Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1922)
- Date
- 1922-10-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450189-2450227--70087-2527300- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
18. ®fto6er 1829. Ä)er A-raetik. No. 4L. Seite». außer Stande setzte, unsere Arbeit wesentlich zu unterstützen, so waren sich die besser bestellten Länder besten bewußt, daß sie die Last zu tragen hatten. Unsere Organisation war ein lebendiger Organismus mit eigener Blutzirkulation. Von dem Tage an, als der Keren Hajeffod das finanzielle Instrument der zionistischen Organisation geworden war, und der Misrachi in allen Ländern sich mit Leib und Seele in den Dienst desselben gestellt hatte, hot unsere Arbeit ein ganz anderes Gesicht bekommen. In ihrer Hingebung an den KH haben die Mtsrachisten ihre Pflicht gegen ihre eigene Organisation ganz in den Hintergrund gestellt. Vergebens hat die Exekutive während der letzten 18 Monats Mahnrufenen an die Zweigorgantsattonen ergehen lassen. Der KH nahm all ihre Energien in Anspruch. Unser Eigenleben fing an allmählich, aber stetig zu versiegen. Freilich wird die Misrachi für seine finanziellen Verluste bis zu einem gewissen Grade vom KH — wohl kärglich und unzureichend — schadlos gehalten. Das Lebensblut und das Eigenbewußtsein eines Körpers kann jedoch durch nichts ersetzt werden. Diese stehen nämlich in Gefahr abzusterben, wenn das gegenwätige System noch lange anhält. In Karlsbad ist nun diesem System ein definitiver Siegel aufgedrückt worden. Wohl dürsten die Finanzen des Misrachi auf Grund seiner Vereinbarung mit dem KH heute wahrscheinlich etwas sicherer stehen, als es früher der Fall gewesen war, aber seine Eigen- Existenz als Körperschaft ist bedroht von der zionistischen Organisation ganz verschlungen zu werden. Diese Bedenken haben uns, meine Kollegen und mich, sehr häufig schon vor die NHwkndigkeit unserer Resignation gestellt. Das Gefühl unserer Verantwortlichkeit den Aemtern gegenüber, die wir bekleideten nnd namentlich unsere Hingebung für die Arbeit im heiligen Lande, haben jedoch stets die Oberhand gewonnen. Während der Karlsbader Tagung habe ich es jedoch für meinen Teil unvermeidlich gesunden, die letzten Konsequenzen zu ziehen und habe meine Demission eingereicht. Dem Drängen meiner Delegiertenkollegen folgend, hübe ich zugeftimmt, den letzten Schritt mir nochmal ernstlich zu überlegen. Die reiflichste Ueberlegüng hat aber leider meinen Entschluß nicht ändern ^können. Ebenso wie bisher, bin ich tief überzeugt, daß das grundlegende Prinzip des Misrachi wahr und gesund ist. In diesen ereignisschwangeren Tagen für unser Volk ist eine einheitliche Front für unsere politischen Unternehmungen von höchster Wichtigkeit.. Aber die Oberstaattanwalt und Zeschiwo. In einer der letzten Nummern von Martin Bubers Zeitschrift „Der Jude" setzt David Kvigen seine außergewöhnlich interessanten Berichte über die Entwicklung der Dinge in Sowjetrußland fort. Tie Aussätze ziehen den Schleier von zeitgeschichtlichen Ereignissen, die für das Schicksal des Judentums im Osten von tiefster Bedeutung waren und sind, und sie suchen die Dinge dabei — ob auch mit starker Subjektivität — geistig zu durchdringen. Ein eigenartiges Charakterbild aus dem allrussischen Beamtentum mit seinen manchmal engen Beziehungen zur jüdischen Welt der russischen Tfcherta sei hier wiedergegeben: „Als der strenge Winter des Jahres 1919 zur Neige ging, begann alles, was früher zur Gesellschaft zählte und in Wirtschaft oder Staat Geltung besaß, Petersburg und Moskau heimlich zu verlassen. Kiew und Rostow am Don wurden zu den Sammelorten der neuen Emigration. Noch in den Wintermonaten konnte man mit einem Gefühl der Beschämung in den Straßen Petersburgs hohen Offizieren des alten .Heeres begegnen, wie sie Zeitungen und Zeitschriften Eilboten. * In Frühling herrschte bereits eine Friedhofsruhe. Die Vorräte waren verbraucht, die Fabriken standen still, die Geschäfte geschlossen. Selten passierte, eilenden Schrittes, ein Mensch die Straße. Allerlei Kräuter und Gras nahmen Besitz von den Straßen, die Stadt war dem Sterben nahe. Auch Prinzipien der jüdischen Tradition, für die der Misrachi eintritt, sind zu mindest ebenso wichtig. Wenn die Individualität des Misrachi und folglich auch feine Prinzipien gefährdet sind — und ich glaube, sie sind es im gegenwärtigen Momont — so habe ich es als meine Pflicht erachtet, meine Handlungsfreiheit wiederzugewtnnen. Der jüdische Weltkongreß, der nun in absehbarer Zeit etnberusen werden soll, wird schließlich doch die einheitliche Plattform schaffen, auf der sich das ganze Judentum am Wiederaufbau Zions wird beteiligen können. Es wird voraussichilich auch dem traditionellen Judentum seine Kraft und Unabhängigkeit wiedergeben, fifs seine Ideale frei und ungehindert innerhalb eines ungeteilten jüdischen Volkes wirken zu können. Dieser großen Sache in bescheidener Weise zu dienen, wird für immer der Hauptzweck meines Lebens bleiben. Nur diejenigen, die einmal die Glückseligkeit der Arbeit unter dem Himmel Erez Jisrocls genossen haben, werden den Seelen-chmerz desjenigen mitfühien können, der eine so heilige Ausgabe wie die meinte aufzugeben sich genötigt findet. Es tut weh. Viel schmerzvoller wäre es aber, gegen die eigene Ueberzeugung arbeiten zu müssen." Der Rücktritt Dr. Schönfelds und seine Begründung bedeutet eine feierliche Bankrotterklärung der misrachtsttschen Politik, die zu der Alternative geführt hat, sich entweder — wie Dr. Schönfeld sagt — vom Zionismus „verschlingen" zu lasten oder mit öem Misrachismus zu brechen. Daß es so kommen müsse, haben wir immer gesagt. Hermann £. Strack. Der bekannte Hebraist und Bibelforscher Geh. Konsistortalrat, ord. Honorarprofessor der Theologie an der Berliner Universität, D. Dr. Hermann Lebr. Strack, ist im Alter von 75 Jahren gestorben. Prof. Strack genoß auch in jüdischen Kreisen höchste Achtung, die er sich durch seine wissenschaftliche Objektivität, durch seine Wahrheitsliebe und sein absolutes Gerechtigkeitsgefühl in allen Fragen des Judentums erworben hat. Es gab im letzten halben Jahrhundert kaum einen jüdischen wissenschaftlichen Abwehrkampf, der nicht Hermann L. Strack zum Helfer, ja zum Führer gehabt hätte. Keiner wie er war so imstande, mit dem schweren Geschütz der einschlägigen Wiffenschast Verleumdung und Verdrehung entgegenzutreten und der Wahrheit zum Siege zu verhelfen. Der sogenannte wiffenjchaftliche Antisemitismus hatte allen Grund, diesen wirklichen und unter Nichtjuden vielleicht einzigen Kenner die Massen zog es aufs Land, in die Dörfer hin, soweit sie nicht vorher hereits zu der roten Armee eingezogen worden waren.. Und selbst die Newa, seit Peters Tod die Sehnsucht so vieler Geschlechter, ein wahres Mirakel, das mit an meinem eigenen Leid an meiner eigenen „historischen" Sehnsucht schuld ist, schien ihrer Geschichte müde geworden zu sein, sie hüllte sich in verborgene Schönheit, wie in der Absicht, am ewige Zeiten einzuschlnmmern. Es war die höchste Zeit auch für mich gekommen, diese im Tode verklärte Stadt zu verlassen. Nach der Ukraine, nach dem Süden ging der Weg. Nicht alle konnten, waren willens, diesen Weg ins Unbekannte anzutreten. Sic gewöhnten sich an die Stille des Friedhofs nnd waren stets unheinrlich erschrocken, wenn jemand den kühnen Flug unternahm. Neid und Mitleid mischten sich in ihrem erloschenen Blick, und keiner sprach mehr ein Wort der Aufmunterung oder Warnung. Man dachte durch und durch abergläubisch-fatalistisch, man wähnte sich von Gott und Welt verlassen, man fühlte sich als gewesene Menschen, um die sich nur von Zeit zu Zeit Teufel in Menschengestalten zu kümmern vermögen. Man kämpfte weiter den harten primitiven Kampf ums Dasein, und wer nicht ins Lager der Sieger überging oder der sozialen Mmikry sich zu bedienen verstand oder gar keine poetische Quelle im neuen Dasein zu entdecken vermochte, ging Unter. Nur eines Edlem eines Gliedes, unseres engen Kreises, der dort den Hungertod gefunden hat, möchte ich hier Erwähnung tun. weil sein Leben, sein Gesinnungswechsel nnd sein Tod so bezeichnend für jene Zeit sind. Iwan Feodvrowitsch Stawrowitsch war ein Mann Ende der Vierziger, unv bereits unter dem alten Regime bekleidete er den Posten eines Oberstaatsanwalts des vierten Departements des Senats, stand des Talmuds und des jüdischen Schrifttums-zu fürchten. Wie er mit seiner Schrift „Das Blut im Glauben und Aberglauben der Menschheit" dem blöden Blutmärchen zu Leibe gerückt ist, wird ihm bet allen, die dle Wahrheit lieben und suchen, unvergessen bleiben. Einem von Haß und Vorurteil so freien, von persönlicher Ueberzeugung stets geleiteten Manne wie Strack, kann es nicht verübelt werden, wenn er, getreu seiner theologischen Eignung und Neigung, sich gelegentlich in der Judenmission betätigt. Von der sonst in diesen Kreisen üblichen Aufdringlichkeit konnte aber bet einer so vornehmen und taktvoll ausgeglichenen Natur uicht die Rede sein. Und schließlich sah er doch seine vornehmste Aufgabe weniger darin, das Christentum unter den Juden zu verbreiten als vielmehr, das Judentum und den sittlichen Gehalt seiner heiligen Lehren dem Verständnis der Christen näher zu bringen. Und hier konnte er auch den reichsten Erfolg seiner rastlosen Tätigkeit erleben. Hermann L. Strack entstammte einer berühmten Pädagogenfamtlie in Berlin. Seine ersten jüdischen Forschungen weisen auf Petersburg zurück, wo er als junger Mann nach vollendeten Studien in der großen Bibliothek wirkte und von wo aus er mit der Ausgabe einer hebräischen Handschrift der prophetischen Bücher des Alten Testaments die Aufmerksamkeit der akademischen Kreise auf sich lenkte. In Berlin wirkte er seit 1877 und seit dieser Zeit fast ununterbrochen auch als Forscher und Beschützer der jüdischen Lehre. Seine Gramwatikbücher für Hebräisch und Aramäisch, seine Einleitung in das Alte Testament und sein Bibelkommentar erlebten wie alle anderen Schriften aus seiner Feder zahlreiche Auflagen und genießen in den theologischen Fakultäten als Lehrstoff große Autorität. - Einer der wahren, echten ffWl tiirrlrr 'Ton ist mit Hermann L. Strack von uns gegangen und sein Namen wird mit der Geschichte des Kampfes um Ehre und Lehre des Judentums eng verknüpft bleiben. * * ’ * Aus der überreichen literarischen Produktion Stracks nennen wir folgende Werke: Prolegomena critica in vetus testamentum hebraicum (1873), Prophetarum posteriorum Codex Babylonicus Petropolitanus (1976), Heb, ätsche Grammatik (1886, 13. nnd 13. Aufl. 1917), Vollständiges Wörterbuch zu XenophonS Kyropädie (2. Aufl. 1892), Vollständiges Wörterbuch zu XenophonS AnabastS (10. Aufl. 1809), Lehrbuch der iieuhrbrätschen Sprache und LNerotur (3 Tie., mit C. Siegfried, 1884), Einleitung in das Alte Testament (1882, 6. Aufl 1906), Einleitung in den Talmud (188?, 5. Aufl. 1921), Das Blut im Glauben und Aberglauben der Menschheit (1891, 8. Aufl. 1900), Biblisches Lesebuch (mit Voelker 1893, 16. Aufl. 1914), Die Genesis (1896, 3. Aufl. 1905), Viammattk des btbl. Aramäisch also im Range nur dem Justizminister nach. Stets nach unseren mehrstündigen Unterredungen über philosophische, reliöse und soziale Probleme mußte ich mir die Frage vorlegen: Ist der Mann wirklich einer der besten Meister juristischer Formalistik, wie sie eben in den Senat gehörend Aber die Leute, die es wissen müssen, bestätigten es. Psychologische Erleuchtungen und metaphysische Blitze durchzuckten sonst seine Rede. Es war nichts, weder im Austreten, noch im Sprechen, was an den Juristen erinnerte. Eher katholische Einschmeichlung und seelenvolles Versenken in das Wesen des Andern zeichneten ihn aus. Er liebte nicht die Politik und doch entwarf er wundervolle Bilder von der „Kunst des Herrschens". Er war me im Auslande und zeichnete doch psychologisch treu Deutsche, Engländer, Italiener, Franzosen. Und er kannte auch ihre Philosophie und ihre Literatur. Zu seinen Lieblingsthemen gehörten die Bibelkritik und der orthodoxe alkteftamentarische Jude, wie er ihn in seiner engeren litauischen Heimat kennen gelernt hatte. Dabei sagte er auswendig in wohlllingendem Hebräisch ganze Seiten aus der Bibel her. Der Sohn eines Vvlksschnlwesens-Jnspektors des Wilnaer Tistrifts, wußte er genau Bescheid sowohl in den Sitten, wie selbst in den Gebete büchern der Israeliten. Er kannte genau die Geschichte der Jeschiboth und trug sich mit dem Gedanken, hinterlassene Aufzeichnungen seines Vaters über die bekannte Jeschiwa in Wolvschin zu einer, wie er sich ansdrückte. Pädagogik des geistigen Lehens zu verarbeiten. Niemand verstehe die Bedeutung der Jeschiboth, — pflegte er mir wiederholt entgegenzuhalten, — es sei ja die einzige Schule, wo gelehrt werde, ununterbrochen im Geiste zu leben, geistiges Leben