Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1922)
- Date
- 1922-10-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450189-2450227--70088-2527301- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4. Nr. 48 Der FSraelit. (1886, 4. Aufl. 1005), Sind die Juden Verbrecher von ReligionS wegen 7 (1000), JesuS, die Häretiker und die Christen im Zatmub (1910), Jüdisches Wörterbuch (1816), Jüdische Geheimgesetze? (1821).? Waisenkinder. Die Frage der Versorgung der jüdischen Kricgswaisen in Osteuropa ist eines der schwierigsten und verwickeltsten im Komplex der heutigen jüdischen Probleme. Ist schon die Lage der Flüchtlinge aus Rußland traurig genug, so bieten uns diese schutzlosen Kinder, die ganz Väter- oder ganz elternlos in den polnischen und litauischen Großstädten dem Hunger und dem Bettel ausgeliefert sind, die Tragödie aller Tragödien,. Wie umfangreich dies jüdische Kinderelend ist) zeigen die folgenden Zahlen und Daten. In Ostgalizien allein erreicht die Zahl der jüdischen Waisenkinder 30000, im Kreis Rowno tn Wolynien wurden schon voriges Jahr 12000 jüdische Waisenkinder gezählt^ die sich aber inzwischen durch den Flüchtltngsstrom um das doppelte vermehrt haben. Rechnet man die Waisenkinder aus den anderen Teilen Polens, Litauens, der Tschechoslowakei, in Rumänien, Ungarn und den westeuropäischen Ländern, nicht zu vergeffen die in Rußland srlbst hinzu, dann ist die Zahl der jüdischen Walser Ander mit hunderttausend nicht zu hoch gegriffen. Die Hilfe, die diesen unglücklichen Kindern bis jetzt gereicht wurde, bewegt sich nach zwei Richtungen: Versorgung in europäischen Städten und Ueberführung nach überseeischen Ländern. Für die erstere Versorgungsart tritt vornehmlich das amerikanische Hilfskomitee ein. Bon ihm aus werden die Kinder in Privathäusern untergebracht, mit Vorliebe in solchen von Verwandten. Man hat mit den Pensionen leider nicht viel Glück gehabt, was dazu führte, daß man in verschiedenen Städten auch Waisenhäuser einrichtete. Doch sind diese noch sehr klein nnd zu primitiv, um der Not nennenswert zu steuern. So konnten beispielsweise tn Rowno tn den fünf Waisenanstalren kaum 200 Kinder untergebracht werden, während die Zahl der Waisenkinder, wie vorhin gesagt, dort 12000 betragt. Rationell war diese Hilfe bis jetzt auf keinen Fall, denn in einem bestimmten Alter sind die Kinder der Obsorge enrraten und auf sich angewiesen, ohne tm entferntesten die Fähigkeiten und die Mittel zur Extstenzbrgründung erworben zu haben. Es nützt auch nichts, daß Viele ein Handwerk erlernt haben, da gerade in Wolynien auch die altbewährten Handwerker arbeitslos sind und mit ihren Familien am Hungertuche nagen. In den europäischen Städten kommt noch die geistige und religiöse Not dazu. In einem jüdischen Waisenhaus in Wien traf Israel Belkinö, wie er im „Daor Hajaum" berichtet, Kinder im Alter von 12 und 13 Jahren, die noch überhaupt keinen hebräischen Unterricht bekommen hatten, Dreizehnjährige, die noch keine Tefillin gesehen und das Gebetbuch verkehrt in die Hand nahmen. Es ist geradezu ungeheuerlich, auf jüdische Kosten mittels der jüdischen Wohltätigkeit unschuldige Kinder solchermaßen der jüdischen Religion und dem jüdischen Leben direkt zu entfremden. Und man kann hieran die Größen des Liebeswerkes ermeffen, das die „Agudas Jisroel" mit ihren Waisenhäusern in Baden bei Wien vollbringt. Nicht weniger mangelhaft ist die zweite Erziehungsart in den überseeischen Ländern. So hat man beispielsweise nach Kanada 1200 Waisenkinder Überführen wollen. Den ersten Versuch machte man mit 200 Kindern, die die schönsten und besten fein mußten, da sie sonst die kanadischen Privatfamilikn nicht aufnahmen. Eine etgenS delegierte Kommission hielt in Wolynien große Auslese. Das Bild bet der Aussuche in Kanada selbst war das eines Sklavenmarktes. Die Ladys kamen, holten sich die schönsten und kräftigsten heraus, die anderen blieben schutzlos da. Die Auslese der Kommission genügte aber noch nicht, eine zweite mußte an Ort und Stelle folgen. Nach Argentinien wurden die Kinder einfach per Post abgeschlckt, ebenso nach Südafrika, d. h. sie wurden nicht abgeholt, sondern per Gelegenheit hinübergeschickt, ohne daß man irgend welche Gewähr für ihre zweckmäßige Versorgung hat. Es handelt sich tm ganzen um 300 Kinder, von denen 100 nach Argentinien, 200 nach Südafrika geschickt wurden, über deren Schicksal man noch nichts Bestimmtes weiß. Das schlimmste ist, daß bei diesem System Geschwister auseinandergertffen und damit die Kinder zum zweitenmal verwaist werden. Die Kanadier beispielsweise wollten nur Zehnjährige haben, deren Geschwister, die älter oder jünger waren, blieben hier oder gingen nrch Afrika und bleiben vielleicht für alle Zeiim getrennt. Was die religiöse Erziehung in Amerika, Kanada und in Afrika betrifft, so steht es damit gewiß nicht beffer als in Wien. Es muß befürchtet werden, daß Hunderte von Kindern auf diese Weise dem Judentum verloren gehen, von Kindern, deren Väter fürs Judentum gestorben sind. Hätten die Eltern den Weg gewählt, auf den man jetzt ihre unmündigen Kinder zwingt, sie wären noch am Leben und die Kleinen wären keine Waisen. Nun gibt es noch einen dritten Weg der Ktnderhtlfe: die Ueberführung der Waisen nach iS. Oktober tm I Palästina, dem Belkind auf Grund derUssischkin'schen Vorschläge in Karlsbad sehr das Wort redet. Daß wir im Prinzipe uns für eine Erziehung und Versorgung der Krtegswaisen tn Palästina aufs wärmste etnsetzen möchten, bedarf wohl keiner Erwähnung. Nur sehen wir weder die Möglichkeit einer rationellen Waisenversorgung in Palästina zur Zeit gegeben, noch sind uns im Rahmen der Karlsbader Beschlüsse und der nationalen Verwaltung tn Palästina Garantien geboten für eine wahrhaft jüdische Erziehung in unserem Sinne. Gewiß werden sie dort nicht nach Wiener und kanadischem Muster der Assimilation u n m i t t e l b a r in die Arme geführt, wir geben sogar zu, daß sie dort gut hebräisch lernen werden, aber die Aussichten einer hebräischen und nationalen Assimilation sind nicht minder unerfreulich. Sollte in Palästina für die jüdischen Waisen deS Ostens etwas geschehen, dann müßte es unter Mitwirkung aller Faktoren sein, die absolute Gewähr für jüdisches Judentum bieten. Es gibt ja Ansätze genug dafür in Jerusalem, wir denken etwa an dasDisktn'scheWaisenhaus, wo doch dieses Problem in Kleinem in einer Weise gelöst ist, wie sie uns hier im Großen nur sehulichst erwünscht sein kann. Uebrigens gibt es noch einen vierten Weg, den Beikind nur streift, die Errichtung von gut und jüdisch geleiteten Waisenhäusern an ruhigen Stätten in den Ostländern selbst, wie dies von Seiten des Kriegswaifenfonds der Agudas Jisroel tn Kalisch und anderswo geschehen ist. Die bisherigen Unternehmungen der Aguda können nur als erste Versuche betrachtet werden. Sie Md bisher in den Anfängen stecken geblieben infolge der großen deutschen Valuta-Not und der Zersplitterung der amerikanischen Spenden. Hier ist ein Weg zur Hilfe, der in Amerika nicht übersehen werden sollte. Denn eS darf in der Tat nicht sein, daß die Kinder erstens ihrem Milieu entrissen, zweitens dem Judentum entfremdet, drittens von ihren Angehörigen getrennt in der Welt als irrende Seelen herumstiegen. Hoffentlich kommt bald die Zeit, da der von der mitteleuropäischen Orthodoxie eingeschlagene Weg entsprechend ausgebaut werden kann. Lorrerponaenren ti. Nacdttcvleu. Deutsches Keirtz. Sfaafsbelftülfen kür telffunsMwscke SemelnSen. Lettin, IS. Oktober. Wie bereitfrüher gemeldet, ist die Einstellung voll Staatsmitteln zur Unterstützung l e t st u n g S - schwacher Synagogengemeinden in den preußischen Staatshaushalt für das Jahr 192S trt Aussicht genommen. Aus diesem Anlaß versendet der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Berlin ein Rundschreiben an die Presse, worin der Versuch gemacht wird, die dem preußischen Landesverbände jüdischer Gemeinden aus religiösen Bedenken nicht angehärenden Gemeinden zum Anschluß zu veranlassen. Um diese Ziele zu erreichen, weist der Vorstand darauf hin, daß alle diejenigen Gemeinden, die den Beitritt unterlassen, „sich selbst sowohl von der Hilfe der anderen Gemeinden wie von der BerückstchtiLunß bpi den dem.Verbände zu bewiTtgendenrStaats-beihilfen-ausschließMi" Diese Bemerkung ist durchaus i r r e f ü h r eüb, denn, sie könnkefy verstanden werden, als W WaDbWssett ' ltDltch dem unter Führung derMerliner iMdischen iGemeinde ' stehenden Landesverbändeausgezahlt würden. zu produzieren: das tzegelsche Absolute, das die Wirklichkeit aus sich entläßt, um sie, geläutert wieder in sich uuszunehmen, sei in der Jeschiboth-Institution verkörpert. — Die Revolution machte ihn zu einem armen Menschen. Anstatt einer stilvoll eingerichteten Wohnung bezog er jetzt eine Studentenkammer und sorgte selbst für. den eigenen Unterhalt. Mit wissenschaftlicher Exaktheit schilderte er die Lebenskräfte, die ein von ihm erhaschter Knochen eines Ochsen zu spenden vermöge, eine Woche lang ernährte er sich von den Suppen dieses einzigen Knochens. Die Revolution hatte in ihm eine besonders starke geistige Produktivität erweckt und Nächte hindurch arbeitete er an einem Werk über das „Recht des gemeinschaftlichen Eigentums." Als aus Kiew an ihn der Ruf erging, unter glänzenden Bedingungen das ukrainische Justizministerium zu organisieren, lehnte er glatt ab. Er glaubte zuversichtlich an die Wiedererstehung Rußlands, nnd wir stimmten mit ihm überein, daß ein Staat, der nicht versteht, mehrere Völker unter ein Dach zu bringen, noch gar nicht )erdiene, Staat genannt zu werden. Der homogene Staat neige zum egoistischen Nationalismus, in dem die Siaaisidee ersticke. Nur für das Judentum schien dieser Sonderling eine Ausnahme machen zu wollen. Erstens, weil die Mehrzahl der Juden, Gott .sei Dank, in.allen Ländern verbleiben und so stets dem Staate..seine Aufgabe, ein heterogener Staat zu aufbkühen tasten. SMs sah er das Judentum durch " die Brille einer lebendigen Geistespädagogik. — Iwan Fedowwitsch ging nicht nach der Ukraine. Er führ vielmehr fort, an dem wundertätigen Knoche« gu nagen und <ttt einem Recht für eine Eigentumsform', die kommen sollte, zu arbeiten. Gemeinsame Bekannte brachten mir später nach Kiew die traurige Kunde, daß der Oberstaatsanwalt Stawrowitsch Hungers gestorben sei. Während der Petersburger Revolutionsjahre waren Stawrowitsch und Dr. S.emel dir seelisch zartesten und geistig feinsten Menschen, denen ich das Glück hatte zu begegnen." Familiennachrichten. Bavmiztvohfeier. Jacques, Sohn des Herr^i Fritz Sichet, Westendstraßr 101, Synagoge Unterltndau. Verlobte« Tilla KaUnSky, mit Adolf Rofenzmeig, Frankfurt a. M., Allerheiligenfir. 43. Ssbvat-Hillaug und Ausgang«?QV. Ort: Anfang Datum Aus gang UhrMln. 1922 5683 Uhr> Min. Frankfurt a. M Berlin .... 4 4 55 55 21 Dkl. 39. Tischri 6 5 1« 43 München . . - - - - - Töl« ... 'Stuttgart a V- 6 06 Breslau? Jt ,A - , Nürnberg. . 4 *0? 5 54 — — — — A+//+C