Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1922)
- Date
- 1922-10-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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tzs. Oktober 19» stische Reorganisation" am 18.Oktober seine erste öffentliche Versammlung in Berlin. Der Spläernsaal war überfüllt. Neben Zionisten der Opposition und der Mehrheit waren auch die nichtzioniftischen deutschen uud ostjüdischen Kreise zahlreich vertreten. Den Vorsitz führte Prof. Carl Lewin. In seiner Eröffnungsansprache betonte der 1. Vorsitzende des Komitees, Wladimir Temkin, daß das neue Komitee weder eine Sezession von der Zionistischen Organisation, noch die Bildung einer neuen Partei innerhalb derselben an strebe, sondern blos die. Vereinigung der zionistischen Kreise mit der Gesamtjudenheit zu gemeinsamer neuer, fruchtbringender Arbeit. Hierauf beleuchtet Dr. Alfred Nosstg das Problem der politischen Sicherung des Aufbaues Palästinas unter Berücksichtigung der veränderten Situation im Orient, wodet er eine direkte Verständigung mit den Arabern im Geiste des altjüdischm Pazifismus empfahl. Dr. Max Kollenscher schildert die Entwicklung der zionistischen Reorganisations-Bewegung seit der Gründung des „Binjan Haarez" bis zum Entstehen des neuen Komitees, das mit der Haager Gruppe in engster Verbindung verbleibt. Der Redner bekämpfte das Streben des offiziellen Zionismus nach Omnipotenz in der ganzen Palästina-Arbeit. Die „Jewish. Agency" müsse tatsächlich eine Vertretung der Gesamtjudenhett bilden. Ebenso müsse sie auf dem Gebiete der wirtschaftlichen Palästina-Arbeit durch Privatunternehmungen sich mitbeteiligen. Nachdem er noch die Frage der zionistischen Beamtenschaft gestreift hatte, schloß Dr. Kollenscher mit einem warmen Appell im Sinne des Zusammenschlusses aller jüdischen Kreise zur Durchführung des Palästina-Werkes. Prof. Dr. Kultischer wies darauf hin, daß die jetzt notwendige neue Araber-Politik, ebenso wie der wirtschaftliche Aufbau Palästinas undurchführbar sei ohne bedeutende Mittel, die nur die jüdische Gesamtheit liefern könne. Wenn man sich nicht zu einer kräftigen, gesamtjüdischen Aktion aufraffe, werde daS Mandat bedeutungslos bleiben. Einige Gegner der Reorganisations-Bewegung störten dann den ernsten Verlauf der Versammlung durch heftige persönliche Angriffe, die sich hauptsächlich gegen Dr. Nossig, zum Teil auch gegen Temkin wendeten. Neben den Angegriffenen widerlegte Prof. Dr. Cttron sachlich die vorgebrachten Anwürfe. In einer schwungvollen Schiußansprache forderte Dr. Hildesheimer die Versammelten auftunfruchtbare Zwistigkeiten zu vermeiden und durch Selbsterztehung in' echt jüdischem Geiste zur Förderung des gemeinsamen Werkes auf neuen Bahnen beizutragen. Dem Komitee traten in der Versammlung viele neue Mitglieder bei. Auch wurde für den Nationalfonds ein erheblicher Betrag gesammelt. Vorsitzende des Komitees sind dir Herren W. Temkin und Dr. Nossig. Lin lvatilkomproniiss? Nertt«, 22. Oktober. Die Wahlen zur Repräfentantenverfammlung werden vorausstchtltch nun doch aufgeschoben werden. Die Ursache des Aufschubes ist weniger in dem von den andern Parteien zurückgewiefenen Wunsche der Liberalen zu erblicken, -als in der Rücksicht auf die allgemeine innere 'Lage in Deutschland, die einen Wahlkampf und .die Verausgabung bedeutender Geldmttel für diesen auch vielen maßgebenden Persönlichkeiten -innerhalb der konservativen und zionistischen 'Gruppen als wenig wünschenswert erscheinen läßt. Man will also erneut versuchen, eine Verteilung der S'tze in der Repräsentantenversammlung unter den Parteien auf dem Wege des Kompromisses zustande zu bringen. eins bewegte HeprAenlanienverlammlung. Aresta«, 12. Oktober. Eine interessante Debatte, welche ein breites _ Ler Asraelü._ Schlaglicht auf den Breslauer Gemetndeliberalismus wirft, entspann sich in der gestrigen Repräfentantenverfammlung, im Anschluß an eine Interpellation Petser und Genossen, welche folgenden Wortlaut hat: „Der Vorstand wird ersucht, die Herren Rabbiner Dr. Hoffmann und Dr. Simon so hn in geeigneter Weise auf den peinlichen Eindruck hinzuweisen, den ihre Abwesenheit von der Jubiläumsfeier der Neuen Synagoge am 17. September in weiten Kreisen der Gemeinde gemacht hat, und ihnen zugleich zu eröffnen, daß nach Ueberzeugung der beiden Gemeindekörprrschasten die Anwesenheit der Rabbiner bet den Feiern der Gemeinde tm Jnterrffe ihres Friedens erforderlich erscheint." Hierzu ist kurz zu bemerken, daß am 17. September in der Neuen Synagoge (Orgelsynagoge) eine Feier anläßlich des 50 jährigen Bestehens dieser Synagoge abgehalten wurde, zu welcher auch die beiden Gemeinderabbiner Dr. Hoffmann und Dr. Simonsohn eingeladen waren, sie waren aber nicht erschienen. Dieser Umstand gab zu der genannten Interpellation Anlaß. Wir begnügen uns damit, heute nur einiges aus dem Berichte über den Verlauf der Diskussion zu bringen und behalten uns vor, ausführlich auf d'e Angelegenheit zurückzukommen. Justtzrat Peiser (liberal) als Begründer der Interpellation bezeichnete den Vorfall als einen solchen grundsätzlicher Art und sieht in der Haltung der orthodoxen Rabbiner eine Gefahr für die Einheit der Gemeinden. Als Vertreter des Vorstandes erklärt Geheimrat Goldfeld, daß dem Vorstand keinerlei Rechtsmittel zustehen, auf die Herren Rabbiner irgendwelchen religiösen Zwang nach der von den Interpellanten gewünschten Richtung auszuüben. Der Vorstand bedauerte jedoch im Interesse des Friedens der Gemeinde, daß „die beiden, von der Gemeinde angesteüten Rabbiner cynserva'.iver Richtung an der Feier des 50jährigen Bestehens der NeuenSynagoge nicht teilgenommen haben." Dr. Schachtel (Zionist) bekämpft die Interpellation und wendet sich gegen Justizrat Peiser, der, obwohl er als Vorsitzender derRepräseutantenversammlung doch über den Parteien stehen sollte, sich zum Sprecher der Interpellation machte. Der Redner geht auf die prinzipielle Seite der Orgel ein und bezeichnet die Interpellation als den Versuch zur Ausübung eines Gewissenszwangs auf die konservativen Rabbiner. Er sagt 'ferner: „Als Sie Herrn Dr. Hoffmann wählten, kannten Sie seinen Standpunkt und Sie kannten den seines Vaters und mußten sich klar darüber sein, daß er nicht in die Orgelsynagoge gehen werde. Ich möchte Sie bei dieser Gelegenheit warnen, von der Macht, welche Sie infolge Ihrer Majorität in der Gemeinde haben, nicht zu ausgibig Gebrauch zu machen. Wissen Sie denn garnicht, daß sich seit längerer Zeit weite Kretze der Gemeinde mit Austrittsgedanken tragen und daß es nur die Autorität des Herrn Dr. Hoffmann zuwegegebracht hat, jene zunichte zu machen und dadurch die Einheit der Gemeinde, welche Ihnen so hoch steht, gewahrt wurde? Untergraben Sie diese religiöse Autorität des Herrn Rabb. Dr. Hoffmann nicht, sonst sind Sie schuld daran, wenn der Frieden der Gemeinde gk stört wird und eine Spaltung erfolgt." In gleichem Sinne sprechen Josef Kober und Sanitätsrat Scklesinger (konservativ). Letzterer erinnert auch daran, daß Professor Hoffmann gerade in der Orgelfrage wiederholt Gutachten abgegeben und stets einen ablehnenden Standpunkt angenommen und seinen Seminaristen die Verpflichtung auferlegt hätte, niemals in einer Orgel,ynagoge zu amtieren. Sch. berichtet dann ausführlich über die Entstehung des Orgelgotksdienstes unter Israel Jaeobsohn im Jahre 1810, dessen Wirken bekanntlich weite Kreise vom Judentum entfernt hat, anstatt sie diesem näher zu bringen. Rechtsanwalt Dr. Jaeobsohn (Zionist) weist daraus hin, daß der Vorstand gar nicht abwarte, was hier be-chlossm würde, sondern in gfr. 43 «ekte» höchst voreiliger Weise, bevor er die Rtpräsentauten gehört hat, zu einer Entschließung gekommen seft in der er sein Bedauern aussprtcht, daß der Frieden der Gemeinde gestört wird. Er nennt ein derartiges Vorgehen geradezu empörend. Friedensstörung' sei der schlimmste Vorwurf, den man machen kann, und diesen Vorwurf erhebt der Vorstand der Synagog-ngemeinde gegen zwei würdige Rabbiner, deren ganzes Mühen auf Frieden gerichtet ist. Es handelt sich hier um keine Taktsrage, sondern nur um eine Gewissensfrage. „Kann man verlangen, daß jemand aus Takt nicht koscher ißt, wenn es ihm das 'Gewissen verbietet?" Die Herren Getzeimräte Goldfeld und Justtzrat Keifer erklären als Vertreter deS Vorstandes, es liege dem Vorstande fern, eine Mißbilligung auszusprechen. Er habe nur sein Bedauern ausgesprochen, daß dieser Vorgang in weiten Kreisen Aergernts erregt hat. Darauf wird die Interpellation als erledigt erklärt. Eine Abstimmung findet nicht statt. ßefiörfes Hol ntöre-ößblef. Warschau, 22. Oktober. Die Synagoge in der Tolmatzkastraße, die Sirota als Kantor hat, war am Kol nidre- Abend so bedenklich überfüllt, daß Tausende, die mit keiner Eintrittskarte versehen waren, draußen bleiben mußten. Aber eine große Anzahl von jüngeren Leuten warf die Türhüter über den Haufen und drang ins Haus. Es kam zu einem Handgemenge mit den Shnagogendienern, sodaß die Polizei einschretten mußte. Mit schwerer Mühe gelang es ihr, den Platz vor der Synagoge zu räumen und der Gottesdienst drinnen mußte auf längere Zeit aussetzen. Es ist nicht zu verwundern, daß die Antisemiten diesen Vorfall in der Presse weidlich ausnutzen. - , . 1! Aus dem Lande des Hungers- Warschau, 23. Oktober. Aus Rußland gelangen Briefe Hierher, die den Hunger, die Kälte und alle Arten von Not in den ergreifendsten Bildern schildern. Die Aguda-Pakete quittieren sie mit vielen Dankes- Worten als Le den sr et tun g. Es handelt sich meistens um Leute, die niemals Unterstützung angenommen, im Gegenteil, als große Wohltäter bekannt waren. Ein herzzerreißender Brief kommt aus Ntschin, wo noch vor kurzem bei einem blutigen Ueberfall auf die Juden viele erschlagen und das gesamte jüdische Eigentum geraubt wurde. Zu den Märtyrern gehört auch der Grmeindrrabbiner, Rabbi Menachem Mendel Chen. Seine Familie leidet bitterste Not. Rabbi 3ehu9a tlaleoi Legal! Warschau, 24. Oktober. Einer der größten Thoragelehrten unserer Zeit ist mit dem Warschauer Rabbiner, Rabbi Jehuda Halevi Segall von uns gegangen. Er entstammte den größten Gelehrtenfamilien in Litauen und Polen, die auf den Gaon, auf den Maharschaa und noch weiter bts zu den Größten des Mittelalters zurückführten. Als Mitglied des Warschauer Rabbinates nahm er regen Anteil an der Leitung der Kehillo und zeichnete sich in einer beinahe halöhunderrjährtgen Wirksamkeit durch Geistesgröße und Seelenadel aus, die ihm Ehrfurcht und Liebe aller Kreise etnbrachten. „Unser Rabbi Judele", wie man ihn allgemein nannte, durfte zu den populärsten Männern des alten frommen Warschau gehören. Die Beerdigung fand unter Teilnahme fast der gesamten jüdischen Bevölkerung Warschaus statt. lvaitemürlorge. Warschau, 23. Okt. Bor einiger Zeit weilte in Polen Herr Israel Belkind aus Jerusalem, angeblich zum Zwecke der Überführung jüdischer Waisenkinder nach Palästina. Er nahm auch ISO Kinder mit