd die orthodoxe Presse rechnen. Hier heißt es nicht „Kaviar", sondern „Pfeffer für das Volk!" Und cs entstand auch unter geschickter tatkräftiger Leitung einiger junger Leute das orthodoxe „Jüdische Leben", das sich auf diese Aufgabe ganz vortrefflich verstand. Eiik Stab junger frischer Mitarbeiter war freudig mit Wort und Witz, Herz unv Seele hei der Sache und die geführten Gegenschläge saßen. Das gut und gewandt geleitete Blatt war gerade auf dein Wege, die andere gesinnungssremde Tägesliteratur aus den Häusern der Alten zu bannen, da ging ihm nach schwerem finanziellen Ringen der Atem aus, just im Momente, da sein Wort am lautesten und am dringlichsten hätte ertönen müssen ... Einen großen Einfluß könnten auch die Rabbiner Litauens auf das politische jüdische Leben nehmen. Litauen verfügt zur Zeit über einen jüngeren Rabbimtftümm, auf den jedes Land stolz sein könnte. Männer von altbewährter litauischer Gelehrsamkeit und aus einer geistigen und sittlichen Höhe stehend, die sie zu ^geistigen Führern geradezu prädistiniert. Ich lernte jüngere Rabbiner kennen, die sich in der modernen Philosophie so grrt auskennen, wie im weiten Talmudmeere oder als Politiker in der litauischen Verfassung Und den Staatsgesetzen so gut Bescheid wissen, wie im „Choschen Attschpot" und „Jore dea". Ihre tiefe Gelehrsamkeit weist auf die Wilnaer Schule des Gaon, die heute noch in den Lehrhäusern, aus denen sie hervorgegangen sind, sortlebt; ihre sittlich hohe, philosoMsch-abgeklärte Weltanschauung auf Rabbi Israel Sa lauter, dessen Geist noch in allen Jeschiwaus Litauens sichtbar wirkt und waltet: ihre Liebe und Begeisterung aber beziehen sie von dem noch lebenden Nestor in Radin, der, ein jugendlicher Greis, noch immer mit hocherhobener Hand voll eiserner Energie zu Taten aneifert. Nach welcher Richtung man auch in Litauen den Weg nimmt, geradeaus nach Poniwiesch, über den Niemen nach Marjampol, westlich nach T a u - roggen oder auch östlich nach der Wilnaer Seite, inimer und überall, zuweilen auf. dem kleinsten Neste, trifft man einen solchen Mann, der auch nach westlichen Begriffen für Großes geschaffen erschein. Und dennoch ist der Gesamteinfluß der Rabbiner noch nicht merkbar in Erscheinung getteten. Es fehlt an Einheit, oder sagen wir lieber, an Einheitlichkeit. Ern angesehener Rabbiner sagte mir geistreich: „Wir sind doppelt gesegnet, wie die Sterne am Himmel. und der Sand am Meere. Der Sand am Meer, das sind die breiten, stummen Massen, darauf alle Welt herumtrampelt, indes die Sterne am Himmel, die Rabbinen und führenden Geister, hocherhaben, jeder seine eigene Bahn wandelnd, in ihren engumschriebenen Kreisen leuchteten. An diesem ausbleibenden Zusammenwirken ist manche gute Idee gescheitert, Manch verheißender Versuch in den Anfängen stecken geblieben. Auch irr der orthodoxer: Jugend wird dadurch eine Fülle von Energie und aufopferndem Idealismus vergeudet, dieweil es an den leitenden Männern mit den zentralen, alle persönlichen Eifersüchteleien rrnd widerstrebenden Interessen überbrückeriden und ansgleichenden Ideen fehlt. Der nächste Weg. Es lag in meinem Plane, nach Wilna, der Seele Litauens, zu fahren. Aber Wilna und Kowno mrd zwei entgegengesetzte Pole, obwohl nur eine Wegstrecke wie etwa von Frankfurt nach Heidelb erg dazwischen liegt. Im Prinzipe mindestens grinst zwischen beiden Städten der Krieg, seitdem sich ein polnischer General einfallen ließ, auf eigene Ser FTreekÜ. Faust, aber mit nachträglicher Genehmigung Polens, Wilna zu besetzen. Dementsprechend befindet sich in Litauens. Residenz, die ein chinesisches Konsulat, wie Vertretungen aus Mexiko und Westafrika besitzt, keine polnische Vertretung. Auf dem Auswärtigen Amte wurde mir eröffnet, daß ich, wollte ich auf Grund meines schweizerischen Passes nach Wilna gelangen, erst zurück nach Berlin müßte, von dort hätte ich nach Besorgung des polnischen Visums nach Warschau zu fahren, um von Warschau dam: mit der polnischen Bahn glücklich nach Wilna zu kommen. Das ist heute der nächste Weg — drei Tagesreijen — von Kowno nach Wilna . . . Als ich auf die Straße ttat, nahm mich ein kleines, pfiffiges Männchen in Empfang, der mich schon die ganze Zeit über während meiner Unterhaltung mit dem Beamten fixiert hatte. „Sie wollen nach Wilna?" fragte er und zwinkerte vielsagend mit den Augen. „Ich mochte schon," gab 'ich xesigniert zurück. „Dann fahren Sie eben mit mir, heute Abend nur neune, mit dem Wagen." „Wie? Im Wagen über Berlin und Warschau?" „Wer spricht von Berlin und Warschau?" lachte der Mann :md zeigte ominös mit dem Finger auf eine Stelle seines Kopses, wo es seiner Ansicht nach bei mir nicht ganz richtig sein müsse. „Wrr fahrest über Pultowsk, die glatte Landstraße und sind in fünf bis sechs Stunden in Wilna." „Und die Scheine?" fragte ich ohne zu verstehen. „Nur einen Schein . brauchen Sie, einen T a u s e n ü m a r k s ch e i n . . Da ich Immer noch nicht recht verstand» hielt es das Männchen mit den zwinkermden Augen für angebracht, mir die Angelegenheit ein wenig zu „vertaitschen": „Was heißt eine Grenze zwischen Kowiu nnd Wilna? Kann denn Kowno ohne Wilna, Wilna ohne Kowno leben? Wenn die um Wilna herumstreiten, was können wir dazu? Juden müssen fahren, Juden müssen Geschäfte machen, Juden müssen leben, und — die Grenzbeamten auch . . ." „Wie aber, wenn die Beamten, mit denen Sie scheinbar sehr gut stehen, plötzlich wechseln?" „Dann kostet es m ehr", lautete die prompte Antwort. „Und wenn die Grenzwache kommt, Soldaten?" „Was kann da passieren? Höchstens, daß man erschossen wird ..." Ich verzichtete. (Schluß folgt.) Vermischtes. Berlin, 15. Sept. Der allweltliche Arbeiterverband „Poale Zionhat feine diesjährige BerbandSberatung nach Berlin etnberufen. Zur Beratung stehen die Fragen der Palästina-Tätigkeit, der HUfSarbett, der Auswanderung, der Internailonäle und der Lage der jüdischen Ärbettrrschaft in allen Ländern. ES sind Delegierte aus Palästina, Amerika, Polen, Rumänien, Bukowina, Deutsch-Oesterreich ufw. gemeldet. Berlin, 18. Sept. Gegen Beamte, die demonstrativ durch Hakenkreuze und ähnliche reaktionäre Abzeichen das Publikum provozieren, hat der Ober- Präsident der Provinz Sachsen, Hörstny, einen Erlaß gerichtet, der unter anderem besagt: Der Beamte, der Abzeichen von Parteien oder sonstigen Organisationen trägt, die nach ihren Satzungen oder ih er Tendenz nickt auf bem Boden der Verfassung stehen oder die verfassungsmäßig festgestellle republikanische Staats¬ oder RegerungSform bekämpfen, wenn auch mit legalen Mitteln, verletzt damit die ihm als bestellten Hüter der republikanischen Regierung obliegenden Pflichten (Artikel 1 deS Gesetzes zur Aenderung des Gesetzes betr. di? Dienstvergehen der nicht richterlichen Beamten usw. vom 31. Juli 1852 und vom 4. August 1922). Ich ersuche daher, Abzeichen obengenannter Art bei den mir unterstellten Beamten nicht mehr zu dulden. Vorstehenden Erlaß ersuche ich, den Beamten deS dortigen Bereichs in geeigneter Form bekanntzugeben. Die Herren Regierungspräsidenten wollen für strengste Durchführung des Erlasses Sorge tragen und mir über Zuwiderhandlungen in jedem Etnzelfalle berichten." Die „Deutsche Zeitung" ist über den Erlaß sehr erbost. Wir bedauern, daß er einstweilen nur für die Provinz Sachsen gilt. Slullgart, 28. Sept,, Hermann Jechenbach z. Zt. in Müncken darf es wohl nachgerühmt werden, daß er Neujüdische Kunst" nicht tm landläufigen Sinne mit rein n atianalem Einschlag auffaßt, sondern sie in den Dienst echt jüdischer Lebensauffassung stellen will. Nachdem er durch kleinere Arbeiten, wie „Jüdische Charakter köpfe", das Tallis und dergleichen, schon sein Verständnis für wahrhaft jüdisches Denken und Fühlen gezeigt, hat er durch ein meisterhaft entworfenes und künstlerisch herv orragend ausgeführtes Mitzroch wohl sich den berechtigten Anspruch auf den Künstlernamen erworben. Meisterhaft find die 6 SchöpfungStage, gezeichnet vom ersten Lichtstrahl bis zur Tier- und Menschensckövfung, selbst das unter den Bäumen EdenS sich schüchtern verbergende Menfchenpaar fehlt nicht. Darüber sendet die Sabbatlampe ihren weihevollen Glanz aus, umrahmt von den Worten, watwi w ns n®Hp nns. Darüber prangen Me Symbole unserer FesteSreihe, dargestellt mit sinnigen Ornamenten. Doch auch der MtSroch- Gedanke selbst fehlt nicht, ja krönt das Ganze durch zwei markante Gestalten, einen im Tallis und Tephilltn betenden Juden zur Rechten, einen Jüngling mit dem Spaten in der markigen Faust zur Linken, um die Sehnsucht nach Zion auszusprechen, die wir erfüllt zu sehen hoffen in unserer redlichen Arbeit, begleitet vom frommen Gebet. AlS sinniger Ausdruck dieses Gedankens prangt der Satz, mit dem wir uns von den Kimauth erheben, p'it nx 'n am'2. Das Bild ist in zwei Ausführungen durch Herrn Max Fe chenbach, Mergentheim zu beziehen: Origtnalholzschnitt, wovon' nur eine beschränkte Zahl vorhanden, weshalb frühzeitige Bestellung zu empfehlen, Preis Mk. 509.—. Zweite Ausführung auf Büttenpapier mit Original-Unterschrift des Künst. lerö Mk. 150.-. Dr. A. Schweinfurt. 18. Sept. Am 5. d. Mts. fand vor dem hiesigen Schöffengericht die Verhandlung gegen den VolkSschullehrer Streicher aus Nürnberg, einen bekannten völkischen Agitator statt. Streicher hatte im März d. Js. in Schonungen in einer Rede folgende Aeußerung getan: „Der Ritualmord ist bei den Juden noch heute üblichalljährlich verschwinden um die jüdische Osterzeit soundsoviel Kinder. Wo kommen die hin"? Für diese aufreizende Rede bekam Streicher einen Strafbefehl über 1000 Mk., gegen den er Berufung etnlegte. In der Verhandlung suchte Streicher durch einen Riesenwortschwall den Beweis für seine ungeheuerlichen Behauptungen zu erbringen und scheute auch nicht vor einer Beleidigung der deutschen Richter zmück. Das Gericht ließ sich auch durch seine Verteidigung, die durch grobe Beschimpfungen das zu ersetzen suchten, was ihr an Beweiskraft fehlte und einen für einen deutschen Lehrer geradezu ungeheuerlichen geistigen Tiefstand enthüllte, nicht beirren. ES erblickte in dem Vorwurf deS Rttualmords eine schwere Beleidigung einer in Deutschland staatlich anerkannten Religionsgemeinschaft tm Sinne des § 156 des Str. G. B. und verurteilte Streicher entsprechend dem Antrag des Amtsanwalts zu 14 Tagen Gefängnis. Es ist nur die deutsche Jugend zu bedauern, in deren Seele durch solche Erzieher schon frühe die Saat des Haffes gepflanzt wird. München, 20. Sept. Etwa 30—40 Nationalsozialisten, die sich in dem Kaffeelokale „Deutsches Theater" etngefunden hatten, begannen mit Bierflaschen, Weingläsern usw. aus die anwesenden Gäste zu werfen und gingen dann gegen anwesende Juden mit Peitschen und Knüppeln loS. Schließlich gelang es den Gästen, die Ruhestörer htnauszuwerfen, die im Abziehen noch die Fenster des LokalS etnfchlugen. Schon vor etwa drei Wochen hatten tu dem gleichen Lokal Ausschreitungen gegen jüdische Gäste stattgesunden. Norderney, 30. Aug. Das weltbekannte Nordseebad Norderney blickt in diesem Jahre aus sein 125 jähriges Bestehen zurück. In dieser Zeitspanne hat sich die Perle der Nordseebäder aus einer unscheinbaren Holzbude zu einem eleganten Modebod entwickelt. Norderney war das erste Seebad am Nordseestrand, das der erholungsbedürftigen und kranken Menschheit die wohltätigen Wirkungen der Seebäder erschloß. Seitdem haben Tauiende und Abertausende die reine mit Sauerstoff geschwängerte Lust Norderneys geavffen und die heilsame Wirkung der Seebäder verspüren können. A. METZGER Telefon Hansa 1293 FRANKFURT a. M., Bornestrasse 39 l/nter Aufsicht der Bitualkommission der isr. Gemeinde. Spezial-Versandhaus für (3538 Kolonialwaren und Delikatessen. IscMeemanii! [jZaU 39 Tel. Hansa 2878 Bohnerwachs und [sämtliche Putzartikel I Apotheker Schneemann. Sonrnr-MiMf im Erholungsheim UtUa Asptra Sad Soden (Taunus) Borzügl. reichhaltige, streng rituelle Verpflegung. Eigene Milchwirtschaft. Zentralheizung. — Tel. 100. — Prospekte durch vr. plül. Ad. Kallner. (3476

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