Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 40-41 (5.10.1922)
- Date
- 1922-10-05
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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^«a* 2. *tr 20 ,JÖ; & : i % t. 5 Oktober 1L23 Agudas MoelundZewish Agency. Der Gcschästssührcnde Ausschußder Agudas Jisroel schreibt: In englischen und palästinensischen Blättern werden seit einigen Wochen Meldungen über angebliche Beschlüsse und Maßnahmen der „Agudas Jisroel" (]uv Jewish Ageucy-Frage veröffentlicht, die sich in einem dieser Blätter zu der Behauptung verdichten, unsere Organisation habe bereits einen „hervorragenden Rabbiner" als ihren Vertreter für die Jewish 'Agency benannt. Um weiterer Legendmbildnug vorzubeugen, erklären wir folgendes: Ter Zentralrat der „Agudas Jisroel" hat an: 29. März 1921 in Wien die bekannte Eurschließimg gefaßt, in der gegen die öffentlichrechtliche 'Anerkennung der zionistischen Parier als Jewish 'Ageney aus Gründen der Gerechtigkeit protestiert und die Umbildung der im Mandateniwurfc vorgesehenen Agency gefordert wird. Nachdem dieser Forderung weder von Seiten der Mandatarmacht entsprochen, noch auch vom Rate des Völkerbundes die Initiative ergriffen worden ist, um die irr dem zionistischen Monopol liegende Rechtsverletzung gegenüber den: Kerne des jüdischen Volkes gutzumachcn, sieht sich die Exekutive der „Agudas Jisroel" tm Rahmen ihrer Vollntachken außerstande, über ihre Teilnahme an der vorläufig zur Tatsache gewordenen zionistischen Agency auch nur zu verhandeln. Der aus Ende Cheschwan emberufenc Zentralrat der „Agudas Jisroel" wird darüber zu befinden haben, auf welchem Wege die unveräußerlichen Rechte der auf dem Boden der Thora stehenden jüdischen Volksmassen auf Erez Jisroel am bestell gewahrt werden können. Aufgaben der Orthodoxie in Grez Zisroel. Unser Jerusalemer Organ „Kol Jisroel" besaßt sich in seinem jüngsten Leitartikel eingchcnd mit den geistigen und wirtschaftlichen Aufgaben, welche von Seiten der selbständigen Orthodoxie in Erez Jisroel ihrer Lösung harren, und schreibt u. a. folgendes: Die Aguda hat zwei Ziele in Erez Jisroel, das eine die Förderung der Schulen und sonstiger Thoralehranstalteu, das andere die Besiedlung des Landes, mit produktiven Eleinenten. Jnbezug ans das erftere ist die Tatsache zu konstatieren, daß durch die systematische kulturelle Tätigkeit der Zionisten mrs der einen Seite und durch die Geldentwertung Mitteleuropas andererseits der jüdische Ehinnuch von Tag zu Tag gefährdeter wird. Die Schließung der orthodoxen Schn teil der Sefardim, ferner derjenigen der Temonim, der Umstand, daß die Lehrer der größten Jeschiwa Ez Ehajim bereits seit drei Monaten kein Gehalt mehr empfangen haben, sind Sturmzeichen, tvetche alle diejenigen aus ihrer Lethargie reisten müßten, die nicht daran deuten, daß ohne Schulen die zukünftige Generation in Erez Jisroel für das Judentum verloren geht. Es sei daher dringend notwendig, daß. die Gesamtaguda tu der Diaspora sich des Wortes nuferer Weifet! erinnere, welches den Weltenbestand von der Existenz jüdischer Schutkiuder abhängig macht. Es müsse die Rausch Ehaudesch-Svende zu einen: Keren Hatora eneeitert rverden, an dem jeder Agudist mitzuarbeiten und mitznspenden als erste nationale Pflicht empfinde. Ebenso wichtig wäre aber auch die Gründung eines K e r e n Ä o a w o d a, eines Wirtschaftsfonds, welcher die Besiedlung und die Bewirtschaftung des Landes durch oNhodoxe Juden zu fördern habe. Den wesentlichsten Anteil an diesen beiden Fonds werden wohl die Länder mit starker Valuta leisten müssen, aber auch die valutaschwachen Länder sollten beispielgebend vorangchen, sowohl durch freudiges Spenden, als auch durch systematische Propaganda für ein im Geiste der Thora auszubauendes Palästina. Der „Kol Jisroel" endigt seinen Artikek mit einem warmen Aufruf, nicht zu zögern, sondern die Arbeit sofort zu beginnen, Erez Jisroel vor den der Thora feindlichen Elementen durch positive Taten zu retten. (Vergleiche den heutigen Ausruf der Palästinazeutrale.) Die Ehederfrage in polen. Warschau, 20. September. Im Zusammenhang mit der bevorstehenden Einführung der allgemeinen Schulpflicht in Polen, überreichte die Ägudäh eine Petition an die polnischen Urck errtchtSbehörd en, den Cheder als Elementarschule anzuerkennen, dessen Besucher unterdie Bestimmungen der Schulpflicht fallen sollen. Rach Erkundigung des I. C. B.- Verirererb bei der Regierung hat diese eine aus zwei Regierungsvertretern und zwei Aguda- Mitgliedern bestehende Kommission bestimmt, die ein einvernehmliches Programm für die Chedarim ausarbeiken soll, das den Erfordernissen der Bildungsbehorden zu entsprechen Härte. Die Regierung ist bereit, hiernach den Cheder offiziell anzuerkeuneu. Autonomie der Orthodoxie in Srez Zisroel. Die palästuwnsische Regierung hat die Konstituierung des Waad lcumi anerkannt, gleichzeitig aber auch den: einzelnen Gemeinden, darunter derjenigen des Waad hoir Aschkenasi, an deren Spitze Rabbiner Sonncnscld stehst Autonoinie zuerkannt. Tie orthodoxen Inden werden auf diese Weise von der Pflicht befreit, den; Waad lcumi Steuern zu zählen und bannt dessen antireligiöse Tätigkeit zu unterstützen. Gin Agudaprvblem in Osteuropa. Lch rerausbil b n n st. Im Mittelpunkt aller jüdischen Schulprobleme steht die Frage der Lehrerausbildung. Bei dllem erfreulichem Aufschwung innerhalb der Orthodoxie in: Osten, ans dem Gebiete der Schaffung eines echt jüdischen Schulwesens kann leider nicht verschwiegen werden, das; das ernsteste Problem ans diesem Gebiete, die entsprechende Regelung des Lehrerlnldnngswesens, noch nicht gelungen ist. Tie pmtitöc dieses Versäumnisses liegen hauptsächlich in den Zeitverhältnissen. Tie letzten fünf Jahre haben die in Betracht kommenden Elemente völlig absorbiert. Infolge der allgemeinen wirtschaftlichen Zerrüttung, insbesondere aber des materiellen Niedcrbrnches der akademischen Berufe, wurde die in Betracht kommende Jugend anderen, mehr Erfolg versprechenden Berufen zugeführt. Wenn es so fortgeht, wird man in einigen Jahren kaum einen entsprechenden Rabbiner oder Lehrer ausfindig machen können. Roch trauriger ist es, daß diese Tatsache noch nicht genügend gewürdigt wird. Bei der ausgesprochenen Tendenz in allen Ländern, jüdische Schnlwerke zu schaffen, wird sich dieser Mangel an geeigneten Lehrkräften geradezu katastrophal gestalten. In Deutschland sind wohl ausgezeichnete Lehrerbildungsanstalten, jedoch scheint die politische Isolierung Deutschlands auf jüdische Kreise zu wirken und sonul kommen diese Anstalten weniger in Betracht. zumal die deutsche orthodoxe Jubenheit ivirtschaftlich geschwächt und ansonsten auch für anserdenische Zwecke stark in Anspruch genommen, kann: die Möglichkeit hat, für die ErrveiLerung und Umgestaltung dieser Anstalten aufzukonnnen. Doch glauben wir, liegt der Schlüssel der Lösung in Deutschland. Erfreulicherweise ist ein geistiger Umschwung innerhalb der deutschen Orthodoxie zu verzeichnen, unter Einwirkung der politischen Umgestaltung in Zentraleuropa. Wohltätig beeinflußt von der näheren Berührung mit frommen, thorabeslissenen ostjüdischen Kreisen, hat das Bildttngsideal der deutschen glaubenstreuen Justend eine Aenderuug erfahren, die ebenfalls in der Tendenz liegt, jüdisches Thorawissen unH Thoraleben als primäre Forderung! einer jüdischen Erziehung! gelten zu lassen. Die Schulgründun gen der letzten drei Jahre stellen bereits die praktische Verwirklichung dieses geänderten Ideals dar. Tiefer Tendenz werden sich auch die älteren jüdischen Schulwerke in Deutschland und die Lehrerbildungsanstalten selbst aus die Dauer nicht entziehen können. Der gute Wille hierzu ist unbestreitbar vorhanden. Die,eH« Bestrebung kann in Oesterreich wahrgenommen werden. Hier war das jüdische Schulwesen eine Angelegenheit, über die mau in guter Gesell schaff überhaupt nicht sprechen durste. Tie einzige jüdische Volksschule Wiens hat ein sehr bescheidenes kümmerliches Dasein geführt trotz der ausgezeichneten Lehrerfolge. Nun ist es auch hier anders geworden. Innerhalb der Orthodoxie hat eine mächtige Bewegung eingesetzt, dies: bescheidene Schule zu einem echt jüdischen Schulwerk auszugeftalten, das über das schulpflichtige Alter hinaus sowohl Thorawisseu wie Ertüchtigung für das praktische Leben bietet. Auch muß in diesem Zusammenhang erwähnt werden, daß auch durch die Augliederung des Burgew laudes altehrwürdige jüdische Gemeinden, die alle selbständige jüdische Volksschulen haben, an Oesterkeich gekommen sind. Diese Schulen dürfen nicht ausgelassen werden und somit muß vor allem für geeignetes Lehrermaterial gesorgt werden. Damit berühren Wir einen wunden Punkt, an dem die Orthodoxie aller Nachfolgestaaten des alten Ungarns leidet. Die mächtige Orthodoxie des alten Ungarns hat es versäumt, eine orthodoxe Lehrerbildungsanstalt zu errichten, obwohl schon in Hunderten zu ihr gehörew den Gemeinden selbständige jüdische Volksschulen vorhanden waren. Schon zu jenen Zeiten war die Versorgung der orthodoxen jüdischen Volks¬ und Bürgerschulen mit entsprechenden Lehrer« bloß dem Zufall zu verdauten, daß aus dem Budapester israelitischen Lehrerseminar neologer Richtung und aus den staatlichen Lehrerbildungsanstalten noch eine gewisse Anzahl von ortho doxen Lehrern hervorging. Charakteristisch für Lehrer und für den Geist der ungarisch-jüdischen Schulen war, daß sie mehr das 'Ungarische nie Jüdische betont haben, was äußerlich durch den Gebrauch der vorn Gesetz energisch geforderten ungarischen Unterrichtssprache zum Ausdruck kam Durch den Verfall Ungarns steht jetzt die orthodoxe Judenheit der Slowakei, Siebeubürgens uns Podkarpatska-Russia aus den: Gebiete' des jüdischen Schulwesens vor neuen Ausgaben, deren erste sicherlich die Schafffing von entsprechenden Lehrerbildungsanstalten ist. Diese Anfgabr ist schon deshalb so dringend, weil die Orthodoxie auf diesem Gebiete in hartem Kampfe mit Knl turbestreüungcn steht, welche den alten Glauben aus dem Herzen der Jugend reißen wollen, oder durch Schaffung von neuen Idealen das Alte, schädigen und zurückdrängen wallen. Diese: Kulturkampf hat in diesen Ländern noch nich! die scharfe Form angenommen, wie wir dies im eigentlichen Osteuropa finden. Daher kann du Orthodoxie dieser Länder viel aus der Erfahrung der ostjüdischen Orthodoxie lernen. Es is zu hoffen, daß diese Erfahrung nicht unbcnütz gesammelt rvorden ist. Trotz aller 'Unterschiede die gerade, auf dein Gebiete des Schulwesens nnt des Bildungsstrebens in der Orthodoxie der Ost und Zentraleuropäischen Länder vorhanden ist. muß die Gemeinsamkeit des alten echtjüdische: Bildungsideäls in den Schulen, Thora zu lerne: und ihre Lehren im Leben verwirklichen, rietet erfaßt und energischer betont werden, zumal di< Orthodoxie all dieser Länder von der gemeinsamen Gefahr bedroht ist.' Bon der gemeinsamen Gefahr einer sich jüdisch nennenden Kultur. die weder Thora lehrt, noch Thoraleb.w als jüdisches Ideal gelten lassen will. Dies« gemeinsame Gefahr ist äußerst akut, sie abzuweuden ist allein die Stärkung und Fördernnc eines echt jüdischen Bildungsideäls' imstande. ^Jüdische Presse, Wien.)