Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1922)
- Date
- 1922-10-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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28. Oktober 1S23. Der Israelit. No. 48. Seite 8. Um so häßlicher und deprimierender für alles gesunde jüdische Empfinden ist der Widerhalls den die angeblichen Beschlüsse in der rnisrachistischen Presse finden, sowohl in dem Berliner Zentralorgan, als in Form eines Pamphletes, das der Prager Oberrabbiner Dr. Brody in bereits früher bewährter Fähigkeit des Hassens unter dem T*1el „Der Bann" vom Stapel läßt. Was ist geschehen? Die Lschecho-slowakischen Rabbinen haben sich, nach langem innerem Kampfe, vor Gott und ihrem Gewissen verpflichtet gefühlt, den religiösen Verheerungen, oie der Zionismus gerade in ihrem Lande anrichtet, durch einen Appell an das Klall-Gefühl, eine Flucht in die jüdische Oeffentlichkeit entgegenzutreten. Sie fordern jeden Mann und jede Frau, die mit Leib und Seele der a.m Sinai konstituierten nationalen Thoragemeinschaft angehören wollen, auf, kein neues Gemeinschaftsideal an die Stelle des von Gott selber geschaffknen alten zu setzen, sich vielmehr loszusagen von einer Gemeinschaft, die auch die jüdische „Religion zur Privatsache" degradiert, loszusagen auch von einer Fraktion, die durch ihre organisatorische Stellung ihr eigenes Wortbekennlnls zur Thora als Volksibeal negiert, und die an diesem Widerspruch zu Grunde gehen muß. Wer nach dieser ermutcn feierlichen Vrrw arnung durch die berufenen Thoravertreter eines ganzen Landes innerhalb dieses Landes selbst sein eigenes subjektives Wähnen höher stellt als den m dieser Verwahrung niedergelegten Thorawillen der Gesamtheit, soll die gesetzlichen Konsequenzen zu tragen haben, das heißt die religiöse Vertrauenswürdigkeit (ftlvöKJ) einbüßen: die Entscheidungen zionistischer und misrachistischer Rabbinen insbesondere werden für ungültig, die fitöTitP derartiger Schochtim wird für erklärt. Man mag über die Schlüssigkeit des hier zu Grunde liegenden Gedanktnganges denken wie' man will — es wird gewiß min WJi von unzweifelhafter na*!' geben, die zu anderen Ergebnissen gelangen — eines steht für jeden Unbefangenen fest: man steht hier vor einem Akt j ü dis ch-n ati ovaler Lebensbetätigung von erschütternder Tragik. Es ist d!e alte, historische Gemeinschaft, die sich mit allen Mitteln ihres doch ganz am freien Willen hängenden nationalen Rechtes ansbäumt gegen die neuen Strömungen, die ihre Geschlossenheit zu vernichten, die Autorität des Gesetzes und seiner Träger zu untergraben und damit die echte, wahrhaftige jüdische Einheit — jene Einheit von „Gott, Israel und der Thora" — zu zerreißen drohen! sisches — ans und nn *«'). Diesen Betrachtungen mögen die modernen naturwissenschafilichen und medt-! zwischen Anschauungen gegenübergestellt werden. Die Entwickelungsgeschlchte lehrt, daß männliche und weibliche Geschlechtsorgane aus einer embryologisch einheitlichen Anlage, der Uikelmbrüse und dem Mütter'scheu Organ sich entwickeln („Zwitterstadium dcS Embryo^). Die Differenzierung in männliche und weibliche Organe sinder erst nach einigen Wochen des Emtnyonallebens statt. Auch die äußeren Geschlechtsorgane sind von Haus aus einander gleich und erst im dritten Embryonalmonai lägt sich an ihnen das Geschlecht bestimmen. Die Anatomie weist im Bau der Organe des Mannes Reste d''s Genannten Urkörper und Rudimcnte der weiblichen Anlage nach (Uterus masculinus — Ovarium masculinum sFieischP und umgekehrt im Bau der wetbltchen Organe Neste der männlichen Keimanlage. Es mag hier auch an die AehnUchkeit der Bildung der Brustdrüse bei Mann und Frau erinnert werden, obwohl dieselbe nur für die Frau eine physiologische Bedeutung hat. Die, körperliche Bildung und das Gefühlsleben der männlichen und weiblichen Kinder zeigt weitgehende Gleichartigkeit auf, erst mit der Pubertät tritt körperlichen, psychische Differenzierung mit Deutlichkeit hervor. So nimmt dre moderne Naturwissenschaft mit guten Gründen an, daß auch die psychische Geschlechtsanlage von Haus aus doppeltgeschlechtlich sei und sich erst allmählich differenziere. Auf diese Voraussetzung baut sich ja der Gedanke der Heilbarkeit und die Methode der Heilung der abnormen Sexüalempfindung auf. Man kann also die Worte des Schöpfungsberichts von dem „Ausbau" der „Seite." des rnn körperlich oder seelisch ethisch-ästhetisch äuffassen, oder beides darunter begreifen,- der Naturwissenschaftler kann in. allen Deutungen seine Befriedigung finden. Ja sogar Daß grade in der Tschecho-Slowakei (das heißt.^dem Rechtsuachfolger des größten Teiles dcs alten jüdischen Ungarn) dieser'schrille Protl ft gegen die antinationale zionistisch-rnisrachistische Revolution ertönt, ist kein Zufall. Ein drppeltes ist dabei zu bedenken. Einmal giebt es kein Land der Welt, in dem der Gedanke der gemeinschaftbildenden Kraft der'Thora, sozusagen der öffentlich-rechtliche Charakter der Sinai-Offenbarung so sehr zur Bewußtheit gediehen urd organisatorische Gestalt gewonnen hat, wie dies im Lande des Chatham Softr von je der Fall war. Dort mußte und muß daher die innerliche odcr gar äußere Loslösurg einzelner gesetzertreuer Individuen von der orthodoxen Gemeinschaft und ihr Ueber tritt in eine fremde Verbundenheit, in die zionistische Organisation, geradezu als religiöser Landesverrat empfunden werden. In anderen Ländern, in denen man — bis zur Entstehung der Ac,uda — kaum die bewußt o.thodoxe Etnzelgeweindp, geschweige denn eine straff organisierte thoratreue Landesgemeinschaft kennt, wo vielmehr mehr oderminder zahlreiche gesetzesneue Einzelmenschen neben einander leben, ist auch der schmerzliche Riß bei solchem „Uebertritt" zum Zionismus subjektiv und objektiv milder zu beurteilen als grade im ehemaligen Ungarn. Dann aber hat man lm Arrslonde'kaum eine Vorstellung davon, wie zersetzend speziell der slowakische „Misrachi" gewirkt, wie er in »in ouf Thora Autorität und Ehrfurcht vor der Person der Thoraträger beruhendes Gemeindeleben das G st der Auflehnung hineinträuselt und mählich aber sicher in den Herzen der Jugend statt der unsterblichen Idealbilder der Ksaw Sofer, Maharani Schik, des Hunsdorfer Gaon und ihrer Mitarbeiter die modernen Marmorbüsteu der Sokolow und Wcizmann aufrichtet. Hier mußte eine kräftige Notwehr einsetzeu. Ob es unumstößlich richtig ist oder nicht, daß jeder Misrachist in der Tschechoslowakei halachisch so zu beurteilen sei, als halte er selbst die Religion für eine Privatsache — wir möchten uns darüber kein Urteil erlauben. Wie dem aber auch sei, die Fanfare von Bratislava, wie unsanft' sie auch manchen aus seinem ehrlichen Traume von gemeinsamem jüdischen Wirken für Erez Israel wecken mag, verdient innig-s Verständnis und ehrfurchtsvollste Würdigung und wird sie vor dem Forum der jüdischen Geschichte noch finden, wenn über die journalistischen Leistungen der kleinen Geister von Berlin und Prag, die den Gegner nur zu verleumden und zu beschimpfen wissen, längst daß Grab der Vergessenheit sich geschlossen haben wird. der Darwtnianer und HaeckUanLr wird unsere Uebe«- setzung und Deutung des Bibelworles mit Interesse lesen. Folgen wir für einer« Augenblick dem Gedankengaug dieftr Entwickelungsthcoretiker: Haeckel hat den Satz ausgestellt: „Die Onloycrüe ist eine Wiederholung her Phylogenie" (die EntwickelungsgesLichte des Eis ist eine Wiederholung der Abstammur>c>sgeschichr?) d. h. die Embryonalentwickelung eines Wesens von der Eizelle bis zum reifen Individuum wiederholt in ihrem Ablauf in abgekürzter Form die ganze Stammescntwtckelung von der Ur zelle durch alle ErnwickelungS- Phasen hindurch bis zu dem betreffenden Wesen. Wie wir oben gesehen haben, würde aiso hiernach die Emdryonalgejchichte des Menschen zeigen, daß die ursprüngliche Stxualarrlage des „Urmenscheuwesens" doppeltgeschlechtlich war. Wie sagt doch 22 22 (2? .-12 *62“? N2 *jßm n2-“Brr Die Me-ererrichtulla Alt-Ierusalems. Ucber die von der Londoner Pro-Jerusalem-Ge« sellschaft betriebene Rekonstruktion der heiligen Stadt so wie sie in den Togen König Salomos war, veröffeutlicht Major Edward Keith-Roach, erster Assistent des Zivilsekretariates der Regierung von Palästina, in der amerikanischen Presse erstaunlich? Nachrichten. Die Wasserreservoire, die König Salomo einst baute, zwei Meilen südlich von Bethlehem, und die auf laugen Biadukieu der Wafferversorgung Jerusalems dienien, sind wieder hergestellt worden, und nun rinnen die Quellwässer der Berge wieder in derselben Weise wie vor säst 300Q Jahren, so wie sie der Reform der Speisegesetze''. Große Dinge gehen in der Welt, und nicht zuletzt in der jüdischen Welt, vor, aber in den Kr eisen derer, hie nichts gelernt und nichts vergcssen haben, macht man sich immer noch schwere Sorgen über den jüdischen Liberalismus, der als Partei nicht leben und nicht sterben köni.e und zerbricht sich den Kopf, wie Ne Reform zu reformieren sei, damit sie vom Heer der Gleichgültigen als Norm ernstlich beachtet werde. Was die Väter und Großväter der Reform im letzter- Jahr-, hundert versäumt hätten, das sei die „Reform der Speisegesetze" und cs ist gut, daß der jüdische Liberalismus heute noch solche unrernehmungsföhige Köpfe wie Rabbiner Dr. Dienemann iw Ofienbach hat, der in der Jüdisch-Liberalen Zeitung ocn Versuch unterniwnit, das Versäumte nachzuboleu. Er Hot hrrousgesunden, daß die jüdischen Spüsegesetze im Mystischen und Irrationalen wurzeln. — Immerhin ein Fortschritt gegen seine Vorgänger, die die Speisegesetze lediglich mit heule längst außer Kraft getretenen Vernunsterwägungen erklären. — Er möchte, was seine Vorgänger zum Schaden ker Reform übersehen hätten, die Speisegesetze durcharbeirenalso neue Richtlinien, vielleicht nach Muster der älteren Scligmannschen. Man wird, wie stirerznt dem Sabbat, auch drn Spersege^ehen den Platz im Kultus und im rituellen Leben, in Anrechnung ihrer Verdienste um Erhaltung von Judentum und Judercheit, nicht ganz versagen können, sie u erden aber wie der Sabbat, „soweit es möglich und gegeben ist," soweit es die wissenschaftlichen Forschungen und wirtschaftlichen Rücksichtkn gestatten, ein „Gnadenbrot" genießen. Myn wird sie, mit anderen Morien, reformieren, auf ihre Ursprünglichkeit und heutige Zweckmäßigkeit prüfen. E-ne Kontrollkommission iür die Speisegesetze! Wie man heute schon nach bestimmten Vorschriften Sabbat entweihen und Konzerlgottcsdiknste abhalten kann, so wird man fortan nach bestimmten Richtlinien „trephe essen" können! Wie gut, daß die Jacobschn, Geiger und Holdheim Herrn Dienemann 1 och ein solches Tätigkeitsfeld gelassen haben! Aber es wird mit diesen neuen Spelsegesetzrichtlinien nicht anders und besser gehen, als wie mit den früheren. Sie werden den Liberalen — zu fromm, zu reaktionär sein. Man hat Ne Orthodoxie so lange die Magenreligion genannt, daß man sich unmöglich nun von Offenbach aus eine „Magenresorm" gefallen lassen kann! Schon der erste Versuch D-enemanus ruft in der Jüdischen Ltbercken Zeitung Bernhard Breslauer auf den Plan, der es als „einen Stich ins Herz" empfindet, daß man solchermaßen Kritik au den Vätern der Reform weise König Salomo aus der Höhe seines Ruhmes einst faßte, in die heilige Stadt. Die allen Reservoire die noch im Mittelalter erhalten gewesen waren, drei große, von Steinmauern umfaßte terrassenförmig hinrercinander abfallende Bassins, waren nach und nach mit Sleingerü sit und Schlamm üttsgMÜt worden, total verunreinigt und die Biadnkte zerfrört. Es war das erste Unternlhmen der Gesellschaft, die Reservoirs zu reinigen, die Mauer wieder herzustellen, die LettnugSrohre wieder elnzusetzen und min fließr wiederum das alte Bergwasser wie einst nach Jerusalem. Auch die Wälle und Befestigungen der alten Stadt, die heute in Ruinen liegen, beginnen sich rvieder zu erheben und mein rekonstruiert die ulten historischen Tore Jerusalems. Es kommt dabei zusiatten, daß die ai-en Grundmauern zum großen Teil noch vorhandcn sind und gen ue Berichte und mitielalleUiche Pläne über das einsiiae Stadtbild melden, wie das Weck des Josephus,F'avruS. Als Titus Jerusalem bezrvang, ließ er einen einzigen großen Turn« der Befestigung^werke stehen, der Zeugnis geben sollte von den Schwierigkeiten, die er in der Bezwingung der Stadt zu überwinden haue. Dieser Turm, „Hippieus«, ist jetzt der erste, an besten Wiederherstellung gegangen wird. Noch sind die Steinbrüchs vorhanden, aus denen König Salomo seinen Tempelbau bestritten und hier sprengen und schaffen jetzt Arbeiter deL 20. Jahrhunderts für das Stewwrrk zur Wiederherstellung der alten Stadt. Auf dear Felsenblocke des einstigen Jerusalem ragten.vier Türme, mächtige Bauwerke, die jetzt wiederum erstehen. Bon den» „Turme Davids" ist nur wenig mehr vorhanden, von dem Turm „Mariamne" sind noch nicht einmal die Grundmauern entdeckt, die offenbar unter der Pflasterung ded jetzigen Marktplatzes